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    Heimweh mit 35?

    Liebes Forum,
    ich habe in der Vergangenheit hier öfter mitgelesen und möchte mich nun an euch mit meinem Anliegen wenden: Kurz gesagt habe ich mit 35 Jahren Heimweh.

    Ich stamme aus einem kleinen Nest mit 12.000 Einwohnern in Osthessen. Dieses Städtchen war immer meine auch von mir anerkannte Heimat. Meine Familie wohnt dort und ich bin die erste, die weiter weggegangen ist. Während der Schule und auch während des Studium stand für mich nie zur Disposition einmal dort nicht zu wohnen. Ich war im Studium die klassische "Übers-WE-Heimpendlerin".

    Mir war nach dem Abitur wichtig, dass ich mein Studium woanders verbringe, damit ich mal etwas anderes gesehen habe. Für mich stand da aber immer noch fest, wieder nach Hause zu ziehen. Es kam dann aber alles irgendwie total anders. Immer, wenn die Möglichkeit bestand, wieder in die Heimat zu gehen, habe ich es vor mir hergeschoben und es zeitlich dann auch verschoben. Studiert habe ich in den schönen Städten Freiburg, Mainz und Rom. Nach dem Studium habe ich dann zwei Jahre weiter in Rom gelebt und dort gearbeitet. Nachdem ich dann meinen jetzigen Mann geheiratet habe, der aus dem gleichen Städtchen kommt wie ich, bin ich dann für drei Jahre nach München gezogen. Jetzt leben wir seit geraumer Zeit in Heidelberg, rund 130km von der Heimat weg. Hier ist es sehr schön. Wie leben hier gut in Heidelberg, wobei ich sagen möchte, dass wir jetzt nicht megaviele Freunde hier haben. Wir haben hier natürlich die ein oder andere Bekanntschaft, aber unsere meisten Freunde stammen aus dem Studium. Da wir mittlerweile über ganz Deutschland und halb Europa verteilt sind, muss man sich ohnehin immer gegenseitig besuchen und da ist es egal, wo man nun hinfährt. Die Strecke in die Heimat ist problemlos an einem Tag hin und zurück zu schaffen. Wir sind auch oft da, weil beide unsere Familien dort leben. Wir sind nun auf der Suche nach einer dauerhaften Bleibe. Wir wollen endlich ankommen. Zur Zeit wohnen wir noch zur Miete, suchen aber ein Haus, da wir auch eine Familie gründen wollen. Vermehrt werde nun ich vom Heimweh gepackt. Die Vorstellung, ein Haus in meinem Heimatnest zu haben, umgibt mich mit dem Gefühl innerer Wärme und Geborgenheit. Ich habe Angst davor, hier ein Haus zu kaufen. Mein Mann arbeitet bei einer Firma, die mehrere Standorte in Deutschland hat und könnte in gleicher Position im Laufe der nächsten 1,5 Jahre zur Filiale in Fulda wechseln.

    In unserer Heimat ist nicht viel, eigentlich gar nix. Keine tollen Geschäfte, keine Freunde mehr - alle sind weggezogen. Aber an den Gedanken, dort durch die Wälder und Wiesen zu streifen - die ich alle kenne - erfüllt mich mit dem Wunsch, unbedingt wieder dort hin zu wollen. Wälder gibt es hier auch, sehr schöne sogar, aber es ist nicht vergleichbar mit meiner Heimat. Das Gefühl fehlt mir. Auch ich könnte jobmäßig wechseln, da ich in meinem Job 100 Prozent ortsungebunden bin.

    Ich bin etwas ratlos und denke hin und her. Verkläre ich nur meine Heimat? Ich habe irgendwie auch Angst dort zu versauern. Dort ist ja nichts. Nur das Gefühl "Heimat" zieht mich an....

  2. Inaktiver User

    AW: Heimweh mit 35?

    Zitat Zitat von Dominica Beitrag anzeigen
    Verkläre ich nur meine Heimat?
    Ja, vermutlich.

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    AW: Heimweh mit 35?

    Es gilt zu unterscheiden, ob es die Sehnsucht ist nach Dingen, die die Heimat verkörpern, z.B. Landleben, schöne Natur, Ruhe usw, oder ob es wirklich dieser Flecken Erde an sich ist.

    Das gibts schon auch haufenweise, dass die Leute nach dem Studium, oder nachdem sie sich beruflich etabliert haben, wieder in ihre Heimatorte zurück kehren, weil sie sich eben nur dort wirklich zuhause fühlen. Mir selbst gehts auch so, dass ich gerne in die Region, in der ich sozusagen "sozialisiert" wurde, zurück kehren würde, weil sie einfach sehr schön ist, dies aber nicht kann, weil es dort für mich keine Arbeit gibt.

    Und es hat sicher auch was damit zu tun, dass wir als Kinder die Welt anders, ungefilteter, sinnlicher und ohne Distanz, aufgenommen haben und sich das tief in uns eingebrannt hat. d.h. der Himmel, die Gerüche, die Farben, die Formen werden uns nirgendwo mehr auf die gleiche Weise so vertraut werden wie da, wo wir aufgewachsen sind. Was nicht heisst, dass wir die deswegen in unserem Erwachsenenleben unbedingt wieder haben wollen. In meinem Dorf habe ich mich trotz dieser großen Vertrautheit nie wohlgefühlt und da würde ich auch nicht mehr hin wollen.

    Aber wenn du in der Familienplanung bist, dann wird deine eigene Kindheit natürlich auch wieder präsenter. Dann kannst du das Heimweh auch als Wasserstandsmelder sehen für die Dinge, die du dir für deine Kinder wünschst. Ob es dazu dann tatsächlich deinen Heimatort braucht oder ob ihr das auch woanders nicht genauso leben könnt, das wäre dann die Frage.
    Grüße
    A.

    Wenn man bedenkt,wie oft ich in diesem Leben schon falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch auf diesem Planeten befinde.

  4. Inaktiver User

    AW: Heimweh mit 35?

    Zitat Zitat von Dominica Beitrag anzeigen
    Ich bin etwas ratlos und denke hin und her. Verkläre ich nur meine Heimat? Ich habe irgendwie auch Angst dort zu versauern. Dort ist ja nichts. Nur das Gefühl "Heimat" zieht mich an....
    Könnt ihr nicht nochmal ein Jahr oder so in deiner Heimat wohnen, bevor ihr euch mit dem Hausbau richtig festlegt?

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    AW: Heimweh mit 35?

    vielleicht möchtest du deinen zukünftigen kindern auch das gleiche heimatgefühl mitgeben......

    wie wäre denn aus heutiger sicht in der alten heimat als kind großzuwerden?
    Es wird Zeit für eine neue Signatur

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    AW: Heimweh mit 35?

    Liebe Dominica,

    erstmal: Ich kann Dich gut verstehen. Mein Umfeld besteht zu einem großen Teil aus Menschen, deren Credo lautet: Dort, wo ich mich beruflich verwirklichen kann, will ich wohnen. Egal, ob im In- oder Ausland. Mein Kopf findet diesen Zugang eigentlich auch richtig. Mein Mann hat kürzlich zu mir gesagt, er fühle sich als Mitteleuropäer.

    Das alles passt ja auch gut zu unserer globalisierten Welt und unserer guten Ausbildung, die wir ja auch einsetzen möchten - dort, wo sie gefragt ist und wo sie uns am meisten bringt (Gehalt, Lebensqualität). Aber ich merke für mich auch, dass das nicht "meins" ist. Ich bin vor fast vier Jahren mal eben 1000 km weit weg gezogen - wegen des Jobs meines Mannes und unserer sich ankündigenden Tochter. An sich keine schlechte Entscheidung. Es geht uns gut, mein Mann hat einen tollen Job und wir mittlerweile eine gesunde quietschfidele Tochter. Das ist mehr als viele sich wünschen und mehr als man "eigentlich" vom Leben verlangen kann.

    Aber ich bin froh, dass wir bereits ganz zu Beginn vereinbart hatten: Wenn's uns nicht gefällt, gehen wir halt wieder zurück. Und darüber, dass mein Mann dieses Versprechen einhalten wird. Denn: Es gefällt mir hier immer noch nicht. Es gefiel mir hier nie und es wird mir hier auch nie gefallen. Ich fühle mich von der gesprochenen Sprache immer noch angegriffen, die Tonalität ist so viel härter als dort, wo ich her komme. Ich habe es (wohl auch aufgrund dessen) noch immer nicht geschafft, mir hier ein "Nest" zu bauen, sowas wie Geborgenheit zu finden. Es ist mir sehr bewusst, dass es an mir liegt. Und ich tu mein bestes, mich hier zu "integrieren". Aber bleiben will ich hier nicht.

    Ich habe lange gebraucht, um die Sprache als Hauptproblem identifizieren zu können. Vielleicht kannst Du für Dich auch die Probleme in Deiner derzeitigen Umgebung benennen? Und dann gemeinsam mit Deinem Partner überlegen, was davon ihr eventuell lösen könnt? Vielleicht noch öfter in die Heimat fahren? 130 km sind ja tatsächlich keine besonders große Distanz? Ich kann hier nur von mir sprechen, aber für mich wäre alles, was näher als 150 km an "meiner" Stadt liegt, schon nahezu paradiesisch. Aber bei mir geht's auch v.a. um die Sprache - und die Möglichkeit, Freunde und Familie mal am WE zu besuchen.

    Und eines sollte Euch bei Euren Überlegungen auch klar sein: Wenn dann mal Nachwuchs da ist, sind es nochmal ganz andere Einflussfaktoren, die über die Lebensqualität bestimmen. Da kann eine gute und flexible Kinderbetreuung oder ein familienfreundlicher Arbeitgeber den einen oder anderen Nachteil locker wieder wettmachen.

    Alles Gute

  7. Inaktiver User

    AW: Heimweh mit 35?

    In unserer Heimat ist nicht viel, eigentlich gar nix. Keine tollen Geschäfte, keine Freunde mehr - alle sind weggezogen. Aber an den Gedanken, dort durch die Wälder und Wiesen zu streifen - die ich alle kenne - erfüllt mich mit dem Wunsch, unbedingt wieder dort hin zu wollen. Wälder gibt es hier auch, sehr schöne sogar, aber es ist nicht vergleichbar mit meiner Heimat.
    Hast du Heimweh nach deiner Heimat, wie sie JETZT ist (inklusive einem Leben, das du JETZT dort führen würdest), oder hast du Heimweh nach der Heimat, wie sie in der Vergangenheit war und somit nach dem Leben, das du in der Vergangenheit dort geführt hast?
    Stell dir diese Frage. Nicht selten geht es nämlich um zweiteres.

  8. User Info Menu

    AW: Heimweh mit 35?

    Danke schon einmal für diese ganzen Antworten.

    Natürlich ist die Gefahr sehr groß, dass man mit dem Heimatgefühl dasjenige Gefühl verbindet, welches man als Kind gehabt hat und das sich so ja nicht mehr einstellen wird. Fakt ist tatsächlich, dass die gesamte Lebensumstände auf dem Dorf etwas komplizierter sind als in der Stadt. Einen Klamottenladen gibt es in meiner Heimat seit letztem Sommer nicht mehr (hat zugemacht), das Freibad ist geschlossen worden, einen eigenen Pfarrer gibt es nicht mehr, es stehen mehr und mehr Läden leer und die Leute ziehen weg. Gleichwohl bin ich sehr gerne da. Bei mir stellt sich auch immer wieder dieses "Heimatgefühl" ein, wenn ich dort spazieren gehe, mit dem Cabrio durch die Gegend fahre oder ein wenig radele. Meine Heimat ist trotz allem ein Ort an dem ich gerne bin.

    Ich bin aber auch gerne in Heidelberg und genieße die Vorzüge hier. Das Schlendern durch die Geschäfte, die Nähe des Kinos, die Lokale. All das gibt es in meiner Heimat nur, wenn man mit dem Auto 40, 50 km fährt. Das Leben in der Stadt bietet einen viel breiteren Horizont und das merkt man (leider) auch an den Menschen auf dem Dorf, die ziemlich engstirnig und verpappt sind. Dies gebe ich ja zu, dass ich von meiner Lebensart eher in die Stadt passe, da mir das städtische einfach besser liegt. In meiner Heimat gibt es kein Lokal mit gutem Wein, geschweige denn eine Vinothek. Das würde ich alles vermissen. Es gibt ein Wirtshaus, in dem immer die selben Gestalten sitzen. Dort kann man Schnitzel mit Pommes und Bier ordern. Das wars.

    Genau das ist mein Problem: Dieses Abwägen zwischen dem Heimatgefühl und den ganzen Nachteilen, die es in meiner Heimatstadt gibt. Wie gesagt: Ich bin dort aufgewachsen und kenne es nicht viel anders. Aber es ist schon ein wenig Angst auch dahingehend da, was einmal mit dem Wert von Immobilien wird etc. Die Infrastruktur wird immer schlechter, es gibt immer weniger Ärzte etc....

  9. User Info Menu

    AW: Heimweh mit 35?

    vielleicht geht es ja darum, einen Platz zu finden, an dem sich das beste aus beiden Welten vereinen lässt.
    Und den gibt es. Das Dorfsterben ist leider weit verbreitet, aber ich habe zu meinem Erstaunen in einer Metropolregion ein sehr lebendiges Dorf gefunden (7500 Ew), das sich durch den vielen Zuzug in die Region durch die Industrie, positiv entwickelt hat, da sehr offen, und auch mit guter Infrastruktur durch den Wohlstand. Hier gibts zwar auch reine Schlafdörfer, aber eben auch Dörfer mit gesunder Sozial- und Infrastruktur und daher lebendig und intakt.

    Woran das genau hängt, ob das nur eine Frage der Regionalpolitik ist, keine Ahnung. Aber Dorf ist nicht gleich auf absteigendem Ast, nur weil es ein Dorf ist. Gerade in den Speckgürteln der Städte könntet ihr fündig werden.
    Grüße
    A.

    Wenn man bedenkt,wie oft ich in diesem Leben schon falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch auf diesem Planeten befinde.

  10. User Info Menu

    AW: Heimweh mit 35?

    Was sagt Dein Mann zu Deinen Überlegungen?

    Nach allem, was Du schreibst, könnte ich mir nicht vorstellen, in dieser Gegend eine Familie zu gründen ... Für mich klingt es tatsächlich, als würde es Sinn machen, dem auf den Grund zu gehen, was diese Ecke für Dich so reizvoll macht.

    Die Sehnsucht nach Geborgenheit nach den Jahren "in der Fremde"? Der Wunsch, ein eigenes Nest zu gründen? Ich würde da wirklich genau hinschauen, bevor ich in der Heimat eine Immobilie erwerbe.

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