Hallo liebe Community,
seit einiger Zeit läuft mein Leben irgendwie gar nicht mehr und ich möchte mir mal so einiges von der Seele schreiben.
Ich muß eigentlich bei Adam und Eva anfangen, um alles zu erklären, aber ich fürchte, das würde einen einzelnen Beitrag sprengen.
Daher nur kurz zur Vorgeschichte meines Leidens: ICh komme aus einer regelrecht verwahrlosten Familie, wurde von selbiger zeitlebens absolut mies behandelt.Vermutlich kann man das schon seelische Misshandlung nennen, was da abging (ständiges Abwerten, zusammenbrüllen wegen nichts, kontrollieren...).
Ich war nichtsdestotrotz eine gute Schülerin, galt unter Lehrern sogar als ausgesprochen begabt und habe nach meinem (fluchtartigen) Auszug von zuhause ein selbstfinanziertes Studium mit anschließender Promotion gestemmt. Das klingt recht erfolgreich, ich habe jedoch für beides wesentlich länger gebraucht als der Durchschnitt. Zudem war diese Zeit emotional eine einzige Hölle.
Meine Familie gebärdete sich wie wild, zahlte - obwohl voll unterhaltspflichtig - nur den Kindergeldbetrag an mich und überhäufte mich mit Gehässigkeiten in die Richtung, daß ich eine kaltblütige und arrogante Sau (O-Ton) sei, die sich einen Dreck um das Wohlergehen ihrer Angehörigen schere, was ganz offensichtlich auf schwere psychische Gestörtheit meinerseits zurückzuführen sei. Mich haben diese Ausbrüche immer unheimlich getroffen, ich war teilweise völlig durcheinander, habe nicht im Geringsten begriffen, was mit meiner Familie los ist und warum in aller Welt sie mich so hassen. Inzwischen habe ich den Kontakt abgebrochen. Jede Grenzsetzung hat ins Leere geführt, die Aggressionen wurden nur immer subtiler, ich konnte irgendwann einfach nicht mehr.
Nun kam es so, dass ich nach Abschluss meines Studiums gleich eine Stelle an der Uni angenommen habe. Dort muß etwas schief gelaufen sein, denn nachdem man mich zuerst unbedingt haben wollte, gab es ab meinem ersten Arbeitstag nichts zu tun. Ich habe das mehrfach beklagt, wurde aber äußerst aggressiv abgebügelt, dass ich mir halt gefälligst selbst was ausdenken solle. Da das so nicht ging (jedenfalls nicht so wie gewünscht), hieß es dann, ich sei zu dumm zum promovieren und man sehe mir das schon von Weitem an. Ich wollte weg da, habe es mir aber nicht so wirklich zugetraut, mich woanders zu bewerben. Also bin ich geblieben und habe eine Therapie angefangen, da es mir ja aufgrund der Vorgeschichte und der Verhältnisse am Arbeitsplatz sehr schlecht ging.
Hier ging wieder etwas schief. Auch wenn ich weiß, dass ich daran nicht unschuldig bin, bringt mir dieses wissen irgendwie gar nichts. Ich hatte halt die felsenfeste Überzeugung, an meinem Arbeitsplatz angebrüllt und beleidigt zu werden, weil ich mich irgendwie unbemerkt komisch verhalten hatte. ICh wollte also lernen, nicht mehr komisch und seltsam zu sein und keine doofen Fehler zu machen, um nicht angebrüllt zu werden.
Die Therapie hat mich in dieser Haltung bestärkt, es ging lange Zeit darum, ob und wann ich eventuell unfreundlich gewesen war und darum, dass ich mir die üblen Zustände an meinem Arbeitsplatz eingeredet habe. Ich hatte aber ieher so einen Druck, unbedingt stundenlang über die jahrelangen verbalen Quälereien meiner Mutter reden zu müssen, kam damit aber nicht durch.
Weiter sollte ich unbedingt meine akademische Laufbahn aufgeben, da sie von meinen Eltern aufgedrückt sei. Dies war DAS Streitthema in der Therapie. ICh wollte das natürlich nicht, nachdem ich so darum gekämpft hatte. Ich wäre auch nie auf den Gedanken gekommen, die Therapie abzubrechen. Ich kam mir immer schwächer und gestörter vor, irgendwie hat es sich fortgesetzt, dass anscheinend alles, was ich wollte, krankhaft und egozentrisch sein sollte. Nach 4 JAhren war ich so am Ende, dass ich die Therapie abbrach, ohne davon überzeugt zu sein. Ich schämte mich, glaubte versagt zu haben und versank in Selbstzweifeln, weil ich glaubte, die Einschätzung meiner Mutter, dass ich kaltblütig und gestört sei, sei nun amtlich besiegelt.
Beruflich war ich am Ende, hatte nach einem Jahr Hartz4 eine Stelle angenommen, für die ich nicht einmal einen Schulabschluß gebraucht hätte. Inzwischen habe ich wieder eine Stelle, die meiner Ausbildung entspricht. Es ist nicht toll, aber immerhin ein Schritt in die richtige Richtung.
Jedoch sind die emotionalen Probleme geblieben. Ich kann weder mit den Geschehnissen zwischen meiner Mutter und noch weniger mit dieser Therapie und was das mit mir und meinem Leben gemacht hat, abschließen. Es bleiben zu viele offene Fragen. Kann man eine destruktive Beziehung mit einem Therapeuten haben, ohne dass dieser es merkt? Warum konnte ich nicht anders handeln? Ich habe erst viel später erfahren, dass ich in vielen Fällen viel früher hätte gehen müssen. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen!
Ich dachte immer, ich sei aufgrund meiner Kindheit beziehungsbehindert und müsse daher solange rackern, bis ich es eben mit dem anderen hinbekomme. Ich schäme mich, dass ich da nicht selber drauf gekommen bin.
Ich habe immer noch emotionale "Systemabstürze" . In bestimmten Situationen, wenn zB jemand unvermittelt losbrüllt, oder jemand versucht, mich sozial auszugrenzen, fühle ich mich völlig hilflos und ausgeliefert und werde panisch. Dies passiert beim Arbeiten, eine Kollegin von mir versucht immer wieder, solche Spielchen anzuzetteln. Ich kann mich inzwischen einigermaßen wehren, abgesehen davon liegt das fertig geschriebene Bewerbungsschreiben für eine andere Stelle bereit - es fehlt nur noch das Foto und ich hätte gerne eines ohne tiefe Augenringe...
Besser fühle ich mich damit aber nicht. Jedesmal kommen all die Erinnerungen an frühere gezielte Ausgrenzaktionen meiner Mutter und der Schmerz ist jedesmal riesig.
Ich habe immer noch Probleme, zu begreifen, dass das, was passiert ist, wirklich passiert ist. Dass diese Therapie mein Leben verschlechtert hat. Dass ich die beruflichen Probleme wahrscheinlich noch im Rentenalter durch das jahrelange unnötige Geringverdienen spüren werde. Es kommt mir so unwirklich vor. Es hätte so anders laufen sollen. Ist es aber nicht.
In vielen Situationen, auch in schwierigen, habe ich überhaupt keine Probleme, aber diese Therapie hat mein Leben irgendwie negativ beeinflusst und ich komme nicht mehr davon los. Ein großer Teil meiner Motivation und Lebensfreude ist verschwunden. Und ich tue mich schwer, noch einmal eine Therapie anzufangen. Ich komme mir vor wie eine Verrückte, die nie normal wird leben können - und damit ist irgendwie eine Prophezeihung meiner Mutter wahr geworden.
Und ich kann keinen Psychokram mehr hören. Seit ich Ohren habe, werde ich mit den selbsterfundenen Scheißdiagnosen meiner Mutter vollgedröhnt, alles dreht sich immer nur um die Frage, wer gerade wie gestört ist, weil er...dabei ist meine Mutter diejenige, die haust wie ein Messie und ihre Aggressionen nicht im Griff hat. Das Wort Eigenanteil oder Selbstreflexion verursacht bei mir allergische Reaktionen. Ich wünsche mir meine Spontaneität zurück. Meine Ungezwungenheit. Meinetwegen sogar Unüberlegtheit. Und ich will meinen Körper zurück. Ich habe während der Therapie 30 kg zugenommen. Davon jetzt erst etwa 10 wieder runter.
Ich möchte, dass dieses Leiden endlich aufhört. Kann das auch teilweise Verarbeitung sein? Ich habe ja schon Einiges zu verdauen. Aber ich habe das Gefühl, ich schaffe es nicht alleine. Ich habe einen neuen Job, ich habe viele Menschen aus meinem Leben gestrichen, neue Hobbies gesucht, viel Sport getrieben, aber ich leide immer noch an Vergangenem. Mein Leben scheint still zu stehen. Es ist ein elendes Dilemma.
Vielen Dank fürs Lesen
pastille
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19.10.2015, 22:57
Mein Leben scheint still zu stehen
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20.10.2015, 17:02Inaktiver User
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Hm ganz kurz Pastille, muss auch gleich weg. Gestehst Du Dir denn auch mal zu ganz egoistisch zu sein damit Du Dich in Deinem Leben wohlfühlen kannst? Und erlaubst Du Dir auch mal frech zu sein? Manche brauchen einen Schuss vor den Bug und dann klappt es mit denen besser, auch wenn man solche Leute nicht jeden Tag um sich haben will, aber manchmal geht es nicht anders.
Du hast doch schon sehr viel geschafft und vielleicht gibt Dir das jetzt den Freiraum einfach mal Du zu sein und auch Freude im Leben nachzuholen.
Und klar muss man sich bewusst sein, dass wenn man so aufgewachsen ist einen Konflikte anziehen, das ist quasi Gewohnheit. Manchmal trägt man sie sogar im Kopf mit sich rum, dann heißt es umdenken lernen.
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20.10.2015, 21:10
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Also um ganz ehrlich zu sein, egoistisch-sein ist eine Baustelle. Oft merke ich gar nicht, wenn ich zurückstecke. Es ist ziemlich eingeschliffen. Ich würde sagen, ich fange gerade damit an, mir bestimmte Dinge zuzugestehen. Der Posten ist aber sicher noch ausbaufähig!
Frech-sein :jein. Kann ich, wenn ich mich wohlfühle. Das ist aber momentan stark schwankenden Tagesformen unterworfen. Wenn es aber gelingt, wird es tatsächlich mit manchen Mitmenschen einfacher.
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20.10.2015, 21:20
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Hast Du denn eine Zukunftsvision, einen Zukunftsplan?
Mir scheint, dass Du sehr um die Vergangenheit kreist.
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21.10.2015, 10:34Inaktiver User
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Ich könnte mir vorstellen, dass viel Entwicklungspotential in dir steckt, wenn du einfach viel stärker erforscht, was du selbst möchtest, was dir gut tut und was sich gut und stimmig für dich anfühlt, so dass es dich glücklich macht. Du hast ja schon so viel geschafft.
Und jetzt kann es doch mal in Richtung viel mehr Entspannung, ich sein und so sein dürfen gehen. Ich denke, dass da viele alte Glaubenssätze überdacht werden müssen. Und vielleicht kommt ja auch die Erkenntnis, dass wenn du glücklich bist, dein Umfeld auch glücklich ist auch wenn es sich verändert. Natürlich kann man nicht nur glücklich sein aber bestimmt ein ganzes Stückchen mehr und einfach zufrieden, weil sich dieser Weg stimmig für einen anfühlt.
Vielleicht hattest du ja schon immer Impulse, was du gern tun oder sein möchtest und vielleicht kannst du einiges umsetzen. Ich habe so das Singen entdeckt und es ist eines meiner größten Talente. Da war ich selbst total überrascht und es macht einfach Spaß, selbst das Üben und der Weg zu mehr.
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21.10.2015, 12:30
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Liebe Pastille,
deine Lebensgeschichte ist furchtbar
. Und eigentlich hätte man von einem guten Therapeuten erwarten können, dass er dich in deinem Schmerz und deiner Verletztheit sieht und dich zunächst da auch hindurch begleitet. So hätte er dir erklären müssen, dass ein Kind niemals Schuld daran trägt, wenn Eltern sich so verhalten, wie es deine getan haben. Ihr Verhalten liegt rein in ihrem eigenen Sein (Charakter, evtl. Störung, Erlebtem) begründet und hat mit dir nichts zu tun. Du warst nur der berühmte Boxsack, der es abbekommen hat.
Dass dein Therapeut/in dir nun auch noch deinen beruflichen Weg ausreden will, ist absolut unprofessionell. Eine Therapie kann nur funktionieren und somit vom Klienten angenommen werden, wenn sie sich am Klienten selber orientiert und nicht indem sie ihm/ihr was ausredet. Leider gibt es nicht nur gute Therapeuten/innen, sowie es in jedem Fachbereich gute und schlechte Mitarbeiter gibt.
Vielleicht magst du dir ja irgendwann selbst die Chance geben, jemand fachlich Guten anzuschauen, der dir nicht nur hilft, deine Lebensgeschichte behutsam anzuschauen, sondern dich auch auf dem Weg begleitet, dich sinnvoll und rechtzeitig abgrenzen zu lernen. Eben damit dir derart übergriffige Menschen in Zukunft nicht mehr soviel anhaben können und du mit einem gestärkteren Selbstwertempfinden durch's Leben gehen kannst.Man wandelt nur das, was man annimmt.
C.G. Jung
Nein ist ein ganzer Satz.
Keine Ahnung von wem
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21.10.2015, 18:47
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Liebe Pastille,
die große Frage ist, ob man aus diesem Teufelskreis des sich immer schlecht und schuldig fühlens rauskommen kann und vor alle wie.
Ich neige auch dazu, die Schuld fast immer auf mich zu nehmen und wenn ich andere in die Verantwortung ziehen will, eher zur Vorsicht neige.
Wir alle sind doch egoistisch, sonst könnten wir nicht überleben.
Auch die, die Dir vorwerfen, egoistisch zu sein, sind im Grunde selber egoistisch, weil sie Dir nicht geben wollen, was Du Dir wünscht.
Wir müssen ja auch an uns denken.
Es muss aber auch einen Weg geben, wie wir partnerschaftliche und kollegiale Entscheidungen treffen, ohne uns gegenseitig dabei über den Haufen zu rennen.
Und da scheint in Deiner Vergangenheit wirklich einiges schief gegangen zu sein.
Schreib Dir auf, was Du an Dir magst. Versuche Dich mit Deinen postiven Eigenschaften (die jede/r hat) zu präsentieren. Wenn Leute nicht einverstanden sind mit dem was Du machst, frag sie, was Du genau hättest anders machen können.
Erkläre, warum Du manche Entscheidungen so getroffen hast.
Es kann nicht alles an einem falsch sein.
Verliere nicht Dein Selbstvertrauen.
Ich bin langzeitarbeitslos und chronisch krank. Ich komme mir auch oft wertlos vor. Ich versuche mir immer ein ausgewogenes Privatleben aufzubaun und suche mir Veranstaltungen o.ä. heraus, die ich mit anderen mal privat besuchen kann, um so - auch unabhängig vom Berufsleben - privat ausgeglichener zu werden.
Aber es ist alles nicht so einfach.Manchmal hilft es, anderen auch mal was positives zu sagen. Vielleicht registrieren sie Dich dann anders.
Ich bin keine Psychologin, spreche eher auch eigener Erfahrung. Ich glaube, dass wichtigste ist, die Selbsthilfe, zu sehen, wo man doch erfolgreich und gut mit sich umgegangen ist.
Ich wünsche dir alles Gute
Zwischen Lachen und Weinen liegt die Schaukel des Lebens
(Autor unbekannt)
stachelbeere62

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21.10.2015, 18:52Inaktiver User
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Kurz noch etwas zum Auflösen übertriebener Schuldgefühle.
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21.10.2015, 20:43
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Da kann wirklich etwas dran sein. Ich glaube, die alten Geschichten ziehen einerseits halt noch viel Energie in Form von starken negativen Emotionen. Dann ist es oft so, dass ich einfach viel Zeit brauche, wenn ich zB traurig bin.
Da sind sicherlich auch Glaubenssätze beteiligt. Ich meine oft, nicht schnell genug zu sein, wenn ich mir viel Zeit nehme, die es ja aber braucht, um bestimmte Dinge über sich heraus zu finden oder einfach etwas Neues auszuprobieren!
Dabei geht es sicher auch um Schuld und Verantwortung. Ich habe schon Diskussionen darum gehabt, wer jetzt schuld ist.
Und zwar so:
Ich (völlig sachlich und überzeugt): Ich habe es verbockt
Gesprächspartner: Nein, ich bin schuld!
Ich:Aber ich habe...
Gesprächspartner: Nein, ich bin schuld! (war er auch, es brauchte aber noch etwas, bis ich das auch kapiert hatte)

Aber das zeigt, wie absurd es eigentlich ist! Ich fühle mich sogar dann noch schuldig, wenn der Andere seine Verantwortung längst übernommen hat! Es wird aber langsam besser. Inzwischen bemerke ich häufiger, dass ich mich zu Unrecht verantwortlich oder schuldig fühle für Dinge, die mich gar nichts angehen! Oder auch nur dafür, dass ich ticke, wie ich ticke..
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21.10.2015, 20:54
AW: Mein Leben scheint still zu stehen
Ehrlich gesagt hätte ich mir das so in etwa auch gewünscht. Irgendwo im Hinterkopf habe ich ja geahnt, dass nicht alles an mir liegen kann. Aber ich hätte so dringend Jemanden gebraucht, der mich in dieser Wahrnehmung bestätigt. Wobei ich das damals auch nicht hätte ausdrücken können. Allerdings glaube ich nicht, dass das geholfen hätte.


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