Liebe Community,
ich muss mir das mal von der Seele schreiben, denn es gibt keinen, mit dem ich darüber reden könnte.
Ich habe in letzter Zeit das Gefühl, dass mir alles entgleitet. Als ich noch in der Schule und im Studium war, lief alles nach einem vorgegebenen Muster. Dadurch war mit wie in so einer Zwischenwelt, noch nicht im wahren Arbeitsleben angekommen. Ich hatte meine Clique, viele wechselnde Männergeschichten und das Leben in der großen Stadt, und habe das nach der Enge des Dorflebens sehr genossen.
Doch plötzlich ist alles anders: Mein Freundeskreis hat sich mehr oder weniger aufgelöst, viele Leute sind weggezogen. Es sind nur noch Pärchen um mich herum, nur noch "Wir" statt "Ich", die ersten Kinder sind schon da. Ich habe das Gefühl, jeder hat so seinen Lebensplan, weiß was er tut. Ich habe das Gefühl, das Singledasein wird mir als Makel ausgelegt. Eine Freundin meinte, dass sie an meiner Stelle keine Ahnung hätte, wo man in meinem Alter noch einen anständigen Kerl herbekommt (Ich bin 27). Solche Kommentare fördern eine Art Torschlusspanik. Ich hätte gerne eine Beziehung, aber bislang hat es mit Ausnahme einer Langzeitbeziehung vor ein paar Jahren nicht gefunkt. Ich bin hübsch (so sagt man) und auch nicht auf den Mund gefallen, aber auch sehr unsicher bei den Dates, weil ich mich eben so verloren fühle und das Gefühl habe, ich müsste schauspielern, unterhalten, mein happy-face zeigen.
Das Studium ist als ein naturwissenschaftliches sehr schwer und sehr trocken, ich weiß noch nicht, wie ich da meinen Platz finden soll. Meine Mutter ist eine sehr ängstliche Person, ich denke, da habe ich vieles übernommen. Es hieß immer, ein Studium sein etwas Sicheres, aber manchmal denke ich mir, dass mir ein schnellerer und strukturierterer Start ins Berufsleben gut getan hätte, und nicht das Fach, was auch meine Mutter studiert hat. Diese Idee wäre aber in meinem Elternhaus gar nicht vorgekommen, es hieß immer, du bist doch die beste Schülerin des Jahrgangs, es wäre doch schade, nicht zu studieren, so wie der Rest der Familie. Meine Eltern hätte mir da keine Steine in den Weg gelegt, aber ein indirekter Bildungsanspruch war einfach durch ihre eigenen akademischen Karrieren da. Mein Vater starb vor zwei Jahren, seitdem hat sich dieses Verlorenheitsgefühl noch bestärkt, meine Familie existiert quasi nicht mehr. Mit meiner Mutter bin ich eigentlich sehr eng, vielleicht sogar zu eng, denn in letzter Zeit kracht es häufiger bei uns. Aus irgendeinem Grund habe ich oft Schuldgefühle, wenn ich mit ihr spreche. Früher waren wir immer ein "Team", haben alles zusammen organisiert. Ich habe das Gefühl, mich mehr von ihr und ihrem Einfluss lösen zu müssen, aber ich habe Angst, dann vollkommen alleine zu sein. Es scheint mir absurd, dass mein Bruder, das Pascha der Familie, der immer schlecht in der Schule war, bis 25 zuhause gewohnt hat und nie aus seinem Dorf rausgekommen ist, um einiges abgelöster und glücklicher scheint als ich.
Ich komme aus meiner Glasglocke nicht heraus, finde morgens schwer aus dem Bett.
Jetzt steht Silvester an, welches ich alleine unter schwangeren Pärchen feiere.
Puh, so ein langer Text. Ich hoffe, der ein oder andere liest ihn trotzdem durch.
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Ergebnis 1 bis 10 von 16
Thema: Ich fühle mich so verloren
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15.12.2016, 13:14
Ich fühle mich so verloren
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15.12.2016, 17:16
AW: Ich fühle mich so verloren
Hallo Gurkenbrot,
Wir scheinen in einer ähnlichen Situation zu sein. Ich habe die 30 zwar schon knapp überschritten, aber sonst sehe ich viel von mir in deinem Text. Nicht unbedingt die Unsicherheit, aber das Gefühl der Torschlusspanik und die vielen Freunde die weggezogen sind / Kinder kriegen.
Zu den Freunden: Ich fürchte das ist ein Akademiker-Problem. Fürs Studium gehen viele in eine Stadt und nach dem Studium wieder in die Heimat oder eine ganz andere Ecke. Ich finde das traurig, weiß aber auch noch nicht, was sich daran ändern ließe. Ich denke es wird besser, wenn man Freunde gefunden hat die bereits arbeiten. Da kann es natürlich auch sein, dass die nochmal umziehen, aber ich glaube es wird zunehmend unwahrscheinlicher.
Single bin ich erst seit kurzem, da kann ich dir leider auch gar nicht weiterhelfen. Hmm.
Ach, blöd.
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15.12.2016, 17:45
AW: Ich fühle mich so verloren
Liebe Gurkenbrot,
Zwei Punkte sind mir ins Auge gesprungen:
einmal deine Unsicherheit bei Dates/dein "happy face" - das klingt so mühsam und uninteressant. Gibt es denn Menschen, bei denen du einfach nur du sein kannst? Und was ist mit denen für dich gegebenenfalls anders? Vielleicht brauchst du mehr Vertrauen und Sicherheit, um warm zu werden? Oder einfach mal die Erfahrung, dich mehr zu zeigen? Du klingst sehr nett und reflektiert, das ist doch anziehend und interessant. Da könntest du entweder bevorzugen, Leute zu daten, die du schon ein bißchen besser kennst, oder aber einfach mal ausprobieren, wie die echte/ganze Gurkenbrot ankommt.
Das zweite war das "ich bin alleine " - und dann "unter schwangeren Pärchen". Nicht alleine, wenn du die anderen als Menschen sehen kannst und nicht als Doppelpack. Lass dich nicht von so vorgefertigten Schablonen verunsichern.
Nur Mut!that was the river - this is the sea
Moderation in den Foren "Kindergesundheit", "Persönlichkeit" und im "Corona"-Forum
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15.12.2016, 17:55Inaktiver User
AW: Ich fühle mich so verloren
Wie kann man sich vorstellen, dass Du Studienzeit, Bekanntschaften und Freunde mit Deiner Familie vereinbart hast?
Bist Du dann jedes Wochenende nach Hause gefahren oder hast häufig telefoniert?
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16.12.2016, 11:13
AW: Ich fühle mich so verloren
Vielen Dank für die Antworten!
Das mit meinem happy-face ist so eine Sache..Das hat sich irgendwann in der Schulzeit so eingebürgert, da war ich dann so ein bisschen der Klassenclown :) und auch in der Familie war ich oftmals diejenige, die für gute Stimmung gesorgt hat. Ich versuche, das schon seit einer Weile abzulegen, aber da ist dann immer so eine fiese Stimme im Kopf, die mir sagt, dass die anderen (egal of Date oder Freunde) mich nicht auf Augenhöhe sehen. In meiner Familie war es oft schwierig, die Ehe meiner Eltern zerrüttet, die beiden haben sich auf eine merkwürdige Art und Weise sehr isoliert. Ich hatte immer das Gefühl, meine Familie ist tatsächlich sehr anders. Und das ich deshalb auch ganz anders bin als meine Mitschüler/Studenten, in deren Familien man nicht die ganze Zeit wie auf rohen Eierschalen durchs Haus läuft.
@maryquitecontrary: Ich habe ein paar langjährige Freundschaften, die kennen mich eigentlich in allen Facetten. Aber die sehe ich eben umzugsbedingt vielleicht dreimal im Jahr oder so...
@kenzia: Tatsächlich wohne ich ziemlich weit weg, aber ich telefoniere/skype viel mit meiner Familie und bin auch in den Semesterferien häufig dort gewesen. Mein Bruder besucht mich auch häufig im Süden. Der Rest - straffes Zeitmanagement ;) das Studium war schon sehr zeitaufwendig, dann die Zeit mit Freunden, Sport etc..Wahrscheinlich muss ich lernen, egoistischer zu sein und nicht mehr auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen..Dann gibt es auch mehr Platz für einen Mann im Leben
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16.12.2016, 11:42
AW: Ich fühle mich so verloren
Vielleicht habe ich mich verlesen, aber: Mir ist derzeit nicht klar, was du machst. Studierst du noch oder ist dein Studium abgeschlossen? Arbeitest du bereits? Hast du einen Job, verdienst du Geld?
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16.12.2016, 12:00Inaktiver User
AW: Ich fühle mich so verloren
@Gurkenbrot
Du bist 27 Jahre alt. So um die 30 beginnt meist die zweite Pubertät. Das spürst Du jetzt. Du merkst, dass Du Dich allmählich von Deiner Mutter löst, lösen möchtest. Es wird Zeit diese Schritte zu tun. Deine Unsicherheit ist ganz normal.
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16.12.2016, 12:25
AW: Ich fühle mich so verloren
@Blue2012: Ich beende in wenigen Wochen das Studium, leben tu ich von diversen Kellnerjobs und Unijobs und einem Zuschuss von meiner Mutter, ohne den ich leider noch nicht auskomme.
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16.12.2016, 13:24
AW: Ich fühle mich so verloren
Hi,
uff, das Problem kenne ich nur zu gut. Bin ebenfalls Ende 20. Allerdings seit über fünf Jahren schon mit dem Studium fertig und gleich danach ab ins Arbeitsleben. Bin auch ein ehemaliges Dorfkind, studiert habe ich weiter weg, nun wohne ich in einer größeren Stadt im Süden Deutschlands.
Es hat bei mir lange gedauert, bis ich "ankam". Meine Freunde aus Schulzeiten musste ich zurücklassen, die Studienfreunde sind über ganz Deutschland verteilt, Kontakt besteht nur zu denen, mit denen ich direkt arbeite.
Es wurde erst dann richtig zu meiner Heimat, als ich begonnen habe, mir Hobbies zu suchen, bei dem ich zu anderen Leuten Kontakt bekomme und meine Stärken zeigen kann. Bei mir war es das Musizieren und ein Spieleclub (Brettspiele und Co.). Dadurch sind neue Freundschaften entstanden und nein, die sind nicht alle schwanger
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Ich bin in einer Beziehung aber mich gibt es auch Einzeln. Ist das bei deinen Freundinnen denn nicht so? Wenn ja, dann kann ich deinen Unmut durchaus verstehen. Ich war auch jahrelang ohne festen Partner, da gehen einem so "Klebe-Pärchen" tierisch auf den Wecker. Und ja, man will immer das, was man gerade nicht hat. Bis man sich nur noch darauf fixiert und mit dem Vergleichen überhaupt nicht mehr aufhört. Und dabei sich selber vergisst.
Was mir auch geholfen hat: Sachen alleine machen. Schwimmen gehen, Sauna (herrlich, keiner quasselt einen zu), Fitnessstudio, ins Café gehen (und gemütlich ein Buch lesen), einen Film im Kino angucken. Dadurch habe ich gemerkt: Hey, es geht auch alleine, die anderen brauchts nicht zwingend. Hat mir sehr geholfen und dieses "ich bin alleine" Gefühl gemildert.
So konnte ich dann auf andere zugehen und wirkte nicht so "bedürftig".
Du bist mit diesem Thema nicht alleine, viele geben es einfach nicht zu, so meine Erfahrung.
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16.12.2016, 13:55
AW: Ich fühle mich so verloren
Dann machst du derzeit dein Examen?! Wenn ja, dann ist dies erstens eine enorm hohe Belastung inkl. Nebenjobs. Und zweitens kommt mit dem Ende des Studiums ja auch die Jobwelt auf dich zu und damit einhergehend auch ein Abschied vom "alten" Studentenleben.
Es ist eine Neuorientierung. Inklusive ein Stückweit Erwachsen-werden.
Ich schlage hier eine sachliche Überprüfung dieser sog. "Freundschaft" vor.
Ich habe meinen Mann "erst" mit Anfang 32 gefunden. Wäre ich bei dem geblieben, den ich mit 27 hatte, oh Schreck, dann wäre mir mein heutiger Mann ja nie begegnet!! Fürchterliche Vorstellung!!!


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