Liebes Forum,
ich habe mich hier angemeldet, weil ich mir etwas von der Seele schreiben möchte. Ich habe diesbezüglich auch schonmal woanders geschrieben.
Ich hoffe, ihr lacht mich nicht aus.
Achtung, es könnte ein langer Text werden!
Vorab, ein paar Infos zu mir: Ich bin Ende 20, habe mein Studium vor einigen Jahren abgeschlossen und arbeite seitdem in einer netten, kleinen Firma. Meine Arbeit macht mir Spaß, die Kollegen sind nett. Ich habe einen Freund, mit dem ich zusammenlebe, tolle Freunde, die ich zwar unregelmäßig, aber immer wieder gerne treffe, treibe Sport, habe Hobbies. Zu meiner Familie habe ich auch ein sehr gutes Verhältnis, obwohl ich mit meinen Geschwistern nicht allzu oft spreche. Aber der Kontakt ist nicht im Bösen eingeschlafen, sondern einfach, weil wir alle weit auseinander wohnen und zum Teil auch dort schon Familie ist.
Im ersten Moment klingt das alles ganz schön. Doch ich bin unzufrieden. Und in letzter Zeit wird diese Unzufriedenheit immer deutlicher.
Diese Unzufriedenheit beschäftigt mich schon seit meiner Jugend. Ich war nie der Mensch, der viele Freunde hatte, gehörte nie einer wirklichen Clique an. Während die anderen samstags oder freitags in die Disko gingen, habe ich eher zu Hause gesessen - Feiern war nie mein Ding. Ich war auch meist eher die letzte Wahl für meine Klassenkameraden. Auf viele wirkte ich introvertiert und reserviert, aber ich habe mich auch mit den Leuten unterhalten, so ist das ja nicht. Aber irgendwie schien meine Art nicht wirklich auf Anklang zu treffen.
Irgendwann hatte ich dann einen Freund, allerdings hat unsere "Liebelei" ein ziemlich übles Ende gefunden. Näher ins Detail muss ich nicht gehen, es tut nichts zur Sache. Nur soviel: Ich bin nach Ende dieser Beziehung in ein sehr tiefes Loch gestürzt, mein Selbstwertgefühl hat extrem darunter gelitten.
Ich habe mir dann "Trost" und Kontakt in einem Online-Forum gesucht und gefunden und mich in eine Art "Fantasiewelt" zurückgezogen, in der ich jemand sein konnte, der ich schlicht nicht war.
Das ging in etwa 4 Jahre lang, bis die Schule vorbei war und ich auf die Uni ging. Dort habe ich dann zum ersten Mal richtige Freundschaft kennengelernt, die bis heute noch besteht.
Aber zurück zur Unzufriedenheit: Ich habe in mir immer nur die schlechten Eigenschaften gesehen. Selten mal habe ich ein gutes Wort an mir gelassen, sei es wegen meines Aussehen oder wegen meines Charakters. Ich habe seit meiner Jugend ein Bild von mir, ein Ideal vor Augen, das ich aber niemals erreicht habe. In meinen Augen habe ich also kläglich versagt. Aber ich lebte damit, versuchte irgendwie zu akzeptieren, dass das Leben nun mal nicht immer so läuft, wie man es sich wünscht oder vorstellt. Eine Zeit lang klappte das auch mehr oder minder gut.
Vor ein paar Jahren wurde dann an unserer Uni ein Seminar zum kreativen Schreiben angeboten. Da ich immer gerne geschrieben habe, habe ich mich dort angemeldet und angefangen, Kurzgeschichten zu verfassen. Irgendwann merkte ich, dass das Schreiben fast eine therapeutische Wirkung hatte und ich begann mit meinem ersten Roman.
Der Roman ist in Teilen an mein Leben angelehnt mit einigen Abweichungen und ich versuche dort ein wenig meine Vergangenheit zu verarbeiten. Ich habe im Zuge dieses Romans eine Protagonistin gezeichnet, die in vielen Dingen mir ähnlich ist, aber dennoch ganz anders. Sie ist also quasi die Verkörperung meiner Idealvorstellung. Sie ist die Frau, die ich immer sein wollte.
Jetzt kommt das Problem: Je weiter der Roman voranschreitet und je mehr meine Protagonistin an Tiefe erlangt, desto unzufriedener werde ich mit meinem Leben und desto stärker wird die Sehnsucht, die Person zu sein, deren Leben ich gerade beschreibe...
Da meine Unzufriedenheit sich nunmehr merklich auf mein Privatleben auswirkt, muss ich überlegen, wie ich weitermachen möchte.
Soll ich den Roman verwerfen und somit auch die romantische Idealvorstellung, derer ich so nachhänge? Schlicht zu akzeptieren, dass ich versagt habe? Oder soll ich versuchen, diesen Roman als Vorlage für mein eigenes Leben zu nutzen und zu versuchen, der Mensch zu werden, der ich sein möchte?
Vielleicht kann mir ja der ein oder andere einen Impuls geben!
Ich bedanke mich schon mal im Voraus für's Lesen!
Liebe Grüße
Karo_Hemd
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01.03.2016, 08:37
Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
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01.03.2016, 08:50
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Hallo Karo_Hemd,
ich denke, den Roman zu verwerfen würde deine Probleme nicht lösen, nur unter den Teppich kehren.
Da dein Leben ja momentan fast perfekt zu sein scheint, würde mich interessieren, was genau du nun für furchtbare Charakterschwächen an dir erkannt hast. Kannst du hier die wichtigsten Kriterien nennen, bei denen du findest, dass du diese nicht erfüllst und weswegen du dich als Versager fühlst?Nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft.
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01.03.2016, 09:18
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Hallo Animosa!
Also zunächst einmal gibt es da diverse Charaktereigenschaften, die ich an mir nicht mag:
Ich bin faul, schnell reizbar, bin nicht sonderlich gut, wenn es um Smalltalk mit anderen Menschen geht, überhaupt der Umgang mit anderen Menschen macht mir schwer zu schaffen. Ich bin neidisch und benötige viel Bestätigung. Ich giere fast nach Anerkennung und Bewunderung.
Dann gibt es Dinge, die meinen Lebensweg betreffen: Ich habe zwar eine ziemlich geradelinige schulische und berufliche Laufbahn hingelegt, aber ich denke oft, ich habe versagt, wenn ich die Leben anderer betrachte.
Zum einen gibt es dort die Sesshaften, die in meinem Alter schon verheiratet sind, ein Haus haben und ggf. auch Kinder. Zum anderen sehe ich da die "Yuppies" - leben ein Leben in der Stadt, ohne Verpflichtung einer eigenen Familie gegenüber. Ich bin seltsamerweise unglaublich neidisch auf beide Seiten! Aber vielleicht nicht unbedingt auf das Leben an sich, sondern einfach, weil es so aussieht, als ob sie angekommen sind und mit sich und ihrer Lebensweise im Reinen. Das bewundere ich und das hätte ich auch gern.
Und dann sehe ich mich wie ich irgendwie, in meinen Augen, in etwas herumdümpele ohne ein wirkliches Ziel - Was will ich überhaupt? Diese Frage beschäftigt mich so sehr! Ich habe irgendwie derzeit keinen Sinn im Leben.
Für mich ist es tatsächlich so, dass ich versagt habe. Das mag man vielleicht von außen her nicht so betrachten und es ist auch irgendwie schwer, das alles wirklich in Worte zu fassen.
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01.03.2016, 09:19
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Wäre es möglich, die Auseinandersetzung zwischen dem fiktiven Ideal und deiner Wirklichkeit in den Roman aufzunehmen?
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01.03.2016, 09:25Inaktiver User
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Ich kann mir nicht helfen, auf mich wirkt der Eingangsbeitrag schrecklich "hölzern". Als würde da jemand versuchen, eine besondere Tragik und Tiefe herbeizuschreiben und nicht ganz zu Rande kommen.
Ich glaube, den Roman würde ich nicht kaufen.
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01.03.2016, 09:31Inaktiver User
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Hast du dich mal mit der Heldenreise beschäftigt? Buchtipp dazu: "Die Odyssee des Drehbuchschreibers" von Christopher Vogler.
Es ist fast unvermeidlich, bei einem großen kreativen Abenteuer an den Punkt zu gelangen, alles hinschmeißen zu wollen. Genau die Überwindung dieses Tiefpunktes ist das, um was es bei fast jeder schöpferischen Leistung geht: Danach wirst du dich selbst und auch dein "Versagen" in einem anderen Licht sehen.
Bleib dran und versuche, der Mensch zu sein, als der du gemeint bist, oder in deinen Worten: der Mensch zu werden, der du sein möchtest. Und bleibe flexibel in dem Sinn, dass du dir immer wieder Kurskorrekturen gestattest. Wenn ein Hindernis auftaucht, gibt es fast immer einen anderen Weg, zum Ziel zu kommen. Und am Ende wird er sich als sehr lohnend erweisen.
Noch ein Buchtipp: "Der Weg des Künstlers" von Julia Cameron.
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01.03.2016, 09:40
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Also ich finde das spannend, was du hier beschreibst. Ich würde wohl auch gerne deinen Roman lesen.

Du schreibst, du bist mit deinem Romanhelden schon ziemlich weit voran gekommen und identifizierst dich sehr mit diesem in deiner Fantasiewelt. Kannst du verraten, was dieser bereits auf die Beine gestellt hat.
Denn du beschreibst deinen Neid auf das Leben der anderen in alle Richtungen. Du bist eigentlich auf alles andere neidisch. Was macht dir aber jetzt das schlechte Gefühl, deinen Roman betreffend?Nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft.
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01.03.2016, 10:03
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Hmm, ich weiß nicht genau, ob ich dich richtig verstehe. Aber meinst du in etwa, den Protagonisten eine ähnliche Verwandlung zu unterziehen, wie ich sie für mich wünsche? Wenn ja, dann wäre das tatsächlich eine Überlegung wert.
Das klingt sehr plausibel. Vielleicht ist es einfach ein typischer Prozess, den man durchmacht, wenn man autobiografisch schreibt. Man setzt sich j quasi mit sich selbst nocheinmal auseinander, mit dem, was man erreicht hat.
Danke...
Ich weiß allerdings nicht, ob ich den überhaupt jemals veröffentliche oder ihn wirklich nur für mich schreibe... wie gesagt, so eine Art Eigentherapie...
Also gegenüber dem Roman habe ich ja kein schlechtes Gewissen. Wie gesagt, ich empfinde bzw. empfand es am Anfang ja als sehr befreiend, eine fiktive Welt zu erschaffen und diesem Idealbild von mir irgendwie "Leben einzuhauchen".
Je weiter aber eigentlich der Roman voranschreitet, und das wird mir gerade jetzt irgendwie klar, desto mehr bin ich auch auf meine Protagonistin neidisch...
Nunja, was hat sie auf die Beine gestellt? Wenn ich gerade so recht darüber nachdenke, ist unser beider Lebensweg eigentlich ziemlich ähnlich. Auch sie hat in ihrer Jugend nicht ganz so schöne Erfahrungen gemacht und hadert auch jetzt noch mit dieser Vergangenheit. Allerdings ist sie vom Wesen her einfach ausgeglichener, humorvoller, fleißiger, achtsamer auf sich und ihr Leben und auch erfolgreicher im Beruf... Es sind gar nicht mal sooo gravierende Dinge, also nicht, wo man jetzt sagen kann: "Ich bin super faul, sie dagegen ständig auf 180 und arbeitet sich die Finger wund." Die Unterschiede scheinen eher Nuancen zu sein, die für mich aber eine ganze Menge ausmachen.
Zudem hat sie einfach mit vielen Dingen den Frieden geschlossen. Und das wünsche ich mir für mich auch...
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01.03.2016, 10:26Inaktiver User
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Schau dir doch mal die Nebenfiguren in deinem Roman näher an. Wenn du das Gefühl hast, mit deiner Hauptfigur an Grenzen zu kommen, lohnt der Blick auf das restliche Personal. Gibt es da jemanden, der eine starke Wandlung durchgemacht hat? Wie kam die zustande? Wer hat diese Wandlung unterstützt, bekämpft, hintertrieben? Gibt es zu diesen Personen Vorbilder in deinem Leben? Wie gehst du im wirklichen Leben mit denen um?
Was den 'Neid' auf deine Protagonistin betrifft: Welche von den Eigenschaften, die du ihr mitgegeben hast, könntest du an dir selbst stärker herausarbeiten? Gibt es da welche, die du dir nicht erlaubst, vielleicht, weil du davon überzeugt bist, dass sie nicht erwünscht sind in deiner Familie oder deiner näheren Umgebung? Da lohnt es sich hinzuschauen.
Ein Trick beim Schreiben, um die Figuren dazu zu bringen, ihr Innerstes preiszugeben: Führe Interviews mit ihnen. Setze sie in deiner Vorstellung auf einen Stuhl dir gegenüber und frage sie, was du wissen willst. Und dann wechselst du auf ihren Stuhl und antwortest für sie. Am besten zeichnest du das Gespräch auf. Oder du führst ein schriftliches Interview mit ihnen, stellst dir vor, du bist mit ihnen im Chat oder im Mailwechsel. Da kommen interessante Dinge ans Licht, die möglicherweise dich und deinen Roman einen großen Schritt nach vorn bringen können.
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01.03.2016, 10:35Inaktiver User
AW: Sehnsucht nach einem fiktiven Ideal
Als Leser stehe ich oft vor dem Problem, dass ich die Nebenfiguren lieber mag als die Hauptfiguren - weil die Hauptfiguren zu gut sind. Manchmal auch zu betont unangepasst. Oft zu schön, zu talentiert, zu "auserwählt". Würde das auf deine Hauptfigur auch zutreffen? Da steckt ja eine wichtige Lektion dahinter: liebenswert und interessant werden Menschen nicht durch Perfektion, sondern durch ihre Abgründe, Schwächen und Leidenschaften.


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