Hallo ihr!
Eigentlich läuft bei mir alles soweit ganz gut ... aber ich war schon immer so ein Typ, der "mehr" wollte. Wenn ich eine Sache erreicht habe, dann hab ich schon die nächste im Blick. So richtig freuen über einen Erfolg kann ich mich übrigens auch nicht - obwohl das schon besser geworden ist.
Aktuell arbeite ich an einem sehr langfristigen Projekt. Das heißt, ich mache und tu und mache und tu ... aber ob da jemals was bei rumkommt oder wann dieses "jemals" so weit ist, das ist überhaupt nicht vorher zu sagen.
Einzig das Wissen darüber, dass ich bisher fast alles gewuppt habe, was ich mir vorgenommen habe, lässt mich zuversichtlich sein.
Eigentlich weiß ich auch "wie" es geht. Das ist "Arbeit", ich hab also bestimmte Zeiten, in denen ich arbeite (bin selbstständig), daneben sollte ich auch auf meine Gesundheit und seelischen Ausgleich achten usw.
ABER.
Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich die "Arbeitszeit" massiv überschreite, mir sinnlose(?) Gedanken mache, so richtig an dem Projekt "festklebe", als ob ich es dadurch - und nur dadurch - "zum Leben erwecken könnte".
Total unprofessionell.
Mag sein, dass das daran liegt, dass ich dieses Mal zum ersten Mal in meinem Leben etwas mache, das ich wirklich mit meinem Herzblut nähre.
Es macht mich stellenweise verrückt: dass es mir so viel bedeutet, dass es so "ungewiss" ist - und dass ich es letztendlich nicht oder nur kaum "in der Hand" habe.
Was dazu führt, dass ich viel zu viel Zeit gedanklich und auch "aktiv" damit "vertrödele"; wobei mancher Gedanke sicherlich auch sinnvoll ist ...
Insgesamt aber, stelle ich fest, fehlt mir die "professionelle Distanz".
Vielleicht und möglicherweise geht es ja jemandem hier ähnlich ... über Tipps wäre ich sehr dankbar. So kann es nämlich nicht weitergehen. Ich habe ja eigentlich auch noch ein Leben.
Liebe Grüße
Susisa
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Ergebnis 1 bis 9 von 9
Thema: Vom Ehrgeiz angeknabbert
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31.10.2015, 11:47
Vom Ehrgeiz angeknabbert
Ich kann nicht alles erleben, aber ich kann [in einem gewissen Rahmen] leben, wie ich will.
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31.10.2015, 11:54Inaktiver User
AW: Vom Ehrgeiz angeknabbert
das klingt für mich gar nicht schlecht, im gegenteil - ist das nicht eigentlich super, wenn die arbeit nicht mehr entfremdet ist, sondern zur herzenssache wird?
ich meine, man lebt ja nur einmal, und es doch eigentlich traurig, zeit mit sachen zu verbringen, die einem nicht am herzen liegen?
hast du? wirklich?So kann es nämlich nicht weitergehen. Ich habe ja eigentlich auch noch ein Leben.
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31.10.2015, 12:26
AW: Vom Ehrgeiz angeknabbert
Danke! :)
Ja, du hast vollkommen Recht, es ist wunderbar, endlich das zu tun, was ich immer wollte. Manchmal vergesse ich das.
Aber.
So schön es ist - die Kehrseite der Medaille ist leider genauso "unschön".
Ich habe mich wirklich noch nie so "verrückt" gemacht. Schlaflose Nächte, kleinere Heulattacken, unbestimmte (wohl psychisch bedingte) Hautprobleme inklusive.
Bei allem anderen war es mir halt immer viel "egaler", soll heißen, auch da hatte ich teilweise und auch viel zu kämpfen, aber ich war nie so labil.
Deswegen brauche ich irgendwie ein wenig Rat und Hilfe von außen, wie ich das besser machen kann. Professioneller, distanzierter.
Deine zweite Frage, ob ich ein Leben habe ...
Hm. So mit drüber nachdenken: nein.
DAS, was ich tu, ist mein Leben. Ich sage immer so lapidar: "Deswegen bin ich hier." :)
Aber ich habe beobachtet, dass ich eben auch viel Zeit mit unnützem Zeug vertändele, was mehr oder weniger direkt mit der eigentlichen "Berufung" zu tun hat. Das wird mir aber auch jetzt erst richtig bewusst.
Ich wäre also gerne "effizienter", d.h. wenn ich meine Zeit nur der Aufgabe selbst widmen würde: okay.
Aber derzeite mach ich eben auch viel sinnloses Zeug drumherum.
Dabei ist mir aufgefallen, dass es mir besser gehen würde, wenn ich diese Zeit anders nutze:
Freunde treffen, Spazieren gehen, eine Ausstellung besuchen ... sowas eben.
Nur schreibt sich das leider einfacher, als es zu tun möglich ist. Denn ich "klebe", wie gesagt, richtiggehnd an meinem Projekt und auch den unnützen Auswüchsen davon.Ich kann nicht alles erleben, aber ich kann [in einem gewissen Rahmen] leben, wie ich will.
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31.10.2015, 12:34Inaktiver User
AW: Vom Ehrgeiz angeknabbert
hast du denn freunde?
weißt du, wo du spazieren gehen würdest?
weißt du eine konkrete ausstellung, die dich interessiert?
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31.10.2015, 14:20
AW: Vom Ehrgeiz angeknabbert
Das weiß ich, ja. Und Freunde habe ich auch.
Ich kann nicht alles erleben, aber ich kann [in einem gewissen Rahmen] leben, wie ich will.
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31.10.2015, 21:08
AW: Vom Ehrgeiz angeknabbert
Kann es sein, daß dein Eifer an diesem Projekt nicht mit deinen Einflußmöglichkeiten auf seinen Erfolg deckt? Dann fängt man an, unproduktiv zu wurschteln und zu grübeln, als könne man das Projekt mit mentalen Kräften zwingen, rund zu laufen, weil man es mit zielgerichteter Arbeit nicht kann.
Wenn das der Fall ist: Steck dir mental klar ab, wo deine Zuständigkeiten sind, und wo ihre Grenzen, und arbeite innerhalb dieses Feldes oder allenfalls auf den Grenzlininen. Du kannst versuchen, deine Zuständigkeiten zu erweitern, wenn du denkst, du bist die richtige Frau für den Job.
Wenn das Projekt tatsächlich von vorne bis hinten dein "Baby" ist, aber sein Erfolg davon abhängt, was deine Nachfolger und deren Nachfolger mit den Ding machen -- finde einen Mechanismus, um ständig zu prüfen, daß deine Arbeit gut aufgewendet ist und du dich nicht in Dingen vergurkst, die nicht relevant sind oder die du delegieren müßtest. Und auch da: Erkenne, wo deine Macht endet, und verschwende deine Arbeit nicht jenseits dieser Linie.** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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08.11.2015, 09:42
AW: Vom Ehrgeiz angeknabbert
Liebe Wildwusel!
Genau so ist es!
Danke für Deinen hilfreichen Kommentar!
Tatsächlich war es so, dass "mein Projekt" letzte Woche einen richtigen Höhenflug bekam. Ich war so glücklich! ... Und seit ein paar Stunden tut sich "nix" mehr und ich gucke wieder traurig aus der Wäsche.
Aber Du hast vollkommen Recht. Das mentale Abstecken kann ich noch ein bisschen fester machen, vielleicht noch hier und da eine Grenzlinie ausloten. Ich kann mir auch genau ansehen, was "die Nachfolger" gut bzw. schlecht machen und dementsprechend eingreifen bzw. delegieren bzw. mich nach anderen Möglichkeiten umsehen.
Und dann muss ich wohl einfach irgendwann sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Damit nicht das passiert:
Lernprozess olé!das Projekt mit mentalen Kräften zwingen, rund zu laufen, weil man es mit zielgerichteter Arbeit nicht kann

... ist nicht so einfach für mich ...Ich kann nicht alles erleben, aber ich kann [in einem gewissen Rahmen] leben, wie ich will.
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08.11.2015, 14:03
AW: Vom Ehrgeiz angeknabbert
Allerdings! Und so überheblich, dass Du Dich damit erheblich verheben könntest.

Denn auch der Gedanke, dass NUR DU es könntest, ist ja irrwitzig.
Darin steckt also nicht nur der Irrtum, ein Projekt wäre allein per Gedanken- und Sorgenkraft (plus "richtiger" Arbeit, ok) zum Erfolg zu bringen.
Sondern auch der Irrtum, nur Deine Gedanken und Sorgen hätten diese magischen Kräfte.
Man stelle sich vor, beides wäre wahr!?
Dann müsstest Du das Projket sogar auf diese ( bereits als ineffizient und höchst anstrengend sowie persönlich unangenehm erkannte) Weise zum Erfolg führen. Weil Du "ja immer alles" (freches grinsen:) zum Erfolg führst und weil Du die Verantwortung für dieses Projekt übernommen hast.
Grauslige Vorstellung.
Dann ist es schon sehr reflektiert und daher professionell von Dir, dass jetzt bereits erkannt zu haben. Ich habe -wie die meisten mir bekannten PM- die ersten Herzblut-Projekte "gnadenlos auf meine Kosten erfolgreich gemacht".... Mag sein, dass das daran liegt, dass ich dieses Mal zum ersten Mal in meinem Leben etwas mache, das ich wirklich mit meinem Herzblut nähre. ...
Erst dann habe ich erkannte, dass ich damit erstens mir selbst geschadet habe. Und zweitens manchmal einen schnelleren, größeren oder einfach nur freudvoller erreichten Projekterfolg gehabt hätte, wenn ich mich weniger "reingehängt" hätte.
Was mir der gebrochene Hochmut allerdings geschenkt hat, ist Demut. Ich wusste immer, aber fühle heute, dass es fast nichts gibt, ...
- was nicht auch ein Anderer tun könnte.
- was nicht auch ein Anderer weiss (oder wissen könnte, wenn meine Projektdoku professionell gemacht ist).
- was nicht auch ein Anderer richtig entscheiden könnte.
- was nicht auch mir passieren könnte.
Diese Demut entspannt mich gemein.
Mag sein, aber die kann man nur "erlernen", indem man sie "herstellt". Und zwar jedes Mal wieder neu - menschlich, situativ adäquat, informiert, sachlich und ggf. emotional motiviert.... Insgesamt aber, stelle ich fest, fehlt mir die "professionelle Distanz". ...
Simple Tipps dazu kenne ich nicht, es gibt aber bestimmt diesbezügliche Literatur und Trainings.
Insofern wäre es eine Idee, sich mit mehr Informationen zum Thema "Professionelle Distanz" wie auch ernsthafter Lektüre um Thema "Das Ego (generell des PM)" zu widmen.
Und da Du Deine eigene Chefin bist, kannst Du Dir zudem auch einen Überstundenstopp befehlen.

Von daher also Kompliment überhaupt für die Leistung bis hier her.
Ich würde Dir wünschen, dass Du nicht eine von diesen PMn wirst, die glauben, professionelle Distanz wäre gewahrt, wenn man nur nach Dingen schaut, die sich in Excel-Tabellen oder Org-Charts abbilden lassen.
Wer glaubt, man dürfe als PM nicht emotional involviert sein, um professionelle Distanz zu wahren, schädigt sich und seine Projekte.
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08.11.2015, 14:55Inaktiver User
AW: Vom Ehrgeiz angeknabbert
Hallo Susisa,
ich arbeite bei einem grossen Industrieunternehmen (OEM) als Projektleiterin in einer Abteilung unter lauter Projektleitern. Hauptsächlich Männer. Unsere Projekte gehen von ein paar Monaten mit kleinem Buget 250.000 bis ein paar Jahre mit Millionenbudget. Ausgeführt werden die Projekte i.d.R. durch einen oder mehrere ext. Provider. Dies als Hintergrundinfo.
Zum Thema professionelle Distanz:
Ich kann Dir versichern, dass jeder erfolgreiche Projektleiter in meiner Abteilung Herzblut und jede Menge "private" Emotion in seine Projekte steckt.
Die Gefühle helfen dabei die Arbeit nicht nur zu erledigen, sondern sie voranzutreiben. Treiben erfordert Kraft und Gefühle ("positive", aber auch "negative", wie (Versagens-)Angst, Wut) mobilisieren Kraft.
Gefühle sind zudem ein Kompass. Manchmal helfen sie so auch den richtigen Zeitpunkt zum Abbruch zu finden. Kennst Du den Begriff Expertenintuition?
Vielleicht hat es einen Grund, dass Du so ins Grübeln kommst und so starke Gefühle (Heulattacken) entwickelst? Insbesondere da Du Dich nicht als labilen Menschen kennst.
Ich finde Gefühle in der Arbeit jedenfalls nicht per se unprofessionell.
Unprofessionell ist es jedoch dauernd über die eigene Grenze zu gehen. Das Berufleben ist lang und da nützt es nichts, wenn man schon nach wenigen Jahren ausgelutscht und resigniert ist.
Gib auf Dich Acht.
Zum Thema "dass ich es letztendlich nicht oder nur kaum "in der Hand" habe.": Das gibt's bei uns auch.
Wenn beispielsweise das priorisierte Budget nicht zu den gesteckten Zielen passt. Dann hilft mir der Gedanke, dass ich das Beste in dem mir vorgegebenen Rahmen tue, aber das ich nicht rausreissen kann, was bereits dem höheren Management nicht so wichtig war.
LG!Geändert von Inaktiver User (08.11.2015 um 18:48 Uhr)


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