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    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Sehr interessanter Artikel mit einigen interessanten Gedankengängen. Aber weshalb zum Schluss immer Erich Fromm herhalten muss, erscheint mir rätselhaft. Als ob in den vergangenen 30 Jahren keine neuen Erkenntnisse in der Erforschung von Liebesbeziehungen generiert worden wäre...

  2. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Ich finde schon die Ausgangsposition des Artikels falsch, weil romantische Liebe an sich aus dem christlichen Gedanken entsprungen ist. Sie ersetzt die Religion also nicht, sondern ist ein Ausdrucksmittel innerhalb der christlichen Welt.

    Ebenso entspringt der kapitalistische Gedanke in unserer heutigen Form der christlichen Welt. Und der daraus resultierende Selbstoptimierungsgedanke und die Überhöhung der Individualität pushen den Anspruch an Liebe sehr. In dieser Kombination natürlich eine gelebte, aber nicht-lebbare Fantasiewelt. Leiden ist eine Grundüberzeugung des Christentums.

  3. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Danke für den interessanten Artikel.

    Die romantische Liebe als "Götze", das halte ich für ziemlich treffend. Allerdings denke ich nicht, dass damit vor allem religiöse Bedürfnisse befriedigt werden sollen - Religion bedeutet die Suche nach dem Absoluten, also eher ein Weggehen vom eigenen Egoismus.

    Die Ursache für das heutige "Liebeschaos" sehe ich eher in einem allgegenwärtigen Narzissmus. Sehr viele Menschen glauben, die Welt sei ihnen etwas schuldig, sie halten sich für den Nabel der Welt, um den alle anderen kreisen.

    Ich bin alt genug, um mit bekommen zu haben, wie dieser Trend zustande kam. Der wachsende Wohlstand und die Abwesenheit von äußeren politischen Krisen ermöglichten eine Konzentration auf das Privatleben, wie es frühere Generationen nicht kannten. Dazu noch eine effektive Empfängnisverhütung und die Möglichkeit für alle Frauen, berufstätig zu sein.

    All das trug - glücklicherweise - dazu bei, dass niemand mehr in einer schlimmen und schädigenden Partnerschaft ausharren musste. Aber es bedeutete auch, dass immer mehr Leute aus Beziehungen ausbrachen, obwohl sie "alles hatten", vor allem aber Langeweile.

    Die Medien taten das Ihrige, um Illusionen zu nähren und romantische Vorstellungen zu transportieren, bei denen frühere Generationen wohl nur den Kopf geschüttelt hätten. Plötzlich "war man es sich schuldig", in jeder Hinsicht nur "das Beste" zu akzeptieren - wobei "Das Beste" oft nicht das war, was emotional passte, sondern was den Medienklischees am nächsten kam.
    Auch die Kinder wurden bald zur Verlängerung des eigenen Narzissmus: Ihnen wurde vermittelt, dass sie alle Prinzen und Prinzessinnen sind - entsprechend hoch und unrealistisch sind heute ihre Ansprüche.

    In dem Artikel wird auch angesprochen, dass viele Menschen heute glauben, ihr Körper sei ihr überzeugendstes "Verkaufsobjekt". Das mag für Tiere gelten, aber für Menschen?
    Ich kann nur staunen, wenn eine 24jährige hier allen Ernstes fragt, warum sie nicht auf offener Straße angesprochen würde, wo sie doch so toll aussieht. Das setzt ein Selbstverständnis von sich selbst als Konsumartikel voraus, so nach dem Motto: Will ich haben, muss ich zugreifen…

    Was ist bloß passiert, dass heute so konsumorientierte Vorstellungen über Beziehungen herrschen? Das ökonomische Denken als Leitmedium in allen Bereichen?

    Ich denke, eine Aufschlüsselung dieses Phänomens nach ökonomischen Gesichtspunkten wäre fast noch treffender als ein Vergleich mit religiösen Phänomenen.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich finde schon die Ausgangsposition des Artikels falsch, weil romantische Liebe an sich aus dem christlichen Gedanken entsprungen ist. Sie ersetzt die Religion also nicht, sondern ist ein Ausdrucksmittel innerhalb der christlichen Welt..
    Könntest du das genauer ausführen? Ich kann das nicht nachvollziehen.
    Geändert von Inaktiver User (29.09.2014 um 11:00 Uhr)

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    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Um ehrlich zu sein, frage ich mich, ob der Artikel nicht auch zum großen Teil auf Projektion beruht. Da wird die Kritik am egoistischen und doch zugleich sinnsuchenden Menschen auf "die Liebe" projiziert und dabei ein Bild kreiert als seien alle Menschen, die in einer Partnerschaft leben (oder eine wünschen) und sich obendrein wagen, ihren Partner zu lieben, eine Art ferngesteuerte Vollidioten, die knietief in einem klebrigen Sud aus Hollywood-Kitsch und Eigeninteresse waten und bei nächstbester Gelegenheit die Flucht ergreifen, weil sie im Gefühlsrausch nicht von 12 bis Mittag denken können und nicht in der Lage sind, eine Märchenwelt von der Realität zu unterscheiden.

    Mag ja sein, dass es solche Menschen gibt. Ich kenne davon keinen einzigen.

  5. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Das setzt ein Selbstverständnis von sich selbst als Konsumartikel voraus, so nach dem Motto: Will ich haben, muss ich zugreifen…

    Was ist bloß passiert, dass heute so konsumorientierte Vorstellungen über Beziehungen herrschen? Das ökonomische Denken als Leitmedium in allen Bereichen?

    Ich denke, eine Aufschlüsselung dieses Phänomens nach ökonomischen Gesichtspunkten wäre fast noch treffender als ein Vergleich mit religiösen Phänomenen.
    Das wäre mit Sicherheit treffender. Sowohl die romantische Liebe als auch die Ausgestaltung des Kapitalismus fanden in einem christlichen Kontext statt, und nicht außerhalb. Beides ist Bestandteil der christlichen Welt und ersetzen diese nicht. Entsprechendes wirst du in anderen Kulturen so nicht vorfinden. Ich meine, es war Paul Bowles, der mal in den 50er Jahren und in Marokko lebend gesagt hat, dass es im Arabischen kein Wort für "romantische Liebe" gibt.

    In einer individualisierten Gesellschaft fällt es wahrscheinlich schwer, die eigene Gegenwart in Gottes-Hände zu legen und auf das Glücksversprechen zu vertrauen, dass nach dem Tod das Paradies beginnt. Der Clou: Es widerspricht komplett der kapitalistischen Ehtik, dass jeder verdammt nochmal jetzt sein Glück suchen sollte und das bitte mit Produkt X, Y, Z. Das - aus meiner Sicht - einzig Wertige ist dann die Liebe, die leider damit komplett überfrachtet wird.

    Die arme Liebe...

  6. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Das wäre mit Sicherheit treffender. Sowohl die romantische Liebe als auch die Ausgestaltung des Kapitalismus fanden in einem christlichen Kontext statt, und nicht außerhalb. Beides ist Bestandteil der christlichen Welt
    Romantische Vorstellungen und Kapitalismus sind mE. zwei verschiedene Paar Schuhe.

    In China zB. ist das kapitalistische Denken, das dort aus dem Konfuzianismus stammt, noch viel stärker verankert. Die Chinesen sind weitaus härter in Bezug auf Konkurrenz, Taktieren und Vorteilsgewinnung als wir und wenn Asiatinnen auf dem "freien Markt" Partner suchen, geht es vor allem um Status und Geld, weniger um Romantik.

    Im arabischen Raum ist es meines Wissens noch eher so, dass eine Eheschließung von den Familien zu deren Vorteil arrangiert wird. Kein Wunder, dass dort romantische Vorstellungen keine Rolle spielen, dafür aber Polygamie.

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    In einer individualisierten Gesellschaft fällt es wahrscheinlich schwer, die eigene Gegenwart in Gottes-Hände zu legen und auf das Glücksversprechen zu vertrauen, dass nach dem Tod das Paradies beginnt.
    Deswegen hinkt der Vergleich für mich auch.

    Vermutlich zielte der Autor auf etwas anderes, nämlich den Glauben, der "richtige" Partner wäre allmächtig und könnte alle Bedürfnisse des unreifen Individuums befriedigen und ihn retten. Also eher die Suche nach einer idealen Mutter- oder Vaterfigur.

    Zitat Zitat von schlumpsi Beitrag anzeigen
    Da wird die Kritik am egoistischen und doch zugleich sinnsuchenden Menschen auf "die Liebe" projiziert und dabei ein Bild kreiert als seien alle Menschen, die in einer Partnerschaft leben (oder eine wünschen) und sich obendrein wagen, ihren Partner zu lieben, eine Art ferngesteuerte Vollidioten,
    Das habe ich nicht so gelesen. Die Kritik galt vor allem dem romantischen Ideal. Wer länger in einer Beziehung lebt, die durch Höhen und Tiefen ging, hängt diesem übertriebenen Ideal sicher nicht mehr an, sondern sieht die Liebe realistischer und belastbarer.

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    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Man muss Tomaten auf den Augen haben, um den religiösen Charakter dieses Kultes zu übersehen: Das Herz als Symbol ist in der westlichen Welt längst präsenter als das Kreuz - und wird in seiner Bedeutung sicherlich besser verstanden. In vielen Wohnungen hängen heute genau an den Stellen, wo früher religiöse Symbole, also Kreuz, Madonna oder Weihwasserbecken, hingen, Fotos der eigenen Zweisamkeit in endlosen Variationen, Bilder vom großen WIR, von UNSEREM GLÜCK, Bilder, die es laut herausschreien: Wir haben es geschafft, wir lieben uns, wir sind jetzt glücklich!!!
    usw., usw.

    Quelle: besagter Artikel. http://www.faz.net/aktuell/gesellsch...-13152087.html

    Für mich ist der Tenor schon recht deutlich: die gesellschaftliche Entwicklung führt dazu, anstelle der Realität immer stärker der Versuch unternommen wird, nicht das Leben, sondern das Bild davon zu leben und dies mit geradezu religiöser Inbrunst.

  8. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Ja, die Inbrunst und der feste Glaube haben religiöse Züge, ebenso wie die Rituale und die Reliquien.

    Ansonsten ist die Melange aber eher absurd.
    Vor allem die Kombination aus der romantischen Vorstellung, es gäbe einen Partner, der alle Wünsche erfüllen könnte mit der Vorstellung, die eigene körperliche Anziehung sei so stark, dass der andere einem quasi willenlos verfallen würde, ist äußerst schräg und unreligiös.

    Der christliche Gott liebt zwar die Menschen (angeblich), aber Grundlage seiner Liebe ist, dass sie seine Gebote einhalten und an ihn glauben. Das ist das Gegenteil des narzisstischen Ideals, das den romantischen Liebesvorstellungen zugrunde liegt.

    Der zweite Teil diese romantischen Ideals ist dann völlig lächerlich:
    Wenn der Körper allen Ansprüchen genügt (und zwar lebenslang) ist er ein Garant dafür, dass auch sämtliche anderen Wünsche nach Liebe, Zugehörigkeit und Loyalität automatisch erfüllt werden.

  9. Inaktiver User

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Romantische Vorstellungen und Kapitalismus sind mE. zwei verschiedene Paar Schuhe.
    Aus meiner Sicht besteht da ein Zusammenhang. Der Beginn der romantischen Liebe geht ja auch mit der Industrialisierung einher, und steht unter dem Einfluss der Aufklärung. Das heißt, das sich gesellschaftlich enorm viel veränderte. Die romantische Liebe ist ja auch ein emanzipatorischer Akt gewesen: die freie Partnerwahl, das Ändern der Elter-Kind-Beziehung etc.

    In China zB. ist das kapitalistische Denken, das dort aus dem Konfuzianismus stammt, noch viel stärker verankert. Die Chinesen sind weitaus härter in Bezug auf Konkurrenz, Taktieren und Vorteilsgewinnung als wir und wenn Asiatinnen auf dem "freien Markt" Partner suchen, geht es vor allem um Status und Geld, weniger um Romantik.
    Deshalb ist romantische Liebe ja auch christlich geprägt. Entstammt unserer Kultur, die mit der chinesischen nicht viel gemein hat. Heute wohl auch nur im Handel und im Gewinnstreben. Zumindest, was ich gehört habe von Leuten, die da gelebt haben bzw. dort arbeiten.

    Im arabischen Raum ist es meines Wissens noch eher so, dass eine Eheschließung von den Familien zu deren Vorteil arrangiert wird. Kein Wunder, dass dort romantische Vorstellungen keine Rolle spielen, dafür aber Polygamie.
    Interessant fand ich den Zusammenhang, dass die Existenz von etwas mit Wortbildungen zu tun hat. Wenn es das Wort nicht gibt, dann wird es in den Gesellschaften auch nicht vorhanden sein.

    Vermutlich zielte der Autor auf etwas anderes, nämlich den Glauben, der "richtige" Partner wäre allmächtig und könnte alle Bedürfnisse des unreifen Individuums befriedigen und ihn retten. Also eher die Suche nach einer idealen Mutter- oder Vaterfigur.

    Das habe ich nicht so gelesen. Die Kritik galt vor allem dem romantischen Ideal. Wer länger in einer Beziehung lebt, die durch Höhen und Tiefen ging, hängt diesem übertriebenen Ideal sicher nicht mehr an, sondern sieht die Liebe realistischer und belastbarer.
    Das ist eine psychologische Deutung und kann auch stimmen. Hängt von jedem einzelnen ab. Nur wie beschrieben, halte ich es nicht für ein Religionsersatz, sondern als Bestandteil unserer christlichen Werte.

  10. User Info Menu

    AW: Liebe als (Ersatz) Religion

    Aber wie viele Menschen leben dies denn tatsächlich in der von dir beschriebenen Weise?

    Ich meine, die von dir beschriebenen Menschen tauchen tatsächlich des Öfteren auf: als Bild (Vorstellung) in den Medien und ich frage mich eben: sind die denn "realer" als die im Bild der immerwährenden, romantischen, glücklichen Liebe gezeichneten?

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