Hallo zusammen,
ich habe meine aktuelle Situation ziemlich treffend mit dem Begriff "Gratifikationskrise" beschrieben gefunden, und zwar so:
"...auffallend häufig ein überhöhter Anspruch an sich selbst - oft gepaart mit einer latenten Selbstunsicherheit. Unbewusst versuchen sie, sich gegenüber ihrer Umwelt durch übertriebene Leistung zu beweisen.
Fatalerweise wird solches Streben anfangs oft von Erfolg gekrönt. Das verleitet die Betroffenen zu immer neuen Höchstleistungen. Ein süßes Gift: Freudig greifen sie nach Anerkennung - und bürden sich nur immer mehr Verpflichtungen auf. Schleichend kommt die Erschöpfung. Versagensängste, Schlafstörungen, eine Unfähigkeit, sich zu entspannen - dies sind Anzeichen dafür, dass sich die Stress-Spirale immer schneller zu drehen beginnt. Wenn man es dann irgendwann selber merkt, hat man längst die Kontrolle verloren." (aus dem Spiegel)
Das trifft es sehr genau: Ich war immer erfolgreich mit allem was ich beruflich getan habe, es ging schnell vorwärts und immer aufwärts. Und jetzt befinde ich mich das erste Mal in einer Situation, in der ich einen (kleinen) Rückschlag erlebt habe: Ein nächster Schritt auf dem Karriereweg blieb erstmal aus. Kommt vielleicht später, möglicherweise schon bald, aber dennoch: Ich fühle mich wie im Hamsterrad gefangen, arbeite viel und mit gutem Feedback. Aber ich habe die ganze Zeit das dringende Gefühl, dass bald was passieren muss, irgendeine Belohnung für die viele Mühe notwendig ist. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass kleine Zwischenerfolge mich fast unberührt lassen und die Freude kurz ist und sehr schnell verfliegt und in Vergessenheit gerät. Ich nehme nicht daraus mit, so ist mein Gefühl.
Kennt jemand diese Situation, habt ihr sowas schon erlebt und habt ihr Tipps, wie man damit umgeht?
Bibiblo
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04.02.2013, 12:13Inaktiver User
Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
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04.02.2013, 13:08Inaktiver User
AW: Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
hallo bibiblio,
da hilft gleich mal eins -
stell dir vor, dass du einen beruf hättest, in dem es keine aufstiegchancen gibt.
oder in dem du nur anderen lebewesen dienst, ohne dass du deren lob bekommst.
und das dienen an sich dich erfüllt.
(essensausgabe kantine zB)
oder
dass du eine krankheit hast, die dich arbeitsunfähig macht.
fühl in dir nach, woher du DANN deine lebensberechtigung nehmen würdest.
die mangelnde selbstliebe (unabhängig von leistung) ist meiner erfahrung nach ein unglaublicher motor für selbstausbeutung.
lg kaffeewasser
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04.02.2013, 13:30
AW: Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
Hallo Bibiblo,
zunächst einmal ist beruflicher Ehrgeiz und der Wunsch, Karriere zu machen, eine Wert-Setzung, die in Ordnung ist und nicht per se "gefährlich". Gefährlich wird sie dann, wenn Karriere/ Anerkennung von außen/ "Gelten-Wollen" etwas kompensiert, was Du unterdrückst und nicht zulässt.
Du schreibst, dass die Beschreibung aus dem SPIEGEL-Artikel auf Dich passt. Du scheinst von dem kleinen aktuellen Stillstand sehr gekränkt zu sein. Latente Selbstunsicherheit, etwas beweisen wollen - das kann Dich in ein Burnout bringen. Deswegen kannst Du nur an den Wurzeln ansetzen und Dir genau diese Anteile anschauen: Was macht Deine Selbstunsicherheit aus? Wie kannst Du damit umgehen? Sind die Werte, die Du gesetzt hast (beruflicher Erfolg) wirklich Deine oder ersetzen sie welche, die Du nicht zulassen magst? Wenn sie nicht zu Dir passen, wirst Du irgendwann völlig frustriert sein, weil all Deine Kraft und Energie, die Du aufbringst, Dich zu etwas bringt, was Dir nicht wirklich etwas gibt.
Und dann: Es gibt viele Unwägbarkeiten im Leben, die man nicht planen kann. Du kannst noch so tüchtig sein, es können sich Umstände ergeben, die Dein Vorwärtskommen behindern. Deswegen ist es klug, wenn man seine Lebenszufriedenheit nicht nur von einem "Thema" abhängig macht. Was gibt es noch in Deinem Leben? Was ist mit Partnerschaft, Familie, Freunde, Hobbies?Mache das sichtbar, was ohne dich vielleicht nie gesehen werden würde.
- Robert Bresson -
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04.02.2013, 13:43
AW: Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
Ich bin nur Manager, kein Mediziner. Einen medizinischen Tipp kann ich nicht geben. Aus meiner Sicht kann ich dir aber sagen, dass du, wenn du das nicht stoppst und überwindest, nicht für eine langfristige Karriere geeignet bist und scheitern wirst. Eine Karriere über etwa 40 Jahre ohne Rückschläge, Niederlagen, Stillstand oder Seitwärtsbewegungen gibt es nicht. In höherem Alter wird dann allein schon der Stillstand zum Erfolg. Ein Soldat misst seinen Erfolg auch nicht daran, wie viele Kämpfe und Schlachten er gewonnen hat. Ein Soldat misst den Erfolg am Ende seiner Karriere daran ob er noch lebt.
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04.02.2013, 17:05Inaktiver User
AW: Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
Vielen Dank für eure Antworten!
Wenn ich einen Job ohne Aufstiegschancen hätte... Ich glaube ich wäre immer ehrgeizig und würde danach streben, mich weiterzuentwickeln, ggfs dann eben zu einem anderen Job wechseln. Das ist ja möglich. Wenn ich allerdings arbeitsunfähig wäre...dann wäre ich ja in einer ganz anderen Situation, mit meiner Gesundheit beschäftigt und wohl nicht in der Lage mir um diese Dinge Gedanken zu machen.fühl in dir nach, woher du DANN deine lebensberechtigung nehmen würdest.
Ehrgeiz jedenfalls ist Teil meiner Persönlichkeit, egal ob jetzt in meinem Beruf oder früher in irgendwelchen Studentenjobs. Mein Anspruch an mich selbst ist hoch und ich bemühe mich, den zu erfüllen...
Die Selbstunsicherheit ist etwas, über das ich nachdenken muss. Ich habe manchmal Zweifel an meiner eigenen Leistung und hinterfrage das vll kritischer als unbedingt notwendig wäre, aber mir fehlt es nicht an Selbstbewusstsein, zumindest nicht im allgemeinen Sinn. Ich gehe offen auf andere zu, bin nicht schüchtern oder traue mir nichts zu.Was macht Deine Selbstunsicherheit aus? Wie kannst Du damit umgehen? Sind die Werte, die Du gesetzt hast (beruflicher Erfolg) wirklich Deine oder ersetzen sie welche, die Du nicht zulassen magst?
Ich emmpfinde den beruflichen Erfolg nicht als einen Wert den ich mir gesetzt habe, sondern dummerweise als etwas das immer da war, sodass mir nur das Fehlen auffällt. Ich weiß, dass ich mich damit nicht glücklich mache und suche nach Wegen, den Erfolg mehr zu genießen und zu schätzen!
Ich überlege, ob es Werte gibt die ich nicht zulassen will. Mir fallen keine ein. Kannst du mich mit einem Beispiel auf den richtigen Gedanken bringen?
Ich habe einen tollen Partner, eine Familie mit der ich mich gut verstehe und Freunde mit denen ich meine freie Zeit gerne verbinge. Ich habe keine Hobbies im klassischen Sinn aber ich langweile mich nur selten, da fehlt mir nichts. Es ist nicht so, dass ich Leere in meiner Freizeit mit Bestätigung im Job kompensieren müsste. Und trotzdem verhalte ich mich beinah so, ich merke das ja selbst...Was gibt es noch in Deinem Leben? Was ist mit Partnerschaft, Familie, Freunde, Hobbies?
Das weiß ich. Und deswegen mache ich mir über meine Reaktion auf die aktuelle Situation Gedanken. Weil ich merke, dass das kein Zustand ist den ich über Jahre hinweg aushalten kann. Ich habe das unbestimmte Gefühl, noch irgendwas erreichen zu müssen bevor ich mit einer Seitwärtsbewegung glücklich leben kann. Aber ich habe eben auch die Sorge, dass sich diese Situation nie einstellen wird. Weil immer noch was geht, theoretisch...Eine Karriere über etwa 40 Jahre ohne Rückschläge, Niederlagen, Stillstand oder Seitwärtsbewegungen gibt es nicht. In höherem Alter wird dann allein schon der Stillstand zum Erfolg.
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04.02.2013, 17:16Inaktiver User
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04.02.2013, 17:24
AW: Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
Zum Beispiel: In xx Jahren möchte ich ein Kind und stelle dafür meine Karriere hintenan. Oder: Ich arbeite, um meinen Lebensunterhalt und meine Freizeit zu finanzieren (also weg von Arbeit/Karriere als Selbstzweck). Oder: Mir ist es wichtig, genug Zeit für mich allein/Partner/Freunde zu haben.
Es muss nicht so sein, dass Du diese Werte nicht zulässt. Es kann einfach sein, dass es nicht Deine Werte sind oder dass Du sie bisher überhaupt gar nicht im Blick hattest. Es kann aber, deswegen meine Nachfrage bezüglich des Stichworts "Selbstunsicherheit", auch sein, dass Dir diese Werte beispielsweise durch ehrgeizige Eltern "aufgepfropft" wurden, während Du, hättest Du alle Freiheiten der Welt, Dich für ganz andere entschieden hättest.
Diese Stopps oder Seitwärtsbewegungen können völlig unabhängig von Deiner Leistung kommen. Dass Dich das erst einmal kränkt, ist klar. Die Frage ist, wie ausgeprägt das ist.
Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob Du einfach jemand bist, der aktiv und ehrgeizig ist und Karriere möchte, für den der Trubel, den das mit sich bringt, einfach dazu gehört. Oder ob Du Deine Motivation gerade hinterfragst, wie es ja im SPIEGEL-Zitat aufgegriffen wird. Hohe Ansprüche an sich selbst ist ja nicht verkehrt. Problematisch wird es, wenn sie dogmatisch werden und Du Dir Fehler, Stopps, Seitwärtsbewegungen nicht mehr selbst verzeihen kannst.Geändert von LaRimbecca (04.02.2013 um 17:29 Uhr) Grund: Ergänzung
Mache das sichtbar, was ohne dich vielleicht nie gesehen werden würde.
- Robert Bresson -
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04.02.2013, 17:52Inaktiver User
AW: Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
Ich empfinde meine Freizeit als ausreichend um Partner, Freunde etc genug Zeit zu widmen. Es arbeiten ja die meisten, insofern haben wir gemeinsame freie Zeit ohnehin nur am Wochenende und da kommt mir mein Job nicht in die Quere.In xx Jahren möchte ich ein Kind und stelle dafür meine Karriere hintenan. Oder: Ich arbeite, um meinen Lebensunterhalt und meine Freizeit zu finanzieren (also weg von Arbeit/Karriere als Selbstzweck). Oder: Mir ist es wichtig, genug Zeit für mich allein/Partner/Freunde zu haben
Kinder möchte ich und darauf würde ich auch nicht verzichten wollen, wenn es zu Lasten meiner Karriere ginge. Allerdings habe ich schon das Gefühl, einen bestimmten Status erreichen zu wollen bevor ich sage "Wenn es das jetzt ist für den Rest meines Berufslebens dann ist das ok für mich".
Genau in diesem Punkt bin ich mir selbst nicht sicher. Meist mache ich meinen Job mit allem was dazu gehört sehr gerne. Aber ich merke, dass ich insgeheim auf "etwas" hinarbeite. Und habe das ungute Gefühl, dass mir die Puste ausgehen könnte, wenn das nicht klappen sollte. Besser kann ich es nicht beschreiben gerade, meine eigenen Gedanken sind noch ziemlich diffus...Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob Du einfach jemand bist, der aktiv und ehrgeizig ist und Karriere möchte, für den der Trubel, den das mit sich bringt, einfach dazu gehört. Oder ob Du Deine Motivation gerade hinterfragst, wie es ja im SPIEGEL-Zitat aufgegriffen wird.
Ich drücke mich vor der Beantwortung dieser Frage...*nachdenklich*Was empfindest Du als den Sinn Deines Lebens?
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04.02.2013, 18:00Inaktiver User
AW: Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
Und wenn die Kinder Dich auf Deiner Karriereleiter zurueckwerfen sollten, was dann?
Meine laienhafte, von eigener Erfahrung gepraegte Vermutung ist, dass Du auf eine Erschoepfungsdepression, zu Neudeutsch Burnout, zusteuerst und gerade die ersten Alarmsignale spuerst.Genau in diesem Punkt bin ich mir selbst nicht sicher. Meist mache ich meinen Job mit allem was dazu gehört sehr gerne. Aber ich merke, dass ich insgeheim auf "etwas" hinarbeite. Und habe das ungute Gefühl, dass mir die Puste ausgehen könnte, wenn das nicht klappen sollte. Besser kann ich es nicht beschreiben gerade, meine eigenen Gedanken sind noch ziemlich diffus...
...
Ich drücke mich vor der Beantwortung dieser Frage...*nachdenklich*
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04.02.2013, 18:15
AW: Berufliche Gratifikationskrise - wie kommt man da wieder raus?
uff, da wirst du dann aber deine Denke bzw dein Lebensgefühl um 180 Grad drehen müssen, wenn du Kinder hastKinder möchte ich und darauf würde ich auch nicht verzichten wollen, wenn es zu Lasten meiner Karriere ginge.
heisst, tob erstmal deinen Ehrgeiz aus, denn wenn du den dann an den Kindern austobst - autsch, arme Kinder
Was steht hinter deinem Ehrgeiz? Hast du dich schon mal zumindest theoretisch mit dem Scheitern beschäftigt? Ich les da grad was drüber. Scheitern gehört zum Leben wie der Erfolg. Erfolg ist i.d.R. auch nur möglich, weil man was riskiert. Und Risiko kann Erfolg aber auch Scheitern nach sich ziehen. Aber die Erfahrung des Scheiterns macht uns auch in uns stabiler, eben weil wir irgendwann kapieren, dass dies nunmal auch zum Leben dazu gehört.
Wer bist du (nicht was bist du) noch außer deiner Karriere und das bißchen Privatdrumrum?Grüße
A.
Wenn man bedenkt,wie oft ich in diesem Leben schon falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch auf diesem Planeten befinde.


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