Hallo Honigeis,
ich bin/war total schüchtern. Manchmal kommt das noch wieder, ganz unerwartet, und ich bringe keinen Ton raus, oder erfinde Ausreden mir selber gegenüber (alles nicht so wild/man muß auch mal was aushalten/eigentlich brauche ich das nicht wirklich) damit ich nichts tun muß. Aber meistens passiert das nicht mehr, weil ich irgendwann so genervt wurde, daß die Genervtheit größer war als die Schüchternheit und ich nichts mehr wollte, als daß endlich was passiert, egal, wie bekloppt ich dabei aussehe und was die Leute denken. Schüchternheit ist eine Art Lampenfieber, aber die Show auf die Bühne kriegen, war wichtiger.
Und je öfter man das macht, je öfter man sich sagt, "die haben alle schon viel blödere Leute als mich gesehen", "das ist deren Job", "die interessieren sich nicht die Bohne für mich und wenn ich nciht schreiend und Haareraufend durch den Raum renne, haben die mich in zwei Minuten wieder vergessen", je öfter man die Erfahrung macht, "na, geht doch", desto leichter wird es.
Tricks, mit denen man von "Genervt" durch Handlung zu "na, geht doch" kommen kann:
Ein Schritt nach dem anderen. Sich zu der Tür umzudrehen ist doch kein Akt. Tun. Weiter. Die Klinke zu greifen. Tun. Weiter. Durch die Tür zu gehen. Tun. Und, oh Gott, da sind Leute! Ich weiß nicht, wo ich hin soll, was ich tun soll, alle werden mich angaffen... Jetzt den geprobten Satz sagen, "Ist hier der Selbstverteidigungskurs?" und erwartungsvoll gucken.
Sich gar nicht erlauben, über die nächste Aktion nachzudenken. Wissen, was sie ist und sie ausführen.
Sich vorstellen, man wäre seine eigene Schwester und würde das für die machen, weil die Schwester zu schüchtern ist. Sich vorstellen, man wäre Wonder Woman/ein Alien, das zu Studienzwecken incognito auf der Erde ist/ein Mystery-Shopper.
Bei Aktionen wie "ich muß jetzt schreien" oder "Ich muß jetzt durch dieses Brett hindurch auf den Boden hauen" sich auf die Aktion konzentrieren, nicht auf die Bedeutung.
Nie drüber nachdenken, was man "wirklich braucht" oder wie taff man sein sollte, oder was man "verdient". Außer nach Mitternacht bei einer Buddel Rotwein.
Wenn man etwas boshaft sein will, kann man sich sagen, "die Leute werden sich viel mehr wundern, was ich für ein Spinner bin, wenn ich *nicht* hingehe!" Das erschwert aber, nach dreimaliger Abwesenheit wieder hinzugehen.
Denke daran, daß du (fast) niemandem Begründungen oder Rechtfertigen schuldig bist. Dir fällt keine Ausrede ein, wieso du dreimal nicht da warst? Du brauchst keine. Wenn die Leute fragen (weil sie das als Smalltalk betrachten) warum du nicht da warst, sagst du "ging leider nicht". Das ist eine völlige Null-Aussage, und reicht genau deswegen. Wenn die Friseurin zickt, warum dir das Wasser zu heiß ist, sagst du "es ist mir zu heiß". Dumme Frage, dumme Antwort. Immer nett klingen, dann merken die Leute das gar nicht.
Von den wirklich schwierigen Sachen mache nur eine am Tag, oder eine in der Woche. Manchmal hilft es da auch zu sagen, "mir fällt das jetzt schwer, weil ich total schüchtern bin..." und dann anzufangen. Dann ist jedes Stammeln erst mal entschuldigt.
Kann auch sein, daß du all deine Durchsetzungsenergie in der Arbeit aufbrauchst. Stell dir vielleicht vor, daß du dir ein oder zwei Bonbons/Asse/Löffel (= Durchsetzungsenergie) in den Ärmel schiebst und nach Hause mitnimmst. Und dann denkst, "ich habe ja noch einen gut!"
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Ergebnis 11 bis 20 von 30
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27.07.2016, 12:49
AW: Ich bin total feige - wie überwinden?
** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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27.07.2016, 12:56
AW: Ich bin total feige - wie überwinden?
Vielen Dank für all eure Antworten, Anregungen, Tipps



Von der Seite habe ich das noch nie betrachtet. Ist aber sicher ein guter Ansatzpunkt. Wenn auch noch eine innere Großbaustelle

Ich hing gestern auch an einem Punkt fest, der mir immer wieder durch den Kopf ging: Was würde ich denken, wenn ich etwas gut könnte und jemand kommt neu dazu und kann es -noch- nicht so gut.
Im schlechtesten Fall gar nichts, wohl aber eher: hey, toll, er/sie versucht es und macht mit. Macht wohl wirklich Sinn, nicht so um sich zu kreisen
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Und nun das Beste *tatatataaaa*: ich bin doch noch hingegangen... (ok, nach drei Anläufen, aber immerhin) und es war -natürlich!- gar nicht schlimm, sondern alle waren wieder supernett und hilfreich. War anstrengend und hat richtig Spaß gemacht, ich hab völlig vergessen, mich über meine Tollpatschigkeit zu wundern oder zu ärgern.
Und wurde auch gleich mit "bis zur nächsten Stunde!" verabschiedet. Öhm...
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27.07.2016, 13:07
AW: Ich bin total feige - wie überwinden?
Na, siehst Du, das ist doch ein schöner kleiner Erfolg
Meine Vorrednerinnen haben schon so viele kluge und wahre Dinge gesagt, dass ich gar nicht viel mehr hinzufügen möchte, als Dich zum Dranbleiben zu ermutigen. Ich weiß, es kostet immer wieder Überwindung, es fühlt sich manchmal ätzend an, man würde am liebsten davonrennen oder die Decke über den Kopf ziehen, aber denk daran, wie gut Du Dich hinterher fühlst, wenn Du etwas durchgezogen hast, und das schätzungsweise auch noch mit Erfolg!
Ganz wichtige Sätze: "Ich bin genauso viel wert wie alle anderen und darf auch dafür einstehen" und, was mir manchmal sogar noch mehr geholfen hat: "Die anderen kochen auch nur mit Wasser. Und zwar ALLE."
Was hab ich mich innerlich früher selbst zerfleischt, wenn ich im Job einen dummen Fehler gemacht oder unter Freunden einen dämlichen Satz gesagt habe ... bis mir irgendwann aufging, dass ausnahsmlos alle anderen, selbst die, die immer alles perfekt zu machen scheinen, Mist bauen, einen schlechten Tag haben, auf der Leitung stehen oder sich total zum Horst machen.May you be surrounded by friends and family,
and if this is not your lot, may the blessings find you in your solitude.
Leonard Cohen
Entweder man lebt, oder man ist konsequent.
Erich Kästner
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27.07.2016, 13:19Inaktiver User
AW: Ich bin total feige - wie überwinden?
In dem Du als Erstes die Wertung heraus nimmst und aufhörst, Dich selbst schlecht zu machen

"feige" ist eine sehr negative Beschreibung- dabei tust Du nur eines- Du vermeidest.
Und überlege mal, was Dir dieses Vermeiden alles ermöglicht!
Die Vermeidung ergibt sich offensichtlich aus Glaubenssätzen, die Du Dir einst zugelegt hast.
Bedeutet: Schritt zwei: Glaubenssatz- Arbeit
„man hat nichts zu wollen“ oder „jammer nicht rum, man muss auch mal was aushalten“ sind ganz klassisch dafür
(ich schätze, Du hast noch mehr im Gepäck
).
Wichtig zu verstehen, dass sie Dir einst gute Dienste geleistet haben!
Es war mal wichtig, genau das so zu übernehmen.
Leider behalten wir diese "Errungenschaften" auch noch dann, wenn sie uns nicht mehr nützen oder sogar schädigen......wie nun bei Dir.
Glaubenssatz- Arbeit geht genau da hinein und unterstützend wird auch immer mit Affirmationen gearbeitet- so wie hier nun auch schon vorgeschlagen worden ist.
Möglich, dass Dir diese Vorlagen helfen- letztlich ist es wichtig, dass dieser Satz sich gefühlt absolut stimmig zu dem anfühlt, um was es damals gegangen ist.
Daher ist es am besten, wenn man seine perfekte Affirmation aus dieser GS-Arbeit erarbeitet.
Du darfst Dich von allem befreien und Du selbst werden......die alten Schuhe darfst Du nun wegschmeißen
lg kenzia
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27.07.2016, 13:59
AW: Ich bin total feige - wie überwinden?
Ach super, Honigeis, das freut mich aber!

Siehst du, sagen wir doch alle, du bist ueberhaupt nicht feige, hoechstens masochistisch, weil Du Dich selbst immer geisselst, wie das jetzt aussehen koennte! Aber Du bist doch auf einem guten Weg, Dir das abzugewoehnen!
Moderatorin im Forum Über Treue und Lügen in der Liebe, Politik und Tagesgeschehen, Was bringt Sie aus der Fassung?, Medizinische Haarprobleme und Zähne
"Ich hasse es, wenn Fantasy sich einfach nicht an die Realitaet haelt".Maxi Gstettenbauer
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27.07.2016, 14:05Inaktiver User
AW: Ich bin total feige - wie überwinden?
Liebe Honigeis, wie schön! Das freut mich sehr für Dich!
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27.07.2016, 15:25
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27.07.2016, 15:37Inaktiver User
AW: Ich bin total feige - wie überwinden?
Du bist nicht feige und Du hast Dich bereits überwunden.
Das ist toll!
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27.07.2016, 20:42
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27.07.2016, 22:36
AW: Ich bin total feige - wie überwinden?
Oh. Ich hatte das so ähnlich. Gelegentlich kam's vor, dass ich eine halbe Stunde vor dem Telefon sass, mich nicht bewegen konnte, es nicht in die Hand nehmen konnte, und dann das Telefonat NICHT erledigte.
Inzwischen ist es nicht mehr so schlimm, aber gerade Telefonieren find ich immer schwierig. Ich kann den Hörer nie mit der Selbstverständlichkeit in die Hand nehmen, wie andere das offensichtlich ganz leicht können und tun. ^^
Alle, selbst die 13 jährigen, brüllen und schlagen und treten wie im Kino und vor mir erschreckt sich nicht mal ein Gänseblümchen.
danke für den Lacher des Abends! 
Ich mach inzwischen ja schon ziemlich lang Selbstverteidigung (Geschmacksrichtung Wing Tsun Kung Fu) und hatte schon diverse Trainigspartnerinnen - und kann sagen: das ist völlig normal und häufig und üblich.
Ach was. Dinge, die man über Jahrzehnte lernt und übt (wie: brav sein, still sein, sich nicht interessant machen, keine Ansprüche stellen etc) verlernt man nicht eben mal so an einem Abend. Das braucht Zeit. Gib dir diese Zeit! - in Monaten und Jahren, nicht in Tagen und Wochen; solche Themen sind hartnäckig. Aber es lohnt sich, dranzubleiben, und erhöht im Lauf der Zeit die Lebensqualität massiv - körperlich, und psychisch.Weil der Gedanke, dass die sich schon gruseln, da jetzt wieder die plumpe, leise Tante, die es eh nicht lernt, kommt und sich einer opfern muss, sich um sie zu kümmern, mich dazu bringt, mich daheim über meine feige Art zu ärgern.
Ich trainiere gern auch mal mit Leuten, die noch nicht so lange studiert haben wie ich; das hat mir auch erst ein Gefühl dafür gegeben, welchen Weg ich schon zurücklegte. Wenn ich immer mit jenen vom selben Niveau trainiere, bleibt es immer subjektiv gseehen gleich schwierig, auch wenn objektiv gesehen Fortschritte zu verzeichnen sind. Seit einigen Monaten hat eine neue Person in unserer Gruppe angefangen; und wenn ich seh, wie sie sich abmüht (Schulterschmerzen! Muskeln die nicht so dehnen wollen, wie sie idealerweise sollten! schwere Arme!) - und das in einer Phase, wo ich für mich denke "jo das war jetzt ein bisschen lockeres Aufwärmen, jetzt könnten wir dann mal etwas Gas geben", dann erinnere ich mich dran - ich hatte das alles auch! ich armes Schwein. und arme arme Trainingskollegin, die da jetzt durch muss
. Aber es geht vorbei!
Mir macht's auch Freude, die Schüchternen und Leisen etwas aus der Reserve zu locken und die inneren Tiger zu wecken; das sind immer tolle Moment, wenn sich jemand das erste Mal so richtig gehen lassen kann und aufhört, sich selbst zu bremsen. (und dann meist gleich ob der eigenen Kraft und Macht erschrickt, die da durchscheinen durfte, das gehört auch dazu.)
Ein Teil: sich immer wieder überwinden. Ein Teil ist schlicht Sturheit und Dranbleiben.Hat jemand eine Idee, oder war selber zu feige für dies und das, und hat das überwunden?
ein Teil: Hilfe holen. Selbstverteidigung in einer netten Gruppe ist tolle Hilfe. Ich möchte das auf keinen Fall mehr missen, der wöchentliche Termin ist fix in der Agenda drin.
und ein Teil: Lebensmanagement. Also die Dinge, über die wildwusel gesprochen hat. Es sich leicht machen, nicht schwer.
Nicht aufgeben, dran bleiben, dann kommt das :-)
gruss, barbara


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