Guten Morgen BriCom,
ich wollte mir was von der Seele schreiben, über den Stachel, den ich mit mir rumtrage.
Seit ich denken kann, zumindest aber seit der Grundschulzeit, gab es zwei "Ziele" in meinem Leben.
Ich wollte einen große Familie- komme selber aus einer uns fand das immer toll, möchte nichts anderes.
Ich wollte Ärztin werden. Ich möchte verstehen, wie dieses wundersame Leben funktioniert, was es bedroht und wie man es gesund erhält.
Als ich jünger war, war es eher Tierärztin, später Human.
Als ich mit der Schule fertig war 2000- ich konnte mich nicht recht entscheiden.
Ich hatte berufsfindungspraktika hinter mir, Jugendrotkreuz, war bei der Studienberatung, hab das Pflegepraktikum gemacht- absolut einhellige Meinung: lass es! Es gibt viel viel viel zu viele Ärzte, es werden nur wenige einen Job kriegen, Familie, Teilzeit- vergiss es.
Tierärzte: lass es. Die Berufsaussichten sind brutalst kacke.
Tja, irgendwie hab ich das dann akzeptiert- Realität gegen Traum und man kann halt nicht alles haben.
Heute bin ich Mitte 30 und hab von meinen Zielen einiges umgesetzt. Im Grund hab ich ein super Leben. Ich hab Familie- den besten Mann überhaupt, zwei Kinder, ein drittes ist in Planung.
Ich hab ein biomedizinesches Studium gemacht, arbeite in der Forschung.
Mein Leben ist gut, wie es ist- es läuft einfach alles wie geschmiert. Dafür bin ich auch dankbar- ist ja nicht selbstverständlich.
Aber: da ist dieser Stachel.
Hab ich mich damals zu leicht abwimmeln lassen?
Ich beneide meine Kollegen, die Ärzte oder Tierärzte sind, um ihr Wissen, ihre Erfahrung. Ich komm aus einem anderen Blickwinkel, natürlich, und empfinde mein Wissen oft als unstrukturiert in die Schubladen reingestopft, lückenhaft.
Ich weiß das jetzt, ich wusste es vor 5 Jahren- wäre es nicht sinnvoll, das anzugehen, nochmal zu studieren? Frage ist, was erreiche ich damit- außer viel Stress für alle um mich rum.
Dann sag ich mir wieder: hei, pass auf, Du hattest Gründe so zu entscheiden, wie Du entschieden hast (ich verstehe die auch noch), es war dann halt doch nicht Deins.
Das funktioniert halt nicht sehr lange.
Dann denk ich wieder- Du schleppst den Gedanken seit Jahren mit Dir rum, ich hatte mich sogar schonmal um ein Zweitstudium beworben, wenn Du es nicht abschließen kannst, sind das nicht ein paar Studienjahre Stress, sondern Dein ganzes Leben.
Käme eine gute Fee mit einem freien Wunsch, ich würde nichts ändern- nur das Wissen in meinem Hirn, das Studium in der Vergangenheit.
Ist das nicht beknackt?
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 32
Thema: Der Stachel..
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05.07.2015, 09:14
Der Stachel..
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05.07.2015, 09:51Inaktiver User
AW: Der Stachel..
Wenn wir uns aus der Kindheit/ Jugend Ziele setzen, dann sind damit sehr viele und tiefe Wünsche gekoppelt, die darin liegen.
Eine ganze Menge an Vorstellung und Phantasie spielt mit hinein, die man ganz sicher als Erwachsener so nicht mehr haben wird.
Mit diesen so entstandenen Zielen bist Du in die Welt gegangen und hast dann aus logischen und rationalen Gründen einen zwar ähnlichen, aber doch anderen Weg eingeschlagen.
Es gibt aber einen Teil in Dir, der dieser Logik nicht folgen konnte und noch heute gehört werden will....
bzw gespürt wird er doch von Dir- als Stachel.
Ein Stachel........etwas, was sich immer wieder meldet, was schmerzt, was erinnert......
Was genau gehörte zu der damaligen Vorstellung?
Es wäre für Dich sehr hilfreich, wenn Du das in dir suchst.......was alles hat dieser Beruf denn bedeutet in Deiner Vorstellung von diesem Leben?
Und- ich vermute, dass das nicht so einfach ist, denn dafür musst Du Dich schon tief in Deine inneren- Kind- Anteile begeben.....
Wenn Du weißt, was tatsächlich fehlt......wirst Du diesen Stachel verlieren.
Was auch sein kann- ist so ein Stellvertreterkrieg, den Du in Dir hast, weil noch was ganz anders in Deinem Leben fehlt.
Mag es auch noch so glücklich aussehen - Dein Leben- es kann sein, dass Du eben nicht zutiefst glücklich bist und die Suche nach einer Lösung treibt Dich immer wieder auf die Bühne Deines ungelebten Traumes.
Ich vermute- selbst wenn Du dieses Studium durchziehen würdest, würde es keine rechte Befriedigung in Dir geben, weil es um etwas geht, was das bedeutet.....
lg kenzia
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05.07.2015, 11:37Inaktiver User
AW: Der Stachel..
Du hast doch anscheinend dann eine Fachrichtung gewählt, die nicht völlig anders ist. Das ist nicht vergleichbar mit Konstellationen, wo jemand z.B. Jura studiert hat, obwohl er eigentlich lieber was Praktisches gemacht hätte.
Kann es sein, dass Du das Medizinstudium künstlich erhöhst? Bei den Medizinern, die ich so kenne, habe ich eigentlich nicht den Eindruck eines tiefen, strukturierten Wissens.
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05.07.2015, 15:32
AW: Der Stachel..
Hallo Hampelmuse,
das schlimmeste an einem Plan, den man nicht umsetzt, ist, daß er einen nie in Ruhe läßt. Du stellst dir vor, wie toll es wäre, wenn du Ärztin geworden wärest, und nicht, wie viel davon dich den letzten Nerv kosten würde. Vielleicht würdest du trotzdem sagen, "gut daß ich's gemacht habe", und vielleicht nicht -- das hätte letzlich der Zufall bestimmt.
Ich kenne das Verlangen, Dinge zu wissen und zu verstehen, das nie erfüllt werden kann, weil das Leben kurz ist und gelebt werden will, und die Wissenschaft, wie die Kunst, sind lang... Mit dem Nicht-wissen oder dem Nicht-können muß man sich immer wieder abfinden. Auch wen man "vom Fach" ist. Auch wenn man Experte mit 20 Jahren Erfahrung ist. Aber man kann Unwisenheit zurückdrängen, wenn man die Energie hat und sich die Zeit nimmt.
Wäre eine ehrenamtliche oder nebenberufliche Tätigkeit als Sanitäter oder in der Rettung etwas für dich? Da lernt man viel, und tut was sichtbares Gutes, was einem in der Forschung vielleicht manchmal etwas abgeht. Oder eher Fortbildungen, die auf deinem Studium aufsetzen? Du hast bereits ein Studium in Bio/Medizin, das heißt, du hast ein umfassendes und hintergrundreiches Wissen, und die Fähigkeit, dir weiteres Wissen selbständig zu erarbeiten und zu eigen zu machen.
Hinterfrage mal, warum dir dein Wissen "zusammengestöpselt" erscheint. Wenn du da genauer den Finger drauf legen kannst, kannst du am ehersten herausfinde, was sich machen läßt, um es besser zu integrieren.** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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05.07.2015, 16:07
AW: Der Stachel..
Was spricht dagegen jetzt nochmal zu studieren ? Wahrscheinlich kannst Du ja von den Grundlagenfächern wie Physik, Chemie,Biochemie einiges anrechnen lassen. Dann wärst Du mit 40 fertig und kannst noch locker 30 Jahre als Ärztin arbeiten. Die Arbeitsmarktsituation für Mediziner ist ja derzeit und in Zukunft sehr gut.
Ich habe selber in den 80 ern Medizin studiert, damals hieß es auch wir werden alle arbeitslos, hat sich nicht so bewahrheitet. Und ich erinnere auch eine Kommilitonin mit Ende 40 , die ihr Studium nach langer Familienpause noch beendet hat . Fand ich ganz mutig und toll damals.
Ich hätte am liebsten Ethnologie studiert - habe es dann aus Vernunft nicht gemacht.
Und sage jetzt nach fast 30 Jahren im Beruf - es ist gut so, entspricht meinen Fähigkeiten und war für eine Frau meiner Generation sicher eine sinnvolle Wahl hinsichtlich Karrierechancen und Verdienst.
Die intellektuellen Herausforderungen sind es jetzt nicht so im klinischen Alltag - eher die menschlich- interaktionellen.
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06.07.2015, 23:59
AW: Der Stachel..
Hallo,
danke für Eure Antworten- es sind viele gute Punkte dabei, üer manches muss ich auch noch nachdenken.
Kenzia, ich glaube, Du bist tatsächlich sehr nahe dran.
Allerdings habe ich keine Ahnung, was dahinter steckt. Vielleicht hab ich auch zu sehr betont, dass es ein Kindheitstraum war- ich weiß noch viel weniger, was ich mit 10 damit verbunden habe. Diese Vorgeschichte habe ich eher erzählt, um zu betonen, dass ich mich lange und auch praktisch damit auseinandergesetzt hatte, nicht nur zuviel Emergency Room geguckt. Angefangen zu zweifeln habe ich eigentlich erst, als es ernst wurde.
Der Teil, der der Logik nicht folgen kann- ich glaube, das liegt daran, dass es keine nur rationale und bewusste Entscheidung war (es gab ja absolut einen emotionalen Anteil- was wäre schlimmer, keine Familie oder keine Ärztin). Es haben aber auch Selbstzweifel eine große Rolle gespielt: warum soll ich das schaffen, wenn nur so wenige unterkommen. Und schaffe ich es jemandem todkranken zu helfen, über das medizinische hinaus.
Ich glaube, mein Stachel sind genau diese Selbstzweifel.
Ich bin übrigens nicht unglücklich über die damalige Entscheidung. Eine andere hätte andere Entscheidungen nach sich gezogen, mein Leben wäre ganz anders verlaufen- es wäre unrealistisch, sich das nur in den leuchtendsten Farben auszumalen. Der Weg war schon der Richtige, die Frage ist eher, welcher Weg in Zukunft der richtige ist.
Warum mir mein Wissen lückenhaft erscheint- ich komme vom falschen Ende.
Angenommen, ich habe eine Studie zu einer Krankheit.
Ich vermisse den Wissensbaum: Krankheit- Diagnostik-Behandlungsalternativen.
Mein Wissensbaum ist: Fehler- Krankheit- Korrekturmöglichkeiten (behandeln ist ja nicht nur korrigieren).- so in etwa.
Klar, über den Fehler weiß ich meistens gut Bescheid- Und natürlich arbeite ich mich dann ein, und damit kommt ein Wissensbaum nach dem anderen- ist halt Zufall und unstrukturiert, je nachdem, was mir halt schonmal begegnet ist.
Und das habe ich ja täglich vor Augen. Oder ich mach irgendetwas 17 mal, und beim 18. mal darf ich es urplötzlich nicht, weil es da grad nur ein Arzt darf.
Oder eine Kollegin sagt: ach, das ist ja so interessant, was Du studiert hast, ich hätte genau das auch gemacht, wenn ich Medizin nicht geschafft hätte. Ich bin normalerweise echt unempfindlich- aber das sind halt viele kleine alltäglich Stachel- Situationen. Berufliche Perspektive, darüber mache ich mir Gedanken- wohin kann ich mich entwickeln.
Wildwusel: Rettungsdienst hab ich ja lange gemacht. Das Gefühl, etwas sichtbar gutes zu machen, habe ich eigentlich schon.
Soviel erstmal von mir- ich sehe inzwischen schon Schäfchen vor meinem inneren Auge...
Gute Nacht!
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06.07.2015, 23:59
AW: Der Stachel..
doppelt
Geändert von Hampelmuse (07.07.2015 um 17:29 Uhr)
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07.07.2015, 18:53
AW: Der Stachel..
Hallo Hampelmuse,
Beispiel: eine Bekannte hat als sehr junge Frau geheiratet, es bot sich an und sie wollte eine große Familie. sie kam selbst aus einer großen. Es wurden nur 3 Kinder, aber sie war ziemlich im Hausfrauendasein, mit Kindererziehung beschäftigt und kleinem Nebenjob. Alles drehte sich um die Familie. Ihr Mann wollte das auch so. Auch ihm war die Familie mit am Wichtigsten. Seine Frau wurde langsam depressiv. Alles änderte sich, als sie arbeiten musste. Nach vielen Streits lernte sie einen anderen Mann kennen, sie ließen sich scheiden.
Sie konnte aufgrund der Unterstützung des neuen ihren Traum verwirklichen. Sie studierte Mathematik und BWL.
Sie wollte an sich eine Familie und Mathe studieren. Beides schloss sich vorher irgendwie aus.
Sie hat schon eine Stelle in Aussicht mit 40.
Ich selbst würde sofort noch ein Mal mein Lieblingsfach studieren, das ich nicht studieren konnte, weil mir gesagt wurde, dass das ein exotisches Fach ist und man mit Sicherheit schlecht einen Job bekäme. Ich habe mich nicht getraut alles auf eine Karte zu setzen. Wenn ich die finanzielle Sicherheit gehabt hätte, hätte ich es gemacht.
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08.07.2015, 23:11
AW: Der Stachel..
Hallo Omri,
Hm.
Bei mir sind ja einige Sachen anders- ich fühl mich jetzt nicht grad ausgelastet mit nur noch Familie. Aber Deine Geschichte hat einen Gedanken in mir hoch gebracht- noch kann ich entscheiden. Heut und nächstes Jahr und in 5 Jahren hab ich noch die Hintertür.
Und, hast Du Dein Wundchfach denn studiert?
Taggecko- was dagegen spricht- noch wiege ich Risiko und Nutzen ab. Oder: immer noch.
Ja, meine Studienleisrungen hab ich mir anerkennen lassen, da geht schon was.
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09.07.2015, 00:11Inaktiver User


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