Um ganz deutlich zu sein: Dieser Satz steht entweder im Widerspruch zu den heutigen Erkenntnissen (was ja selbst bei Nietzsche und Schelling kein Wunder wäre) oder ich verstehe ihn falsch, was ebensowenig ein Wunder wäre, denn er wird schon Pindar zugeschrieben - zumindest als solcher von Nietzsche zitiert, und entpuppt sich u. a. damit ja als Übersetzung (derer, wie üblich, auch noch unterschiedliche existieren)."Werde, der du bist"
Eine spätere von Eugen Dönt ist wenigstens noch logisch: "Beginne zu erkennen, wer du bist.", aber inhaltlich ist das genauso falsch - wofür Herr Dönt selbstverständlich nichts kann.
Eine Gegenposition dazu stammt angeblich von Sokrates und lautet in etwa (es gibt natürlich auch wieder Varianten): „Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden.“ Hat er natürlich nicht - kann er garnicht, außer bei schweren hirnorganischen Erkrankungen. Aber selbst da wird der Mensch eigentlich noch, nämlich leider weniger. Ansonsten "wird" selbst ein Fanatiker oder Dogmatiker noch - und sei es üblicherweise auch nur noch fanatischer oder dogmatischer.
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Solche markigen Werbesprüche werden natürlich gerne vom ausufernden Beraterunwesen, der Selbsthilfelobby, Esoterikern etc. pp. aufgegriffen, da man so wunderbar darüber schwadronieren und Bedeutung erzeugen oder vortäuschen kann, wo - zumindest aus dem ursprünglichen Zusammenhang und dem Kontext einer ganzen Philosophie und ihrer Zeit herausgerissen - keine ist, nicht mal mehr eine verstaubt-historische.
Da habe ich dann noch einen anderen Spruch parat: "Wer leichter glaubt wird schwerer klug" und der stammt als Titel eines lesenswerten Buches von Martin Urban. (Man sollte dann "Warum der Mensch glaubt", "Wie die Welt im Kopf entsteht" und "Wie der Mensch sich orientiert" gleich mit lesen - am besten in der Reihenfolge ihres Erscheinens.)
Diskutabel sind für mich solche Versatzstücke nur als Headlines oder Teaser zu heute noch haltbaren, zumindest aber weiterführenden und fundierten neuen Gedanken. Der Rest ist nur noch Museum.
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An die TE:
Wie intellektuell bzw. wissen(schaft)slastig, wie zeitaufwändig kannst oder magst Du das Thema angehen? Es gibt viel gute Literatur dazu, die aber weder Kochrezepte noch Beschwichtigungen liefert und die auch nur in größeren Zusammenhängen wirklich Orientierung zum Aufbau des eigenen Selbst-, Menschen- und Weltbildes gibt. Will sagen: Man muss schon einiges (mehr) lesen, um das (bisher) Gelesene immer vollständiger zuordnen und verstehen zu können - um Teile dessen oder sein bisheriges Verständnis davon eventuell aber auch wieder zu verwerfen.
Auch das ist ein (gegenseitig sich ergänzendes) Werden, plötzliche Erleuchtung oder Erkenntnis gibt es nirgends, kann es garnicht geben.
Du darfst zwischen ganz vielen Einstellungen schwanken - es gibt keine absolute Wahrheit, keinen besten Weg. Nicht zu schwanken ist viel eher ein Zeichen von Anpassung und Beschränkung. Trotzdem entwickelt man natürlich (sic!) i. A. seine ziemlich festen Glaubenssätze. Mehr oder weniger...
Einer der meinen ist aber, dass ich Festlegungen ablehne, wo keine Notwendigkeit oder nur einseitige Vorteile bestehen. Insofern würde ich mich z. B. nicht tätowieren lassen. Ich empfinde keinen Vorteil darin, dass das praktisch irreversibel ist, nur Nachteile. Es gibt andere Möglichkeiten, sein Körperschema zu verändern oder zu erweitern, die diesen Nachteil (besonders im Falle eines Irrtums oder eben einer anderen Entwicklung) nicht haben. Zum Beispiel das Färben der Haare...
(Wie Du siehst, lasse ich mir sogar willentlich Optionen offen, zu schwanken - solange es niemandem weh tut. Oft bin ich dann aber doch zu feige oder zu bequem - wie Du mit dem Sport.)
Verständlich ist das Streben nach Festgefügtem aber allemal - wir schließen auch Versicherungen dazu ab wie blöde, treffen "Vorsorge", glauben an große Brüder, halten uns für auserwählt (garnicht so hochgestochen gemeint, sondern zum Beipiel als "gute Autofahrer"), wollen uns sicher wähnen, dass Wirtschaft eine Wissenschaft sei und nicht bloß eine Lehre, manche finden sogar ihren Stil (immer den selben) oder ihre absolute, einzige Berufung... Alles möglichst berechenbar!
Jede Gesellschaft hat auch ihre Leithammel und Leitbilder. Wir alle haben zudem (viel zu) viele Macken gemeinsam und unterliegen weitgehend den selben Einflüssen. Da wäre es doch langweilig, wäre jeder immer derselbe. Es wird eh zu viel bloß kopiert.
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass "es" nicht (nur) mit einem geschieht bzw. man nicht dieses Gefühl hat, sondern dass man es, also sich, aktiv gestaltet.
Mal rot, mal blond, mal gucken...
(So macht es die Natur auch.)
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P.S.:
Noch ein spontaner Glaubenssatz: Auswandern bringt eher zusätzliche Probleme, wenn man die Sprache und die Kultur (und die Bürokratie) nicht wirklich gut versteht. Dann ist es viel mehr eine Flucht. Ok, möglicherweise auch ein Tritt in den sprichwörtlichen Hintern, endlich mit einem intentionaleren Werden zu beginnen. Aber braucht's das? Schlechte Menschen und schlechte Gesellschaft(en) gibt's überall. Man entgeht ihnen nirgends mehr.
Antworten
Ergebnis 11 bis 20 von 30
Thema: Wer bin ich eigentlich...?
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27.09.2013, 07:50
AW: Wer bin ich eigentlich...?
Geändert von Cygnus (27.09.2013 um 19:44 Uhr) Grund: Neue Gedanken...
Va', pensiero, sull'ali dorate... G. Verdi - Nabucco
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. T. Adorno - Minima Moralia
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27.09.2013, 08:26
AW: Wer bin ich eigentlich...?
Hallo Leandra,
so Du denkst , dass Du vielleicht zwei bist in Dir..weil ein Mal so und dann 100% anders?
Niemand ist nur eins , jeder hat so einen 2. im Hinterkopf der was dagegen sagt.
Jeder hat mehrere Facetten. Doch wenn Du das Gefühl der zweifaltigkeit hast und auch einen gewissen Leidensdruck, dann rede mal mit Dir. Dann tu so als wären da 2 in Dir.
Rede mit der Leandra "blond" und der Leandra "rot" ...also auf die Haare bezogen. Warum willst Du wieder blonde Haare haben....Wieso magst Du die Tatoos von mir nicht ...lass die beidem mal miteinander reden und höre in Dir zu.
Sie werden sich wenn Du es zulässt über das Auswandern unterhalten und das Leben an sich und dann kannst Du mit den beiden entscheiden was Du machst.
Hört sich zwar abgefahren an, aber kann gut funktionieren.
Versuch macht kluch
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27.09.2013, 19:51
AW: Wer bin ich eigentlich...?
Das finde ich auch eine gute Idee - einen inneren Dialog. Der darf nur ebenfalls nicht zur Flucht geraten.
Va', pensiero, sull'ali dorate... G. Verdi - Nabucco
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. T. Adorno - Minima Moralia
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29.09.2013, 17:03
AW: Wer bin ich eigentlich...?
Hallo Leandra,
als ich deinen Post gelesen habe, dachte ich "ach schau, so geht's mir auch" (lange oder kurze Haare, Medizin studieren oder in der Wirtschaft arbeiten, Familienmensch oder nicht, EInzelgänger oder viele Freunde, in Deutschland bleiben oder auswandern, Kind bekommen oder nicht, ...) - ich wusste nur bisher nicht, dass es ein Problem ist. Du bist also zumindest schonmal nicht ganz allein
Ich sehe in deiner/unserer Vielfältigkeit überhaupt nichts Schlechtes, im Gegenteil, so bleibst du offen Veränderungen gegenüber und kannst dich selbst auch den Lebensphasen anpassen, in denen du bist/sein willst.
Die Frage mit dem Plan ist eine ganz andere - zuviel Planen hilft glaube ich nicht weiter, aber man sollte schon ein ungefähres Ziel haben wo es mal hingeht, sonst vertrödelt man sein Leben und blickt irgendwann zurück, weil man Wichtiges verpasst hat.
Aber man könnte statt "Vielfältigkeit" natürlich auch Zerrissenheit sagen (alles ist eine Frage der Perspektive) - und problematisch wird es in meinen Augen erst, wenn du nicht mehr schlafen kannst oder ständig an allem zweifelst. Dann solltest du was ändern - die Idee mit der Liste und den kleinen Veränderungen finde ich dabei sehr schön!
Das Entscheidende ist doch immer, sich anzunehmen wie man ist und damit glücklich zu werden. Also müssen Menschen wie wir uns annehmen in dem, dass wir nicht nur "einer" sind sondern viele Facetten und Möglichkeiten haben, aber nicht immer alle ausleben können.
@Cygnus: ich bin voll bei dir, dass der Satz nicht zutreffend ist; unter anderem aus dem pragmatischen Gesichtspunkt heraus, dass ich nicht werden kann wer ich bin wenn ich das nicht weiß. Und dass auf dem Weg vielleicht ein "anderes Ich" liegt, das dann zu einer Abzweigung führt.... bin "ich" dann nicht mehr "ich"?
Viele Grüße
Cytheria
P.S:
Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob andere Menschen immer wissen, wer sie sind, oder ob sie einfach weniger nachdenken und ihr Leben so annehmen wie es ist - du merkst es nur von außen nicht, weil du denkst, die sind so wie du sie wahrnimmst. Aber das geht den anderen mit dir vermutlich genauso - du bist für sie "du" in rothaarig und tätowiert etc. - das ist das Wahrnehmbare.


Cytheria
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29.09.2013, 21:34Inaktiver User
AW: Wer bin ich eigentlich...?
niemand kommt als unbeschriebenes Blatt zur Welt, es ist vieles in ihm bereits angelegt - jeder kann nur das werden, was er im GRunde schon (im Innern angelegt) ist - nicht fatalistisch festgelegt, zwar mit Entscheidungsraum- aber eben doch ein Stück weit determiniert charakterlich etc...
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30.09.2013, 01:04
AW: Wer bin ich eigentlich...?
@Cygnus
ich biete dazu mal den hier an:
"Life is not a problem to be solved,
but a mystery to be lived."
Frei übersetzt:
Das Leben ist kein zu lösendes Problem,
sondern ein zu lebendes Mysterium.
Osho
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01.10.2013, 17:58Inaktiver User
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02.10.2013, 22:17
AW: Wer bin ich eigentlich...?
Das heißt, wenn du dann bist, wer du "bist", kannst du dich niemals ändern?
Und du wirst immer der gleiche, egal wie die Rahmenbedingungen sind?


Cytheria
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03.10.2013, 08:02Inaktiver User
AW: Wer bin ich eigentlich...?
@Cytheria,
nein, eben nicht so fatalistisch!!
Aber doch genetisch schon ein großes Stück festgelegt mit tausenden von Möglichkeiten Dein ganz persönliches Leben zu gestalten.
Der Mensch hat sehr viel FReiraum in seiner Lebensgestaltung-aber total verändern kann er sich in seinem innersten Wesen nicht . Ich kann kein total anderer werden als der, der ich schon bin.
Wenn z.B. jemand sehr introvertiert ist, wird sie nie eine Partynudel werden , wenn sie sich nicht total verbiegt, es ist dann "angelernt" und nicht wirklich ihres und wird auf Dauer keine echte Freude bringen.
Oder wenn jemand einfach nicht gerne verreist- aus dem wird im Leben kein GLobetrotter, selbst wenn der Partner ihn mitzieht..
Und idealste Rahmenbedingungen - z.B. reiches Eltermhaus und bestmögliche Förderung- machen aus dem Spross auch nicht unbedingt "ein hohes TIer", wenn er im GRunde seines Wesens ein Weltenbummler ist...
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03.10.2013, 09:51
AW: Wer bin ich eigentlich...?
Sorry, aber das ist ein bisschen zu einfach - und es lässt sich auch nicht mit so wenigen Sätzen erklären.
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Es gibt kein richtiges Leben im falschen. T. Adorno - Minima Moralia


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