Ihr habt mir in diesem Forum schon so oft geholfen, und nun habe ich wieder eine Frage.
Ich möchte gerne Erfahrungen austauschen mit Leuten, die einen Umzug ins Ausland/weit weg im selben Land erlebt haben und wie sie damit umgegangen sind.
Ich (29) ziehe nun zu meinem Freund, wir sind seit bald 2 Jahren zusammen. Ich liebe ihn sehr, ich kann mir durchaus vorstellen ihn zu heiraten, Kinder, etc. Ich wohne im Ausland, er in DE, und ich ziehe nun viele hundert Kilometer zu ihm. Ich habe ein interessantes Jobangebot bekommen, freue mich auch schon auf das neue Umfeld.
Aber: dennoch bin ich hier beim Packen, zwischen all den Kisten, Kartons und Möbelstücke traurig. Ich habe das Gefühl, jedem den Rücken zu kehren. Besonders meinen Eltern. Ich habe das Gefühl, ich kann ihnen nicht helfen, wenn etwas passiert. Ich habe Schuldgefühle, und fühle mich bedrückt, weil ich sie quasi alleine lasse. Ich habe zwar auch dort in DE schon Freunde (habe dort oft viel Zeit verbracht, also habe ich da schon ein kleines Netzwerk) aber meine besten Freunde hier werden mir sehr fehlen.
Hat jemand so etwas erlebt? Ist es "normal"? Ich zweifel nicht an meiner Entscheidung, denn ich fühle mich so unglaublich wohl mit meinem Partner, und ich weiss, dass dies für uns der richtige Weg ist. Ich habe nur Angst, so weit weg von meiner Familie zu sein.
Ich würde mich freuen, wenn ihr über eure Erfahrungen schreiben würdet, wie ihr einen Umzug erlebt habt.
Lieben Dank
Louise
Antworten
Ergebnis 1 bis 9 von 9
-
19.06.2017, 21:31
Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
-
20.06.2017, 05:56Inaktiver User
AW: Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
Ich finde- ja- es ist normal.
Du gehst einfach sehr bewusst diesen Weg und der bedeutet ein Verlassen von Gewohntem, Vertrautem, Bekannten.
Ist es nicht total stimmig, dass man sich bei so einem Schritt freut UND traurig ist?
Es ist doch eine Wahl nur für den Partner und nicht gegen das Leben, was Du jetzt führst. Also bist Du dort, wo Du bist, zufrieden und glücklich. Du verlässt also etwas wirklich Gutes in Deinem Leben.
Dazu kommt, dass jeder Mensch anders ist.
Es gibt "Zugvögel", die können sich überall niederlassen- sie können mit mehr Leichtigkeit loslassen und sind weniger verhaftet. So ein Umzug fällt ihnen leichter obwohl sie genauso lieben.
Wie alt sind Deine Eltern?
Gibt es nur Deine Eltern oder noch Verwandtschaft, Freunde, Bekannte?
Gibt es einen wirklichen Grund, sich um die Versorgung der Eltern zu sorgen?
Traurig sein ist also normal und genauso darf man sich auf das Neue freuen.
Wenn Du dort Vertrauen und Sicherheit gefunden hast, wird das Loslassen der Heimat immer einfacher und leichter.
Heimat bleibt es sowieso immer- dennoch kann man überall Wurzeln schlagen- das widerspricht sich nicht.
Ich habe mal von einer Freundin- die öfter in Deutschland umgezogen ist- erzählt bekommen, dass sie gerne durch Deutschland fährt, weil sie in den einst gelebten Regionen, immer von einem inneren Lächlen erfüllt ist- Erinnerungen, Vertrautheit und überall zuhause zu sein, wäre dann in ihr.
Nimm diese Traurigkeit ruhig mit und sehe es als Wertschätzung demgegenüber- und bleibe gleichzeitig offen für all das Neue und Schöne, was nun auf Dich wartet
-
20.06.2017, 07:52
AW: Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
Ich bin vor einigen Jahren ans "andere Ende" von Deutschland (vom hohen Norden in den tiefen Süden) gezogen. Grund für den Umzug war dass mein Mann ein einmaliges Stellenangebot bekommen hat, wir hatten das natürlich vorher besprochen und ich hatte zugestimmt, mitzugehen.
Aber als ich dann ebenfalls eine Stelle gefunden hatte und der Umzug anstand ging es mir richtig schlecht. So schlecht, dass ich kurzfristig überlegt habe, alles abzublasen
.
Es kam da noch hinzu, dass es sowieso keine einfache Zeit war (Todefall in der Familie), und ich hätte mich am liebsten in einer Höhle verkrochen. Ich fühlte mich überhaupt nicht in der Lage dazu, in einer völlig fremden Umgebung noch mal neu anzufangen und mir eine berufliche Zukunft, Freunde, ein neues Umfeld aufzubauen...
Von daher finde ich deine ambivalenten Gefühle ganz normal.
Und ich habe mich nach einem anfänglichen Tief hier im Süden sehr gut eingelebt und vermisse meine Heimat nur noch selten. Zu meinen besten Freundinnen halte ich auch nach nunmehr fünf Jahren guten Kontakt, dank günstiger Bahn-/Flugtickets und moderner Technologie ist das ja heute nicht mehr so schwierig.
-
20.06.2017, 07:54
AW: Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
Danke, Kenzia

Gott sei Dank gibt es momentan keinen Grund zur Sorge, aber meine Eltern werden ja auch älter, und es könnte in einigen Jahren schon ein Problem sein, dass ich weit weg bin. Es geht ihnen aber gut und sie helfen mir auch beim Umzug so gut sie nur können und sind da positiv eingestellt.
Ja, deine Freundin könnte recht haben. In meinen guten Momenten sehe ich nämlich ein, dass ich jetzt 2 Zuhause habe: einmal hier, und einmal in DE. Das ist ja eigentlich etwas wertvolles, und man kann dafür auch dankbar sein. Fällt halt nur einem schwer, weil man ja nicht zwingend weg will.
Ehrlich gesagt finde ich das auch gut so. Ich finde, wenn jemand flüchtet aus seinem Leben und deswegen wegzieht oder zu einem Partner zieht, weil sein eigenes Leben so mies war, kann das doch nicht gut gehen. Dieses Empfinden habe ich nun absolut nicht: ich habe hier so viel wertvolles, was ich vorher gar nicht mal erkannt habe! Ich war z.B. nie wirklich Familienmensch (Feier haben mich vorher öfter genervt, war lieber alleine, etc.), aber jetzt merke ich, wie sehr es mir fehlen wird. Man schätzt eben weniger, was man ständig hat.
Wie auch meinen alten Job, wobei der mich so oft genervt hat
und doch merke ich täglich, dass mir da die Menschen fehlen werden, wobei sie auch so herzlich sich für mich gefreut haben, dass es privat so schön klappt.
Es liegt wohl an meiner eigenen Erwartungshaltung: ich dachte, wooow, du erfüllst einen Traum, ziehst mit deinem Liebsten zusammen, bekommst einen schönen Job, und schon ist man wunschlos glücklich. Denkste
-
20.06.2017, 08:08
AW: Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
Na klar ist das normal, denn Du lässt ja Menschen zurück die Du lieb hast!!! Und dann so viel neues, unbekanntes vor einem...
Auf der einen Seite die Traurigkeit, auf der anderen Seite auch Freude auf das Neue....Das Leben macht was es will und ich auch!
-
20.06.2017, 08:14Inaktiver User
AW: Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
Liebe Louise,
vollkommen normal. Nennt sich Wehmut
. Ich hatte das bei jedem Umzug. Und die Freude auf das Neue. Irgendwie hängt man zwischen den Stühlen oder Kartons
Geht vorüber. Gehört dazu. Genieß es sogar, wenn du kannst. Mach dir bewusst, was und wen du alles zurücklässt. Hilft beim Sortieren, wen du nämlich im neuen Leben dabei haben möchtest...
TT, die auch auf Kartons sitzt
-
20.06.2017, 11:37
AW: Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
Ich finde das auch ganz normal. Etwas Neues anzufangen bedeutet auch immer, Altes zurückzulassen, und das tut, wenn man das Alte auch gemocht hat, erst mal ein bisschen (oder auch ein bisschen viel) weh.
Und selbst wenn man sich sagt, dass man dann eben 2 Zuhause hat, muss man sich im neuen Zuhause doch erst mal eingewöhnen, ankommen, Wurzeln schlagen. Das geht auch immer mit Wehmut und etwas Traurigkeit einher.
Solange sich das irgendwann, wenn man "im Neuen" (ob Job, Wohnort oder was auch immer) angekommen ist, wieder gibt, ist das gar nichts Merkwürdiges oder Unnormales.May you be surrounded by friends and family,
and if this is not your lot, may the blessings find you in your solitude.
Leonard Cohen
Entweder man lebt, oder man ist konsequent.
Erich Kästner
-
20.06.2017, 13:34
AW: Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
Liebe Louise, ich schliesse mich den anderen an. Das ist ganz normal. Wenn man zu neuen Dingen aufbricht, lässt man ganz unweigerlich andere zurück.
Ich bin vor 17 Jahren 16,000 km weit weg von meiner Familie gezogen. Auch wegen meines (damaligen) Partners.
Man sitzt immer irgendwie zwischen den Stühlen, manche stark, manche nur wenig. Egal, wie weit man fortzieht. Das ging mir auch so, als es nur 200km waren.
Ich finde inzwischen nur, dass man sich irgendwann dann bewusst machen muss, was man will. Ich habe hier Freunde, die nach 25 Jahren immer noch mit einem Bein in Deutschland stehen und viel rüberfahren und dann immer das vermissen, was grad nicht da ist. Damit, finde ich, versaut man sich sein Leben.
Andere wiederum fummeln sich schnell ein und sind überall zuhause.
Ich brauchte zwar meine Zeit, mich einzugewöhnen, aber heute ist dieses hier mein Zuhause.
Natürlich vermisst man die Familie und alte Freunde hin und wieder. Aber früher, ohne gutes Internet, war das alles noch viel komplizierter. Man war deutlich mehr abgeschnitten. Heute bin ich genauso informiert, was 'drüben' los ist, wie früher. Man kann nur nicht mal eben schnell hin.
Es wird dir sicher Einiges fehlen, dafür lebst du es dann bewusster, wenn du mal da bist.
Ich sag mir immer, mein Leben ist zu kurz, als dass ich es an einem Ort verbringen wollte. Aber das ist etwas ganz Persönliches, eine meiner Schwestern kann sich absolut nicht vorstellen, mit Familie dort wegzuziehen wo sie aufgewachsen ist.
Ich wünsch dir alles Gute!"I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves
Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.
-
20.06.2017, 16:05
AW: Traurigkeit bei Änderungen - habt ihr sowas erlebt?
Ooh, ich danke euch für eure netten Antworten, und schönen Gedanken.
Danke, das hilft wirklich, zu merken, dass dies normal ist, und wohl jedem ähnlich geht.
Habe noch nie in Deutschland gewohnt, mal gucken wie es so bei Euch ist
TT, dir auch viel Kraft für den Umzug! Sitze hier auch zwischen Kisten und Klamottensäcke. In diesem Thread fehlt jetzt noch Kistenkumpel, das würde passen



Zitieren
