Darin finde ich mich teilweise wieder. Auch ich kenne aus der Kindheit solche Aussagen: "Das bleibt aber hier unter uns, in unserer Familie, und wird nicht überall herumerzählt!" Oder: "Sowas erzählt man nicht den anderen Leuten/Kindern/Lehrern/Verwandten/beliebige sonstige Person" Vordergründiges Motiv solcher Ansagen: "Wie sieht denn das aus, wenn andere es mitkriegen?" - "Was soll xyz denn denken, wenn...?"
Ich gehe als Erwachsene auch den umgekehrten Weg, bin offen mit vielem und mache aus meinem Herzen keine Mördergrube. So gefällt mir das Leben viel besser. Es ist authentischer, entspannter, befreiender und führt bei mir zu einem stärkeren Selbstwertgefühl. Denn warum soll ich Dinge, die sich in meinem Umfeld ereignen, beschämt verschweigen und unter den Teppich kehren? Als Kind hatte ich ein mieses Selbstwertgefühl, weil ich oft dachte, ich dürfte mich zu manchen natürlichen Eigenschaften oder Gegebenheiten nicht offen bekennen. Ich zog daraus die Konsequenz, es müsse sich um schlimme, negative, peinlich berührende oder sonstwie nicht sozialverträgliche Dinge handeln.
Alles Quatsch.
Jeder Mensch ist so, wie er ist. Punkt. Keiner ist perfekt. Ich verplempere heute keine kostbare Energie mehr darauf, meiner Umgebung eine Miss Hochglanz-Hollywood zu präsentieren, die es gar nicht gibt. Auch von anderen will ich keine chromblitzenden Strahle-Fassaden sehen, sondern lieber den echten Menschen.
Natürlich mag das nicht jeder, aber damit kann ich leben. Ich selber finde ja auch manche Leute doof.
Auch die Fassade würde nicht jedem gefallen, nur wären Sympathie und Antipathie dabei auf andere Menschen verteilt. Und da eh negative Resonanz kommt (direkt geäußert oder schweigend), genieße ich doch lieber die Resonanz auf die "echte" Lilly.
Der Weg dahin war alles andere als leicht. Hat Jahre gedauert, bis mir überhaupt bewusst wurde, was da für familieninterne Muster ablaufen. Interessanterweise handhaben meine Eltern heutzutage vieles anders und offener als zu meiner Kindheits- und Jugendphase. Es scheint also tatsächlich (auch) ein Phänomen des Zeitgeistes zu sein. Früher gab es nach meinen persönlichen Erfahrungen mehr strikte "Das gehört sich nicht" und "Das sagt/macht man nicht"-Gepflogenheiten. Die wurden von vielen Menschen so hingenommen und nicht hinterfragt. Oder nur im Geheimen oder viele Jahre später.
Ich denke, dass die sozialen Medien, viel schnellere und breitere Informationsstreuung und allgegenwärtige Verfügbarkeit vieler verschiedener Weltanschauungsäußerungen dabei eine große Rolle spielen. Egal welcher "Opinion Leader" über welches Medium zu welchem Thema welche Meinung verbreitet: Wenige Klicks weiter finden sich fünf gänzlich andere Positionen. Es gibt nicht mehr "den einen" angemessenen Umgang und Offenheitsgrad zu einem Thema, an den sich alle zu halten haben.
Ich kann aber auch die Gründe der "Alles bestens, danke der Nachfrage"-Fraktion nachempfinden. Wenn eine ausführliche Beschreibung des Seelenzustands nicht zu einem wohltuenden Schnack unter lieben Menschen führen würde, sondern zu einer anstrengenden Odyssee aus Erklärungen, Missverständnissen, Nacherklärungen und Rechtfertigungen, würde ich mich auch eher zu einer knappen Antwort greifen. "Wie geht es dir denn so?" - "Na ja, könnte besser sein. Ein paar Sachen laufen momentan schräg, aber das wird schon wieder werden. Und bei dir?"
Wenn Nachfragen kommen, entscheide ich spontan nach Gefühl, was und wie viel ich berichte.
Außerdem eignet sich nicht jede Situation für einen ausgedehnten Seelenplausch. Manchmal schaut ein netter Kollege mit einem Kaffee in der Hand durch die Tür und grüßt und ist in Plauderlaune. Und ich habe in ein paar Minuten eine Besprechung mit meinem Chef. Da mach ich dann nur kurzen Smalltalk, anstatt ins Detail zu gehen, weil einfach die Zeit nicht da ist.
Im Büro muss ich arbeiten und habe selten Zeit für lange Privatgespräche. Da ist die Offenheit zwangsläufig begrenzt. Außer an ganz seltenen Tagen, wo ich nicht in die produktiven Puschen komme und nur den wenig anspruchsvollen Routinekram erledige. Oder in der Mittagspause.
Leute, die einem kurze Zeit nach dem Kennenlernen ihre Lebensgeschichte erzählen, sind mir meistens sympathisch. Ich finde das menschlich angenehm und warmherzig. Denen berichte ich auch von mir schneller viel als denen, die sich betont zurückhaltend geben. Und ich bin lieber in ihrer Nähe als bei den Verschlossenen.
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Ergebnis 31 bis 40 von 85
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31.05.2015, 13:46Inaktiver User
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
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31.05.2015, 13:48Inaktiver User
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
Lilly
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31.05.2015, 14:10Inaktiver User
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
In jungen Jahren war ich offener wobei ich bestimmt auch manches Mal zu offenherzig war.
Meine Erfahrung heutzutage gegenüber neuen Menschen ist immer wieder dieselbe:
Die Menschen, die am Anfang total entgegenkommend sind, offen und erzählen sind nach 3 Monaten die, die sich als kompliziert rausstellen.
Die Ruhigen, die erst mal zurückhaltend sind und sich langsam öffnen sind nach 3 Monaten die, die sich als sehr nett rausstellen.
Echt seltsam, aber wirklich........wo ich hinkomme.
Ob Job, ob Weiterbildungen, Seminare, Kurse, neue Menschen generell.......selten ist es anders.
kenzia
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31.05.2015, 14:14Inaktiver User
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
Erstaunlich.
Ich erleb das komplett anders, ich kann je älter ich werde umso weniger mit zurückhaltenden Menschen, die erst lang Vertrauen aufbauen um sich öffnen zu können. Ich finde da steckt oft viel Misstrauen und eine eher negative Weltsicht dahinter, was ich sehr anstrengend finde. Und oft genug kreist so jemand sehr um sich, weil er ja ständig drüber nachdenkt wie die Welt auf ihn reagiert und was für schreckliche Folgen das hat wenn er zu viel von sich preisgibt.
Ich mag unkomplizierte und mutigere Menschen lieber, die in Kauf nehmen dass auch mal was schief geht, sich aufrappeln und weitermachen - und nicht so sehr um sich und ihre Befindlichkeiten kreisen. Mir geht sowas zunehmend auf den Zeiger.
Ich hab es gern ernsthaft und tiefschürfend - aber eben nicht negativ und gehemmt.
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31.05.2015, 14:25
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
Ich denke, dass das heute der Anspruch der meisten Menschen an ihr Leben (vor allem in einer Beziehung) ist. Deshalb gehen ja so viele Beziehungen kaputt, weil die Vorstellung, immer und ewig in einer heilen Welt leben zu müssen, so tief eingebrannt ist.
Dann fangen die Menschen mit Patchwork an und hoffen auf Besserung. Aber ob die dann da ist? Ich bezweifele das.Nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft.
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31.05.2015, 14:28
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
Naja, hier wird aber auch sehr an den Extremen argumentiert. Zwischen "düsteres Familiengeheimnis, das in Hollywoodidylle ertränkt wird" und "Problembär" gibt es ja nun eine gewaltige Spannweite.
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31.05.2015, 14:34
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
Ja, wenn man so ins Erzählen kommt ... Ich kenne auch so eine Frau. Das hübsche Püppchen, immer gut gestylt, immer lächend ...
Mein Mann bekam mal mit, als er dort bei denen im Haus als Handwerker tätig war, wie diese Frau von ihrem Mann behandelt wurde. Sie hatte sich um alles zu kümmern und schleppte alles mögliche, was der sofort brauchte, nach Hause: Bierkästen, Säcke mit Beton (oder was die gerade an Baustoffen benötigten damals). Er rief sie an, und teilte ihr im Befehlston mit, was sie zu erledigen hatte. Niemals hätte ich angenommen, dass der mit ihr so umspringt. Er der große Kraftprotz und sie das zierliche Püppchen, die er am liebsten im kleinen Schwarzen beschrieb
Also mein Mann würde das lieber selber anschleppen und ich bin nicht so zierlich
Nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft.
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31.05.2015, 14:40
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
Es gibt auch positiv und zurückhaltend.
In der Gegend, wo ich wohne, sind viele Leute vom Temperament so. Das ist auch angenehm. Es hat beides Vor- und Nachteile. Es ist nicht so einfach, an diesen Typ Mensch heranzukommen, aber ich empfinde es auch als solider.
Gut, dass es alles gibt. So kann sich jeder das für sich Beste rauspicken.
Nur die Ruhe ist die Quelle jeder großen Kraft.
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31.05.2015, 14:42Inaktiver User
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31.05.2015, 14:44Inaktiver User
AW: Leute, denen es immer nur gut geht
Ja, das kann schon sein. Ich meinte aber auch nicht den kumpeligen Dampfplauderer, der mit jedem gleich gut Freund ist, das ist auch nicht so meins.
Aber grundsätzlich bevorzuge ich schon Menschen, die einen "an sich ranlassen" - nicht jeden und immer, aber wenn da eine Verbindung ist, dann halt evtl auch schnell.



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