Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 10
  1. Inaktiver User

    Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    Liebe Community hier,

    lange habe ich überlegt, ob ich von mir schreiben soll oder nicht, aber ich trau mich jetzt einfach mal.

    Mittlerweile bin ich Mitte 40, glücklich verheiratet, habe einen mir sehr viel Freude bereitenden Beruf. Finanziell sieht es ganz gut aus, wir wohnen in einem hübschen Haus und können uns auch hübsche Urlaube leisten. Klingt alles toll, nicht wahr? Ein für mich aber ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens ist in den letzten Jahren leider fast komplett weggebrochen: Mein Freundeskreis. Nie hätte ich gedacht, mein vermeintlich stabiles und so wichtiges Umfeld könnte sich mal auflösen, aber genau das passierte aus verschiedenen Gründen, mal war es der Klassiker (Freundin bekommt Kind und verschwindet damit), mal entwickelten wir uns in verschiedene Richtungen, sehr liebe Menschen zogen sehr weit weg... die Details sind unwichtig, ich konnte trotz aller Bemühungen einfach nur fassungslos und frustriert zuschauen, wie die Mehrheit meiner Lieben aus meinem Leben verschwand. Ich habe sehr viel im Freundschaftsforum hier gelesen und ich scheine damit nicht allein zu sein.

    Nach einer sehr schlimmen Trauerphase besann ich mich auf mich selbst und nahm mir auf, mich mehr auf mich zu konzentrieren und zu versuchen, Dinge auch allein machen und genießen zu können, schließlich kann man doch sein Glück nicht von anderen Menschen abhängig machen, oder? Das klappt auch sehr gut, ich werke mittlerweile sehr gern im Garten rum, habe das Stricken wiederentdeckt, schreibe in diversen Foren mit und bin ein Mensch geworden, der sehr gern mit sich allein ist. Vielleicht zu sehr? Das Kochen ist mittlerweile eine Passion für mich geworden, ich liebe es für mich und meinen Mann zu kochen! Leider sieht man es mittlerweile auch, ja, ich bin ganz schön dick geworden. Das stört mich auch ganz gewaltig, aber da ich ja außerhalb meines Arbeitsplatzes kaum noch rausgehe, kann ich das wohl ganz gut verdrängen. Mittlerweile fühle ich mich zu Hause so wohl, dass ich überhaupt keine Lust mehr habe, wegzugehen. Ich muss jetzt anfangen, wieder gegenzulenken, denn mittlerweile fängt auch mein Mann an sich zu beschweren, weil ich nur noch zu Hause sein möchte und mal viel mehr auf mein Äußeres geachtet habe. Recht hat er.

    Ich bin echt gerade wirklich verzweifelt, ich habe versucht, mich an die Gegebenheiten des Lebens anzupassen, wenn Freundschaften nicht mehr funktionieren, dann werde mit dir selbst glücklich, so war der Plan. Jetzt bin ich zu glücklich mit mir selbst, vernachlässige meine Beziehung und muss wieder einen neuen Weg finden. Hilfe! Ich bin von einem Extrem ins andere gerutscht, das wird mir jetzt erst richtig bewusst. Hat jemand hier so etwas auch schon einmal erlebt? Was macht man bloß, wenn ein Vorhaben zu gut gelungen ist?

  2. User Info Menu

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    Ein wichtiger Satz steht ganz zu Anfang:

    "Mittlerweile bin ich Mitte 40."

    Nicht ungewöhnlich, dass in diesem Alter sich das Leben sehr entscheidend verändert. Auch nicht ungewöhnlich, dass in diesem Alter der Freundeskreis "wegbricht". Ungewöhnlich allenfalls, dass du dies hier so offen bekennst. Viele, die es betrifft, halten dies für ein absolutes no go, geben sich selbst die Schuld und - verschweigen es.

    Dabei ist der Vorgang so gut erklärbar. Du hast Lebenserfahrung, fängst an zu differenzieren und spürst vielleicht intuitiv, dass das was früher so ungemein wichtig war in deinem Leben, an Bedeutung verliert.

    Du wirst andere Menschen finden, Menschen, die dir anderes bedeuten als früher, hoffentlich deinen Bedürfnissen und Vorstellungen entsprechend. Sie werden weniger; schon deshalb, weil sie gelegentlich auch sterben.

    Bedenklich fände ich es, wenn du deine Empfindungen zum Anlass nimmst, deinen Zustand zu dramatisieren. Dann entwickelt sich so etwas wie self fullfilling prophecy. Aber das willst du ja nicht, wenn ich dich richtig begreife...

  3. Inaktiver User

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    Es könnte auch mein Leben sein, was Du da beschreibst, nur dass ich noch Ende 30 bin.

    Ich würde empfehlen VHS Kurse zu besuchen oder ins Fitnesscenter zu gehen. Dort findet man die ganzen vereinsamten dann wieder :)

    Jeder Lebensabschnitt hat seine Freundschaften, in den seltensten Fällen überdauern Freundschaften ein Leben. Ich hab das schmerzlich bereits im Teenyalter erfahren. Menschen kommen und gehen.

  4. Inaktiver User

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    Joyandpain,
    es gibt den alten, aber wie ich finde, wahren Satz: wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.
    Gute Zeiten kann es nur geben, wenn es schlechte gibt. Und du bist auf einem guten Weg: du hast es erkannt, und, das ist sehr wichtig: du bist nicht alleine, sondern in einer gesicherten Partnerschaft.

    Eine Vorgängerin schrieb es, Mitte 40 ist ja heute auch gefühlt (und tatsächlich) die Mitte des Lebens, man hinterfragt vielleicht mehr. Ich habe mir angewöhnt, weniger zu hinterfragen, da weniger Zeit dafür.

    Deine Passion ist das Kochen. Dann verknüpfe das mit dem Vorschlag einer Vorgängerin: besuche doch z.B. einen Kochkurs. Je nachdem wo du wohnst, gibt es da sicher etliche Möglichkeiten.
    Ich könnte mir vorstellen, dass dein Gewichsproblem nur eine Folge ist und sich u.U. relativieren könnte, wenn du dein Leben wieder in die richtige Bahn lenkst.

    suzie

  5. User Info Menu

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    jojandpain, es stimmt schon, neue Freundschaften zu finden ist jenseits des Schul- und Ausbildungsalters nicht mehr so selbstverständlich und einfach. Schon gar nicht, wenn man das als Zielsetzung betreibt.

    Ich hatte das Glück, dass ich noch eine richtig gute Freundin mit Mitte 40 gewonnen habe, aber das war Zufall und keine Absicht.

    Für mich gehört ein eigener Kreis mit sozialen Kontakten einfach zur Lebenszufriedenheit dazu. Allerdings habe ich auch gemerkt, dass mir dafür auch die reine Geselligkeit, also Bekanntschaften reicht, ich muss keine Freundschaften "erzwingen". In meinem Fall waren das u.a. Outdoorunternehmungen "meines" Fitness-Studios. Gibts ja in vielerlei Form: Lauftreffs, Wandertreffs (regionale Vereine, Alpenverein usw), Fahrradtreffs (ADFC), Kochtreffs (vhs, privat usw) irgendwelche selbstinszenierten Freizeittreffs (Kultur, Unternehmungen, oder ganz allgemein Freizeitgestaltung usw), die in jeder größeren Stadt zu finden sind (Zeitung, Regionalplattformen usw). Hauptsache irgendwas, das mich reizt, mir Spaß macht und mich aus meinem alltäglichen Umfeld, in dem ich 24/7 hocke, mal etwas rausbringt. Das könnte zumindest ein Anfang sein.
    Grüße
    A.

    Wenn man bedenkt,wie oft ich in diesem Leben schon falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch auf diesem Planeten befinde.

  6. User Info Menu

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    bin ein Mensch geworden, der sehr gern mit sich allein ist.
    Liebe joyandpain,

    davon, mit sich selbst wirklich gerne allein zu sein, können viele Menschen nur träumen.
    Ich würde das an Deiner Stelle nach als eine gute und solide Basis sehen, denn diese
    wird Dir so schnell nicht wegbrechen. Du wirst immer Dein ganz persönliches Rückzugsgebiet
    vorhanden wissen.

    Seit meiner Scheidung habe ich mich auch in diese Richtung entwickelt und stoße
    mit meiner "Splendid Isolation" nicht immer auf Verständnis. Mich stört das allerdings
    herzlich wenig. Ich gehe zwar durchaus auch ins Fitnessstudio, aber nie mit dem
    Hintergedanken, dort Leute näher kennenzulernen. Kommt trotzdem vor ;).

    Bei Dir allerdings liegt der Wunsch vor, etwas zu verändern, und somit hast Du
    schon mal einen tragfähigen Impuls, das auch wirklich zu tun. Vielleicht hilft es Dir,
    erst mal kleine Ziele zu setzen - mit möglichst wenig konkreter Erwartungshaltung.
    Gerade was das Zwischenmenschliche angeht, ergeben sich Dinge wie Bekanntschaften
    oder sogar Freundschaften eher nach dem Zufallsprinzip.

    Bist Du ein "Gruppenmensch", dem diese Dynamik gut tut oder neigst Du eher zu
    Aktivitäten, bei denen Du auch außer Haus alleine unterwegs bist?

  7. Inaktiver User

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    beim lesen des ersten postings kommt bei mir so ein kleines trotzteufelchen zum vorschein.

    ihr (die alten zerbröselnden freundschaften) wollt mich nicht mehr- jetzt ziehe ich mich zurück.

    und jetzt ist der rückzuck soweit gediehen, dass es deinem direkten umfeld (mann) negativ auffällt.

    freundschaften haben ihre zeiten und auch ihre verfallsdaten- das ist das leben.


    und was hält dich jetzt zurück zwischen kochkursen und sport- DEIN leben so zu gestalten dass du dich darin wohlfühlst.

  8. User Info Menu

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    Ich bin auch so gut wie Mitte 40 und war nie jemand, die massig Freund- oder Bekanntschaften hatte. Mir lag es nicht, mir die Nächte um die Ohren zu schlagen, meine Ausdauer nahm ab 30, 35 ohnehin kontinuierlich ab. Ich konnte auch schon immer sehr gut und gern mit mir alleine sein, aber worauf ich immer viel Wert gelegt habe, waren einige wenige gute Freundinnen und Freunde. Die Freundschaften habe ich gehegt und gepflegt. Es gab immer mal Phasen, in denen ich weniger Zeit hatte, aber gerade jetzt bin ich heilfroh, ein - wie es so schön heißt - intaktes soziales Umfeld zu haben.

    Ich war fast 5 Jahre in einer sehr glücklichen Beziehung; von jetzt auf gleich, für mich völlig unerwartet und schockierend, hatte mein Partner eine neue Vorstellung von der Lebens- und Beziehungsführung (ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen), sodass ich mich aus purem Selbstschutz getrennt habe.

    Auch wenn es vor Ort nur drei gute Freundinnen und ein guter Freund sind (es gibt noch drei weitere, die aber leider weit entfernt wohnen): Ich fühlte mich gut aufgefangen.

    Was mir auch total geholfen hat: Ich bin seit Anfang des Jahres in einem Sportstudio, klein, fein und familiär. Wenn mir die Decke auf den Kopf fiel und ich mal wieder ins Grübeln kam, bin ich los zum Sport.

    Wie gesagt, ich kann und mag auch gern allein sein, aber wenn ich mir vorstelle, dass sich mein Leben die letzten Jahre nur auf meinen Partner konzentriert hätte, wenn ich den Sport nicht hätte, dann wäre ich, außer zum Arbeiten, aus meiner Bude nicht mehr rausgekommen die letzten Wochen...

    Alles Gute wünscht
    sandfloh
    Ist das Leben nicht schön!?

  9. User Info Menu

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    Hallo Joyandpain,

    was Dir passiert ist, ist sicher alles andere als selten. Der Freundeskreis bricht nach und nach weg, man bedauert das, aber letztlich bemüht man sich nicht aktiv um neue Freundschaften, denn man hat ja seinen Partner. Echte Einsamkeit, die einen zum Handeln zwingt, kommt so natürlich nicht auf. Allerdings ist es oft fatal, wenn Paare nur noch aufeinander fixiert sind, keine Impulse mehr von außen kommen.

    Und ein bisschen betrügst Du Dich natürlich selbst, wenn Du schreibst, Du kannst gut allein sein. In einer Beziehung ist man eben nie wirklich allein. Als Single hättest Du Dich sicherlich mehr bemüht, neue Freundschaften zu schließen oder um die alten zu kämpfen.
    Außerdem schafft es jemand, der gut mich sich allein sein kann, auch Dinge allein zu unternehmen, sprich außer Haus aktiv zu werden. Du hast Dich jedoch ins Haus vergraben und es Dir dort gemütlich gemacht. So lange, bis die Welt draußen nicht mehr attraktiv war und Du nicht mehr attraktiv für die Welt.

    Okay, nun heißt es gegensteuern, denn Du merkst ja selbst, dass Dein Extrem zu Problemen führt. Die Frage ist, was könnte Dich rauslocken? Was hat Dich früher rausgelockt? Sind das Reize, die sich wiederbeleben ließen, oder haben sich Deine Interessen zu grundlegend gewandelt? Kochkurs kam hier schon als Anregung. Das finde ich eine tolle Idee. Nähkurs wäre vielleicht auch was, wenn Du gerne handarbeitest. Oder sonstige Kreativkurse. Also Sachen, die Dich nach draußen locken, Dir aber gleichzeitig die Möglichkeit geben, das Gelernte im heimischen Revier anzuwenden und zu vertiefen. Weight Watchers wäre viellelicht auch eine Möglichkeit, wenn Du gerne abnehmen möchtest. Alles, was Dich regelmäßig mit einem bestimmten Ziel nach draußen lockt. Und überall können sich auch neue Freundschaften ergeben.

    Es stimmt sicher, dass es in den Vierziger nicht mehr ganz so leicht ist, neue Freundschaften zu schließen. Aber unmöglich ist es auch nicht. Es gehört Offenheit und Neugier dazu, ein Gespür, wer zu einem passen könnte (man ist eben irgendwann doch nicht mehr mit jedem kompatibel) und idealerweise auch eine Möglichkeit, sich regelmäßig zu begegnen, ohne sich gleich festlegen zu müssen. Du hast den enormen Vorteil, keinen Druck bei der Suche nach neuen Freundschaften zu verspüren, weil Dir grundsätzlich gerade nichts fehlt. Das heißt, Du kannst Dinge frei nach Neigung um ihrer selbst willen tun und einfach schauen, ob Dir dabei nicht Menschen über den Weg laufen, mit denen eine Freundschaft möglich wäre.

    Mit Freunden ist das Leben auf alle Fälle bunter und facettenreicher, weil Du mit ihnen Dinge teilen kannst, die Deinen Mann jetzt vielleicht nicht so interessieren. Und es macht einen meistens auch für den Partner attraktiver, wenn er einen als eigenständigen Menschen mit eigenen Freunden und Interessen wahrnimmt.

    Viele Grüße,

    Malina
    Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)

  10. Inaktiver User

    AW: Von einem Extrem ins andere. Wie geht es weiter?

    Ganz, ganz, ganz lieben Dank für eure Antworten, ich habe viel darüber nachgedacht. Und du, Malina, triffst mit deinen Ausführungen den Nagel genau auf den Kopf! Ich fühlte mich direkt ertappt!


    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Der Freundeskreis bricht nach und nach weg, man bedauert das, aber letztlich bemüht man sich nicht aktiv um neue Freundschaften, denn man hat ja seinen Partner. Echte Einsamkeit, die einen zum Handeln zwingt, kommt so natürlich nicht auf. (...)
    Als Single hättest Du Dich sicherlich mehr bemüht, neue Freundschaften zu schließen oder um die alten zu kämpfen.
    Außerdem schafft es jemand, der gut mich sich allein sein kann, auch Dinge allein zu unternehmen, sprich außer Haus aktiv zu werden. Du hast Dich jedoch ins Haus vergraben und es Dir dort gemütlich gemacht. So lange, bis die Welt draußen nicht mehr attraktiv war und Du nicht mehr attraktiv für die Welt.
    Mir ist immer noch nicht ganz klar, wie ich da so extrem reinrutschen konnte, aber es wird höchste Zeit endlich gegenzusteuern. Im Moment träume ich auch ganz viele und merkwürdige Dinge, gestern Nacht war ich in meinem Studentenwohnheim von früher, ging morgens in den Keller, um eine Waschmaschine anzuschmeißen und nahm dann das Fahrrad, um zur Uni zu radeln. Das Ganze war so intensiv und 1:1 real, dass ich nach dem Aufwachen für einen Moment dachte, ich wäre wirklich noch in der Zeit. Damals war ich sehr glücklich und fühlte mich mit sozialen Kontakten sehr gesegnet, so kommt wohl diese Zeitreise zustande.
    Ein Kochkurs ist derzeit wohl nicht so eine gute Idee, eigentlich sollte ich erst mal ein bisschen an Gewicht verlieren. Aber ich überlege gerade intensiv, was ich wohl so machen könnte, statt abends auf der Couch zu sitzen. Leicht fällt es mir aber nicht, ich bin komplett aus der Übung und dabei war ich früher ständig unterwegs!
    Nochmals danke!

Antworten

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •