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    AW: Ich finde mich gerade selbst zum Kotz... ICH WILL NICHT MEHR SO SCHEI... NETT SEI

    Hallo, liebe Baronesse,

    Ich bin gerne nett, aber nicht scheissnett. Da man mit Leuten leben muss, die Nettigkeit als Schwäche auffassen, habe ich bereits in der Pubertät dies geäussert:

    „Ihr müsst mich nicht lieben, sondern fürchten!“ Von Caligula, der das auch gesagt haben soll, habe ich damals noch nichts gewusst.

    „Man darf nur nett sein, wenn alle wissen, dass man freiwillig nett ist“ Das muss man zeigen. Gerade körperlich sehr überlegene und dabei unglaublich freundliche Leute sind dafür schöne Beispiele. So etwa etliche Boxer und Schwinger. Aus Angst nett sein bringt nur Verachtung.

    Mit der Zeit ist noch Anderes dazu gekommen. Heute bin ich sehr nett, reagiere aber ausgesprochen heftig, wenn ich respektlos behandelt werde. Als Ergänzung leiste ich mir gelegentlich kleine, beabsichtigte Fehltritte, die niemandem wirklich schaden, aber die Leute herausfordern. Das gibt mir Gelegenheit den Uneinsichtigen zu geben. Niemand braucht zu merken, wenn ich mich dabei schlecht fühle. Dann gibt es auch noch sinnvolle, eiserne Regeln, die ebenfalls Anlass geben, sich durch zu setzen.


    Dazu gibt es einige sehr schöne Übungen:

    - Raum beanspruchen. Das lernte Isa im Wen-Do (in Wikipedia Wendo, LEST DAS MAL!). Dies sind ganzheitliche Methoden, im die Gewalt im Keim zu ersticken, auch wenn ich es scherzhaft „Nahkampfausbildung für Frauen“ nenne. NB.: Sie ist ganz lieb und kann es trotzdem sehr überzeugend.
    Wenn mir auf einem Weg oder Gehsteig, der für 3 reicht, eine einzelne Person meinen Drittel nicht zu gesteht, bleibe ich bei guter Laune einfach stehen und mustere die Person. Bei schlechter Laune schiebe ich die Schulter nach vorne und mache mich so hart wie möglich. Irgendwann werde ich dafür auf die Fresse kriegen, aber das hat Zeit. Ein Hobby-Türsteher (!) hat mir einmal gesagt:“Es ist unwesentlich, ob Du siegst oder unterliegst, wichtig ist nur, dass Du Dich stellst.“

    - Gewisse Umgangsformen deutlich einfordern. Wenn sich etwa eine dritte Person in eine Unterhaltung mit einem ganz anderen Thema einfach rein drängt, ohne um Erlaubnis zu fragen oder sich echt zu entschuldigen, wird es sehr laut. Ich gestehe, dass ich es manchmal verpasse.

    - Jemanden der oder die Hilfe will oder braucht, muss man unbedingt seinen/ihren Teil beitragen lassen. Gratis-Hilfe züchtet Verachtung.

    - Keine Unterschrift unter unvollständige Dokumente. Wenn der/die andere motzt: „Na hörrnse mal, ich bin doch nicht bescheuert!“

    - Öfters mal etwas Verbotenes tun, das niemandem schadet. Aber bitte Vorsicht! Als ich über die völlig vereiste Baustelle am Seeufer abkürzte, übernahm ich allein die Verantwortung für meinen Tod, wenn ich ins Wasser gefallen wäre. Unter der Bahnschranke bei guter, freier Sicht durch schlüpfen, aber vorsichtig, langsam und nur, wenn keine Kinder zusehen. Etc.

    - Bewusst provozieren. Aber nur ganz selten und nur, damit die Leute wissen: Es ist möglich.


    Noch ein Anliegen zum Thema Wen-Do oder verwandte Techniken zur Selbstverteidigung:

    Das sollten ALLE Frauen lernen. Wenn Ihr es könnt, ist die Chance, dass Ihr kämpfen müsst, sehr viel geringer als ohne. Gerade auch wegen der damit einher gehenden Geisteshaltung.



    Liebe Baronesse, Du hast einen langen Weg vor Dir, aber er ist zu schaffen. Alles Gute dabei wünscht Dir Isambard

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    AW: Ich finde mich gerade selbst zum Kotz... ICH WILL NICHT MEHR SO SCHEI... NETT SEI

    Hallo Isambard!

    Interessante Gedanken hast du da geäußert.

    In meinem Leben habe ich das Glück, meistens freiwillig nett sein zu dürfen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich relativ selten in Konfrontationssituationen komme. Nachteil ist, dass ich dementsprechend untrainiert bin, WENN es denn doch mal zu einer kommt.

    Also eigentlich führe ich ein recht nettes Leben, in dem ich wenig Ärger habe und recht viel Bestätigung erfahre. Altes Erbe aus der Kindheit ist, dass ein kleines negatives Erlebnis mich mit mehr Energie und nachhaltiger treffen KANN, als etliche positive Erlebnisse. Als wögen letztere nicht so schwer. Wie blöd ist das denn? Naja...

    Wenn ich mal durch die Stadt stapfe, wenig Zeit und gute Laune habe, KANN auch ich raumgreifend sein. Das ist relativ neu an mir und für mich. Ich denke dann muffelig sowas wie: "Geh weg! Mach dich von Acker!" oder so. So heimlich in mir drin. Aber das strahle ich dann offensichtlich auch aus. Hab jedenfalls in solchen Momenten keine Probleme mit Platz...

    Bewusst provozieren tue ich (bislang) noch nicht. Muss mal drüber nachdenken, ob das ne Übung für mich wär.

    Gratis-Hilfe: Ja, die gebe ich noch zu oft. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich mit zweierlei Klientel zu tun habe. Mit meinen kleinen Schutzbefohlenen, die sich ja nicht wirklich selbst helfen können, und deren Eltern. Letztere sehen oft nicht, was sie da anrichten und dann fühle ich mich den Kleinen verpflichtet. Obwohl: Ich kann die Welt ja auch nicht retten.

    Umgangsformen einfordern: In starken Zeiten kann ich das ganz gut.

    Danke für deine Anregungen. Auch Wen-Do werd ich mir bei Gelegenheit mal anschauen. Schöne Rest-Weihnachten noch!

    LG B.
    Drüben am Walde -- kängt ein Guruh-- Warte nur balde -- Kängurst auch du. (Ringelnatz)

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    AW: Ich finde mich gerade selbst zum Kotz... ICH WILL NICHT MEHR SO SCHEI... NETT SEI

    Hallo, liebe Baronesse,
    Vielen Dank für Deine freundliche Reaktion, oh Schwester im Geiste! Ich bin fast erschrocken, so sehr erkenne ich mich in Deinem zweiten Bericht.


    Ich glaube, wenn es in dem geschilderten Umfange stattfindet, kann man damit leben, so, wie man auch mit gelegentlichen Kopfschmerzen lebt. Unangenehm, aber kein Grund zur Verzweiflung. Ich träufle dann etwas Balsam auf die Wunde, aber kein Lokalanästheticum:

    - Wenn man so ist wie wir, LEBT man. Die ach so Coolen wirken auf mich häufig wie Zombies. So will ich um's Verrecken nicht sein, und wenn gelegentlicher Seelenschmerz der Preis ist, bezahle ich ihn eben.

    - Ich versuche, Luxusprobleme als solche zu erkennen und zu benennen. (*1)

    - Ich versuche, mir auch die Vorteile zu vergegenwärtigen. (*2)

    - Ich habe Jahre lang um Gelassenheit gebetet und auch selbst daran gearbeitet. Heute bin ich zwar nicht geheilt, sehe aber Vieles etwas lockerer.

    - Ich kenne ein weise alte Frau, die schon mehrmals einen mildernden Einfluss auf mich hatte. Leute, die einen oder eine nicht abwimmeln oder unwirksam zu beschwichtigen versuchen, sondern Ernst nehmen und doch andere Wege zeigen, können so wirken.


    Deine Verpflichtung gegenüber den anvertrauten Kindern spielt in einer anderen Liga. Ich könnte mich manchmal auch in den Bauch beissen, wenn ich sehe, was da so angerichtet wird. Halt die Ohren steif!

    Zum Thema „Welt retten“ hat sich Charles Dickens (*3) sinngemäss so geäussert:

    „Wenn Dir das (Buch mit Schauergeschichten vom Elend) ebenfalls nicht gefällt: Du kannst nicht alles ändern, aber tue an Deinem Ort und zu Deiner Zeit das, was Du tun kannst, und es wird ein wenig besser werden!“ Ein Rat, der mich in der Ohnmacht tröstet, ohne zur Resignation auf zu fordern. Bravo und Danke, dear Sir!


    *1) Hartes Brot ist nur ein Problem, weil ich überhaupt welches habe. Der Rauswurf aus einer fürchterlichen Arbeitsstelle hat mir gegeben, was ich mir nicht nehmen konnte: Freiheit.

    *2) Der neue Schneepflugfahrer geht mit Leidenschaft zur Sache. Er füllt mir zwar das (ungepflegte) Gärtchen mit Schnee, was aber objektiv eher ärgerlich als schlimm ist. Dafür beherrscht er sein Gerät hervorragend und pflügt uns nicht mehr die Eingänge und Einfahrten zu, wie sein weniger dynamischer Kollege früher. Wie kleinlich bin ich denn, wenn ich ihm wegen des Gärtchens an die Gurgel will?

    *3) Das Triumvirat von
    - Victor Hugo 1802 - 1885 in Frankreich
    - Charles Dickens 1812 - 1870 in England
    - Gerhart Hauptmann 1862 - 1946 in Deutschland

    hat das Elend der Unterschicht in der Literatur thematisiert und somit die allgemeine Wahrnehmung dieser Probleme geweckt. Charles Dickens hatte sogar einschlägige Erfahrung.


    Du scheinst eine sehr patente Frau zu sein. Ich wünsche Dir die Kraft, Dich etwas zu verbessern und gleichzeitig das zu ertragen, was Dich zu dem macht, was Du bist.


    Herzliche Grüsse und halt die Ohren steif! Isambard

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