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  1. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Aus meiner Sicht besteht da ein Zusammenhang. Der Beginn der romantischen Liebe geht ja auch mit der Industrialisierung einher, und steht unter dem Einfluss der Aufklärung.
    Der Beginn der romantischen Liebe lag bereits im Mittelalter, bei den Minnesängern. Weitere Protagonisten waren zB. Dante im 13. und 14.Jh. Kennzeichen dieser romantischen Liebe war, dass das Objekt der Begierde unerreichbar war.
    Wenn es eine Beziehung gab, dann nur kurz, wie bei Romeo und Julia.

    Unsere Altvorderen wussten sehr genau, dass Romantik nur eine kurze Halbwertszeit hat, sobald die Liebe in Erfüllung geht bzw. dass andere Werte wichtiger werden, wenn es darum geht, den Alltag zusammen zu bewältigen.

    Unsere Vorfahren wären vermutlich vor Lachen vom Pferd gefallen, hätte man ihnen erzählt, wie es heute läuft: Man lernt sich kennen, landet noch am selben Abend gemeinsam im Bett und nach fünf Sexdates fragt frau in einem Internetforum, ob sich daraus wohl eine romantische Beziehung ergeben könnte.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Das heißt, das sich gesellschaftlich enorm viel veränderte. Die romantische Liebe ist ja auch ein emanzipatorischer Akt gewesen: die freie Partnerwahl, das Ändern der Elter-Kind-Beziehung etc.
    Da stimme ich dir zu. Aber ich würde das eher als "Liebesheirat" bezeichnen (weil die Romantik wie oben beschrieben andere Wurzeln hat).

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Interessant fand ich den Zusammenhang, dass die Existenz von etwas mit Wortbildungen zu tun hat. Wenn es das Wort nicht gibt, dann wird es in den Gesellschaften auch nicht vorhanden sein.
    Ja, das ist spannend. Frei nach Wittgenstein "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt".

  2. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Unsere Altvorderen wussten sehr genau, dass Romantik nur eine kurze Halbwertszeit hat, sobald die Liebe in Erfüllung geht bzw. dass andere Werte wichtiger werden, wenn es darum geht, den Alltag zusammen zu bewältigen.
    Ich denke, es ist auch eine Frage der Perspektive, wie man das einordnet.

    Ich, als Single, seh es naturgemäß wohl anders als eine langgediente Ehefrau.

    Obwohl ich also dein Plädoyer für eine gewissen Bodenhaftung nachvollziehen kann, da geh ich durchaus mit, geb ich zu bedenken, dass ich persönlich für die Alltagsbewältigung eben, anders als die früheren Generationen, eben gar keinen Mann mehr brauche, der mich im Gegenteil teilweise sogar damit einschränken würde. Also such ich in einer Beziehung eben doch vorwiegend "Romantik", sprich emotionale Zugewandtheit versus - wenn man das zuspitzt - pragmatische Alltagsbewältigung.

    Es gibt viele, die vor lauter Romantik wenig Bodenhaftung haben - aber aus meiner Sicht mindestens genausoviele, die vor lauter Alltagsbewältigung die Romantik völlig vergessen. Rächen tut sich beides, in meinen Augen.

    Mich jedenfalls gruselt es immer, wenn es als Normalfall deklariert wird, dass man sich als Paar verliert über die Zeit, "natürlich" nicht mehr viel Nähe und Austausch da war, keine Paarzeit mehr bewußt zelebriert wird etc. Da denke ich, täte mehr Romantik oft durchaus gut.

  3. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    geb ich zu bedenken, dass ich persönlich für die Alltagsbewältigung eben, anders als die früheren Generationen, eben gar keinen Mann mehr brauche,
    Es gab früher mindestens ebenso viele Singles wie heute, bis vor ein paar Generationen sah die "klassische Familie" auf dem Land so aus: Bauer und Bäuerin mit ihren Kindern (Basis war so gut wie nie eine Liebesheirat), dazu die Eltern und unverheiratete Geschwister, Knechte und Mägde, denen es mangels Besitz verboten war zu heiraten. Die ledigen Kinder dieser Leute befanden sich am unteren Ende der Skala.

    Dazu noch all die allein stehenden Frauen, die als Haushälterinnen, Pfarrersköchinnen, Gouvernanten etc. arbeiteten.

    Dass so gut wie alle Menschen in einer Partnerschaft lebten, galt bestenfalls für die Fünfzigerjahre.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Also such ich in einer Beziehung eben doch vorwiegend "Romantik", sprich emotionale Zugewandtheit versus - wenn man das zuspitzt - pragmatische Alltagsbewältigung.
    Das passt doch, wenn du dieses Modell auch konsequent lebst, also keine Beziehung im Alltag daraus machen willst.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Mich jedenfalls gruselt es immer, wenn es als Normalfall deklariert wird,
    Es gibt keinen "Normalfall", sondern viele verschiedene Varianten. Zum Problem wird das nur, wenn man in das Lebensmodell, das man favorisiert, Erwartungen hinein trägt, die dort nicht erfüllt werden können und die Unzufriedenheit dazu führt, dass man dauerhaft unglücklich ist.

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    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Es gibt keinen "Normalfall", sondern viele verschiedene Varianten. Zum Problem wird das nur, wenn man in das Lebensmodell, das man favorisiert, Erwartungen hinein trägt, die dort nicht erfüllt werden können und die Unzufriedenheit dazu führt, dass man dauerhaft unglücklich ist.
    Ist das nicht eine Binsenweisheit, die sich auf nahezu alles übertragen lässt? Das hat doch nicht zwingend etwas mit dem Ideal der romantischen Liebe zu tun. Ich meine, die Bäuerin, die verbittert, weil die Ehe mit dem Nachbarn doch nicht den erhofften Statusgewinn erbringt, ist ja nun auch vermutlich nicht unbedingt glücklicher.

  5. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Es gibt keinen "Normalfall", sondern viele verschiedene Varianten. Zum Problem wird das nur, wenn man in das Lebensmodell, das man favorisiert, Erwartungen hinein trägt, die dort nicht erfüllt werden können und die Unzufriedenheit dazu führt, dass man dauerhaft unglücklich ist.
    Ja. Aber deshalb seh ich nicht die Romantisierung als alleine Wurzel des Übels. Genauso könnte man eben auch das Fehlen derselben als Ursache sehen.

    Mich wundert es jedenfalls immer wieder, wie sehr viele ihre Beziehung vernachlässigen und den Partner als selbstverständlich betrachten - und erst aufwachen wenn es zu spät ist.

    Dagegen hätte in vielen Fällen eine richtig verstandene Romantik - dass der Partner nämlich kein Möbelstück ist sondern ein fühlendes Wesen - geholfen.

  6. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von schlumpsi Beitrag anzeigen
    Ist das nicht eine Binsenweisheit, die sich auf nahezu alles übertragen lässt? Das hat doch nicht zwingend etwas mit dem Ideal der romantischen Liebe zu tun. Ich meine, die Bäuerin, die verbittert, weil die Ehe mit dem Nachbarn doch nicht den erhofften Statusgewinn erbringt, ist ja nun auch vermutlich nicht unbedingt glücklicher.

  7. Moderation

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    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Dagegen hätte in vielen Fällen eine richtig verstandene Romantik - dass der Partner nämlich kein Möbelstück ist sondern ein fühlendes Wesen - geholfen.
    Genau.
    Die Romantik, von der der Autor spricht, ist ja eher die, in der vom Partner die Erlösung von allem Grau im Alltag erhofft wird. Für immer und ewig. Zumindest hab ich das so rausgelesen.
    Dazu kommt das Glorifizieren von Hochzeiten und der ganze Apparat drumherum.


    Was die Singles früher angeht, die gabs auch in den Fünfzigern schon. Ich kenne einige Damen, die allein blieben, weil ihr Verlobter im Krieg gefallen war. Ich hab da grad eine bestimmte Frau vor Augen, die bei ihrem Bruder unterkam, der Grossbauer war. Sie hat sich um Haushalt und Kinder gekümmert, während die Ehefrau andere Verpflichtungen hatte.
    "I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves

    Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.

  8. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ja. Aber deshalb seh ich nicht die Romantisierung als alleine Wurzel des Übels.
    Hat das irgend jemand hier behauptet? Es gibt unzählige Gründe, warum jemand unglücklich sein kann. Nur ist es schwierig, alle gleichzeitig erschöpfend in einem Thread zu behandeln.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Dagegen hätte in vielen Fällen eine richtig verstandene Romantik - dass der Partner nämlich kein Möbelstück ist sondern ein fühlendes Wesen - geholfen.
    Dazu müsste man das Wort "Romantik" erst einmal genauer definieren. Ich verstehe darunter das Ideal Dantes und Shakespeares - es ist viel eher eine Projektion der eigenen Liebessehnsucht als ein wirkliches Einlassen auf einen realen Menschen mit seinen unterschiedlichen Charakterzügen.

    Diese Art von Romantik ist tatsächlich nicht von Dauer, ebenso wenig wie Verliebtheit. Reale Menschen haben positive und negative Eigenschaften. Die Romantik (auch rosarote Brille genannt), muss die negativen negieren.
    Romantik lässt sich nur dadurch aufrecht erhalten, dass man das Objekt der Begierde nicht bekommen kann bzw. es nicht an sich ranlässt oder durch eine Trennung im Zustand der Verliebtheit (die romantischen Gefühle bleiben dann in der Erinnerung erhalten).

    Das, was man in Partnerschaften erhalten sollte, sind die liebevollen Gefühle für einander. Die haben aber mE. mit Romantik wenig zu tun, weil sie eine viel umfassendere Akzeptanz des anderen voraussetzen. Jemanden zu idealisieren, so lange man nur seine guten Seiten sieht, ist einfach. Liebe kann das auf der Basis einer viel tiefergehenden Menschenkenntnis.

  9. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von frangipani Beitrag anzeigen
    Ich hab da grad eine bestimmte Frau vor Augen, die bei ihrem Bruder unterkam, der Grossbauer war. Sie hat sich um Haushalt und Kinder gekümmert, während die Ehefrau andere Verpflichtungen hatte.
    Das war früher oft so. Paare blieben auch selten lange allein, das erste Kind kam meist sehr bald, es folgten weitere. Früher war die Eheschließung so gut wie immer mit der Familiengründung verbunden.
    Dazu kamen die alten Eltern und unverheiratete Geschwister, die oft im selben Haushalt wohnten.

  10. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Hat das irgend jemand hier behauptet?
    Das ist ja im weitesten Sinn der Aufhänger des Artikels - die Romantik. In meinen Augen aber eher: die falsch verstandene Romantik.

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