Hallo :)
Ich bin seit langer Zeit stille Mitleserin, und möchte heute zum ersten mal selbst um Rat fragen.
Ich bin mit einem spielsüchtigen Vater, der ständig seinen Job verlor, einer coabhängigen Mutter die in ihrer Verzweiflung immer mehr in freikirchliche Kreise schlitterte, und 4 jüngeren Geschwistern aufgewachsen.
Ich bin recht früh von Zuhause ausgezogen, und absolviere inzwischen in einem anderen europäischen Land ein recht anspruchvolles Studium.
Ich habe mir alles selbst erarbeitet, hatte dafür nie familiäre Unterstützung und finanziere mein Studium mit Hilfe eines Stipendiums und eines Nebenjobs.
Seit einem Jahr habe ich eine Beziehung, wir sind im selben Alter, er studiert an der selben Uni und ich bin unglaublich glücklich. Irgendwie ist es das erste Mal seit ich denken kann, dass ich mich nicht mehr so unendlich alleingelassen fühle. Als sich meine jüngste Schwester (17) vor einem halben Jahr das Leben nahm, war er mir die größte Stütze. Seit dem Tod meiner Schwester ist der Kontakt zu meinen Eltern noch mehr eingebrochen. Das mein Vater sich nie bei mir meldet kenne ich schon, er hat einfach überhaupt kein Interesse an mir, höchstens um mit meinem Studienerfolg bei anderen Leuten anzugeben. Aber inzwischen hat sich auch meine Mutter distanziert. Ich weiß, dass sie trauert, aber das tue ich auch. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich damit total alleine bin. Ich wünsche mir manchmal einfach Eltern, die wissen, dass ich Nächte durchweine und morgens einfach nicht aus dem Bett komme. Mein Freund kommt aus ganz anderen Verhältnissen, wohlsituiert, seine Mutter jst schon eher vom Schlag Glucke. Damit komme ich auch zu meinem Problem. Am liebsten würde ich mich total von meinen Eltern distanzieren, weil ich mich nach jedem Kontakt noch mieser fühle. Wenn ich an Weihnachten nach Hause fahren muss, kann ich Tage vorher nicht schlafen weil ich solche Angst davor habe, dass immer noch alles beim Alten ist. Aber mein Gedanke ist immer, was denkt dann mein Freund von mir? Und seine Familie? Ich würde mir jemanden wie mich auch nicht für meinen Sohn wünschen.
Mein Freund kennt meine Eltern immer noch nicht, am liebsten wäre mir auch das bliebe so.
Ständig habe ich die Stimme meiner Mutter im Ohr: Heirate niemals jemanden wie deinen Vater, schau dir die Familie gut an. Und alles woran ich denken kann ist, dass ich nun der Part meiner Beziehung bin der besser eliminiert werden sollte. Ich bin die mit der kaputten Familie, die die im Notfall niemanden hat, die mit der suizidierten Schwester, die mit den unverarbeiteten Traumen.
Was mir daran so zu schaffen macht ist, dass ich das meiste davon nicht ändern kann. Und mich das irgendwie total erdrückt. Und dann ist da noch die ganze Zeit dieser riesige Stachel namens Trauer.
Was soll ich tun? Meinen Freund verlassen, den ich unglaublich liebe, damit er sich nicht an jemamden bindet der unglaublich viel Gepäck dabei hat?
Danke fürs lesen, ich hoffe wenigstens ein paar verstehen, was ich mit diesem großen Kuddel Muddel an Worten und Sätzen sagen wollte.
Gruß
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11.06.2015, 15:48
Jetzt bin ich die schlechte Partie..
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11.06.2015, 15:57
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Weiß denn dein Freund von deinen Problemen und deinen Gedanken?
Meinst du nicht, dass die Gluckenmutter sich gerne auf dich stürzen und dich auch unter ihre Fittiche nehmen würde? Vielleicht könntest du in der Familie deines Freundes das finden, was dir bis jetzt so schmerzlich fehlt? Dann könntest du zum Beispiel Weihnachten einfach dort verbringen.
Es gibt ja viele Gründe, warum jemand keinen/wenig Kontakt zu seiner Familie hat. Stell dir vor, deine Eltern wären bereits gestorben oder du wärst Einzelkind, dann hättest du auch keine Familie im Hintergrund, die dein Freund irgendwie kennenlernen muss.
Ich denke, du solltest stolz auf dich sein, dass du dich aus deiner Familiensituation so weit herausgearbeitet hast! Das ist wirklich eine tolle Leistung!
Geändert von Historia02 (11.06.2015 um 20:19 Uhr) Grund: Grammatik
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11.06.2015, 15:59
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Mein herzlichen Beileid zum Tod Deiner kleinen Schwester
Es ist sicherlich noch mal so schlimm, weil sie sich selbst das Leben nahm
Wenn du dich nach jedem Besuch bei deinen Eltern schlecht fühlst und sogar vorher tagelang nicht schlafen kannst, würde ich den Kontakt so gut wie ganz abbrechen. Halte den Kontakt zu deinen Geschwistern, so hast du immer noch Familie.
Warum denkst du über eine Trennung nach ? Nur weil du verkorkste Eltern hast ? Das ist nun wirklich absolut kein Grund ! Meine Mutter war auch immer schwierig und ich brach zeitweise den Kontakt total ab. Deshalb hätte ich mich aber niemals von meinem Mann getrennt. Das wäre ja absurd
Gruss
Meagan
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11.06.2015, 15:59
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Du bist ja nicht Deine Familie, Du kannst nichts für sie, Du bist nicht für sie verantwortlich. Es gibt also von daher keinen Grund, dass Du empfinden solltest, dass sich Dein Freund besser von Dir trennt.
Insgesamt scheinst Du mir sehr unter der Situation mit Deiner Familie und unter dem Tod Deiner Schwester zu leiden, so dass Du mal über psychologische Beratung nachdenken solltest.
Bin selber Laie, aber eine Therapie in psychoanalytischer Richtung könnte Dir vielleicht weiterhelfen.
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11.06.2015, 16:34Inaktiver User
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Es ist nicht wichtig, aus was für "Verhältnissen" du stammst-sondern was du selbst bist. Und dass du soooo viel getan hast, deinen eigenen Weg gegangen bist. Versteh mich nicht falsch-ich kann die Angst tatsächlich nachvollziehen.
Aber wenn ich so lese und nachspüre zwischen den Zeilen, wieviel Leid dir dieser "Klotz", dieser "Makel" macht-dann ist mein urinstinktiver erster Gedanke: Rede mit deinem Freund darüber. Oder schreibe ihm einen Brief, den er lesen soll. Wenn er dich beim Suizid deiner Schwester so unterstützt hat, ist er offensichtlich ein guter Mann
Und ja, du könntest über dieses schmerzliche Thema den Kreis weiter ziehen...du könntest mal einfach langsam "ranrobben", zB sagen, dass er dir eine wirkliche Hilfe war-und dass es in anderen Familien so wäre, dass man sich da auch gegenseitig stützt-bei dir ist das leider nicht der Fall. Dass diese Gleichgültigkeit aber schon immer herrschte, usw.
Und ja-ich kann das mit Weihnachten auch sehr nachvollziehen
Du könntest das auch mit einbinden in deine Gespräche mit ihm-und ihn bitten, dass er ein Signal gibt gegenüber seinen Eltern etc, dass Familie bei dir kein gutes Thema ist und ob sie das bitte vermeiden könnten-und auch helfen, wenn fernere Verwandte mit am Tisch sitzen. Er kann das erstmal mit dem Tod deiner Schwester begründen-und ansonsten musst du dich ja nicht vor diesen Leuten "entblößen", auch wenn du natürlich möchtest, dass sie dich akzeptieren.
Und egal wie wohlsituiert und gluckig-ganz ehrlich, die sehen doch, was du alles getan hast. Und dein Freund hat wahrscheinlich seine Eigenschaften auch zum Teil von seinen Eltern mitbekommen-das ist doch ein beruhigender Gedanke.
Wer ein wenig feinfühlig ist, wird sich auch seinen Teil dazu denken, dass du so weit weg ein völlig anderes Leben aufgebaut hast. Und ja, das in Kombination mit dem Suizid deiner Schwester
könnte dann schon auf die richtige Fährte führen, dass du deine Gründe hast, dich nicht allzu sehr mit deinen Eltern zu verstehen, gelinde ausgedrückt.
Und sich dann freuen, dass du zB Weihnachten soviel lieber mit ihrem Sohn und ihnen verbringen möchtest.
Achja: Deine Mutter hat so getan, als sei es einfach damit erledigt, auf den Vater zu verweisen. Als wäre das das einzige Übel-nein, auch SIE hat ihren Anteil an deinem Leidensweg, genau wie er.
Dass sie das mit dem Familie anschauen gesagt hat, deutet darauf hin, dass es bei deinem Vater diesbezüglich Probleme gab. Aber auch das ist falsch: Dieses Herausreden, man könne ja nichts machen, schließlich ist man so und so großgeworden.
Ich würde sagen: Sieh dir den einzelnen Menschen an. Und sieh dir an, ob jemand seiner herzlichen und wärmenden Familie mit einem guten Verhältnis entgegentritt-und umgekehrt. Dein gewünschtes Verhältnis trifft doch ganz genau das, was du empfunden und bekommen hast.
Und ja, es tut weh, etwas nicht zu haben, was man bei anderen sieht. Aber, bedenke immer: Das ist immer noch besser, als stumpf so zu tun, als ob man es hätte und sich selbst und anderen einzureden, was für eine tolle Familie man in Wirklichkeit sei. Das richtet viel mehr Schaden an-und solche Scheinheiligkeit siehst du ganz oft von außen nicht, die kommt häufiger vor, als du denkst.
Du hast das geschafft, wovon deine Eltern indirekt behauptet haben bzw. dir vorgelebt haben, dass es nicht geht: Sich nicht mit seiner Vergangenheit oder seinem Kummer/seiner Opferrolle entschuldigen, sondern langsam aber sicher das Ruder an sich reißen, einen völlig anderen Weg einschlagen und selbst entscheiden, wie dein Leben aussieht.
Dass du dich da oft einsam fühlt, liegt auch daran, dass vor dir in deiner Familie niemand diesen Weg beschritten hat. Du kommst sozusagen nicht vom gleichen Weg wie deine "Vorfahren". Aber egal, wie unsicher sich das oft anfühlt: Es tut gut, sich klarzumachen, warum das so ist-eben, weil du es dir wert sein solltest, ein für dich glückliches Leben aufzubauen! Und dass es sich für dich lohnen wird.
Ich hoffe für dich, dass du mit Hilfe von außen an den Punkt kommen wirst, an dem du dir denkst: "Ihr habt mir nichts gegeben. Und ich schulde euch demnach auch nichts. Ihr hattet vielleicht ein Leben, in dem ihr Entbehrungen hattet, und es ging euch schlecht, aber: ICH wäre da gewesen. Ihr hättet MICH gehabt. Wolltet ihr nicht. Selbst schuld, ihr habt echt etwas verpasst. Aber das war eure Wahl."
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11.06.2015, 16:39
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Liebe butterfly, erstmal mein Beileid zum Tod deiner Schwester.Es muss ganz schrecklich
sein; ein Geschwisterteil in so jungen Jahren zu verlieren
Hut ab vor deinen Leistungen!Du erreichst mehr als viele, die ein optimales Elternhaus
haben- das verdient sehr viel Respekt von jedem!
Du bist ein Teil dieses unguten Systems und es gelang dir dort den Ausgang zu finden.
Das deine Eltern für sich selbst verantwortlich sind und du nichts "zu entschuldigen" hast,
sage dir das bitte immer wieder!Abgrenzen und sich ein eigenes Leben aufbauen ist das
Einzige was man da machen kann- und genau das tust du ja.
Kann es sein,dass du unbewusst meinst deinen Freund und das harmonische Umfeld "nicht
verdient" zu haben ? Wenn man aus schiefen Verhältnissen stammt,hat man oft die fatale
Neigung sich selbst dafür irgendwie mitverantwortlich zu fühlen und sich selbst dafür "be-
strafen" zu wollen- auch weil man sich schämt und klein fühlt.
Und ja, die Eltern sind einem gewissermaßen auch peinlich,da muss man nicht um den
heißen Brei herum reden.Aber: wir alle haben uns nicht aussuchen können wo und bei
wem wir zur Welt kamen.Und das wird dein Freund wissen,seine Familie auch.
Du zählst, sonst wäre er nicht mit DIR zusammen .
Ich wünsche dir ganz viel Glück
Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurück-
kehren, so daß wir einen Moment lang wieder sind, wer
wir waren
Aharon Appelfeld
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11.06.2015, 16:50Inaktiver User
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Ich schließe mich Historia an. Vielleicht kann dir deine "Schwiegerfamilie" eine wirkliche (Ersatz-) Familie sein. Das geht, ich habe es selbst erlebt
Lass es auf dich zukommen, dein Freund unterstützt dich sicherlich. Was hast du zu verlieren?
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11.06.2015, 17:19
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Ich würde mir an Deiner Stelle Gedanken darüber machen, warum Du Dir das Büßerhemd anziehen möchtest für etwas, das Du nicht beeinflussen konntest.
Denn Dich selbst in einer Partnerschaft eliminiert sehen zu wollen, deutet (für mich) darauf hin, dass Du irgendetwas Imaginäres (dessen Inhalt nur Du selbst wissen kannst) "wiedergutmachen" möchtest.
Erstens: Du lebst damit nicht DEIN Leben.
Zweitens: Du kannst nichts wiedergutmachen (und schon gar nicht für andere). Nichts im Leben ist umkehrbar.
Du kannst aber sehr wohl Konsequenzen für Dich ziehen, dann ist alles, was passierte, nicht umsonst gewesen. Und zwar positive (!), konstruktive Konsequenzen für Dein eigenes Leben.
Liebe Grüße
Zio
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11.06.2015, 17:22
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Liebe butterfly,
diesen Gedanken finde ich, mit Verlaub, völlig abwegig. Warum solltest Du das tun? Um das Leid der Welt ganz auf Deine Seele zu nehmen? Nein, ganz im Gegenteil! Gut soll's Dir gehen!
Dein Freund wird schon wissen, was er an Dir hat: eine tolle Frau, die - mit ihrem Gepäck - alle guten, wunderbaren, attraktiven Eigenschaften hat, die er liebt, interessant findet und die er sich wünscht. Zum Beispiel: die ihr Leben selbständig (mehr als er vielleicht) auf die Kette kriegt, die im Ausland studiert ohne finanziellen oder emotionalen Rückhalt. Dafür auch von mir den allergrößten Respekt! Du bist ein starker Charakter!
Was Deine Familie/Deine Eltern betrifft, möchte ich Dich in Deinem Empfinden bestärken, auf Abstand zu gehen. Sie tun nichts für Dich, sie tun Dir nicht gut, und ich bin sicher, dass sie auch diese düsteren Gedanken in Dir gesät haben. Mit der Realität haben sie jedenfalls nichts zu tun. Und es steht nirgendwo geschrieben, dass man mit Menschen, die einem schaden, weiter Kontakt haben muss!
Auch wenn Du Dich oft hilflos und ohnmächtig fühlst - Du bist eine starke Frau! Und sicher weiß Dein Freund das ganz genau.
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11.06.2015, 17:25
AW: Jetzt bin ich die schlechte Partie..
Gute Beobachtung, @Zio! Und liebe TE, Du musst nichts büßen! Du bist weder schuld am Unglück Deiner Eltern noch am Selbstmord Deiner Schwester. Und niemand hat das Recht, Dich am Glück zu hindern. Das sollest Du daher auch selbst nicht tun, indem Du die erlernten Vorwürfe Deiner Familie reproduzierst.


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