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    AW: Geboren um zu leben

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Der Meinung schliesse ich mich an. Dass du so stark empfindest liegt bestimmt daran, dass du ein eher empfindsamer Mensch bist. Mit der Diagnose Depression ist zwar schnell eine Erklärung auf dem Tisch - aber schau mal, wer Depressionen hat, es sind die Menschen in den Wohlstandsländern.
    Die häufigste Ursache für Suizid ist die Depression und die Suizidraten im Ländervergleich zeigen deutlich, das ärmere Länder eben nicht weniger von dem Problem betroffen sind, sondern z.T. so gar deutlich häufiger.
    Schlechte Lebensbedingen sind beste Vorrausetzungen für psychische Störungen. Siehe auch Ursachen für psychische Erkrankungen.

    Suizidrate nach Ländern

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    AW: Geboren um zu leben

    @ Amelie und cristata, danke für eure Antworten. Manchmal denkt man tatsächlich, man wäre der einzige Mensch, der sich so lebensuntauglich fühlt, dabei ist dieses Gefühl wie alle anderen Gefühle mit Sicherheit schon unzählige Male von verschiedensten Menschen erlebt worden. Nur im alltäglichen Umgang erlebe ich selten Menschen die so mit dem Leben hadern, und dann fühlt man sich schnell allein damit.

    Amelie, ich finde es erstaunlich, dass du scheinbar einen Ausweg aus dieser Todessehnsucht gefunden hast, trotzdem sie dich so lange Zeit begleitet hat.
    Es ist, wie du schreibst, so ein ständiger Begleiter, dass man es lange gar nicht richtig einordnet und denkt, das sei normal so.

    Eine Familienaufstellung habe ich auch schon gemacht. Für mich persönlich war es ehrlich gesagt eine der sinnlosesten Phasen meiner "Therapie-Laufbahn". Ich habe nicht das Gefühl, daraus etwas gewonnen zu haben. Es kann natürlich sein, dass es der falsche Zeitpunkt/nicht die richtige Anleitung/etc war.
    Ich bin aber auch grundsätzlich therapiemüde und habe auch schon ein paar Mal die Rückmeldung bekommen, dass die therapeutischen Möglichkeiten jetzt soweit ausgeschöpft sind. Ich hab schon so vieles ausprobiert und mitgemacht. Zur Zeit sehe ich keinen Grund, weiter einen der raren Therapieplätze zu besetzen, während damit jemand anderem wirklich geholfen werden könnte.
    Und es fühlt sich natürlich wie ein Scheitern an, wenn man nach zig Therapien noch immer zu blöd zum leben ist.

    Bei Dir wurde bisher Depression diagnostiziert, soweit Du geschrieben hast. Gäbe es einen "Fehler" im Gehirn, so wie Du vermutest, wäre das sehr wahrscheinlich jemanden aufgefallen. Mit fällt in dem Zusammenhang nur Authismus ein aber das scheint mir hier nicht vorzuliegen.
    CSC, Depression wurde meistens als Behandlungsgrundlage "diagnostiziert". Einige Therapeuten haben mir aber selber auch gesagt dass ich zumindest nicht auf die gängigen Behandlungsmöglichkeiten verschiedener depressiver Episoden anspreche, weder therapeutisch noch medikamentös, und ich denke gar nicht dass es Depressionen sind.
    Deshalb kam ich auf "Fehler im Gehirn", und ich meinte damit nicht etwas wie Autismus, das die Medizin kennt.
    Ich frage mich ob manche Menschen einfach weniger "Lebensenergie" oder sowas haben.
    Weißt du, ja, irgendwas muss mich wohl am Leben gehalten haben denn sonst wäre ich tot, stimmt. Allerdings liegen diese Gründe alle im Außen, nicht in mir selbst. Wenn ich die Wahl hätte, einfach nicht da zu sein oder zu leben - ich wäre weg. Nur, wenn man eben schon da ist, ist das aktive Gehen schwierig. Ich habe mir so mit 11/12 schon darüber Gedanken gemacht, was ich meinen Eltern schenken könnte, damit sie nicht traurig wären wenn ich weg bin.
    Ich hatte mit fast jedem Therapeuten Antisuizidverträge.
    Ich habe in so vielen Therapien so viele Strategien gelernt, wie ich mit akuten suizidalen Krisen umgehen kann.
    Im Gegensatz zu vor 10 Jahren, hätte ich heute doch Hemmungen mir das Leben zu nehmen aus sozialen Gründen. Ein Suizid betrifft nie nur einen einzigen Menschen und ich weiß, dass ich das Leben meiner Eltern damit wahrscheinlich zerstören würde.
    Das sind alles Gründe, warum ich noch lebe und ich weiß nicht ob das wirklich gute Gründe sind.

    Tiere sind ein wichtiges Thema. Ich hatte eine Zeit lang eine ältere Hundedame bei mir aufgenommen, ihre letzten 7 Monate hat sie bei mir verbracht. An ihr hing ich wirklich und hatte tiefe Zuneigung. Es wäre vielleicht wieder eine Möglichkeit... muss darüber mal nachdenken. Danke.



    cristata, der Ansatz mit den Auswirkungen der (frühen) Kindheit ist in Therapien ja auch oft Lieblingsthema Nummer 1. Ich denke dass da für viele Menschen auch einiges rauszuholen ist, du hast darin ja offenbar auch eine gewisse Erklärung für dich gefunden, warum du dir mit dem Leben so schwer tust.
    Ich hatte jetzt auch keine perfekte Kindheit, aber wer hat die schon? Möchte einen Menschen ü16 sehen, der sagt er hatte noch nie irgendwelche Probleme im Leben. Meine Kindheit war sicher nicht überdramatisch. Und die Erlebnisse, die ich unter "unangenehm" einordnen würde, müssten sich in zig Therapien ja irgendwann mal auflösen oder verarbeiten lassen. Ich scheine da ja aber irgendwie nicht therapierbar zu sein, trotzdem ich mir wirklich Mühe gegeben habe.

    Um mal in die spirituelle Richtung zu gehen. Ist es nicht auch möglich, dass eine Seele in einen Körper hineingeboren, der viel zu lange lebt? Eine Seele/ein Geist/eine Psyche, wie auch immer man es benennen mag, das nicht genug Lebensenergie für ein ganzes Leben hat? Eine Seele die schon nach kurzer Zeit bereit wäre, die Welt wieder zu verlassen, aber der Körper lebt eben einfach länger?

    Ich kann mich nicht erinnern, jemals Angst vor dem Tod gehabt zu haben, im Gegenteil finde ich zum Beispiel die Vorstellung, dass man nochmal wiedergeboren wird, ganz furchtbar. Ein Leben ist mehr als genug. Ich bin dafür einfach nicht gemacht.
    In einem Hausaufgabenheft in Ethik aus der 6. Klasse habe ich auf die Frage "Wovor hast du Angst" geschrieben: dass Gott ewiges Leben verspricht. (Ich hatte eine enge Bindung zu meiner sehr religiösen Oma.)

    Sie sagt ja selbst, dass es ihr objektiv gut geht in diesem Land, gerade auch im Vergleich zu 3. Welt-Ländern. Und eine Zeit lang schafft sie es auch, einigermaßen zufrieden zu "funktionieren"
    @ cristata, funktionieren ja, aber ich kann mich nicht erinnern je das Gefühl gehabt zu haben leben zu wollen. Weiterleben zu wollen, wirklich zu wollen, nicht zu müssen oder zu sollen, sondern am Leben zu hängen. Und ich sehe wie selbstverständlich das für viele Menschen ist, dass sie natürlich leben und ich frage mich wo sie diese Grundfestigkeit her haben, wie sich das anfühlt, wo sie die hernehmen.
    So wenig ich mich fürs Leben begeistern kann, so tief beruhigend empfinde ich den Gedanken an den Tod. Da liegt meine Sehnsucht und ich verstehe nicht waurm ich so bin, woher das kommt dass es mich so sehr wegzieht. An manchen Tagen fahre ich bewusst nicht Auto, weil ich weiß dass die Versuchung in der nächsten Kurve einfach gradeaus weiterzufahren, heute zu groß ist.
    Es ist wie jemand schrieb, immer wieder neu Ja zum Leben sagen zu müssen, sich immer wieder dazu zu zwingen und zu überreden, anstatt dem inneren Drang nachzugeben.

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    AW: Geboren um zu leben

    Liebe koselig,

    ja, mir ist vieles von deinen Gedanken vertraut …

    Ich habe mich auch schon öfter gefragt, ob mir – im Vergleich zu vielen anderen – ein Stück Lebensenergie, Lebensfähigkeit fehlt …. und ob dies durch die frühkindlichen Prägungen entstanden ist oder ob es vielleicht eher ein stofflicher Mangel ist.

    Und ja, ich hänge auch nicht besonders an meinem Leben, ich könnte es ohne großes Bedauern weggeben. Mir ist auch der Gedanke vertraut, es jemand anderem zu geben, zum Beispiel, wenn ich höre, dass jemand an Krebs erkrankt ist und Familie hat …

    Und nein, mein Leben ist längst nicht immer depressiv, ich habe gute und weniger gute Phasen, habe durchaus oft glückliche Momente – in der Natur, beim Bewegen, bei meinen Hobbys etc.. Ich vermute, die wenigsten meiner Freunde/Bekannten ahnen etwas von meinen Gedanken und die wenigsten sehen mich als Versager. Aber immer wieder komme ich an den Punkt, wo ich zugeben muss, dass ich – trotz vieler Bemühungen, trotz Therapien, trotz Aktivität – im Leben so unterdurchschnittlich Erfolg habe und dass kaum einer meiner Lebenswünsche sich erfüllt. Dadurch bleibt dann auch nicht viel, was ich aufgeben würde.

    Auch ich habe als Kind schon den Wunsch gehabt, nicht mehr zu leben, auf Grund der bedrückenden Situation zu Hause und dem Bewusstsein, nicht weggehen zu können.

    Auch mich hat später der Gedanke an meine Eltern in manchen Situationen abgehalten, mir etwas anzutun. Auch ich habe mir manchmal gewünscht, es würde einen einfachen Weg aus dem Leben heraus geben, ohne so einen aggressiven Akt gegen sich selbst.

    Ich kann dir also keine Antworten geben, dir nur sagen, dass ich dich durchaus verstehen kann.

    samtweich

    PS: bedeutet dieses „koselig“ eigentlich etwas? – es klingt wie ein Adjektiv …

  4. Inaktiver User

    AW: Geboren um zu leben

    [
    Geändert von Inaktiver User (02.11.2013 um 09:38 Uhr)

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    AW: Geboren um zu leben

    Zitat Zitat von koselig Beitrag anzeigen
    Divino, es ist "lustig", dass du das schreibst, weil ich genau diese Veränderung, die du vorschlägst, so in etwa im Umgekehrten vollzogen habe.
    Gut - das wusste ich natürlich nicht, es klang aus deinem Eingangspost nicht heraus.

    Ohne näher auf die Beispiele einzugehen, mit denen du die Symptome beschreibst, würde mich interessieren, wie dein heutiges Umfeld ist, wie die Einstellung zu dir selbst, zu anderen, zur Liebe, zur Nähe, zur Angst.. und was bisher wie untersucht/diagnostiziert wurde. Wurde die Depression auf einem MRT sichtbar nachgewiesen oder basierte die Diagnose auf Vermutungen anhand deiner Schilderungen? Wurde überhaupt je ein MRT gemacht? Wurden Hormone und Blut untersucht?

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    AW: Geboren um zu leben

    Hallo koselig, hallo samtweich,

    Ihr sprecht mir beide aus der Seele

    Auch ich hätte grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, wenn ich morgen früh einfach nicht aufwache oder mein Leben jemand geben könnte, der es quasi dringender benötigt.

    Suizidgefährdet bin ich nicht, das könnte ich irgendwie meinen Kindern nicht antuen, auch wenn die schon aus dem Haus sind.
    Aber wenn ich jetzt zum Beispiel mit Krebs diagnostiziert würde, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nicht diesen ganzen Budenzauber mit Bestrahlungen usw. beginnen würde, nur um (kot..nd) noch ein paar Monate oder Jahre rauszuschinden.

    @koselig

    >Und es fühlt sich natürlich wie ein Scheitern an, wenn man nach zig Therapien noch immer zu blöd zum leben ist.<

    Dieses Gefühl kann ich gut nachvollziehen. Da erzählt dir jemand mit der größten Selbstverständlichkeit, wie du dein Leben schwups locker und easy glücklich führst so wie alle anderen auch, aber der Groschen will einfach nicht fallen
    Heute morgen titelt das Handelsblatt online mit dem Gastbeitrag eines Professors für Verhaltensforschung, Titel: "Wie sich Glück planen lässt"
    Theoretisch wahrscheinlich fundiert, die Praxisrelevanz eher gering... wenn der mein/dein Therapeut wäre und dann diesen Kram erzählt - mit der Überzeugungskraft eines ausgewiesenen Fachmanns - würde ich mich endgültig mies fühlen.
    Immerhin hast du ja aus deinen Therapien mitgenommen, wie du mit akuten suizidalen Krisen umgehen kannst und deshalb an bestimmten Tagen auf das Auto zu verzichten, ist sicherlich ein guter Ansatz
    Denn das gibt dir die Zeit heraus zu finden, was dir wirklich Freude bereitet.

    Du hast geschrieben:

    >Tiere sind ein wichtiges Thema. Ich hatte eine Zeit lang eine ältere Hundedame bei mir aufgenommen, ihre letzten 7 Monate hat sie bei mir verbracht. An ihr hing ich wirklich und hatte tiefe Zuneigung. Es wäre vielleicht wieder eine Möglichkeit... muss darüber mal nachdenken. Danke.<

    JAJAJAJA Tu das auf jeden Fall, wenn es etwas ist, was dich tief berührt hat. Ihr habt euch gegenseitig etwas gegeben und gerade Hunde sind ja bekannt dafür, eine feine Nase zu haben für die Stimmung ihres Menschen und sich darauf einzustellen.
    Ich liebe Tiere auch, bin da jetzt mit meiner kleinen Mietwohnung eingeschränkt, aber am überlegen, ob ich nicht (ehrenamtlich) ein Gassigehen für die Hunde gehbehinderter (älterer) Menschen anbieten soll.

    @ samtweich:

    >Aber immer wieder komme ich an den Punkt, wo ich zugeben muss, dass ich – trotz vieler Bemühungen, trotz Therapien, trotz Aktivität – im Leben so unterdurchschnittlich Erfolg habe und dass kaum einer meiner Lebenswünsche sich erfüllt. Dadurch bleibt dann auch nicht viel, was ich aufgeben würde.<

    Das fühle ich genauso. Was hatte ich nicht in meiner Jugend für Träume, was ich alles machen will (und besser mache als meine Mutter/Eltern...)
    Jetzt, etwa 30 Jahre später, schaue ich in den Spiegel, sehe auch optisch meine (vom Leben gebeugte) Mutter vor mir und muss zugeben, dass ich auch keinen großen Erfolg im Leben hatte.

    Aber ist das nicht sehr wahrscheinlich bei den meisten anderen Leuten auch so?
    Jede 3. Ehe wird geschieden, Burn-Out und Depressionen gelten als neue Volkskrankheit, wieviel Leute auf der Straße strahlen Zufriedenheit aus?

    Übrigens haben auch sämtliche sogenannte Naturvölker Rituale und/oder Heilmittel gegen Depressionen - dabei leben die doch angeblich im Einklang mit der Natur und frei von kapitalistischem Stress

    Grüße

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    AW: Geboren um zu leben

    Zitat Zitat von koselig
    ...Eine Seele/ein Geist/eine Psyche, wie auch immer man es benennen mag, das nicht genug Lebensenergie für ein ganzes Leben hat?
    wenn nicht genug Lebensenergie da ist, dann deshalb, weil sie irgendwo blockiert wird bzw zuviel für irgendwas verbraten wird. Diese "Lecks" zu finden ist nicht einfach, kann sich aber lohnen. Der Fluss der Lebensenergie ist ein ganz interessaner roter Faden. Vor allem auch, wenn man sich resorcenorientiert weiterentwickeln möchte. Auch das ist eine Möglichkeit der Persönlichkeitsentwicklung (mit oder ohne therapeutische Unterstützung). Also nicht die Frage: was macht mich schwach (Problemorientiert, vegangenheitsorientiert usw), sondern, was gibt mir Kraft, wo fühle ich mich wohl?

    Vielleicht lassen sich die Energlielecks so erstmal nicht stopfen, aber die vorhandene Lebensenergie kann sich auf die Weise durchaus steigern lassen. Grundsätzlich ist es ja auch möglich, koselig, dass du DEIN Leben noch gar nicht so wirklich gefunden hast. Es gibt ja viele Möglichkeiten zu leben und die Bedürfnisse können sich da auch im Laufe eines Lebens gravierend ändern. Leben ist schließlich ein ständiger Prozess.

    Zitat Zitat von Inaktiver User
    Übrigens haben auch sämtliche sogenannte Naturvölker Rituale und/oder Heilmittel gegen Depressionen - dabei leben die doch angeblich im Einklang mit der Natur und frei von kapitalistischem Stress
    Interessanter Aspekt, Christata.

    Lassen wir mal die "Naturvölker" ausser Acht, die durch ihre Zivilisierung (oder soll ich sagen "Domestizierung"?) ihrer ursprünglichen Lebensweise inzwsichen auch ziemlich entrückt (worden) sind.

    Depressionen an sich sind grundsätzlich nichts pathologisches. Sie sind und waren schon immer Teil des menschlichen Lebens. Sie sind, wie die Angst z.B. ein wichtiger Geburtshelfer bei Lebensabschschnittsübergängen, bei Verarbeitungen von Verlusten oder Veränderungen usw. Wir müssen uns auch davon lösen immer alles pathologisieren zu wollen. In Veränderungsprozessen, also z.B. bestimmten Lebenskrisen und Lebensübergängen (da vor allem Pubertät und Wechseljahre) sind Depressionen Teil des Entwicklungsabschnittes. Nicht bei allen Menschen gleich, nicht immer als solche klar zu benennen, aber wie die Angst haben auch Depressionen ihre gesunde Daseinsberechtigung, können aber auch durch diverse Umstände ins Pathologische kippen.

    Heute vielleicht ganz besonders oft, weil wir eben diese Rituale und ein gewisses Selbstverständnis im Umgang mit diesen gefühlt negativen Dingen verloren haben (das, was diese Naturvölker kultivieren). Und weil wir die Prozesshaftigkeit von Lebensübergängen und Lebensthemen allzuoft aus den Augen verlieren, weil wir statische Bilder bzw geradlinige Vorstellungen von dem, wie wir zu sein und zu leben haben, überall kultivieren (Filme, Geschichten, Werbung, Vorbilder usw)

    Es gibt sicher viel pathologisches, aber vieles ist auch einfach nur folgerichtig. Denn wenn wir uns überlegen, warum wird denn etwas pathologisch? Dann gibt es dafür natürlich auch organische bzw Stoffwechselursachen (wobei da schon oft nicht klar ist, was ist das Ei und was das Entchen - also Wechselwirkungen), aber sehrsehr vieles entsteht daraus, dass wir uns irgendwann eine (Über-)lebensstrategie angeeignet haben (mussten), die sich bewährt hat, die aber dann irgendwann zum Korsett wurde.

    Kann man z.B. in gravierender Form gerade bei der Kriegs- bzw Nachkriegsgeneration im großen Stil nachverfolgen, die daraufhin erzogen wurden sich abzuspalten, vieles nicht mehr zu sehen und vor allem nicht zu fühlen. Im Krieg sicher eine sinnvolle Strategie, in dem, was an die folgendenen Generationen weitergegeben wird jedoch eine gravierende Sache, die eine ganze Gesellschaft prägt und mitformt und warum das Einzelschicksal daher durchaus auch eine Gesellschaftsaufgabe sein kann.

    Dass wir Zeit, Geld und Wissen (also gesellschaftlich gesehen) haben, um uns diesen Fragen überhaupt zu stellen, also die Möglichkeit haben, uns mit unseren Ängsten, Depressionen usw, die womöglich pathologisch geworden sind (oder wir lediglich ihre Bedeutung nicht mehr verstehen), das sehe ich schon als Errungenschaft in unseren Breitengraden an. Auch wenn das immer auch die Komponente hat, dass dadurch ein Markt geschaffen wird, der zur Bereicherung dient, also Pathologisierung auch ein gewisses System hat. Wo Licht ist, ist eben auch Schatten.

    Ich kann übrigens ein kleines leicht lesbares Büchlein zum Thema Gefühle empfehlen:

    Das ABC der Gefühle von Udo Baer/Gabriele Frick-Baer.

    aus dem Klappentext:
    „Jedes einzelne Gefühl verwandelt die ganze Welt“ – dieser Satz des Philosophen Jean Paul Sartre beschreibt treffend die Bedeutung der Gefühle für unser Leben und den Lauf der Welt. Im ersten Buch ihrer „Bibliothek der Gefühle“ stellen die Autoren rund sechzig Gefühle von Angst bis Zuversicht vor. Dabei folgen sie der Vorstellung, jedes dieser Gefühle wäre ein individuelles Wesen, das sie befragen: „Wer bist Du, was sind deine versteckten Seiten? Wofür bist du gut, was ist dein Sinn und Nutzen? Und: wovor hast Du Angst, was bringt Gefühle dazu, zu verblassen oder ganz zu verschwinden.“ Im zweiten Teil, der „Grammatik der Gefühle“ werden dann die Beziehungen der Gefühle untereinander beschrieben mit der Absicht, unser Verständnis der menschlichen Gefühlswelt zu vertiefen. „Wir wollen die Bedeutung und das Verständnis der Gefühle aufwerten und einen Beitrag leisten, dass Sie Ihre Gefühle und die anderer als Teil Ihres Lebens und Erlebens annehmen und wertschätzen. Und wir wünschen uns, dass Sie vielleicht den einen oder anderen Perspektivwechsel in der Betrachtung von Gefühlen wagen“ Gabriele Frick-Baer, Udo Baer
    vielleicht eine ganz interessante Lektüre für die, die sich mit ihren gläsernen Mauern, mit unserer Gefühlskultur und all dem mal ein bißchen anders befassen wollen. Mir hats, zusätzlich zur Körperpsychotherapie, geholfen, die Dinge mal aus einem anderen Aspekt zu betrachten und zu erleben.
    Geändert von Amelie63 (02.11.2013 um 09:13 Uhr)
    Grüße
    A.

    Wenn man bedenkt,wie oft ich in diesem Leben schon falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch auf diesem Planeten befinde.

  8. gesperrt

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    AW: Geboren um zu leben

    Zitat Zitat von koselig Beitrag anzeigen
    Im Gegensatz zu vor 10 Jahren, hätte ich heute doch Hemmungen mir das Leben zu nehmen aus sozialen Gründen. Ein Suizid betrifft nie nur einen einzigen Menschen und ich weiß, dass ich das Leben meiner Eltern damit wahrscheinlich zerstören würde.
    Das sind alles Gründe, warum ich noch lebe und ich weiß nicht ob das wirklich gute Gründe sind.
    Mitgefühl für die Eltern ist für mich ein guter, menschlicher Grund.



    Tiere sind ein wichtiges Thema. Ich hatte eine Zeit lang eine ältere Hundedame bei mir aufgenommen, ihre letzten 7 Monate hat sie bei mir verbracht. An ihr hing ich wirklich und hatte tiefe Zuneigung. Es wäre vielleicht wieder eine Möglichkeit... muss darüber mal nachdenken.
    ich glaube, es ist viel einfacher, zu leben und zu lieben, wenn es um eine konkrete Person geht, um eine konkrete Situation. Ich kann Max lieben und Moritz, und die Sonnenblume, und meinen Morgenkaffee, kein Problem damit. Während es deutlich schwieriger ist, "das Leben" in dieser allgemeinen, abstrakten Form zu lieben oder zu schätzen - dazu ist es zu wenig fassbar.

    Ich scheine da ja aber irgendwie nicht therapierbar zu sein, trotzdem ich mir wirklich Mühe gegeben habe.
    So wie du schreibst, scheint mir deine Kindheit nicht wirklich viel mit deinem Thema zu tun zu haben. Das geht tiefer.



    und ich verstehe nicht waurm ich so bin,
    Vielleicht ist das auch gar nicht notwendig? Im Grunde verstehen wir doch alle nicht, warum wir so sind, wie wir sind. Die Frage stellt sich allerdings durchaus drängender, sobald man feststellt, dass man in gewisser Hinsicht deutlich anders ist als andere Leute.

    Was noch nicht heisst, dass man diese Frage beantworten muss. Ich bin halt so wie ich bin. Born this way. Vom Herrgott so geplant und ausgeführt. ist halt so. Punkt.

    Die bessere Frage ist eher: was stelle ich mit mir an, was sind meine Möglichkeiten, was sind meine Spielräume?


    ********************

    noch eine (hm - einige) Frage(n): wie hast du es mit deinem Körper? Wie bewohnst du deinen Körper?

    Ist dein Körper für dich eine Quelle von Vergnügen?

    Wie hast du es mit dem Essen? - ist das Genuss oder einfach "muss man halt um weiter zu funktionieren*?

    Hat dein Körper einen Eigenwillen - zB Tendenzen zu Sucht, Tendenzen bestimmte Dinge zu konsumieren, oder macht er alles mit, was du beschliesst, dass jetzt getan werden soll, sowohl im Konsum wie im Verzicht?

    gruss, barbara

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    AW: Geboren um zu leben

    @ Bae

    ich glaube, es ist viel einfacher, zu leben und zu lieben, wenn es um eine konkrete Person geht, um eine konkrete Situation. Ich kann Max lieben und Moritz, und die Sonnenblume, und meinen Morgenkaffee, kein Problem damit. Während es deutlich schwieriger ist, "das Leben" in dieser allgemeinen, abstrakten Form zu lieben oder zu schätzen - dazu ist es zu wenig fassbar.
    Das entspricht auch meinen Erfahrungen und deshalb sollte die TE auch intensiv über ihre ganz individuellen Vorlieben nachdenken. Und wenn es eine besondere Art der Tierbegleitung ist wie bei dieser älteren Hundedame - nur zu



    Vielleicht ist das auch gar nicht notwendig? Im Grunde verstehen wir doch alle nicht, warum wir so sind, wie wir sind. Die Frage stellt sich allerdings durchaus drängender, sobald man feststellt, dass man in gewisser Hinsicht deutlich anders ist als andere Leute.
    Was noch nicht heisst, dass man diese Frage beantworten muss. Ich bin halt so wie ich bin. Born this way. Vom Herrgott so geplant und ausgeführt. ist halt so. Punkt.

    Die bessere Frage ist eher: was stelle ich mit mir an, was sind meine Möglichkeiten, was sind meine Spielräume?
    So ist es!

    Ich kann hier ja immer nur für mich und aus meiner Erfahrung heraus sprechen.

    Unsere Eltern/die Gesellschaft drängen einen ja geradezu in eine "marktkonforme" Lebensweise und für viele Leute scheint diese Jacke ja auch einigermaßen zu passen.
    Ein sicherer Job (der zumindest nicht weh tut), am Wochenende dann grillen mit (immer den selben) Freunden und etwas Zeit für Hobbys, große Vorfreude auf den Jahresurlaub im Süden und dann, nach der Rückkehr, geht der Trott von vorne los.
    Kaum ist jemand geschieden, sucht man schnellstmöglich die neue große Liebe, die dann endlich alles richten soll (und die ganzen geheimen Wünsche erfüllen).
    In Ländern mit "vereinfachtem" Scheidungsverfahren wie den USA sind etliche Leute dann > 3x verheiratet, immer noch hoffend, mit dem neuen Partner kommt dann endlich das Glück ins Haus...

    Aber es kann immer nur aus einem selbst kommen! Gerade und erst recht, wenn man mit den gängigen Lebensentwürfen (und Therapeutenratschlägen) für sich keine Zukunft sieht.




    Grüße

  10. Inaktiver User

    AW: Geboren um zu leben

    Hallo koselig,

    deine Empfindungen und Äußerungen berühren mich sehr und ich kann sie zum Teil aus eigenem Erleben, zum Teil aber auch aus Begegnungen mit Menschen die Ähnliches berichten nachempfinden. Allerdings habe ich es selten so differenziert beleuchtet gefunden wie hier im Strang bei deinen Posts und bei den Antworten darauf. Bei mir stellt sich dieses Gefühl zum Glück nicht so durchgängig dar, aber ich kenne einige, die sich darin genauso gefangen fühlen wie du.

    Ich finde, dass hier schon viele interessante und vielleicht auch hilfreiche Anstöße und Gedanken aufgetaucht sind. Ich möchte darauf nicht weiter eingehen, weil diese für sich sprechen. Einige Stichworte möchte ich aber trotzdem kurz aufgreifen und etwas betonen.

    Da ist einmal der wohltuende Kontakt zu Tieren (den du ja auch schon erfahren hast), nicht umsonst rückt im Moment die tiergestützte Therapie zunehmend in den Fokus. Sie bietet viele interessante Ansätze. Allerdings würde ich das noch wesentlich weiter fassen und die Natur allgemein mit ihren vielfältigen, ineinander verwobenen Rhytmen als hilfreich und heilsam bezeichnen. Die Menschen sind durch Jahrtausende der Evolution durch diese Rhytmen geprägt und haben sich daran angepasst und heutzutage werden die meisten dieser Rhytmen außer Kraft gesetzt. Wenn es kalt wird, machen wir die Heizung an, wenn es dunkel wird drücken wir auf den Schalter und es wird wieder hell. Das Leben richtet sich nicht mehr nach biologischen Rhytmen sondern nach Arbeitszeiten, Ladenöffnungszeiten, Freizeiten, usw. Speziell im Schichtdienst, den du ja scheinbar auch hinter dir hast, gerät der Rhytmus komplett aus den Fugen. Eine Wiederannäherung an die natürlichen Abläufe verschafft zumindest in vielen Fällen eine gewisse Ausgeglichenheit und Grundzufriedenheit. Mir hilft mein Garten dabei sehr.

    Das alles erklärt natürlich nicht dein Empfinden, was du aus deiner Kindheit schilderst, aber da habe ich neulich bei der Lektüre des Buches "Wir Kinder der Kriegskinder" einige Aha-Erlebnisse gehabt. Auch dieser Aspekt, das Generationsübergreifende in Erziehung und Empfindung, ist hier ja schon zur Sprache gekommen.

    Ein weiterer Ansatz, den ich hier auch nur kurz anreißen möchte ist der der Logotherapie und deren Begründer Viktor Frankl. Er hat in der Nazizeit im KZ wirklich extreme Erfahrungen machen müssen und beschreibt, warum er seiner Meinung nach relativ gut durch diese Zeit durch gekommen ist, im Gegensatz zu anderen, die daran zerbrochen sind. Unter beiden Begriffen findet man beim googeln weiterführende Informationen.

    Ich wünsche dir sehr, dass du zunehmend häufiger das Gefühl bekommst, nicht immer schieben zu müssen, sondern dass der Motor auch mal anspringt und du dich einfach mitnehmen lassen kannst.

    poca
    Geändert von Inaktiver User (02.11.2013 um 10:17 Uhr)

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