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    Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Hallo ihr Lieben,

    ich hab da mal eine Frage zu einer Dynamik in meinem Umfeld, die mich eigentlich eher fasziniert, als wirklich erschreckt. Es geht um projektive Identifikation, also darum, dass jemand versucht, seine eigenen unerwünschten Gefühle in anderen auszulösen, weil er sie nicht selbst regulieren kann. Das passiert ab und an bei einem Kollegen von mir, es geht da um Wut oder Zorn. Wir arbeiten recht eng und normalerweise sehr gut zusammen, aber wenn er seinen "Rappel" hat, dann passiert es schon mal, dass er als Schnittstelle zum Chef Informationen nicht ausreichend weiter gibt, oder Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche nicht kommuniziert und ich letztlich mit Reaktionen konfrontiert bin, die mich irritieren. Leider reagiere ich darauf recht stark im konkreten Moment und hab dann das Gefühl, die Wut, die in mir aufkommt, ist eigentlich nicht meine, sondern seine. Ich empfinde das als eine ziemliche Grenzüberschreitung. Zwar gelingt es mir, mit Hilfe von Sport hinterher relativ gut wieder runter zu kommen. Aber in der konkreten Situation ist meine Abgrenzung ziemlich schwach.

    Ich seh das nicht nur negativ: Er ist eine Herausforderung, da besser an meiner Abgrenzung zu arbeiten und mich zum Beispiel auch von meinem eigenen Perfektionismus zurückzuholen, der ja eigentlich der Grund ist, warum ich so darauf abgehe, dass ich unter unklaren Bedingungen natürlich eine schlechtere Leistung zeige, als unter klaren. Der Samen, soviel hab ich kapiert, liegt schon irgendwie bei mir - und mei, das ist ja auch menschlich. Grundsätzlich bin ich wohl viel mitfühliger, als ich immer dachte, und das gefällt mir eigentlich sehr gut an mir. Trotzdem habe ich das Gefühl, mit meiner Reaktion in der konkreten Situation eher aufrechtzuerhalten, als wirkungsvoll sagen zu können: Stop. Bis hierher und nicht weiter.

    Mich würde einfach mal interessieren, wie andere Menschen mit solchen Situationen umgehen. Mag jemand etwas dazu schreiben?

    LG,
    Babette
    Zurück ist ein Ort, den es nicht gibt.

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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Guten Morgen, meine Liebe!

    Die Vögel haben so einen Radau gemacht, dass sie mich vielzufrüh aus dem Bett geschmissen haben *gähn*

    Das Gefühl kenne ich.

    Wie geht er mit deiner Wut um?

    Ich habe damit reagiert, dass ich ihm meine Wut "verweigert" habe.


    Empfehlen kann ich das nicht unbedingt:
    Ergebnis war eine gewisse Abspaltung von Gefühlen in mir, die aber dennoch existent waren. Nicht so toll.

    Daher bin ich auch gespannt auf andere (bessere ) Möglichkeiten!

    Lieben Gruß
    bblume
    flying is the art of falling to the ground without touching

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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Guten Morgen, Dieclou!

    Zitat Zitat von Dieclou Beitrag anzeigen
    dass er als Schnittstelle zum Chef Informationen nicht ausreichend weiter gibt, oder Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche nicht kommuniziert und ich letztlich mit Reaktionen konfrontiert bin, die mich irritieren. Leider reagiere ich darauf recht stark im konkreten Moment und hab dann das Gefühl, die Wut, die in mir aufkommt, ist eigentlich nicht meine,
    Wenn es jemanden in meinem Umfeld gäbe, der meine Arbeit boykottiert, indem er bspsweise Informationen nicht weiterleitet, dann wäre ich auch gehörig wütend und ärgerlich.

    Kann es sein, dass es doch Deine Wut ist? Verständlich wäre es allemal.


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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Liebe Babette,

    wäre es möglich, Dich insofern abzugrenzen, indem Du das auslösende Moment (in Deinem Fall die nicht weitergegebenen Informationen seitens Deines Kollegen) versuchst, auf der Sachebene zu besprechen ohne auf das von ihm gemachte "Wutangebot" einzugehen?

    Also, in dem Sinne von: "Hey, du hast mir da wichtige Informationen nicht weitergegeben, ohne die ich aber meine Arbeit nicht so gut machen kann, wie es nötig wäre und wie ich das tatsächlich könnte. Insbesondere im Hinblick auf unsere Kunden: Achte doch da mal in Zukunft drauf!"

    So in etwa.

    Hast Du das mal versucht? Wenn ja, wie hat er reagiert?


    Ich kenne das nur zu gut... . Einer meiner Brüder ist ebenso und ich ging in der Vergangenheit jedesmal ab wie ein Zäpfchen, wenn er wieder seine unterdrückte Wut, die ihm selbst noch nicht mal bewusst ist, durch das Wie und das Was seines Erzählens an mich weitergab. Ich fühlte mich jedesmal wie eine Billardkugel, die, von ihm angestoßen, mit 300 Km/h über den Tisch gejagt wird, ehe sie in einem schwarzen Loch verschwindet.

    Ich habe dann öfter versucht, mit ihm darüber zu reden. Was das alles z.B. ,wenn er mir bestimmte Themen immer auf die gleiche Art vor die Füße kippt, mit mir macht. Das ging zwar, weil er ja mein Bruder ist und da auch über persönlichere Dinge reden kann (theoretisch jedenfalls ), aber ich hatte immer den Eindruck, dass das, was ich ihm sagen wollte nicht wirklich bei ihm ankam.

    Deshalb habe ich irgendwann mal angefangen, mich vor ihm zurückzuziehen.

    Inzwischen, was leichter ist, weil ich ihn nicht so oft sehe und nur selten mit ihm telefoniere - und das ganz bewusst, weil er auch sehr depressiv ist und ich jedesmal nach einem Kontakt mit ihm wie gerädert war (was eigentlich sehr schade ist, denn im Grunde mag ich ihn gerne) - stelle ich auf Durchzug oder ich versuche, das Thema zu wechseln und ruhig von anderen Dingen zu sprechen. Aber dabei passiert mir genau dasselbe wie Butterblume: ich spalte Gefühle ab. bzw., ich nehme in Kauf, dass wir nur unverfängliche Themen anschneiden, was den Kontakt dann leider eher an der Oberfläche dahinplätschern lässt.

    Zufrieden bin ich mit diesem Zustand nicht. Aber wenigstens habe ich etwas Ruhe. Das klingt jetzt ziemlich herzlos, aber ich habe diese "Spielchen" jahrelang mitgemacht, bevor ich kapierte, dass ich mich zurückziehen muss, um mich zu schützen.

    Wenn jemand andere (Lösungs-)Wege kennt: ich bin ebenfalls sehr an diesen interessiert!

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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Hallo ihr Lieben, ( Bblume),

    danke für eure Reaktionen. Liest sich super, dass es da auch noch andere gibt, die ganz ähnliche Erfahrungen machen. Masasshi, grundsätzlich hast Du natürlich recht: Die Situation ist geeignet, Wut auszulösen. Aber normalerweise kommen wir gut klar, wir ticken ähnlich und können uns im Normalfall auch aufeinander verlassen. Manchmal reden wir privat, aber nicht zu privat. Die Stimmung kippt zwischen uns ganz plötzlich und das hat für mich keinen erkennbaren Grund im Umgang untereinander. Das Schräge daran ist: Wenn er mich wütend gemacht hat, ist er ganz ruhig. Er wirkt wirklich total entspannt und ich renn dann rum wie eine Dampfmaschine. Das meine ich mit: Es ist nicht meine Wut. Und irgendwie doch: Die letzte Situation war nicht völlig verfahren, normalerweise könnte ich mit den Achseln zucken, mir die Informationen nachorganisieren und aus. Trotzdem: Gerade weil es aus dem Nichts kommt, geh ich so darauf ab.

    Ihn darauf anzusprechen, ist prinzipiell möglich, aber ich hab schon manchmal beobachtet, dass er sich selbst nicht als wütend sehen will. Er ist so der Typ Everybody's Darling, will gefallen. Und die sind ja bekanntlich nie wütend. Deshalb schätze ich die Chancen eher gering ein. Ich hab da aber auch keine Lust mehr drauf. Es strengt an. Und die anderen nehmen dann meine(seine) Wut, durchaus wahr. Und ich muss irgendwie sehen, wie ich damit klarkomme.

    Abgenzung ist also ein guter Ansatz. Obwohl es sehr schade ist. Ein anderer Weg wäre vielleicht, einen besseren Umgang mit der Wut zu finden. Nur wie?!

    LG,
    Babette
    Zurück ist ein Ort, den es nicht gibt.

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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Zitat Zitat von Dieclou Beitrag anzeigen
    (...) Das Schräge daran ist: Wenn er mich wütend gemacht hat, ist er ganz ruhig. Er wirkt wirklich total entspannt und ich renn dann rum wie eine Dampfmaschine. (...)
    Genauso erlebe ich das auch! Mein Bruder wird/wurde dann ebenfalls oft sehr ruhig. Was mich schlussendlich NOCH wütender macht(e). Und er als nächstes versucht, mich zu beschwichtigen. Ich danach noch wütender... Puhh! Was für eine Abwärtsspirale.

    Ich würde evtl. folgendes probieren:

    Sehr aufmerksam im Umgang mit ihm werden. Sich selbst und ihn beobachten und "erfühlen". Wenn dann wieder plötzlich so eine Attacke kommt, einfach aus dem Zimmer gehen. Einfach aufstehen (oder umdrehen) und gehen.

    Weiß nicht, ob das durchführbar ist, aber, irgendwie kam mir das gerade in den Sinn..

    Und dann würde ich aber auf jeden Fall darauf beharren, höflich aber bestimmt und auf der Sachebene bleibend, dass er mir keine Informationen mehr vorenthält, bzw. sich bemüht, diesen Punkt zu verbessern.

    Die Einforderung nötiger Arbeitsinfos für einen reibungsloseren Ablauf gehört m.E. ebenfalls zur Abgrenzung hinzu (was für eine Alliteration.. :-) ; Abgrenzung nicht nur als Grenzziehung zwischen dem Ich und einem Du, sondern auch als Verteidigung dessen, was dieses "Ich" ausmacht.

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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    PS: Die Frage, wessen Wut das eigentlich ist, finde ich sehr spannend. Und ich glaube, wenn Du die Antwort auf diese Frage gefunden hast und das aufdröseln kannst, bist Du ein ganzes Stück weiter. (gilt für mich ebenso )

    Denn: natürlich ist es nicht nur seine Wut, sondern auch Deine. Die Wut, die Du fühlst, auch wenn sie von außen (durch ihn) angestoßen wurde, kommt dennoch aus Dir. Das, was er von außen an Dich heranträgt, findet eine Entsprechung in Deinem Innern. Wäre das nicht so, könnte seine Wut Dir nichts anhaben und würde einfach verpuffen.

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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Guten Morgen!

    Hier ein paar spontane Gedanken zu Deinem zweiten Post:

    Zitat Zitat von Dieclou Beitrag anzeigen
    Die Situation ist geeignet, Wut auszulösen. Aber normalerweise kommen wir gut klar,
    Warum "aber"?

    Zitat Zitat von Dieclou Beitrag anzeigen
    Die Stimmung kippt zwischen uns ganz plötzlich und das hat für mich keinen erkennbaren Grund im Umgang untereinander. Das Schräge daran ist: Wenn er mich wütend gemacht hat, ist er ganz ruhig. Er wirkt wirklich total entspannt und ich renn dann rum wie eine Dampfmaschine. Das meine ich mit: Es ist nicht meine Wut.
    Das erste, was ich bei "Wenn er mich wütend gemacht hat, ist er ganz ruhig." dachte, war: Er hat sein Ziel erreicht. Allerdings gibt´s auch Menschen, die generell so reagieren: Je mehr der Bär um sie herum tobt, desto ruhiger werden sie. Eine paradoxe Reaktion, für die ich bislang keine gute Erklärung gehört habe.

    Das mit dem plötzlichen Umkippen der Stimmung halte ich für den interessanten Punkt. Wahrscheinlich schießt dann in ihm irgendwas hoch, was nur bedingt mit Dir zu tun hat (ich gehe davon aus, dass das nicht von Dir ausgeht, da Du selbst davon überrascht wirst), was Du jedoch möglicherweise auslöst. Auf diesen aufschießenden Gedanken folgt dann eine unangenehme Gefühlslage bei ihm, aus der er sich befreit, indem er diese schlechten Gefühle nach außen gegen Dich kehrt und Du kriegst dann diesen plötzlichen Umschwung mit.

    Also, wenn dies so ähnlich wie eine "Aura" bei Migräne ist, dann würde ich schon zu diesem Zeitpunkt auf Distanz gehen und vielleicht auch was sagen, dass sich bei ihm was zusammenbraut und Du Dich aus der Schusslinie bringst - falls es möglich ist, auf diese eher leichte Weise sowas anzumerken.

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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Liebelein
    Zitat Zitat von Dieclou Beitrag anzeigen
    dass er sich selbst nicht als wütend sehen will.
    Für mich liegt hier der Hase im Pfeffer.

    Wut ist böse böse böse. Macht man nicht. Bäh Bäh.

    Ich wiederum wie soll ich sagen - habe mich mit meiner Wut angefreundet. Sie hat mir oft den Weg gezeigt. Und ihn gangbar gemacht. Sie gehört zu mir.

    Beiseite Treten, raus ziehen, ok. Kostet aber immer sehr viel Kraft.

    flying is the art of falling to the ground without touching

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    AW: Projektive Identifikation - wie besser abgrenzen?

    Ich halte es übrigens immer noch nicht für ausgeschlossen, dass es keine so komplizierte projizierte Wut ist, sondern dass Du Dich

    erstens ärgerst, dass der Kollege so plötzlich unfreundlich wird
    zweitens ärgerst, dass er unfaire Dinge veranstaltet wie Infos nicht weiterleiten
    drittens ärgerst, weil er ganz seelenruhig ist, während Du Dich mit dem Schaden beschäftigen kannst

    Sprich: Du fühlst nicht seine Wut, sondern Deine und zwar aus drei guten Gründen.


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