Hallo Ihr Lieben,
ich bin seit längerem schon in einem ziemlichen Loch und mir fehlt im Moment der Impuls, mit dem ich mich wieder aus diesem Loch holen kann.
Vielleicht zur Vorab-Erklärung eine Zusammenfassung meiner Biographie: ich bin mit 19 nach einer kurzen Phase der beruflichen Orientierung dann von zuhause weggegangen, regelrecht geflüchtet - ich habe es emotional nicht mehr ausgehalten nach der Scheidung meiner Eltern. Die Wahl der Ausbildung war (so sehe ich es jetzt) eher an das Fluchtpotential geknüpft, als an die Frage, was liegt mir, was kann ich und was möchte ich. Aber die Ausbildung hat mir dennoch in vielerlei Hinsicht Spaß gemacht, so falsch kann sie also nicht gewesen sein. Vor allem hat sie mir eines ermöglicht und genau das legitimiert - immer wieder weg, immer woanders neu anfangen. Und so bin ich in 10 Jahren 7 Mal umgezogen, habe immer wieder neu angefangen an einem anderen Ort und bin dann schließlich in Berlin gelandet. Mein erster Impuls damals, als ich das Angebot meines Chefs bekam, war: Niemals, dorthin gehe ich bestimmt nicht, zu groß, zu dreckig, zu laut! Bis dorthin habe ich immer in kleinen Orten in Süddeutschland in der Nähe der Berge gelebt, so dass die Stadt jetzt einfach der größtmögliche Kontrast dazu war
Ich bin aber trotzdem gegangen, habe aber von Anfang an gehadert, hatte sogar gesundheitliche Probleme. Zwar Freunde kennengelernt und auch alles mitgenommen, was es gab und was man halt so mitnimmt mit Mitte 20, aber das Heimatgefühl hat sich bis heute nicht eingestellt. Ich bin dann für ein Jahr ins Ausland und hatte in der Zeit berufliche Pläne geschmiedet, die sich stimmig anfühlten - warum ich diese Pläne dann doch trotz Rückschlägen nicht weiterverfolgt habe - keine Ahnung. Wobei... doch Ahnung: ich war verliebt in einen Mann und habe mich auf ihn und die Fortsetzung dieses Kennenlernens konzentriert, und mich gegen die Studienplätze entschieden, die für die beruflichen Pläne gepasst hätten. Dafür habe ich mich aber für eine "vernünftige" Studienwahl in genau der Stadt entschieden, die mir vormals schon nicht stimmig vorkam - aber sie lag geographisch gut zwischen mir und diesem Mann, der sich dann pünktlich zu Studienbeginn von mir trennte. Warum ich das Studium, das mir so schwer fiel, trotz allem durchgezogen habe - ich weiß es nicht. Warum ich die eigentlichen Pläne doch nicht mehr weiterverfolgt habe – ich weiß es nicht. Vielleicht Angst. Wahrscheinlich Angst. Nichtsdestotrotz hat mir das Studium jetzt aber seit knapp drei Jahren einen Job ermöglicht, der mir oft Spaß machte und auch am Anfang die Bestätigung brachte, die mir privat fehlt.
Nun aber ändert sich das Ganze. Im Job – es geht uns gerade nicht gut – merke ich wieder, dass ich mit vielem nicht klarkomme. Ich habe oft Langeweile, versuche mir, selbst Aufgaben anzuziehen, die ich erledigen kann, spreche darüber mit meinen Vorgesetzten – aber das Gefühl, dass ich einst hatte zu Beginn, dieses wichtig sein, eine Aufgabe zu haben, die mich voll erfüllt, das verschwindet immer mehr und ich komme wieder in die Spirale: ist das meins? Fühle ich mich hier wohl? Fühle ich mich mit dem Job wohl? Was brauche ich? Und ich finde darauf keine Antworten. Ich fühle mich leer. So unglaublich leer und ohne Sinn. Und auch an dieser Stelle entwurzelt und heimatlos. Vielleicht wäre aber jetzt die Chance (wo es uns nicht gut geht), mich neu umzusehen – nur wohin?
Ich möchte auch nicht alles schlechtdenken und -reden: ich habe hier ein soziales Umfeld, liebe Menschen, nette Kolleginnen und Kollegen und jetzt auch ein Autoso dass ich nicht mehr den ÖPNV nutzen muss, wenn ich das gerade nicht ertrage. Aber - mich laugt die Stadt nach wie vor aus. Ich bin gerade heilfroh, dass die Arbeit fußläufig erreichbar ist, gehe zu Fuß ins Fitnessstudio und erledige alles zu Fuß oder mit dem Rad und vermeide die Stadt, wo es nur geht. Aber ich merke auch, ich sperre mich dagegen, hier anzukommen. Weil es mir graut bei dem Gedanken, hier Wurzeln zu schlagen, womöglich bis ans Ende meiner Tage hier zu leben bzw. „hier leben zu müssen“.
Ich sehne mich dabei so sehr nach Heimat, nach dem Gefühl, angekommen zu sein – aber tue irgendwie alles, damit es sich hier in Berlin nicht erfüllt. Ich halte seit einiger Zeit auch alle potentiellen Bekanntschaften mit Männern von mir fern – obwohl ich mir nach den ganzen Jahren Single-und-Chaoszeiten eine Beziehung wünsche. Nähe. Ich möchte das hier aber nicht (mehr) zulassen. Ich schreibe zwar „ich möchte“ - aber es ist keine bewusste Entscheidung, es ist mehr eine innere Sperre. Denn wenn es eine bewusste Entscheidung wäre, wäre ich ja halbwegs klar. Aber das bin ich überhaupt nicht. Es ist vielmehr eine diffuse Angst hierzubleiben, aber genauso groß ist die Angst, woanders neu zu beginnen. Und dann womöglich wieder zu merken, es ist der falsche Schritt gewesen. Und dann noch tiefer abzusacken in dem Sumpf, in dem ich mich jetzt gefühlt befinde.
Ich ahne, dass es eine bewusste Enscheidung sein müsste – ja, Berlin und dann mit allen „Poren“ oder nein, Berlin und dann auch. Aber ich erstarre gerade. Ich sitze Wochenende für Wochenende zuhause und grübele. Ich baue immer mehr eine Distanz zu meinen Freundinnen auf, weil ich mit mir selbst im Moment gar nicht mehr klar komme. Was das Gefühl der „Heimatlosigkeit“ natürlich nicht kleiner macht. Mir fehlt im Moment eine Strategie, wie ich mit diesem dumpfen, grauen Gefühl in mir umgehen soll. Ich möchte so gern agieren – aber während ich noch im ersten Schritt dorthin bin breche ich wieder ab, weil ich plötzlich Angst davor bekomme, das Falsche zu tun.
Ich kann mich also nicht dafür entscheiden, das hier als meine Heimat anzunehmen (ich kriege Beklemmung, wenn ich das im Geiste durchspiele), weiß aber auch nicht, wo – räumlich, beruflich, privat – ich sie sonst suchen sollte oder finden könnte.
Kennt oder kannte noch jemand das Gefühl, die Situation? Ich habe in der Vergangenheit oft gute Impulse und Hinweise erhalten und freue mich auf Eure Meinungen und Beiträge. Vielen Dank hierfür schonmal.
Eure verwirrte Panamissy
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Thema: Gefühl der Heimatlosigkeit
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13.09.2015, 12:46Inaktiver User
Gefühl der Heimatlosigkeit
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13.09.2015, 13:14Inaktiver User
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
schlimmer kann es doch nicht mehr werden. so wie du schreibst, ist berlin ganz falsch für dich.
von mir also eine stimme für weggehen.
vielleicht wäre, um lust und energie zu kriegen, eine kleine sightseeing-phase mit wochenendtrips oder einer rundreise in möglicherweise geeignete städte ein gutes projekt?
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13.09.2015, 13:36Inaktiver User
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
Und von mir ganz entschieden eine Stimme gegen Weggehen. Nicht, dass du ewig hier ausharren sollst. Aber weggehen würde ich an deiner Stelle erst, wenn du ein Ziel hast, auf das du zugehen kannst und willst.
Ich lese deine Gedanken so, dass es weniger die geographische Heimat ist, die dir fehlt. Mein Eindruck ist, dass du eine Heimat in dir selbst vermisst. Du hast ein paar Entscheidungen in deinem Leben nicht deinetwegen getroffen: Du bist von zu Hause weg, weil du geflohen bist. Kannst du dich noch erinnern, was du ohne die emotional bedrückende Stimmung in deinem Elternhaus gemacht hättest? Welche Wünsche hast du in die zweite Reihe gestellt, damit du deine Flucht, wie du es selbst nennst, durchziehen konntest? Gibt es da etwas, das du unterdrückt hast an beruflichen Wünschen? Wenn du die Zeit zurückdrehen und dich an diesem Punkt noch einmal neu entscheiden dürftest: Was würdest du tun? Was würdest du deinem jüngeren Ich raten, aus dem Wissen von heute heraus? Und was, wenn du zurück dürftest an den Punkt, wo du des Mannes wegen die Entscheidung für das falsche Studium getroffen hast?
Du schreibst, es muss eine Entscheidung her. Aber du wirkst, als wüsstest du nicht, nach welchen Kriterien du diese Entscheidung treffen sollst. Wenn du ganz frei wärst: Was würdest du tun? Wohin willst du dich entwickeln, beruflich und privat? Wovon träumst du?
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13.09.2015, 13:54
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
Liebe Panamissy,
im Gegenzug zu ambiva glaube ich nicht, dass ein Wegzug Erleichterung bringen würde. Höchstens wieder am Anfang, wenn am neuen Ort noch alles neu und aufregend ist und Du noch genügend Ablenkung von Dir selbst erfährst. Aber spätestens nach 2 Jahren, wenn das Neue abgefrühstückt ist, wirst Du (innerlich) wieder genau an dem Punkt sein, wo Du jetzt bist.
Deshalb rate ich zu bleiben und Dir selbst an dem Ort, wo Du gerade bist, auf die Spur zu kommen. Und Berlin scheint mir da nicht der schlechteste Platz zu sein, weil Du - wenn Du möchtest - auf viele verschiedene Menschen und Situationen treffen und Dich ausprobieren kannst, was Du vielleicht so in einem kleinen Ort auf dem Lande nicht haben kannst.
Das scheint mir das Stichwort zu sein: "Treffen mit anderen Menschen & Situationen". Noch genauer: anstatt Treffen setze das Wort "Begegnung" ein. Und füge an Begegnung noch das Adjektiv "wahr" hinzu, also erhältst Du als Resultat
"wahre Begegnung".
Wahre Begegnung erfordert aber ein wahres Sich_Einlassen auf jemanden und/oder auf eine Situation.
Mir scheint, dass Du bisher immer nur geflüchtet bist, bzw. Dich von Umständen mal hier- mal dorthin hast wehen lassen, bzw, dass Du das zugelassen hast deswegen, WEIL Du innerlich eine Getriebene bist. Getrieben deswegen, weil Du noch nicht die Erfahrung gemacht hast, dass Bindung an jemand und/oder etwas gut ist. Dass Bindung - wahre Bindung - Dich nicht fesselt, sondern im Gegenteil frei macht. Frei dazu, die anderen, die Welt und letztendlich Dich selbst zu entdecken, denn das Sich_selbst_Entdecken geht nur in der Begegnung mit den Anderen.
Und in dem Moment, wo das gelingt, wirst Du auch das Gefühl der Heimatlosigkeit verlieren, weil Heimat immer dort ist, wo Du es wagst, Bindungen - oder besser: Begegnungen - einzugehen, bzw. Dich einzulassen.
Wage also, Dich einzulassen und zuallererst Dich einzulassen auf Dich selbst, bzw. auf Deine Ängste, denn diese zeigen Dir den Weg.
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13.09.2015, 14:45
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
hallo Panamissy,
ich lese eine Reihe von Flucht- und Vernunftsentscheidungen, die deinen Lebensweg bestimmt haben. Meiner Erfahrung nach kann sich hier das Heimat- und Orientierungslosigkeitsgefühl begründen.
Nun lassen sich frühere Wegkreuzungen nicht wieder 1:1 herstellen und neu begehen, aber du kannst vielleicht wieder ein paar der zurück gelassenen Motivationen und Wünsche wieder beleben und neu, wenn auch etwas anders, angehen, und vielleicht das, was du statt dessen gemacht hast, im Nachhinein positiver bewerten und deinen inneren Frieden damit machen.
Das ist das eine. Das andere, das ich in den letzten 2 Jahren gelernt habe, ist es, dass es passiert, dass Orte zu uns irgendwann nicht mehr passen, weil wir und weil sich unsere Lebenssituationen verändert haben. Die Stadt, die ich mir in den 80ern ausgesucht hatte, und in der ich mich lange zuhause fühlte, wurde zuletzt unerträglich für mich. Das ist wie mit einer Liebesbeziehung: manchmal lebt man sich auseinander und passt einfach nicht mehr zusammen, weil einer, oder vielleicht auch beide sich verändert haben. Das gilt auch für Orte.
Doch diese innere Heimatlosigkeit hat sehr viel damit zu tun, wie sehr man es schafft, die eigenen inneren Bedürfnisse und Wünsche umzusetzen und zu leben. Wie gesagt, das muss nicht zu 100% sein, das geht halt leider sehr oft nicht. Aber zumindest mal sollte die eigene innere Spur etwas Raum bekommen. Das kann auch im nebenberuflichen oder im Freizeitbereich sein, wenn es beruflich nicht geht. Ich nenne es, mein Herz nähren. Da ich das hier in meiner neuen Ecke wieder kann (in der alten Stadt fand ich da keine Resonanz mehr), geht das mit der Beheimatung erstaunlich schnell
Grüße
A.
Wenn man bedenkt,wie oft ich in diesem Leben schon falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch auf diesem Planeten befinde.
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13.09.2015, 21:06Inaktiver User
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo und guten Abend :) Ich freue mich sehr über Eure Meinungen zu meiner Thematik! Ich war heute wieder reiten und das hat mich aus dem gestern-Abend-letzte-Nacht-Tief geholt, das Reiten wirkt anscheinend immer noch wie eine Entspannungspille...
Ambiva - in ganz "down-en" Momenten habe ich auch große Lust, einfach wegzugehen und Bewerbungen durch die Republik zu ballern... aber wenn ich eines gelernt habe, in den letzen Jahren, dann, dass ich schon so oft vor dem Schmerz davongelaufen bin und ich nicht nochmals unfertig irgendwohin fliehen möchte. Auch wenn ich in letzter Zeit diese Fluchtgedanken immer öfter habe, aber noch kann ich mich irgendwie bremsen. Und auch wenn ich mir manchmal nicht sicher bin, ob dieses verstandgelenkte Bremsen so das wahre ist. Dann wann ist man "fertig" und bereit für den geordneten Aufbruch und Neubeginn? Ich habe mich hier in den letzten Jahren aber immerhin einholen lassen von meiner Vergangenheit, von meinen bisherigen emotionalen Problemen, von demher waren die Jahre hier keine verlorenen. War aber auch noch nie so lange an einem Ort, von meiner Kindheit abgesehen
Rodrigue: Ich suche beides - eine innere und eine äußere/geographische Heimat. Ambiva's Idee mit den Städtetrips ist super und ich habe auch schon angefangen, mir eine Liste aller to-visit-Städte zu erstellen, die mich rein von der Gegend/dem Ruf/meiner Vorstellung her reizen könnten - jetzt muss ich nur noch den Hintern hochkriegen und mich auf den Weg machen...und nebenher klären, was beruflich evtl. noch kommen könnte. Oder sollte ich erst das eine, dann das andere angehen?
Aber Rodrigue, Deine Fragen sind gut. Vor allem die, bei denen ich zurückgehen soll zu Punkt X - als ich zuhause wegbin oder eben nach Berlin. So bin ich noch nicht herangegangen. Ich beschäftige mich gedanklich eigentlich schon viel mit den zuletzt genannten Fragen von Dir und bin da bestimmt auch schon den ein oder anderen Schritt weitergekommen, zumindest was meine Stärken/Schwächen/Motivatoren angeht.
Aber ich habe das Gefühl, als ginge die Beantwortung der Frage nach den Bedürfnissen/Wünschen/Träumen nicht so gut über Nachdenken, zumindest merke ich, dass mein Kopf immer in bestimmte Richtungen drängt. Heißt das, dass das ein Hinweis auf ein Ziel sein kann oder eher, dass mein Verstand schon ausgelatschte Denk-Wege nutzt, weil er zu faul/unkreativ/unsicher ist, sich neue Ideen einfallen zu lassen?
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13.09.2015, 21:11Inaktiver User
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
@Panamissy
manchmal entsteht ja auch ein Weg durch Gehen. Einfach losgehen. Oder einfach mal in Bewegung setzen...das muss jetzt nicht unbedingt ein Wohnortwechsel sein. Ich denke da eher an eine Wanderung, von mir aus dem Jakobsweg. Einfach etwas, was du ausprobieren kannst, ohne gleich alles auf eine Karte zu setzen. Verstehst du was ich meine? Kleine Änderungen, kleine Perspektivwechsel um zu schauen, was du magst, was für dich Ankommen bedeutet...
gibt ja auch Reitwandern
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13.09.2015, 21:21Inaktiver User
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo Bruenette - ja, das einlassen, das ist mein großes Thema. Und als ich Deinen Beitrag gelesen habe, konnte ich nur zustimmend nicken, während sich mein Hals zugeschnürt hat bei dem Gedanken, mich HIER einzulassen. Das fühlt sich an, als würde jede weitere positive Begegnung meine Chancen schmälern, meinen Wohlfühlplatz zu finden. Ich könnte mir durchaus vorstellen, mich zu engagieren - ehrenamtlich, oder mich weiterbilden oder mich in einen sozialen Kreis zu integrieren, die es hier zuhauf und in allen möglichen Farben gibt; und gleichzeitig ploppt in mir ein Wichtel im Kopf auf, der schreit "nein, nein, sonst kommst Du hier nie weg!" Offenbar ist das meine Sorge, dass ich womöglich noch Gefallen finden könnte
und hier "kleben" bleibe. Irgendwie total behämmert von mir, finde ich grad.
Aber Du meinst das sich-einlassen-auf-Begegnungen auch eher als einen Weg zu mir selbst, als zur Stärkung der Bindung an Berlin, oder?
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13.09.2015, 21:38Inaktiver User
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo Amelie - wo Du den Vergleich mit einer Liebesbeziehung nennst: auch da war ich (im Nachhinein gefühlt) immer meilenweit von mir selbst entfernt, als ich Beziehungen eingegangen bin, so dass das auch schon zum Scheitern verurteilt war. (Bis auf eine - da war ich wirklich verliebt und bin dann vor seiner Liebe geflohen, weil es mir zu eng wurde.) Ich fühle mich seit einiger Zeit schon so richtig leer, ausgekippt. Alles auf Null. Ich bin an einem Punkt, wo ich mich irgendwie neu zusammensetzen muss, um eine Identität zu haben. Und finde gerade all das nicht, von dem ich denke, dass es gut zu mir passen würde. Gestern dachte ich, fährste mal zu Herrn Gauck, der hat eingeladen zu seinem Bürgerfest. Bellevue von innen angucken, sich über Ehrenamt informieren und bissl über das Gelände schlurfen. Ein Ticket für 2,70 geholt für den Bus - kaum saß ich drinnen, kam das Loch. Ich bin dann noch die Hälfte der Strecke gefahren, ausgestiegen, in die Gegenrichtung, ein Ticket für 2,70 geholt und als ich wieder zuhause war, war alles in mir zerbröselt. So geht es mir im Moment so oft, deshalb graut mir ein wenig vor den Wochenenden, wo ich mir solche Dinge vornehme und dann abends deprimiert ins Bett gehe, weil ich mir offensichtlich selbst im Weg stehe.
Ich habe gefühlt nicht viel, was mein Herz nährt im Moment. Das sind übrigens schöne Worte, die Du da schreibst, Amelie, und hört sich nach etwas an, dass ich mir erarbeiten möchte. Dinge/Tätigkeiten/Begegnungen, die das Herz nähren.
@Amelie - wie hast Du diese neue Stadt für Dich gefunden und wie hast Du gemerkt, dass es die richtige Entscheidung ist, Deine alte Liebe zu verlassen?
@ Sommerwind, die Erfahrung habe ich zum Glück auch schon oft gemacht: wenn ich es dann mal geschafft habe, nicht wieder aus dem Bus auszusteigen, sondern weiterzufahren, mich mit einem Buch in ein neu gefundenes Cafe zu setzen, oder in eine Ausstellung zu gehen oder so, dann war es meistens eine positive Erfahrung. Keine Ahnung, warum ich das im Moment nicht mehr hinkriege. Vielleicht bin ich im Moment aber auch zu schnell mit dem Finden von Ausreden, weil ich mich wohler fühle im Jammertal als auf dem Glücksberg.
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13.09.2015, 21:41Inaktiver User
AW: Gefühl der Heimatlosigkeit
Ich würde diesen Wichtel sehr ernst nehmen. Der weiß vielleicht besser als du, wovor du damals weggelaufen bist. Ich gebe manchmal Schreibkurse, in denen die Teilnehmer lernen, ihren inneren Zensor zu überwinden, also die innere Stimme, die ihnen einredet, das, was sie tun, tauge nichts, sei noch nicht gut genug etc. Das geht oft sehr gut, wenn sie in eine Rolle schlüpfen und mit fremder Stimme sprechen, sozusagen. Schreib dir doch mal selbst einen Brief als dieser Wichtel: "Liebe Panamissy, ich, dein Wichtel, schreibe dir heute, weil ich dir folgendes sagen will:..." So in der Art. Ohne groß nachzudenken, einfach die Worte fließen lassen, nicht auf Rechtschreibung und Stil achten, einfach drauflosschreiben, wenn möglich mit der Hand und nicht am Computer. Und wenn du willst, adressiere den Brief an dich selbst und wirf ihn in den Kasten. Dann kriegst du ihn zwei Tage später und kannst ihn lesen, als käme er von jemand anderem und nicht von dir selbst. Das ist eine Übung, die immer wieder verblüfft.
Vielleicht weiß der Wichtel ja auch was über das Zurückgehen zum Punkt X. Vielleicht hat er dir damals schon etwas zu sagen versucht und du hast ihn nicht gehört. Lass ihn zu Wort kommen.


so dass ich nicht mehr den ÖPNV nutzen muss, wenn ich das gerade nicht ertrage. Aber - mich laugt die Stadt nach wie vor aus. Ich bin gerade heilfroh, dass die Arbeit fußläufig erreichbar ist, gehe zu Fuß ins Fitnessstudio und erledige alles zu Fuß oder mit dem Rad und vermeide die Stadt, wo es nur geht. Aber ich merke auch, ich sperre mich dagegen, hier anzukommen. Weil es mir graut bei dem Gedanken, hier Wurzeln zu schlagen, womöglich bis ans Ende meiner Tage hier zu leben bzw. „hier leben zu müssen“.
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