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Thema: Disziplin

  1. Inaktiver User

    AW: Disziplin

    Anstrengung heißt doch nicht freudlos! Und es braucht Leidenschaft, auch mit blutenden Füßen weiterzutanzen.

    Ich war und bin in vielen Bereichen Lernende und Lehrende, körperlich wie intellektuell, von Kindheit an. Der Anspruch, daß immer alles im Flow zu geschehen habe, ist wie der Anspruch auf 365 Tage Hochsommer und Glückseligkeit.

    Ja, selbstverständlich ist es gut, Bewegungen auszudifferenzieren, und dafür muß man verstehen, auf vielen Ebenen. Auch der Körper muß verstehen. Darüber hinaus aber müssen sich neue Spuren ins Hirn und in den Körper einschleifen, und das erfolgt durch Wiederholung. Spuren im Schnee, das ist so ein Bild aus der Neurobiologie und -wissenschaft.

    Jedes Kind, das Laufen lernt, tut sich dabei weh. Das Kind lacht doch nicht immer nur, wenn es hinfällt. Es schlägt sich auch mal gewaltig das Knie auf. Das gehört zum Prozeß des Lernens dazu, sei es Laufen, Fahrrad, Skateboard fahren oder oder...

    Und viele Kinder haben zudem eine sehr geringe Frustrationstoleranz. Sie fangen an zu weinen, haben Angst, zu versagen, keinen Bock mehr... auch das müssen sie erst lernen, anders damit umzugehen.

    Insofern ist das Bild des leicht und lachend locker lernenden Kinder ein romantisch verklärtes. Mit kindlicher Freude und Begeisterung und Neugier lernen: prima. Aber ohne aufgeschlagene Knie geht's eben nicht im Leben.

    Und noch ein anderer Aspekt: es gibt eine Theorie im Bereich der Körperlehre / Sport-/ Schmerztherapie, die besagt, daß der Körper seine Grenzen mit Schmerz schützt. Der Schmerz setzt ein, BEVOR etwas kaputt geht / ernsthaft in Gefahr ist. Der Körper schreit in der Dehnung "Stop!", bevor der eigentliche Bewegungsradius des Gelenks / der Strukturen ausgereizt ist. Man kann diesen Bewegungsradius aber erweitern. Übertragen heißt das: die Komfortzone ausweiten. Nicht, indem man mit blinder Gewalt über die Grenzen geht. Aber Stück für Stück, und das tut eben auch mal weh, im Wort- oder übertragenen Sinne.

    Und zum Abschluß ein Video: das ist Flow - der Weg dahin war auch Schmerz. Und mit dem Anspruch auf seeliges Lernen allein im Flow wird niemand im Leben dorthin kommen. Selbst mit der Bereitschaft, sich zu schinden, wird das kaum ein Mensch erreichen: Klick!

  2. Inaktiver User

    AW: Disziplin

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Anstrengung heißt doch nicht freudlos! Und es braucht Leidenschaft, auch mit blutenden Füßen weiterzutanzen.
    Leidenschaft muss aber nicht Leidenschaft für die Tätigkeit sein. Leidenschaft für das Ziel tut es auch.

  3. gesperrt

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    AW: Disziplin

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Bae hat diese Erfahrung gemacht, sie jedoch aus der Härte-Position heraus eingeordnet. Tatsächlich ist folgendes passiert: Durch die Differenzierung der Bewegung, die auf Wahrnehmung fußt, wurde die Bewegung schmerzfrei. Das wäre schneller erreichbar gewesen, wenn am Anfang die des Könnens angemessene Kleinheit und Feinheit der Bewegung berücksichtigt worden wäre, statt mit Kraft und Anstrengung über den Schmerzpunkt hinaus zu gehen.
    Die Bewegung wurde unter anderem darum schmerzfrei, weil sich im Lauf der Zeit einige Muskeln dehnten und elastischer wurden, die vorher verhärtet waren. Ich glaube nicht, dass es geht, diesen Übergang schmerzfrei zu gestalten. Da muss man einfach durch, wenn man das Ergebnis haben will.

    Muskelaufbau kriegt man auch nur, indem man ein gewisses Mass an Schmerz und Brennen akzeptiert.

    statt mit Kraft gegen zu steuern und die Zähne zusammen zu beissen, zurück auf Los geht, in die Bewegungsansätze, und dort differenziert.
    Bloss ist das nicht so leicht zu lernen. Viele können erst dann loslassen, wenn man erst mal durch das ganze übliche anstrengende Programm hindurchgeht, das man kennt, und dann noch weiter geht, dahin, wo man es nicht mehr kennt - weil es vorher gar nicht möglich ist, andere Lösungen zuzulassen.

    Auch hier: da muss man durch, wenn man das Ergebnis haben will.

    Die Neurobiologie hat inzwischen gezeigt, dass Lernen ohne Begeisterung und Freude nicht wirklich stattfindet. Auch hier gilt: wenn es sich leicht anfühlt, wenn es Spass macht, ist es effizient.
    ein spielerischer Ansatz ist auf alle Fälle hilfreich.

    gruss, barbara

  4. gesperrt

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    AW: Disziplin

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ein anderes Beispiel ist Mathe: habe ich in der Schule immer gehasst und war ich auch nie gut drin, doch irgendwann habe ich begriffen, dass ich für bestimmte Dinge (Dissertation, GMAT-Test, ...) das einfach brauche. Also habe ich mich hingesetzt und gepaukt - ganz freudlos (macht mir immer noch keinen Spaß), aber mit ausreichendem Erfolg. Ohne die entsprechende Disziplin wäre das nicht gegangen, und mit Spaß hat das nichts zu tun.
    Wie Leute es hinkriegen, die Schönheit von Mathe nicht zu sehen, wundert mich immer wieder... Mathe ist so toll! Besonders Geometrie.

    gruss, barbara

  5. gesperrt

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    AW: Disziplin

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Der Anspruch, daß immer alles im Flow zu geschehen habe, ist wie der Anspruch auf 365 Tage Hochsommer und Glückseligkeit.
    Es gibt glücklicherweise gewisse Tätigkeiten, die recht zuverlässig einen Flow erzeugen können. Was bin ich froh, dass es sie gibt!
    Jedes Kind, das Laufen lernt, tut sich dabei weh. Das Kind lacht doch nicht immer nur, wenn es hinfällt. Es schlägt sich auch mal gewaltig das Knie auf.
    Ich glaube, das Weinen, wenn es weh tut, lernen Kinder von den Eltern. Sie könnten genauso lernen, dass es nicht schlimm ist, wenn es mal weh tut.

    Ich hab auch schon Kinder beobachtet, die gefallen sind, und es mir schon aus Sympathie zu schmerzen begann - und die dann tatsächlich einfach gelacht haben, aufgestanden sind, und weitergemacht haben. Weil sie eben noch nicht beigebracht kriegten, dass Schmerz schlimm ist.

    es gibt natürlich schlimmen Schmerz, aber es gibt auch viele Arten von Schmerz, die gar nicht schlimm sind.


    Und viele Kinder haben zudem eine sehr geringe Frustrationstoleranz. Sie fangen an zu weinen, haben Angst, zu versagen, keinen Bock mehr... auch das müssen sie erst lernen, anders damit umzugehen.
    in der Regel nur dann, wenn sie zu etwas gezwungen werden, das sie nicht interessiert. Wenn sie sich für etwas interessieren, sind all die Konzentrations- und andern Probleme wie weggeblasen, und auch die hyperaktivsten Kinder zeigen auf einmal eine Engelsgeduld.

    Das sagt viel über unsere übliche Art zu lernen und zu lehren , aber wenig über das Wesen von Kindern.

    gruss, barbara

  6. Inaktiver User

    AW: Disziplin

    Zitat Zitat von Bae Beitrag anzeigen
    Wie Leute es hinkriegen, die Schönheit von Mathe nicht zu sehen, wundert mich immer wieder... Mathe ist so toll! Besonders Geometrie.
    Naja, die Geschmäcker sind verschieden. Es gibt auch Leute, die gerne Kuchen backen oder Briefmarken sammeln - die können wahrscheinlich auch nicht nachvollziehen, warum andere Leute das nicht toll finden.

    Ich musste damals im Wesentlichen Stochastik und Statistik lernen, und auf die Frage mit den Urnen und den Kugeln kriege ich heute noch Brechreiz. Schönheit konnte ich da nie erkennen, aber ich bin auch keine Synästhetikerin. Trotzdem war es halt notwendig, das Zeug zu können, um meine Ziele zu erreichen. Hat am Ende auch geklappt.

  7. Inaktiver User

    AW: Disziplin

    Ich habe beruflich auch mit Kindern zu tun - und ja, in vielerlei Hinsicht hat das, was sie in der Schule oder von ihren Eltern lernen, einen negativen Einfluß: Druck, Streß, Versagensängste...

    Und trotzdem stelle ich auch fest, daß sie je nach Veranlagung mit höherer oder niedrigerer Frustrationstoleranz ausgestattet sind, ängstlicher, mutiger... Persönlichkeit ist nicht nur anerzogen.

    Wobei Du natürlich recht hast, Bae: die (gelernte) Bewertung von Schmerz, Anstrengung, Scheitern, aber auch natürlich Erfolg - da spielen Umwelt und insbesondere Eltern auch eine große Rolle.

    Und sehr richtig, was Du über Muskulatur schriebst, da hatte ich gestern keine Zeit mehr für. Stichwort: Superkompensationsmodell. Ja, wird teilweise auch angezweifelt, aber so in den Grundzügen stimmt es schon. Kurz: es braucht einen grenzüberschreitenden Trainingsreiz, um die Grenzen allmählich auszuweiten und die Leistungsfähigkeit zu steigern.

    Dazu kommen noch ein paar andere Mechanismen. Der Körper ist schon eine ziemlich geniale Sache, was da allein an Biochemie abgeht (Stichwort: Adrenalin, Endorphine etc., die einen über bestimmte Punkte rübertragen). Was den Flow angeht: tatsächlich setzt der häufig dann ein, wenn man über einen bestimmten Punkt körperlicher Erschöpfung rüber ist. Unter Umständen auch, wenn der Körper zu müde ist, seine erlernten Bewegungsmuster abzuspielen - und plötzlich funktioniert Neues, funktioniert auch entspanntes Fließen-Lassen.

    Man muß nicht zwangsläufig mit Schmerz über eingelernte, hinderliche Bewegungsmechanismen rüber, aber ja, auch das stimmt natürlich: anfangs kann man manches muskulär/bewegungsmäßig gar nicht schmerzfrei umsetzen. Ebenso wie es am Anfang, wenn man eine Fremdsprache lernt, sehr zäh sein kann, umso zäher, je weniger Referenz-Systeme man im Kopf hat. Wenn man schon drei romanische Sprachen gelernt hat, weiß man a) wie Sprachen lernen allgemein funktioniert und hat b) genug Verknüpfungspunkte, an die die neue Sprache andocken kann.

  8. gesperrt

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    AW: Disziplin

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich musste damals im Wesentlichen Stochastik und Statistik lernen, und auf die Frage mit den Urnen und den Kugeln kriege ich heute noch Brechreiz. Schönheit konnte ich da nie erkennen,

    ok ok Statistik... kann ich verstehen. Solange man Bäume (diese statistischen Entscheidungsbäume...) zeichnen kann, geht's noch, aber da versteckt sich die Schönheit in der Tat.

    Um die Schönheit einer Sinuskurve zu sehen, oder sich darüber zu wundern, wie im Thaleskreis der Kreis und der rechte Winkel in Verbindung gebracht werden, warum unsere Welt so ist, wie sie ist, dazu braucht man aber keine Synästhesie. Das sind sehr offensichtlich wundervolle Dinge, die den Geist reinigen und beleben, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Aber auch das ist leichter, wenn man es mit einer gewissen Entspanntheit angehen kann, und nicht immer an die Punkte fürs Studium denken muss, die einem noch fehlen, und auf zur nächsten Sitzung Bulimielernen.

    gruss, barbara

  9. Moderation

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    AW: Disziplin

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Naja, bei so was wie Musikinstrument lernen mag das ja stimmen, aber andere Dinge muss man halt einfach „nur“ machen - konsequent und immer wieder.
    Es muss nicht immer der Weg das Ziel sein, es ist auch ok, wenn man sich „nur“ an dem Ziel orientiert.
    Wenn ich mir als Ziel gesetzt hätte, Chopin zu spielen, die Königin der Nacht zu singen, oder DSDS zu gewinnen, hätte ich das mit der Musik schon lange bleiben lassen.

    Und wenn ich mir als Ziel gesetzt hätte, 10 km zu laufen, hätte ich das mit dem Sport schon lange bleibenlassen (wie ich es zu Schultagen ja auch schon getan habe.) Man muß sich nicht die Sachen aussuchen, die am wenigesten Spaß machen, am meisten wehtun, und am wenigsten wahrscheinlich zu Erfolg führen. Selbst wer Disziplin als Selbstzweck betreibt, wird vermutlich irgendwas lohnendes darin finden...

    Zitat Zitat von Bae Beitrag anzeigen
    So ein bisschen Schmerz hin und wieder schadet überhaupt nicht.
    "Hornhaut auf der Fingerkuppe
    ist dem Gitarristen schnuppe.
    Wenn sie aber platzt und blutet
    hat er sich zuviel zugemutet."


    Beim Latschen habe ich jetzt wieder festgestellt, wenn es Spaß macht, ist es egal, daß es wehtut. Daß ich auf einer Druckblase laufe, und sich mir sich der Magen auf links krempelt, weil ich mich im Wald ohne Einkehr vertrödelt habe, und die Beinmuskeln meinen, "winsel", das macht einen sonnigen Herbstwald nicht häßlich, und den nächsten Hügel, die nächste Wegbiegung nicht weniger verlockend. Wenn mir in der Arbeit am Schreibtisch so viel wehtun würde, würde ich mich krank melden.

    Zitat Zitat von Bae Beitrag anzeigen
    ok ok Statistik... kann ich verstehen.
    Statistik ist mein liebstes. Nichts anderes ist so intuitiv und so anwendbar.
    Logik ist auch fein, raucht aber mehr Geduld.
    Differentiale sind Hexenwerk. Ich bin immer verblüfft, daß es funktioniert.

    ***

    Aber zuallererst braucht man ja vermutlich Selbstdisziplin, um jeden Tag zur Arbeit zu gehen, um den alltäglichen Steinbrocken des Haushalts und des Papierkrams immer wieder den gleichen Berg raufzurollen, um vom Sofa zu kommen, wenn die Katze und der innere Schweinehund einem auf dem Bauch sitzen, um sich das Grauen eines Elternabends oder einer Eigentümerversammlung anzutun.

    Und was da hilft ist nmE: "nicht denken -- machen!"
    Geändert von wildwusel (21.10.2017 um 10:13 Uhr) Grund: Satz aufgeräumt
    ** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
    ** ansonsten niemand besonderes **

  10. Inaktiver User

    AW: Disziplin

    Zum letzten Absatz ein Ausspruch, der mir mal sehr geholfen hat, als ich jammerte, nicht zum Training gehen zu wollen, weil ich dort immer die Schlechteste sei: "Wenn Du nicht hingehst, kannst Du nicht besser werden."

    Sehr banal, sehr basal - sehr wahr. Einfach machen ist eine wirklich gute Maxime!

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