Als ich vor ein paar Jahren die Grabrede für meine Großmutter vorbereitet habe ist mir so richtig aufgegangen, was ich besonders an ihr geliebt und bewundert habe.
Sie hat im JETZT gelebt und nicht in der Vergangenheit. Sie hat sich auf das Morgen gefreut und nicht dem Gestern nachgetrauert. Sie war offen für neues und neugierig und interessiert. Sie hat das gestern nicht komplett vergessen oder verdrängt, aber das heute und das morgen waren viel wichtiger.
Und sie hat vermutlich wesentlich mehr Chancen verpasst als du und ich zusammen - durch Krieg, Vertreibung, Flucht, frühes Kinderbekommen und vieles andere.
Ich bin in den letzten Monaten auch in einer etwas sentimentalen Stimmung und überlege, wie anders mein Leben wäre, wenn ich an verschiedenen Stellen eine andere Abzweigung genommen hätte, wenn ich mit bestimmten Personen zusammen gewesen oder geblieben wäre, wenn ich etwas anderes studiert hätte, wenn ich an der Uni einen bestimmten Job angenommen hätte, wenn ich die Uni gewechselt hätte, wenn ich meinen ersten Job ganz anders angegangen wäre, wenn, wenn, wenn.
Ich bin sicher, ich hätte ein ganz anderes Leben geführt, wenn ich mich anders entschieden hätte.
Ich glaube nicht, dass ich in diesen Leben glücklicher geworden wäre - es wäre vieles anders, aber nicht unbedingt besser, nicht unbedingt schlechter - eben anders.
Und ich kann zu diesen Entscheidungspunkten nicht mehr zurück - das ist Vergangenheit, Teil meiner Vergangenheit.
Aber ich habe es in der Hand mich heute und morgen für mein Leben, für meine jetzigen Chancen, für die Menschen um mich herum die ich kenne oder auch noch nicht kenne zu entscheiden.
Und jede dieser Entscheidungen ist vermutlich besser als zuhause zu sitzen und über Vergangenes zu grübeln.
Daher löse dich von dem Gedanken etwas in der Vergangenheit falsch gemacht zu haben - geschenkt. Es ist passiert, es ist wie es ist und vielleicht wäre es im totalen Desaster geendet.
Überlege dir, wie du dein Leben heute führen willst.
- willst du Kinder
- willst du eine berufsbegleitende Fortbildung
- willst du ein Vollzeitstudium
- willst du dich von deinem Mann trennen
- willst du auf eine Bühne und singen
- willst du in die Politik
- willst du auf eine einsame Insel und gregorianische Gesänge singen, nur für dich
- willst du einfach auf den Arm
- willst du einen Marathon laufen
Überlege dir, was du willst, überlege vielleicht auch, wie du dir dein Leben vorstellst in fünf, in zehn, in zwanzig Jahren.
Überlege dir, was über dich mal an deinem Grab gesagt werden kann oder soll.
Aber hör auf zu grübeln, was du vor zwanzig oder zehn Jahren hättest besser machen können, das führt dich nirgendwohin außer vielleicht in eine depressive Stimmung.
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Ergebnis 11 bis 20 von 40
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16.06.2017, 22:03
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Freiheit ist, wenn jeder sich auf seine Art zum Deppen machen kann.
.... und das demnächst auf www.befriendsonline.net/
Profilbild © edwardbgordon
Moderation: "Rund um den Job", "Mietforum" und "Selbstständige, Freiberufler & Co"
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16.06.2017, 22:21Inaktiver User
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Dann ersetze Blutdruck durch Leidenschaft, etwas wirklich wollen, dafür brennen... was auch immer in diese Richtung geht. Natürlich kann man auch mit Gelassenheit an die Dinge herangehen, aber "wollen" muss man schon, sonst wird das nix. Und man darf sich an der einen oder anderen Stelle dann auch mal attestieren, dass man in der Vergangenheit vielleicht nicht genug "gewollt" hat. Ich habe da in meiner Biographie auch Punkte, wo ich mir denke : "Das hättest du vorteilhafter machen können, aber du wolltest irgendwie nicht bzw. hattest nicht genug Leidenschaft für die Sache. Jetzt musst du mit den Konsequenzen leben."
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16.06.2017, 22:31Inaktiver User
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Ich denke auch immer mal über das Thema nach ... bin fast 60 ... und denke, bei aller Fülle: Das kann's noch nicht gewesen sein. Dann ist die Frage: Was will ich? - schon zeitlich begrenzt.
Die großen Ziele eines normalen Menschenlebens habe ich abgearbeitet. Ich habe zwei Kinder geboren und ganz gut aufgezogen, in drei Ländern gelebt und gearbeitet, habe Gedichte geschrieben (zwar keinen Verleger gefunden), habe Freundinnen, singe in einem guten Chor, fühle mich körperlich hübsch und gesund, hatte zwei Ehen, die gar nicht so übel waren, habe fleißig einige Bäume in den öffentlichen Raum spendiert und gepflanzt (aus genetisch einheimichem Saatgut laut Empfehlung vom Naturschutzbund, habe selbst - mit Hilfe - die Gruben gegraben und zwei Sommer lang am Wochenende gegossen - es waren große Bäume bei der Pflanzung - habe an einigen Kunstausstellungen teilgenommen und spiele hübsch und fein das Prelude religieux von Rossini und einige Beethoven- und Mozart-Sonaten u.a. ...
hatte einen hochqualifizierten Superjob und habe ihn wieder verloren, habe jetzt einen prekären Job, in dem ich soziale Erfahrungen sammle ...
hege und pflege und vermehre prächtige Pflanzen in Zimmern und auf Balkonen ...
hatte schon sehr viel schönen Sex ... und werde ihn wieder haben ...
In mir sitzt ein Wurm und fragt: War es das schon?
Sehe das alles meist gelassen und denke, wir brauchen solche inneren Fragen, um unseren Kompass neu zu justieren.
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17.06.2017, 07:26Inaktiver User
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Die Frage ist doch auch- hat man tatsächlich soviel Entscheidungsfreiheit, wie man glaubt?
Man kann es an sich doch wunderbar testen, indem man den heutigen Tag mit all seinen Entscheidungen einmal ganz bewusst anschaut und wahrnimmt.
Wir entscheiden ununterbrochen - Butter oder Margarine, Honig oder Käse, Müsli oder Eier mit Speck....zum Beispiel. Und wenn es diese Entscheidung nicht merh geben muss, dann liegt die Entscheidung hinter einem- es wurde aber eine getroffen.
Und so durchlaufen wir jede Sekunde unseres Lebens mit einer Entscheidung- zB jetzt hier zu lesen
- und man könnte sich doch jetzt jede Freiheit nehmen und was ganz anderes tun.
Machen wir aber nicht- warum?
Weil wir gerade das machen, was wir wollen....ob wir uns nun bewusst entscheiden oder nicht- wir entscheiden nach unseren inneren Kriterien.
Es ist spannend sich einen Tag mit seinen Entscheidungen zu befassen- sich bewusst anzusehen, wahrzunehmen- und klar werden wie oft wir entscheiden und wie es IMMER um unser Bestes geht. (dieses "Bestes" ist nicht immer einsichtig oder gut anzunehmen)
Wir folgen unserem Inneren- in großen und kleinen Entscheidungen und sind daher wesentlich weniger "frei" als wir glauben wollen.
Und unser Verstand mag uns wunderbare Illusionen zaubern (wie eine Zeichnerwerkstatt von Walt Disney- alles ist möglich)- wir können uns nur bis zur Decke strecken und genau das machen wir auch.
Mit Lebenserfahrung und innerem Wachstum entwicklen wir uns jeden Tag weiter und so verändern sich auch Entscheidungen im Laufe der Zeit- jedoch bleibt alles angepasst an uns.
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17.06.2017, 09:43
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Ich habe gerade alle Antworten gelesen und bin sehr berührt.
Dankeschön.

Alles in Allem - ich fasse mal zusammen - läuft es darauf hinaus, dass das Leben leicht ist, wenn man daran glaubt.
Also: "Das Leben ist leicht, wenn man daran glaubt."
Ihr schriebt von Bewusstem und Unbewussten, vom Wollen und vom Fühlen, von Dingen, die passieren und Dingen, die wir ggf. selber steuer können ... vor allem aber auch vom Sehen und Wahrnehmen von Gegebenheiten.
Ich habe in meinem Leben eigentlich wenig Grund dafür, mich zu beklagen. Trotzdem hardere ich mit alten, nicht ergriffenen Chancen. Ich merke, es ist so ein wenig wie ein roter Faden: Ich habe es mir nie leicht gemacht, immer den schwierigeren Weg gewählt, wahrscheinlich, weil ich (unbewusst) glaubte/glaube, dass das der "richtige" oder "bessere" Weg ist.
Sicherheit war für mich immer sehr wichtig, doch muss ich jetzt - nach meinen Erfahrungen - feststellen, dass mir das Sicherheitsdenken nicht die gewünschte Sicherheit gebracht hat. Es wäre leichter gewesen, den leichteren Weg zu gehen. Und dieser hätte sogar zu mehr Sicherheit geführt.
Eine wichtige, aber auch bittere Erkenntnis.
Wichtig, da ich ab sofort verstärkt darauf achten möchte.
Bitter, da ich nur unter schwierigen Umständen (die ich jetzt ja lieber vermeiden möchte, da ich meine Erfahrungen damit gemacht habe) den leichten Weg von früher(!!!) wieder aufnehmen könnte.
Kenzia, du hast ein paar sehr bedeutsame Dinge geschrieben. Vor allem die Frage: "Was wäre, wenn dieser Weg/dieses Leben das richtige wäre" (sinngemäß), ließ mich innehalten.
Ich kann dieser Frage keine klare Antwort geben. Merke daran aber, dass ich - aus verschiedenen Gründen, die ich hier nicht weiter ausführen möchte - große Probleme habe, daran zu glauben.
Diese Erkenntnis ist aber gut! Denn ich weiß nun, beginne zu verstehen, was mein grundsätzliches Problem ist.
Ähnlich geht es mir mit dem Aspekt, den rodrigue ziemlich gut auf den Punkt gebracht hat. Den Wert der damaligen Entscheidung "dagegen" zu erkennen. Das ist für mich ein blinder Fleck. Ich sehe nicht mehr, erinnere mich nicht mehr, warum ich mich dagegen entschieden habe. Ich sehe nur die verpasste Chance. Das Ganze dann noch positiv zu formulieren, wie vorgeschlagen, fällt mir noch mal doppelt schwer.
Aber ich verstehe den Ansatz. - Ich "glaube" ihn nur (noch) nicht.
Ich glaube tief unten daran, dass das Leben schwer und kompliziert ist und dass ich nur mit größter Anstrengung sowas wie Zufriedenheit und/oder Glück erlangen könnte.
Wird Zeit, das mal zu überdenken, nach all meinen Erfahrungen.
Immerhin gab es doch ein paar Dinge, die mir einfach so in den Schoß gefallen sind. Allein, mir fehlte der Glaube und/oder die Fähigkeit, diese zu erkennen.
Sehr interessant das alles ...
Und gerade weil ich diese seltsame innere Überzeugung mit mir rumtrage, ist es für mich ja auch durchaus sinnvoll, mir das jetzige, eigentlich zufriedene Leben, mit Grübeleien an frühere Dinge zu erschweren. Das bestätigt mich in meinem Glauben. Und das ist für mich sicherlich "leichter", zumindest vordergründig, als mir eine andere, innere Überzeugung zu erarbeiten.
Ich sehe schon das nächste Forenthema am Horizont aufleuchten. "Wie erarbeitet man sich eine neue, innere Überzeugung?"
- Wobei das evtl. auch kein Thema für ein Forum ist. War nur so eine Idee.Geändert von Karlina84 (17.06.2017 um 09:49 Uhr)
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17.06.2017, 10:20Inaktiver User
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Die Du gar nicht hättest, wenn Du diesen Weg nicht gegangen wärst, stimmts?
Wäre es Dir nun lieber, Du würdest immer nur so weiter machen oder ermöglicht Dir das alles jetzt eine neue Sichtweise auf Dein Leben (und Veränderung)?
Vielleicht, weil wir für uns Verantwortung übernehmen müssen und das nicht einfach ist?
Weil wir eingestehen müssen, dass WIR für unsere Wege verantwortlich sind- egal wie schräg sie uns vorkommen? (nur ein Gedanke- keine direkte Frage, denn du möchtest ja nicht ausführen)
Ja- das ist für Dich wahrscheinlich gerade leichter zu ertragen.
Es braucht noch "einen Schuldigen"
Das ist - wie Du richtig siehst- eine Überzeugung oder - wie sagt man so schön- ein Glaubenssatz.
Was Du gerade durchmachst ist Erkenntnisse gewinnen.
Und das- ist selten "mal eben so" abgehandelt
Du sprichst hier von Überzeugungen, Lebenshaltungen, Werten- sowas ist kompliziert, aufwändig und regelrecht Arbeit, wenn man dabei ist, sich neu auszurichten.
Ich würde also dieses Nachdenken jetzt- wenig an die Überzeugung hängen, das alles schwer sein muss- sondern es gehört zum Charakter von solchen großen Veränderungen, dass es nicht leicht ist.
Ich finde das jetzt- ganz normal.
Glaubenssätze oder Überzeugungen sind etwas, was wir in unserer Kindheit aufnehmen.
Aufnehmen, weil wir immer etwas vorgelebt bekommen und das übernehmen.
Auch Du wirst das von Menschen und/oder Umständen so in dich aufgenommen haben.
Da diese Prägungen so früh losgehen- gerne auch aus Sätzen, die wir von Kleinkind an immer wieder von den Eltern hören- nehmen wir gar nicht wahr, dass wir etwas aufgenommen haben und es gar nicht "unser" ist.
Und so leben wir das einfach nach- oft auch aus tief-seelischer Loyalität den Eltern / der Familie gegenüber. Das ist psychologisch ein sehr spannendes Feld.
Glaubenssätze haben einen Grund und damit sind sie wichtig- zumindest einst gewesen.
Man kann recht gut daran arbeiten und diese Sätze verändern- gleichzeitig wird man durchaus mit sich und seinen Gefühlen konfrontiert (in der Regel ist das dann schmerzhaft und nicht leicht).
Das wiederum dürfte für dich nun weniger schwer sein, denn Du liebst ja die Herausforderung und Schwere-- das meine ich nun auch gar nicht ironisch-- vielleicht können gerade die Menschen, die so einen Anspruch erfüllen wollen- ganz gut auch Schmerz erleben udn ertragen.
Dazu dann den Weg zu Heilung und Leichtigkeit erhalten.
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17.06.2017, 13:40
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Dieser Gedanke plagte mich auch. Und weil ich mir künftig nicht sagen möchte, dass ich trotz dieser Erkenntnis Chancen nicht ergriffen habe, nutze ich sie, sobald ich sie als solche erkenne. Und überwinde dafür Angst und Bedenken. Das ist weiß Gott nicht leicht, aber es lohnt sich.
Man wandelt nur das, was man annimmt.
C.G. Jung
Nein ist ein ganzer Satz.
Keine Ahnung von wem
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17.06.2017, 18:00
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Danke, liebe Kenzia, da steckt viel Wahres drin.
Anscheinend mache ich mich gerade wirklich "frei" von vielem alten, unnützen Zeug. Das tut gut und fühlt sich leicht an, aber es ist auch schwierig; so als ob ich gerade ohne Krücken laufen lerne oder so etwas.
Wird noch dauern, klar. Und ich bin zum Glück auch nicht ganz allein damit.
Es ist auf jeden Fall erstaunlich, was dieses Forum an Erkenntnissen vorzubringen vermag.
Dafür noch mal herzlichsten Dank!
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17.06.2017, 18:04
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Sehr gut!
Das ist auch so eine Sache, die ich gerne hätte bzw. an der ich gerade arbeite. Der Gedanke ist mir nicht fremd. Vor allem die Vorstellung, aufgrund vom - ich sage mal platt - Suhlen im alten Leid mir neue Chancen entgehen zu lassen, lässt mich schon ein wenig stutzig werden jetzt "einfach so" damit weiter zu machen.
Ich wünsche mir, dass auch ich mal an diesen Punkt komme.
Ich glaube leider immer noch oder trotzdem, ich müsse "gewaltig aufpassen" und das doofe Vergangene immer wiederholen, damit ich dieselben Fehler nicht nochmal begehe.
Dabei vergesse ich aber, dass es "dieselben Fehler" überhaupt nicht geben kann.
Und verpasse ggf. die Möglichkeit, etwas ganz Neues zu tun.
Der Blick wird einfach vernebelt, wenn man sich zu sehr mit der Vergangenheit beschäftigt (die ja eh nicht mehr zu ändern ist). Es geht zu viel Energie flöten.
Das ist mir klar.
Nur denke ich irgendwo noch "Ich brauche das." (S.o.)
Raus aus dem Kopf und Gefühl damit!!!
* Wie geht das?
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17.06.2017, 21:14Inaktiver User
AW: Mit nicht ergriffenen Chancen abschließen - wie?
Na, selbst wenn du den gleichen Fehler nicht noch mal machst, machst du dann halt andere. Selbst das Wünsch-Studium im zweiten Anlauf kann sich als Rohrkrepierer erweisen (z.B. weil in ein paar Jahren der Arbeitsmarkt anders sein wird etc.).
Zu einer ausgewogenen Entscheidung braucht es aber eben auch nicht nur den Bauch, sondern auch den Kopf. Deshalb würde ich dir nicht raten, dir den Kopf-Anteil an Entscheidungen "abzutrainieren".


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