Gezeitenfrau, du hast echt eine Menge mitgemacht.
Es ist (leider) vollkommen normal, daß Mist passiert ohne jeden Anlaß, Sinn und Zweck, und es ist (zum Glück, eigentlich) völlig normal und menschlich, daß einen das verletzt und es einem lange nachgeht. Das ist das eigene Leben, das kann man nicht so "wegpacken" und erwarten, daß einem alles in den Kleidern hängenbleibt, und diese neuen Sitten. wonach man schon ein Fall für die rosa Pillen ist, wenn man länger als zwei Wochen weint, sind einfach nur unmenschlich.
Wenn du das Gefühl hast, es ist schon so lange her, und es entfernt sich trotzdem nicht von dir, such dir jemanden, der dir hilft, das durchzuarbeiten. Es ist ein Teil deines Lebens, es wird nicht weggehen. Es macht dich zu dem, was du heute bist, zum guten und zum schlechten, aber jeder neue Tag tut das auch.
Ich kenne die Situation mit deinen Eltern nicht, aber ich glaube dir, daß es für dich das Beste war, den Kontakt abzubrechen. Man wartet oft viel zu lange, immer in der Hoffnung, daß sich doch was ändert, daß endlich irgendwann alles in die Ordnung kommt, von der einem alle sagen, es müsse das doch tun -- nur tut es das nie, man wiederholt sich immer nur. Das ist auch eine Art, von der Vergangenheit festgehalten zu werden. Die Einsicht, daß etwas nicht geht, daß man nicht alles tun oder aushalten kann und nicht allmächtig oder unkaputtbar ist, ist eine schwere. Vielleicht war dein Bruder nie so nah dran und konnte sich deswegen ein dickeres Fell wachsen lassen, vielleicht hat ihm das Leben generell weniger um die Ohren gehauen -- so oder so, es ist wahrscheinlich gut für dich, daß er dir da ein bißchen den Rücken freihalten kann, wenn ich dich richtig lese?
Ein Tag nach dem anderen. Versuch, das Gute zu fühlen. Finde, was dir Freude macht. Vermeide Leute, die dir nicht gut tun. Wenn man sein Leben ändern will (anderer Job...) ist es oft besser, zu etwas hin als von etwas wegzulaufen, aber in aktuen Fällen ist Weglaufen eine perfekt akzeptable Strategie, um sich aus unerträglichen Situation oder un-gewinnbaren Auseinandersetzungen zu entfernen. Niemand muß in einem brennenden Haus bleiben.
Such dir Unterstützung. Freunde können oft nicht damit umgehen, wenn es einem sehr schlecht geht oder wenn man grausige Sachen erlebt hat, weil es für sie zu nahe ist und sie zu sehr mit-erleben, deswegen wiegeln sie ab, was sie nicht besser machen können. Es ist genau die Fähigkeit von Therapeuthen, das nicht zu tun, weil sie nicht so nahe dran sind und andere Methoden haben, sich selber zu schützen.
Es gibt unterschiedliche Therapieformen, manche arbeiten deine Vergangenheit auf, indem du wieder dorthingehst, andere helfen dir, zu lernen, daß sie vorbei ist und wer du jetzt bist, oder geben dir Methoden, nicht in Löcher zu fallen, nur weil du immer hineingefallen bist. Mach dich mal schlau, was es gibt, und was du denkst, was dir guttun würde. Bei der Telefonseelsorge kann man sich mal ausheulen, die können einen auch in die richtige Richtung lenken, und Hausärzte oder Krankenkassen können auch brauhbare Anlaufstelles sein. Das hat nichts damit zu tun, sich anzustellen oder nicht richtig im Kopf zu sein. Der Mensch ist nicht dazu gemacht, all seinen Kram alleine aussortiert zu kriegen.
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Ergebnis 21 bis 30 von 30
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03.03.2014, 11:17
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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04.03.2014, 14:49
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
Liebe wildwusel,
danke
, du schriebst vieles so wie ich es auch empfinde und wie es
"eigentlich richtig" wäre......
Das mit der Therapie sagte mir schon vor Jahren mein Mann, lange bevor er
krank wurde, ich habe damals sehr wütend reagiert, so nach dem Motto:
wer ist denn "irre"- ich oder die Alten !?
Heute weiß ich natürlich wie dumm das war und vorurteilsbeladen,aber er, der
aus einem ganz anderen,unbelasteterem Umfeld stammte,sehr liberale Mutter usw,
schien mir denkbar ungeeignet solchen Rat zu erteilen.....
Später kam ja noch einiges hinzu, sodass irgendwann auch bei mir solche Gedanken
aufkamen, das Ganze eben mal fachmännisch/fraulich anzugehen-um immer verworfen
zu werden.
"Keine Zeit! Macht alles nur schlimmer!" usw,usf.Irgendwas war immer.
Und Trauer ist ja auch was "Normales", wer erlebt im Leben keine Verluste und muss damit umgehen,
leben lernen ?!
Nur bei solchen Anlässen, wie das von mir schon zig Mal geplante und nie durchgezogene
"Zimmer ausräumen" wallt zB. die Traurigkeit unvermutet und aus quasi heiterem Himmel wieder
auf-in unverminderter Heftigkeit.Nur kürzer,ich krieg mich relativ schnell wieder ein.
Ich habe immer geglaubt: man hat es verkraftet, durchlitten,behält die schönen Erinnerungen
als Schatz und den Platz im Herzen,der nicht anderweitig "besetzt" werden kann.Die Traurigkeit
und die ambivalenten Gefühle aber lässt man los...
So steht es in vielen Büchern- so würde ich es gern für mich annehmen.
Wahrscheinlich fehlt mir einfach die berühmte Resilienz.....
Was meine Eltern angeht: viele, die keine Ahnung haben,versuchen zu verstehen weshalb ich
so handele-können es aber nicht.Und es ist so ermüdend und sinnlos,sich dahingehend zu
erklären- und das will ich auch gar nicht.
Wenn ich mal anmerke,dass meine Tante, viel jüngere Schwester meines Vaters,vor ca. 40
Jahren mehrfach beim Jugendamt vorstellig wurde,wegen Misshandlungen von uns Kindern, usw.,
kann das keiner glauben.War doch alles ganz "normal" bei uns, du warst doch früher immer bei
deinen Eltern blablabla....also meide ich jedes Gerede darüber, ist ein Ort wo jeder jeden kennt
und dann sollen die halt denken: die böse Tochter,die den alten Eltern nicht mehr zur Seite
steht.Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurück-
kehren, so daß wir einen Moment lang wieder sind, wer
wir waren
Aharon Appelfeld
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04.03.2014, 15:08
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
Ja, mein Sohn fragte seinen Papi (der auch sein Onkel ist-mein verstorbener Partner war der Bruder meines LG)
ob ich wegen meinem 1.Mann weine.Er ist zuweilen ein Altklugschnacker und hat bestimmt mal
was aufgeschnappt....
Er kennt- altersentsprechend -schon die Familiengeschichte,weiß das seine beiden großen
Geschwister einen anderen Vater hatten, der früher auch hier gewohnt hat.
Das mit dem "1.Mann" hat er sicher von irgendwelchen Leuten gehört,obwohl ich mit meinem LG
nicht verheiratet bin.Das ist ohnehin seltsam, was man manchmal zu hören kriegt: dein verstorbener EX
(waren wir geschieden ?!)usw.- alles sicher nicht böse gemeint aber unbedacht und auch verletzend.Ich sage
zu sowas nie was-wahrscheinlich auch ein Fehler.
Ich hatte nach den 2 Verlusten relativ schnell, für andere relativ spät- je nach Sichtweise- neue Beziehungen
und war mit Aufarbeitung und Trauer keineswegs "fertig"-wenn man das überhaupt so sagen kann.
Oft denke ich, dass ich meinem jetzigen Partner so ein "Paket" nicht hätte zumuten dürfen.
Er wollte das aber nicht einsehen und beschwert sich nicht.Auch er hatte Vergangenheit,
Trennung,Scheidung und jahrelange "Aufarbeitung" der gescheiterten Ehe-inzwischen ist er
damit "durch".Ich glaube in so einem Fall- zumal wenn mein Partner mich verlassen hätte,
wäre es auch für mich "leichter" gewesen....Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurück-
kehren, so daß wir einen Moment lang wieder sind, wer
wir waren
Aharon Appelfeld
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04.03.2014, 15:12
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
Danke luftpost

Ich will meinen Vorsatz, zu ändern was zu ändern geht,auf jeden Fall in die Tat umsetzen
und keine neuen Ausreden,Verdrängungsmechanismen mehr aufbieten.
Immer nach diesen "Abstürzen" geht es mir ja wieder gut- und schon wird wieder so gentan
als sei längst alles wunderbar (vor mir selbst)....Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurück-
kehren, so daß wir einen Moment lang wieder sind, wer
wir waren
Aharon Appelfeld
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04.03.2014, 15:14
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
Utetiki: danke für den Tipp mit der Mediathek

Das Thema interessiert mich sehr....Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurück-
kehren, so daß wir einen Moment lang wieder sind, wer
wir waren
Aharon Appelfeld
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04.03.2014, 21:25
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
Liebe Ambiva
ich empfinde deinen letzten Satz las ein absolut nicht angebrachte Verharmlosung von Gewalt!
>>Kindesmisshandlung
Traumatisierungen im Kindesalter können unter anderem durch körperliche Gewalt, sexuellen Missbrauch mit und ohne Penetration, aber auch durch körperliche Vernachlässigung oder emotionalen Missbrauch verursacht werden. Die Schädlichkeit der beiden letzten Misshandlungensformen finden in der Gesellschaft oft keine ausreichende Beachtung. Durch Tierexperimente konnte gezeigt werden, dass durch das emotionale Erleben in den ersten Lebensjahren strukturelle neuronale Veränderungen (Verschaltungsmuster in den präfrontal-limbische Schaltkreise) im Gehirn verursacht werden, die lebenslang erhalten bleiben. Gewalttätige Traumata in der Kindheit und Jugend – egal ob einmalig oder längerandauernd – führen oft zu tiefgreifenden Störungen in der Persönlichkeit der Opfer, die über die Symptomatik allgemeiner posttraumatischer Erkrankungen hinausgehen. Bei langandauerndem Aufwachsen in einem gewaltgeprägten familiären oder sozialen Umfeld wirkt sich die Traumatisierung zudem in Form erzieherischer Prägung aus, die sich später in einer spezifisch geformten Denk-, Fühl-, Handlungs-, Kommunikations- und Wertestruktur niederschlägt. Da im Erwachsenenalter die Persönlichkeit gefestigter ist, braucht es hier stärkere Traumatisierungen, um die gleichen Auswirkungen auf die Persönlichkeitsstruktur zu haben; Erwachsene können aber prinzipiell alle Folgen wie auch Kinder und Jugendliche erleiden.<<
Trauma (Psychologie)
Mit anderen Worten, misshandelte Kinder sind immer schwerst geschädigte Kinder und bleiben das ein Leben lang.
Kindesmissbrauch/-misshandlung und seine Folgen sind nicht als zum normalen Leben dazu gehörend anzusehen!!!
Grüße
LudftpostGeändert von Luftpost (04.03.2014 um 22:46 Uhr)
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04.03.2014, 21:41Inaktiver User
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
Wieso soll es leichter sein wenn man verlassen wurde? Wenn der Partner stirbt muss man ja immerhin weder an der Beziehung noch am eigenen Selbstwert zweifeln. Das würd ich nicht unterschätzen, was das mit einem macht, wieviel Vertrauen das zerstört.

Doris Dörrie hat das mal schön formuliert, ihr erster Mann ist ja früh an Krebs gestorben: das wär sehr hart gewesen, und sie hat sich lang nicht davon erholt. Aber es hat ihr nicht den Glauben an die Liebe genommen.
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04.03.2014, 21:45
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
Liebe Gezeitenfrau
wenn Du dich an einen Psychotherapeuten wendest, sollte dieser eine Fortbildung in Traumatherapie haben.
Es ist ganz wichtig danach zu fragen.
Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland finanzieren folgen Psychotherapiemethoden: Verhaltenstherapien, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und analytische Psychotherapien.
Liebe Gezeitenfrau, das geht wohl mehr oder weniger jedem Menschen mit einem psychischem Problem so. Ist bei mir auch nicht anders.Ich will meinen Vorsatz, zu ändern was zu ändern geht,auf jeden Fall in die Tat umsetzen
und keine neuen Ausreden,Verdrängungsmechanismen mehr aufbieten.
Immer nach diesen "Abstürzen" geht es mir ja wieder gut- und schon wird wieder so gentan
als sei längst alles wunderbar (vor mir selbst)....
Alles Gute Dir
LuftpostGeändert von Luftpost (04.03.2014 um 22:44 Uhr)
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04.03.2014, 22:11
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
** Moderatorin im Sparforum, und in "Fit und Sportlich"**
** ansonsten niemand besonderes **
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05.03.2014, 00:49Inaktiver User
AW: Wie viel Vergangenheit tut gut !?
es geht um gewalt?
das habe ich überlesen.
edit: inzwischen habe ich die stelle gefunden. sorry! ändert aber nicht wirklich was an meinem posting.
du hast mein posting nicht richtig verstanden, aber macht nichts.Mit anderen Worten, misshandelte Kinder sind immer schwerst geschädigte Kinder und bleiben das ein Leben lang.
Kindesmissbrauch/-misshandlung und seine Folgen sind nicht als zum normalen Leben dazu gehörend anzusehen!!!
Geändert von Inaktiver User (05.03.2014 um 07:46 Uhr)


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