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  1. Registriert seit
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    "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    Liebes Forum,

    zum zweiten Mal erstelle ich hier einen Thread.

    Ich weiß selber nicht genau, mit welchem Anliegen, oder womit mir jemand helfen könnte, vielleicht will ich es einfach mal erzählen, und im "echten Leben" gibt es niemanden von dem ich denke, ihn damit belasten zu können.

    Ich bin 24 Jahre alt und studiere. Wie wahrscheinlich die meisten anderen Menschen auch, habe ich im Leben nicht nur schöne Erfahrungen gemacht, sondern auch wirklich trauriges und schwieriges erleben müssen. Aber das gehört denke ich dazu. Was besonders schlimmes oder traumatisches ist mir nie zugestoßen.

    Dennoch fühle ich mich im Leben nicht glücklich, nicht mehr dauerhaft. Ich kann mich an Zeiten erinnern in denen ich ganz anders war, als Kind und Jugendliche, da war ich glücklich, und an schlechten Tagen war ich eben einfach mies drauf, sauer, wütend, alles mögliche, sehr viele lebendige Gefühle, aber ich habe mich nie so lebensmüde gefühlt wie in den letzten Jahren.

    Mit lebensmüde meine ich wirklich des Lebens müde und überdrüssig. Wenn man so möchte könnte man es als eine Art Faulheit gegenüber dem ganzen Leben betrachten. Es ist jetzt nicht so, dass ich nichts mehr auf die Reihe kriege, nein, gar nicht. Ich erlebe schon auch lustige und fröhliche Stunden mit Freunden oder bin zeitweise durch Unikram abgelenkt. Aber es vergeht nie viel Zeit, ohne dass ich wieder in diese Lustlosigkeit abdrifte, sie schleicht sich von hinten an mich ran und überfällt mich. Ich finde dann alles viel zu anstrengend, das ganze Leben mit seinen Anforderungen, ich denke über all das nach was mich in einem Menschenleben wohl noch so alles erwartet an Aufgaben und fühle mich allein beim Gedanken daran ausgelaugt, als wäre mein Körper zwar mit der überlebensnötigen Energie ausgestattet worden, aber mein Geist oder meine Psyche haben nur Energie für ein junges, ein kurzes Leben mitbekommen und jetzt ist mir diese über die Jahre so nach und nach abhanden gekommen.
    Ich glaube nicht dass ich depressiv bin, dafür kann ich den Lebensalltag viel zu gut meistern, und auch als ich meiner Hausärztin mal diese Lustlosigkeit schilderte, war sie nicht der Meinung dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt.
    Nüchtern betrachtet scheint es mir wirklich Faulheit, aber ich war nie ein besonders fauler Mensch, wie kann es sein, dass ich zu faul dazu bin, zu leben?

    Ich bin nicht den ganzen Tag todtraurig oder so, Traurigkeit ist es ja auch meistens überhaupt nicht was ich empfinde. Es ist wirklich so, dass sich in mir das Gefühl tief verwurzelt hat, dass das Leben all die Zumutungen, die man aushalten muss um es zu leben, nicht wert ist. In letzter Zeit haben sich daraus manchmal gefährliche Gedankengänge entwickelt, und ich habe langsam Angst, dass dieses Gefühl sich jetzt, da es sich einmal wie ein schwerer Mantel um mich gelegt hat, nicht mehr ablegen lässt und ich es nicht mehr rechtzeitig los werde.

    Dieses Gefühl von Lebensmüdigkeit spiegelt sich auch darin wider, dass ich nichts mehr richtig machen kann, so viele Dinge breche ich scheinbar grundlos mittendrin ab, weil ich nicht mehr mag, weil es mir zu anstrengend wird und ich mich einfach nur erschöpft fühle und in Ruhe gelassen werden möchte. Das können kleine Dinge sein - ich war z.B. früher eine Leseratte und liebe Bücher eigentlich über alles, aber seit ich dieses Gefühl habe, habe ich kaum ein Buch mehr zu Ende gelesen, irgendwo unterwegs ging mir immer die Lust verloren - oder auch größere Dinge, beispielsweise habe ich bereits eine abgebrochene Ausbildung vorzuweisen. Ich kann nicht sagen, dass diese mir nicht zugesagt hätte, es war eigentlich ein passender Beruf für mich, ich hätte mich nicht beklagen können... aber nach 1 1/2 Jahren ging mir die Energie leer.

    Ich finde das selber so unangenehm und schäme mich dafür in gewisser Weise, weil ich quasi aus dem Nichts heraus mein Leben selber sabottiere, indem ich es ständig innerlich ablehne. Oft nehme ich mir fest vor, dieses Gefühl nicht mehr zuzulassen, aber es fällt so schwer, irgendwann erwischt es mich wieder. Ich habe es richtig in mir drin.

    In letzter Zeit frage ich mich auch, ob es vielleicht Menschen gibt, bei denen der Überlebensinstinkt nicht ausgeprägt genug ist. Ob mir quasi dieser Urinstinkt fehlt, dass man leben möchte. Vielleicht ist das wirklich ein "Fehler" in der Natur oder der Evolution oder wie auch immer, dass mir der Lebenswille fehlt. Denn so fühlt es sich an, wirklich, es gibt für mich keine anderen ersichtlichen Gründe für dieses Gefühl, aber es ist viel zu präsent als dass ich es verleugnen könnte.

    Wie kann ein Mensch ohne Grund in so jungen Jahren so dermaßen lebensmüde im wahrsten Sinne des Lebens müde werden? Ich wünschte, ich hätte einen Blick wie ich ihn früher auf mein Leben hatte, wie etwas verheißungsvolles und großes das vor mir liegt, wie etwas helles und strahlendes. Dass ich dieses oder ein annähernd so positives Gefühl gegenüber dem Leben gehabt hätte, ist schon viel zu lange her.

    Immer wieder glaube ich, wenn ich mich nur genug anstrenge, kann ich diese Lustlosigkeit überwinden, so wie man manchmal den inneren Schweinehund überwinden kann wenn man zum Sport gehen soll, so würde ich mich dann zum Leben überwinden können, wenn ich mich nur genug anstrenge, und am Ende würde ich froh über diese Überwindung sein. Aber es ist ein täglicher Kampf gegen mich selber und fühlt sich nie an wie leichtes, frohes, glückliches Leben, sondern wie das Absitzen von etwas, das man eigentlich schon lange nicht mehr möchte...


  2. Registriert seit
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    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    nordosten, du wirst unter vielen antworten unterscheidlich feine, aber auch einige bekommen, die genau für dich hilfreich sind.

    habe noch paar stunden geduld.
    gibt gut auf dich acht bis morgen.
    lg
    legrain
    Geändert von legrain (25.08.2012 um 09:17 Uhr)


  3. Registriert seit
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    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    hm.

    mag ja sein, dass du einfach, in der Tat, müde bist.
    Rezept: nichts machen und ausruhen, bis es vorbei geht.

    dass das Leben all die Zumutungen, die man aushalten muss um es zu leben, nicht wert ist.
    Woran denkst du konkret beri "Zumutungen"?

    so viele Dinge breche ich scheinbar grundlos mittendrin ab, weil ich nicht mehr mag, weil es mir zu anstrengend wird und ich mich einfach nur erschöpft fühle und in Ruhe gelassen werden möchte.
    Anstrengung, Müdigkeit, Erschöpfung und das Bedürfnis nach Ruhe finde ich jetzt sehr gute Gründe, um etwas nicht zu machen.

    (ich hab grad heute eine Wanderung abgesagt, weil es im Moment viel Arbeit gibt und nochmals ein frühes Aufstehen-Müssen für mich grad zuviel wär. Auch wenn es eine tolle Wanderung ist, die ich gern wieder mal machen würde)

    Ich finde das selber so unangenehm und schäme mich dafür
    Kein Grund fürs Schämen. In unserer Gesellschaft geistert die seltsame Idee rum, dass wir alle immer leistungsfähig und fit und frisch zu sein haben.

    Sind wir aber nicht. Wir brauchen auch Ruhezeiten, und ja, diese Ruhezeiten sind deutlich länger, als uns unser spontanes Gefühl glauben machen möchte. Mal kurz eine halbe Stunde ein Nickerchen machen, reicht da nicht. Eine Woche Urlaub auch nicht. Es braucht Geduld mit sich selbst und das Anerkennen der eigenen Grenzen.

    Wie kann ein Mensch ohne Grund in so jungen Jahren so dermaßen lebensmüde im wahrsten Sinne des Lebens müde werden?
    ich erinnere mich an meinen zwanzigsten Geburtstag - da fühlte ich mich auch massiv überfordert von allem, was da auf mich zukommen könnte, würde, wird. Einerseits als junger Mensch noch nicht wirklich was zu können - die Erwartungen, es gut zu machen, ein erfolgreiches Leben zu haben, was immer das bedeuten könnte - die Angst, nicht *gut genug* zu sein...

    Ich sag nicht, dass es bei dir dasselbe ist, wie es bei mir war. Aber ich glaube, es ist normal, dass man in den Zwanzigern, wo es früher oder später darum geht, selbständig zu werden mit eigener Wohnung, eigenem Einkommen, Familiengründung etc, früher oder später die Last der ganzen Welt auf den Schultern fühlt.

    Es ist nützlich, daran zu denken, dass man nicht die Last der ganzen Welt tragen muss. Und es ist nützlich zu wissen, dass durchwurschteln, improvisieren und tun, was eben gerade geht, völlig in Ordnung ist. Und nicht tun, was gerade nicht geht, ist auch in Ordnung. Es kommen wieder bessere Tage.

    grüsse, barbara

  4. Avatar von Woodstock62
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    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    Also ich würde definitiv mal den Arzt wechseln, für mich hört sich das sehr nach einer Depression an! So fing es bei mir auch an, auch in Deinem Alter... und nur damals hat's auch keiner ernst genommen und jetzt hat's mich voll erwischt, schwere Depressionen, immer am Rande des Suizids und Dauerbehandlung.

    Tu was, bevor Du ganz rein schlitterst!
    Normale Menschen machen mir Angst!!!

    **Ich bin nicht dick - das ist erotische Nutzfläche!**

  5. Avatar von Zitronengras
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    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    Das kenn ich von mir auch, gerade in den Jahren von ca. 22-30. Rückblickend lag dsa bei mir daran, dass ich kein wirkliches Ziel im Leben hatte. Mein Studium plätscherte so dahin, war eigentlich auch mehr ne Verlegenheitslösung, weil ich nichts anderes anzufangen wusste. Habe mir immer eine Partnerschaft gewünscht, aber auch das hat nie geklappt. Manchmal denke ich, ich habe mich sozusagen auch selber sabotiert irgendwie, keine Ahnung.

    Damals war ich aber schon auch wg. Depression in Behandlung, habe auch 2 Therapien gemacht und ne Zeitlang auch mal Medikamente genommen. Äußerlich war ja vieles ok bei mir, Studium, Dach über dem Kopf, ein paar Freunde... aber innerlich habe ich einfach oft nicht teilgenommen am Leben. Bei Dir hört es sich so ähnlich an, finde ich. Ich würde auch mal den Arzt wechseln. Zudem: keiner kann reinschauen in Dein Inneres, und wenn DU Handlungsbedarf siehst, dann würde ich mir auch Hilfe holen.

    Bei mir hat sich erst etwas geändert, als ich den ersten Job hatte und dann irgendwie gleichzeitig auch einen Partner gefunden habe, der mir ein wahrer Freund und Gefährte ist. Vor allem durch meinen 2. Job bin ich dann so richtig erwachsen geworden, weil ich da auch mal Erfolgserlebnisse hatte und ein Aufgabengebiet, was ich überschaue. DAs war für mich persönlich ein wirklicher Glücksfall.

    Hast Du denn Ziele im Leben? GIbt es irgendwas, was Du Dir wünschst und wo drauf hinarbeiten könntest?

    Du darfst auch Dein jetziges LEben nicht mit Deiner Jugednzeit vergleichen, finde ich. Wenn man noch zuhause wohnt und in der Schule ist, ist man irgendwie in einem gesicherten Rahmen, da fühlt man dann ganz anders. Zudem was es früher doch auch noch so ein Gefühl der "Großen Erwartungen", also irgendwie, dass da draußen was ganz Großes auf einen wartet. Wenn man dann von den Eltern weg ist, merkt man oft am Ende der Pubertät, dass das Leben doch irgendwie ziemlich profan ist Ich glaube, auch das gehört irgendwie zum ERwachsenwerden dazu...
    No hell below us, above us only Sky...


  6. Registriert seit
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    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    Liebe Nordosten,

    erstmal

    Ich kenne solche Gedanken/Gefühle auch, jedenfalls phasenweise - auch wenn sie bei mir dann eher aus einer "Bilanz" heraus entstehen, weil so einige (wichtige) Dinge in meinem Leben sich nicht so entwickelt haben, wie ich sie mir mal vorgestellt habe.

    "Faulheit" trifft es bei dir mit Sicherheit nicht, und es ist eine negative Zuschreibung, die du lieber lassen solltest.

    Was ich an deiner Stelle wahrscheinlich tun würde:

    Zum einen mich mal wirklich durchchecken lassen, ob körperlich alles in Ordnung ist (wenn dies nicht schon geschehen ist). Deine Erschöpfung könnte ja durchaus körperliche Ursachen haben, welche dich "sabotieren".

    Zum anderen würde ich unbedingt einen Therapeuten aufsuchen, mit dem zusammen du näher an die Ursachen deiner "Lebensmüdigkeit" herankommen kannst. Wenn ich dich richtig verstanden habe, hast du bereits Suizidgedanken und die sind auf jeden Fall ein ausreichender Grund für eine Therapieanfrage/eine Überweisung.

    Und ja, ich glaube, dass Menschen unterschiedlich starken "Überlebensinstinkt" haben. Jedenfalls bemerke ich auch bei mir, dass mein Energieniveau in Vergleich zu vielen anderen Menschen anders ist (auch wenn ich ein durchaus aktiver Mensch bin). Über die Gründe kann ich nur spekulieren: bin ich so zur Welt gekommen, war es die überschattete Kindheit, die mich so geprägt hat ...

    Ich erinnere mich, dass es hier mal einen Thread gab, in dem ein Mann die Frage stellte "Ist das Leben schön?", ein Mann, der sein Leben eigentlich gut bewältigt, der Job, Familie und soziale Kontakte hat ... und trotzdem diese Frage nicht einfach mit "ja!" beantworten kann.


    Gruß samtweich

  7. Inaktiver User

    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    Hallo Nordosten,

    deine Beschreibung hat mich sehr berührt und ich lese dich als feinfühligen und nachdenklichen Menschen, das meine ich jetzt uneingeschränkt positiv.

    Ich erkenne mich selbst wieder. Ich bin um einiges Älter als du, und was soll ich sagen? Ich lebe - meistens sehr gerne!

    Hier ein paar Gedankenansätze, die ich für mich gefunden haben, vielleicht können einige dir helfen:

    Das wichtigste zuerst: bitte schäme dich nicht für deine Stimmung und deine Energielosigkeit. Ohne wenn und Aber.
    Nimm dir die Ruhe, die du brauchst. Einem Ruhebedürfnis nachzugeben ist kein Zeichen für Versagen, denn was oder wer soll der Massstab sein?
    Das Leben verläuft in Phasen, auch wenn eine gewisse Grundstimmung da ist - es muss nicht so bleiben, wie du es jetzt empfindest, und das wird es auch höchstwahrscheinlich nicht.
    Kannst du mit jemand über dieses Thema sprechen? Familie oder Freunde? Tu es - die Akzeptanz anderer erleichtert auch deine Selbstakzeptanz. Es erleichtert und es macht die Energie frei, die du jetzt noch dafür verbrauchst, um deinen zustand zu maskieren. (Genau dieser Punkt war und ist für mich immer am schwierigsten gewesen, weil auch ich mich immer geschämt und darum alles mit mir selbst ausgemacht habe).
    Wenn es schlimmer wird, bei schwerem Leidensdruck: suche dir bitte Rat von Profis.

    Ich weiß nicht, was zuerst da ist: kommt die Lebensfreude aus der Lebensenergie oder umgekehrt?
    Da muss wohl jede(r) sein eigenes Rezept finden.

    Alles Gute für dich!

    P.S.: Gibt es einen Südwesten in deinem Leben?


  8. Registriert seit
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    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    Hallo ihr Lieben, schön, so viele Antworten!

    Zu einem anderen Arzt zu gehen und diesen mal zu konsultieren kann ja auf jeden Fall nicht schaden, aber im Grunde glaube ich selber auch nicht, dass ich depressiv bin. Also depressiv im Sinne einer klinisch anerkannten Erkrankung.

    Es ist so, dass ich das Leben oft als einen Kampf empfinde, von dem ich gar nicht weiß warum ich ihn länger austragen sollte.

    Woran denkst du konkret bei "Zumutungen"?
    Da denke ich an all das, was das Leben für so gut wie jeden bereit hält. Angefangen von all den unliebsamen Aufgaben wie Steuererklärungen, Müll rausbringen und sowas, bis hin zu dem Tod von Angehörigen (wenn ich darüber nachdenke, dass ich höchstwahrscheinlich den Tod meiner Eltern mal miterleben werde müssen, frage ich mich wirklich, WARUM ich mich diesem Schmerz bewusst aussetzen sollte?) oder noch schlimmeres. Die ganzen Anforderungen die die Gesellschaft an uns stellt, böse Kollegen, Mobbing, was ich in wenig dramatischem Ausmaß aus Schulzeiten kenne... - Ständig das hinarbeiten auf etwas, auf das Wochenende, den Urlaub, die sportlich schlanke Figur... das alles macht mich schon beim Betrachten aus der Ferne müde.

    Zum anderen würde ich unbedingt einen Therapeuten aufsuchen, mit dem zusammen du näher an die Ursachen deiner "Lebensmüdigkeit" herankommen kannst. Wenn ich dich richtig verstanden habe, hast du bereits Suizidgedanken und die sind auf jeden Fall ein ausreichender Grund für eine Therapieanfrage/eine Überweisung.
    Ja, Suizidgedanken sind schon hin und wieder mal da, aber nicht auf eine verzweifelte "Letzter-Ausweg"-Art und Weise, sondern ganz ruhig, einfach weil mich das Leben zu sehr auslaugt und meine Energien verbraucht, ohne dass ich das Gefühl habe, dass die "positiven Seiten" das ausgleichen könnten. Ich war schon mal bei einem Therapeuten, da war ich 18 und ungefähr damals hat diese Müdigkeit sich in mein Leben eingeschlichen. Aber mir half das theoretische Gespräch über mögliche Ursachen dieser Müdigkeit nicht weiter, eher gab es mir das Gefühl, noch mehr Energie verwenden zu müssen für noch mehr Ziele die ich erreichen müsste. Auch habe ich in den Gesprächen nie das Gefühl gehabt, irgendeinen greifbaren Grund für diese Grundstimmung meines Gemüts zu finden; natürlich gibt es auch in meinem Leben Gegebenheiten, die man als Begründung heranziehen könnte, an denen ich dann therapeutisch arbeiten sollte. Aber für mich sind während der Therapie keine Erkenntnisse zutage gefördert worden, die mir praktisch geholfen hätten. Eher empfand ich den Gang zum Therapeuten als weitere Belastung und oftmals kam ich dort hin und hatte das Gefühl, ich hätte nun die Aufgabe, diesen Menschen eine Stunde lang zu "unterhalten", um dann wieder zu gehen, ohne etwas über mich oder meine Probleme dazugelernt zu haben. Damals habe ich mich schon eine ganz schön lange Zeit dahin bemüht, in der Hoffnung dass irgendwann ein "key moment" kommt und es mir irgendwie hilft... heute hätte ich dafür gar nicht mehr das Durchhaltevermögen glaube ich.

    Ich kann auch einfach nicht sagen, dass ich finde, das Leben wäre schön. Ich denke, das Leben wäre leichter wenn ich zu den immer fröhlichen Sonnenscheinmenschen gehören würde, von denen ich auch welche in meinem Freundeskreis habe und die ihr Leben immer mit einer Unbeschwertheit und Leichtigkeit meistern, wie ich sie manchmal doch beneide. Aber ich würde mir falsch vorkommen, wenn ich behaupten würde, das Leben wäre schön, man könne alles im Leben erreichen wenn man nur wolle, und nach jeder dunklen Nacht warte bereits ein strahlender Tag auf jeden, ich finde so eine Sicht auf das Leben einfach verblendet. Es mag für Einzelfälle zutreffen, aber es gibt doch so viel unglaubliches unvorstellbares Leid auf der Welt, wie könnte ich mir da anmaßen zu behaupten das Leben sei schön? Mich macht es auch traurig dass viele Menschen vom Schicksal ihrer Mitmenschen so gänzlich nicht tangiert werden...
    Letztens habe ich das gelesen: "No one can destroy iron, but its own rust can. No one can destroy us, but our own mindset can."
    Das soll ja Mut machen fürs Leben, dafür durchzuhalten, aber ich finde das irgendwo so anmaßend... Es gibt doch ganz definitiv viele Menschenleben, die manchmal kaum begonnen, schon wieder beendet wurden, zerstört durch das Leben an sich, durch seine Zumutungen, durch schwere Krankheit oder durch die sinnlosen Aggressionen von oder die Vernachlässigung durch einen anderen Menschen, ohne dass das mit der Einstellung des Menschen zu tun hat.
    Dann frage ich mich auch, ob es wirklich ein Zeichen von Schwäche ist, sich dem Leben quasi zu ergeben, oder ob es nur falsche Stärke ist wenn man sich einredet, gegen jeden Widerstand immerzu ankämpfen zu müssen, wenn man sich nicht erlaubt daran zu zerbrechen. Ich bin auch in zwischenmenschlichen Diskussionen oder Streitereien kein Mensch, der immer gewinnen oder immer das letzte Wort haben muss, ich bin keine Kämpfernatur, ich kann auch mal nachgeben, und vielleicht möchte ich auch an irgendeinem Punkt mal dem Leben nachgeben und mich einfach diesem ewigen Ankämpfen gegen alle kleinen und großen Zumutungen und Widrigkeiten entziehen.

    Ich denke, wenn ich nicht Freunde und Familie hätte, denen ich die Schuldgefühle und die Trauer und alles was mit einem Suizid einhergeht nicht antun möchte, dann wäre ich vielleicht schon vor einiger Zeit von der Bühne des Lebens abgetreten. Und ich glaube auch, dass es mich momentan nicht übermäßig viel Mut kosten würde, sondern eher wie eine logische Konsequenz der letzten Jahre ist.


    Hast Du denn Ziele im Leben? GIbt es irgendwas, was Du Dir wünschst und wo drauf hinarbeiten könntest?
    Schon, ja. Im Grunde wünsche ich mir, dass es mir möglich wäre, denjenigen Menschen die ihr Leben wirklich leben möchten, die einen Lebenswillen in sich tragen aber von außen mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, dass ich denen irgendwie helfen könnte. Ich studiere Medizin und glaube damit das richtige für mich gefunden zu haben, ich arbeite schon längere Zeit als Pflegehilfskraft in Krankenhäusern und es sind Momente in denen ich zwar nicht unbedingt sagen kann, mein Leben zu genießen, aber in denen ich zumindest finde, dass ich ihm einen Sinn gebe indem ich anderen, Leidtragenden auf eine ganz direkte Art und Weise helfe. So erfüllt mein Leben ja dann doch einen gewissen Zweck.
    Geändert von Nordosten (25.08.2012 um 15:26 Uhr)

  9. Avatar von LaRimbecca
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    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    Liebe Nordosten,

    ich finde, dass Du Dich und Dein Umfeld sehr genau beobachtest. In der Tat ist es manchmal zu kurz gegriffen zu meinen, dass auf Regen wieder Sonne folgt, dass irgendwann alles wieder gut wird. Manchmal sind Gegebenheiten, Lebensläufe und Lebensumstände einfach scheiße und bleiben es auch. Und wir alle sind fest eingebunden in ein Netz aus Verpflichtungen, die uns am Rennen halten. An der ein oder anderen Stelle können wir noch mal reflektieren und überlegen, ob wir dieses Rennen so mitmachen, beispielsweise in Bezug auf Karriere, das Traumhaus, die jährliche Fernreise und anderes. Andere Dinge müssen sein. Der Lebensunterhalt will finanziert werden, also muss man arbeiten. Die Vernunft weiß, dass eine einigermaßen angemessene Lebensführung notwendig ist, um die Gesundheit zu erhalten. Und und und. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Du mit Deiner Lebenseinstellung einen Aspekt der Realität abbildest, der wenig Helles hat, aber trotzdem da ist. Und vielleicht liegst Du mit Deiner Berufswahl und der zu Grunde liegenden Motivation genau richtig.

    Ein gewisses Magengrummeln habe ich trotzdem. All das verlangt stetig Energie von Dir, und Du schreibst ja schon, dass Dir diese dafür fehlt, Schönes wie beispielsweise das Lesen zu machen. Du lebst aus einem Pflichtgefühl heraus, weniger aus dem, was Du machen möchtest. Dabei könntest Du Dich tatsächlich irgendwann völlig aufreiben und selbst auf der Strecke bleiben.

    Unabhängig davon, dass Du natürlich jetzt in einer anderen Lebenssituation bist, aber was hat früher den Unterschied ausgemacht? Was war das "Mehr" additiv zu den fröhlichen, netten Stunden, die Du auch jetzt ab und zu mal erlebst?
    Mache das sichtbar, was ohne dich vielleicht nie gesehen werden würde.

    - Robert Bresson -

  10. Avatar von LaRimbecca
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    AW: "Lebensmüde", des Lebens müde sein.

    Liebe Nordosten,

    ich hoffe, Du nimmst es mir nicht übel, dass ich in Deinen anderen Strang hinein geschaut habe. Es ist ja erst wenige Wochen her, dass Du einen Menschen, den Du noch nicht lange kanntest, zu dem Du aber ein intensives Hingezogen-sein verspürt hast, verloren hast. Wie geht es Dir heute mit dieser Erfahrung?

    Neben der zeitlichen Nähe dieses Erlebnisses finde ich es immer sehr erschütternd, wenn ein junger Mensch verstirbt. Es zeigt deutlich auf, wie unberechenbar das Leben ist, wie schnell sich eine Situation, in der vor kurzem alles in Ordnung war, so verändern kann, dass keine Kontrolle mehr möglich ist und dass einem alles entgleitet. Eine schwerwiegende Erfahrung, die sich möglicherweise auch in Deinem Lebensgefühl wiederspiegelt?
    Mache das sichtbar, was ohne dich vielleicht nie gesehen werden würde.

    - Robert Bresson -

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