Was belastet dich daran?
Wie stellst du dir die soziale Beziehung vor, die du haben möchtest?
Wenn du sagst, du "machst den ganzen Tag nichts" -- suchst du Leute, mit denen du die Sachen machen kannst, die man alleine nicht gut machen kann? (Jam Sessions, Volleyball, Doppelkopf, nachts um die Häuser ziehen, ...?)
Oder willst du sagen, "Hier gehöre ich hin, das ist mein Stamm, meine Leute" -- Abgrenzung durch Zugehörigkeit? Das hattest du ja schon, und hast festgestellt, daß man auch durch schlechte Angewohnheiten Zugehörigkeit erwerben kann -- man ist mit denen zusammen, die von den anderen ausgegrenzt werden. (Als klassischer Geek mit komische Hobbies kann ich sagen, die Macht davon sollte man nicht unterschätzen.)
Oder das Gefühl von Sicherheit, "Es ist jemand da, wenn die Welt böse ist?"
Ist dir langweilig, oder hast du Sorge, oder hast du so viel, was du teilen willst?
Eine interessante Person ist genug, um ein paar Langweiler zu tolerieren, aber eine Person ist nicht genug im eigenen Leben.
Das Risiko, wenn man sagt, "ich hab ja eine" ist, daß man aufhört, andere anzusehen. Aber Freundschaft/Bekanntschaft/Kameradschaft ist kein Paarbetrieb und nicht exklusiv. Und dann ändert man sich, oder die Umstände ändern sich, und man schmeißt mehr und mehr Aufwand in eine schlechtere und schlechtere Beziehung, weil man nichts anderes hat.
Jemandem, der hinter dem Rücken andere über sie herzieht -- über das verbindungsstiftende Maß von ein wenig "wir sind besser!" Tratschen und Lästern hinaus -- ist auch nicht vertrauenswürdig. Man kann mit den Leuten immer noch was unternehmen, rumhängen, schwatzen, aber man sollte dann nichts über sich offenbaren, wovon man fürchtet, daß es gegen einen verwendet werden kann.
Gibt es Sachen, bei denen du das fürchtest? Sind das Sachen, die so wichtig für dich sind, ohne die du nicht leben kannst, daß du über sie reden mußt, um als Person verstanden zu werden?
Woran erkennst du, daß dir jemand echte Zuneigung entgegenbringt?
Was daran empfindest du als Belastung oder Risiko?
Heißt das, du bist unzuverlässig und man kann nicht mit dir planen, weil du Sachen oder Anwesenheiten zusagst, die du nicht einhältst?
Damit ist es sehr schwer, intensive Beziehungen aufzubauen, weil du damit nur Leute aufsammelst, denen a) Zuverlässigkeit nicht wichtig ist, und die dich ihrerseits hängen lassen, wenn ihnen eine andere Idee kommt, b) du nicht wichtig genug bist, daß sie dich einplanen, c) dir nur unverbindliche Angebote machen, wo es ihnen nicht schadet, wenn du sie versetzt. (Letzteres ist mMn das beste Szenario für dich, da du nur die Angebot annehmen mußt um näher an Leute ranzukommen. Bei den anderen ist es nicht in deiner Macht.)
Oder meinst du etwas ganz anderes?
Der Grund, weswegen Leute an emotionalen Tiefpunkten nur wenige Stellen haben, wo sie hingehen können, ist, daß es emotional sehr anstrengend und sehr schmerzhaft ist, sich mit dem Kummer anderer auseinanderzusetzen. Man fühlt den ganzen Kummer des anderen, plus Zorn über die Welt, die das zuläßt, und hat null Einfluß, etwas daran zu ändern, weil es nicht die eigenen Probleme sind. Beim Umzug des Schreckens drei Tage lang jemands verstaubte Möbel und Bücherkisten durch Altbautreppenhäuser zu tragen, ist entspannender Ausgleichssport dagegen, jemands Verzweiflung auf unbestimmte Zeit zu tragen.
Das ist blöd, wenn man die Person mit den Problemen ist. Vielleicht kann man sich fragen, "Ist 'erzählen' das, was ich brauche? Kann ich dem anderen sagen, daß er mir hilft, wenn ich ihm gegenüber aussprechen kann, was mir durch den Kopf geht? Was erwarte ich von ihm?" Wenn man Leuten etwas gibt, was sie tun können, können sie mit jemands anderen Last viel besser umgehen. Hoffnung, daß es besser wird, daß irgendwann die Person wiederkommt, die man ursprünglich mochte und nicht ihr belagerter Schatten, ist lebensnotwendig.
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Die Vorbedingung dafür, viele gute soziale Beziehungen zu finden ist, viele Leute kennenzulernen. Etwas zu erzählen zu haben, etwas zu haben, mit dem man seine Zeit verbringt. Das gilt in beide Richtungen: Was liebst du, zu hören, was fasziniert dich, wenn andere es erzählen, wovon willst du mehr hören, woran willst du teilhaben? Leidenschaften machen dich verwundbar, wenn jemand sagt, "was für ein Blödsinn", da muß man mit rechnen, und sich dann sagen, "was für ein Trottel", ohne sich etwas vermiesen zu lassen. Das ist sehr schwer, deswegen ist Zuhören oft sicherer als reden![]()
Dann, sich von denen, mit denen man eine Verbindung fühlt oder mehr Zeit verbringen möchte, Kontaktdaten geben lassen. Anlässe finden, etwas zusammen zu machen und sie einzuladen. An der Stelle fallen dann alle raus, bei denen kein "Parkplatz" mehr frei ist, weil sie alle Kontakte haben, die sie halten können, und keinen rauswerfen möchten, um einen Platz für einen freizumachen, die, die sich mehr vornehmen, als sie umsetzen können, und die Unzuverlässigen oder Überplanten, mit denen man sich nicht koordinieren kann.
Und dann muß man ausloten, was einen verbindet. Mit manchen kann man wunderbar Doppelkopf spielen, mit anderen das Seelenleben farbig auseinderpfriemeln, mit manchen beides, aber es sollte immer etwas Gutes, Schönes und Angenehmes geben, was einen verbindet, sonst verhungert man aneinander.
Nach meiner strikt persönlichen Beobachtung sind unter 100 Leuten, die man mal so trifft, vielleicht 10, mit denen man eine Bekanntschaft betreiben kann, weil man zeitlich, organisatorisch und in seinen Vorlieben zusammenpaßt, und vielleicht zwei, die Freunde werden könnten. Aber all das sind Knüpf- und Webarbeiten. An Anfang ist jeder ein Fremder.
Antworten
Ergebnis 11 bis 20 von 28
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23.05.2017, 10:30
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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23.05.2017, 10:44
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
Wenn man jemands Hilfe und Sympathie zurückweist, ist das immer ein kritischer Moment. "Danke, aber nein, danke" zu sagen ist eine Kunst, und selbst das reicht nicht immer, wenn jemand die erzählten Probleme zu sehr zu seinen eigenen gemacht hat und versucht, sie wie seine eigenen zu lösen.
Ich bin inzwischen sehr zurückhaltend darin, Leuten Probleme zu erzählen, weil sie normalerweise versuchen, sie zu lösen.
Hier im Forum kann ich dann sagen, "ich bin nicht die TE" oder einfach nicht darauf eingehen; bei Leuten, wo man nicht nur mit einer ihrer Online-Personas zu tun hat wenn man gerade mag, erfordert das mehr Klarheit und mehr Diplomatie. Gar nicht erst anfangen ist leichter als aufzuhören.** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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23.05.2017, 10:51Inaktiver User
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
ich würd sagen du bist einfach introvertiert. du solltest mal im internet ein bischen über introvertierte lesen, vielleicht hilft es dir zu akzeptieren wie du bist und das du eben nicht anders bist.
intovertierte haben nie das riesige soziale umfeld weil sie zuwenig interesse daran haben dieses umfeld ständig zu pflegen. ebenso kommen introvertierte nicht mit small talk zurecht, es langweilt sie meist. die schweren themen überlastenaberd ie extrovertierten.
frag dich mal ob du wurklich viele soziale beziehungen wilslt oder ob dir einfach 1-2 freunde fehlen die auf der selben wellenlänge sind wie du.
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23.05.2017, 15:24
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
Oh ja!
Es gibt noch die Art Personen, die erfinden dir notfalls ein Problem, damit sie es lösen können.
Dann geht man z.B. zu einem Abendessen, war vorher gut gelaunt und freut sich auf einen schönen Abend und fährt am Ende nach Hause und ist überrascht wie viele Probleme man eigentlich hat, die einem im Laufe des Abends angehängt wurden. Dafür reicht schon eine Person, die das tut in irgendeiner Art Fürsorge, für die man dann am Ende dankbar sein soll. In der eigenen Realität sieht das dann nur so aus: Danke (dass du mir den Abend ruiniert hast).
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23.05.2017, 18:35Inaktiver User
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
Ich habe mal eine Verständnisfrage an dich @wildwusel
Du sagst, wenn Du Leuten von deinen Problemen erzählst, sie normalerweise versuchen deine Probleme zu lösen. Was für eine Redaktion hättest du dir denn von den Leuten erhofft und gewünscht, wenn du ihnen von deinen Problemen erzählst?
Ich frage deswegen, weil ich eine ähnliche Situation erst in der letzten Zeit hatte. Eine Bekannte erzählte mir von ihren schweren gesundheitlichen Problemen und dann sagte ich, sie sollte doch mal zum Arzt gehen, der könnte ich doch bestimmt helfen, aber das wollte sie auch nicht. Ein Arzt könnte ihr nicht helfen und ich würde sie nicht verstehen und dann war sie sauer auf mich. Ich verstehe sie wirklich nicht. Welche Reaktion hätte sie denn gern von mir gehabt. Hätte ich nur ihr zuhören sollen und nicht sagen sollen, das sie zum Arzt gehen sollte. Oder wollte sie einfach nur Trost?
Wieso sollte ich denn nicht sagen, dass sie zum Arzt gehen sollte, ich wollte doch nicht ihre Probleme damit lösen, sondern nur nett und fürsorglich sein? Irgendwie finde es merkwürdig anderen Leute von seinen Problemen zu erzählen und dann nicht zu erwarten, dass sie auch mal Vorschläge zur Lösung des Problems machen.
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23.05.2017, 18:44Inaktiver User
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
Find ich auch. Am besten noch der Satz: Auch Ratschläge sind Schläge - den find ich selten doof.
Wer von anderen keinen Rat hören will, auch nicht den nettestgemeinten - der verschone einen doch bitte mit seinen Problemen.
Sorry for OT - aber das bringt mich echt auf die Palme.
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23.05.2017, 21:14
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
Mitgefühl, Analyse, Einschätzungen der Situation, Informationen, vielleicht einen Gegencheck, ob sich die Situation von außen so darstellt wie von innen, konstruktives Hinterfragen meiner Annahmen, Witze wider den Verantwortlichen an meinem Unglück, oder Linzer Torte.
Damit ist man als der Zuhörer nicht der große Held, und man kommt sich vielleicht fürchterlich unzureichend vor, aber das ist man gar nicht. Trost und Mitgefühl sind nicht "einfach nur". Fragen wie, "Kann ich was für dich tun" oder "Kommst du klar?" sind auch selten ganz falsch.
Wenn man schon lange mit einem Problem schwanger geht, ist man der absolute Experte für dsa Problem. Praktisch alles, was jemand anders einfallen kann, hat man schon probiert und ist damit gescheitert. Man war beim Arzt und der hat einen nicht ernstgenommen. Man hat die Wunderdiät gemacht und es hat nichts geholfen. Man hat sich an alle Tipps aus der Apotheken-Rundschau gehalten und es ist schlimmer geworden. Man ist nicht nur krank, man ist ein Versager. Und jeder gutgemeinte Ratschlag erinnert einen daran, und man findet sich obendrein in der Situation, das Versagen eingestehen und rechtfertigen zu müssen. Und nicht nur einmal -- manche Leute sind beharrlich. Man muß sich mit seinem Elend gemein machen und es gegen seine Freunde verteidigen, um kein völliger Versager zu sein. Das ist gar keine gute Dynamik, und führt zu Ressentiments auf beiden Seiten.
Ein komplett harmloser Fall: "Wo stelle ich die kleine Kommode hin?" Ich habe diese Kommode 50 Mal umgestellt, bis ich wußte, "die muß weg, die paßt nicht in die neue Wohnung". Du glaubst nicht, wie viele Ratschläge ich gekriegt habe (zum Teil von Leuten, die die Wohnung gar nicht kannten) wo ich die Kommode hinstellen sollte, nur weil ich gesagt habe, "Ich muß die Kommode leider verschenken, sie paßt nicht." Die Leute wurden unglaublich frustriert, wenn ich sagte, "Hab ich probiert, ging nicht" oder "Ist egal, ich will sie nicht mehr", weil ich ihnen die Gelegenheit vorenthalten habe, mein Problem gelöst zu haben. Es war wie in einem Sketch von Loriot zu leben. Na gut, so was ist amüsant und ein bißchen nervig -- aber das ist auch kein echtes Problem.
Traditionell wird ja behauptet, daß Frauen über Probleme reden, um Dampf abzulassen und/oder validiert zu werden ("Ja, da hast du recht, das ist Sch**e") und ihre Männer dann immer gleich hingehen und alles besser wissen. Ich halte das für geschlechtsunabhängig.
Ein einziges Mal habe ich erlebt, daß ein Freund eines meiner Probleme gelöst hat. Ich erzählte, der Mensch von der Berufsberatung für Studienabbrecher hätte behauptet, man könne in der Stadt keine technische Ausbildung machen, und was das für eine Pfeife sei! Der Freund sagte, "Ja, soso"; und zwei Tage später hatte ich einen Brief im Kasten, "Vielen Dank für Ihr Interesse an der Ausbildung zu..." und einen Anmeldebogen für den Einstellungstest.
Das ist seither mein Standard für "anderer Leuts Probleme lösen."Geändert von wildwusel (23.05.2017 um 21:20 Uhr)
** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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23.05.2017, 21:59Inaktiver User
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
Ich will als Zuhörerin auch gar nicht die "große Heldin" für andere sein. Du sagst, du hättest gerne "Einschätzungen der Situation", aber als ich meiner Bekannten geraten habe, zum Arzt zu gehen, war das für mich auch eine Einschätzung der Situation.
Und wenn jemand schwer krank ist und sich trotzdem weigert zum Arzt zu gehen, kann ich ihr auch nicht helfen und dann fällt es mir auch etwas schwer Mitgefühl zu empfinden, wenn sie gar nichts an ihrer schlechten Situation, hier die Krankheit ändern will.
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23.05.2017, 22:16
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
Merkst du, was du da tust?
"Sie hat meinen Ratschlag nicht angommen. Das bedeutet, sie will nichts an ihrer Situation ändern. Deswegen habe ich kein Mitgefühl für sie."
Wie schnell man aus einer unangenehmen Emotion raus ist!
Probleme sollte man nur mit Leuten teilen, die damit umgehen können.** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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23.05.2017, 22:40Inaktiver User
AW: wenig soziale Beziehungen, kein Teil des Ganzen
Ich glaube, bei dir ist jetzt ein falscher Eindruck von der tatsächlichen Situation entstanden. Der Bekannten steht es frei meine Ratschläge anzunehmen oder es sein zu lassen. Die Situation ist so, dass sie schon seit langer Zeit schwer krank ist, aber nicht zum Arzt gehen will und auch nichts unternehmen will, was ihre Krankheit verbessern würde. Und seit langer Zeit erzählt sie mir ungefragt immer wieder von ihren gesundheitlichen Problemen, obwohl ich nichts davon hören will. Ich habe sie niemals darum gebeten ihre Probleme mit mir zu teilen. Ich habe bisher nur aus reiner Höflichkeit und Nettigkeit ihren gesundheitlichen Problemen zugehört. Ich glaube, wenn sie mir nochmal von ihren gesundheitlichen Problemen erzählen möchte, sage ich ihr, dass ich nichts von ihren Gesundheitsproblemen wissen will. Dann ist sie bestimmt wieder beleidigt, aber ich kann ihr doch auch nicht helfen und ich fühle mich auch nicht für ihre Probleme zuständig.



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