Vorne weg:
Ich weiß, dass Erwartungen einen eher unglücklich, als glücklich machen.
Ich weiß, dass man niemandem sein Verhalten vorschreiben kann.
Ich weiß, dass jeder nur so viel geben sollte, wie er gerade zu geben bereit ist.
Mein Problem:
Ich bin momentan in einer sehr schwierigen Phase und habe ernsthafte Sorgen. Was mir jetzt besonders zu schaffen macht, sind die Reaktionen meiner Freundinnen und Verwandten darauf.
Oder besser gesagt: Ich knabbere ganz schön daran, dass fast keine Reaktionen kommen.
Wenn ich jemandem erzähle, was zurzeit bei mir los ist, kommt in 90 % der Fälle nur ein "Hm" oder Ähnliches. Auch in den folgenden Tagen und Wochen kommen kaum oder keine Nachfragen.
Das ist meine Wahrnehmung.
Ich will nicht mal ausschließen, dass die verzehrt ist.
In der Folge achte ich nun genau darauf, wer wie auf mich reagiert. Und muss zu meiner Überraschung feststellen, dass tatsächlich kaum jemand nachfragt, wie es mir geht.
Das mag daran liegen, dass mancher mit solchen ernsthaft schwierigen Situationen überfordert ist.
Oder es liegt daran, dass ich ganz gefasst berichte und bisher ja auch immer alles hingekriegt habe.
Oder die anderen reagieren nicht mehr auf mich, da ich oft hier oder da ein Problem sehe. (Aber diesmal ist es eine andere Hausnummer …)
In jedem Fall ist es so und es scheint eine normale Reaktion zu sein, da sich ja fast alle meine Freundinnen und Verwandten so verhalten.
Als ich das irgendwann in der letzten Woche akzeptiert hatte, dass ich ihnen allen relativ gleichgültig bin, war das wie ein Befreiungsschlag für mich. Erst einmal ging es mir richtig gut! Denn dann bin auch ich FREI.
Für die Form von Anteilnahme, die ich bräuchte, sind normalerweise Partner und Kinder zuständig (die ich nicht habe; aber meine Freundinnen und Verwandte haben diese und sind dort eingebunden).
Gestern riefen überraschenderweise mehrere Freundinnen an, auch solche, von denen ich schon sehr lange nichts gehört hatte, und ich merkte, wie mich die Nicht-Reaktionen wieder irritierten. Oder die Erwartungen, wie ich zu sein habe, mich runter zogen. Freudig wollte mich die eine, sachlich, auf sie konzentriert und ohne eigene Probleme wollte mich die andere. Da konnte ich anschließend doch tatsächlich ein bisschen wütend werden!
Aber insgesamt hat mir das wieder gezeigt, dass ich doch noch nicht darüber hinweg bin.![]()
Das ist meine Situation zurzeit. Auch wenn ich keine Details genannt habe: Ist verständlich, was ich meine? Hat jemand schon ähnliche Erfahrungen gemacht?
Und eine etwas konkretere Frage: Wie akzeptiert ihr es, bzw. welche Einstellung habt ihr dazu, wenn ein Mensch, der euch an sich nahe steht, seine Hilfe anbietet und ihr denkt: "Das ist aber ein bisschen wenig"?
Beispiel:
Jemand schickt mir einen Link zu einer Buchempfehlung oder ein anderer sagt: "Du kannst gern auf einen Kaffee vorbei kommen." Nett gemeint, keine Frage. Da hat jemand an mich gedacht und kommt auf mich zu. Aber eben nur so weit, wie es die Höflichkeit gebietet. Ich knabbere jetzt halt an meiner eigenen, aber verschwiegenen Reaktion, die da lautet: "Vielen Dank, nett gemeint, aber mir ist das zu wenig."
Sehr selten, aber hier und da versuche ich auch zu äußern, was ich mir wünschen würde (dass mich mal jemand zu einem Spaziergang im Grünen abholt z.B. Es hatte bisher keinen Erfolg.) Das ist allerdings sehr schwer, wenn jemand vorher nur "Hm" gesagt hat und nicht mal "Ach Mensch, was machst du denn jetzt?" O.ä.
Antworten
Ergebnis 1 bis 10 von 129
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11.06.2012, 13:12Inaktiver User
Erwartungen in einer Freundschaft
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11.06.2012, 14:40Inaktiver User
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
ich denke, ich habe so einen Hauch einer Ahnung, was Du meinst. Man wünscht sich Beistand und ein gewisses "Zupacken", bekommt aber nur Empfehlungen, was man in der jeweiligen Situation lesen könnte oder dass man sich einen Therapeuten suchen soll. Schön wäre zum Beispiel, wenn eine Freundin auf eine Äußerung, dass man sich gerade ziemlich schlecht fühlt, sich spontan dazu entschließen würde, am Abend zu Besuchzu kommen und sich mal in Ruhe anhören würde, was gerade so Sch... läuft. Statt dessen wird einem signalisiert, dass man seine Sorgen und Nöte alleine durchstehen möge ohne Andere groß zu "belästigen". Kenn ich und find ich auch etwas ernüchternd
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11.06.2012, 14:47Inaktiver User
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
an der stelle deiner freundinnen, bekannten, verwandten stelle ich die frage: wie kann ich dir helfen? was brauchst du?
für dich würde das heissen, dass du für dich klar wirst was und zwar genau was du von wem erwartest und das auch kommunizierst. gedankenlesen, grenzen übertrampeln- kann und will niemand.
wenn dir zuwenig ist was von den andern kommt- dann hilfe ihnen und sage was du willst, was du jetzt brauchst- von ausheulen bis taschentuch, von zuhören bis garnichts sagen.
von einer freundin erwarte ich- dass sie mir auch sagt, was jetzt ihre bedürfnisse sind. und dass sie von mir keinen fernlehrgang in gedankenlesen verlangt.
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11.06.2012, 14:49
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
Müssen Freunde Gedanken lesen können?
Wie wäre es anstatt zu sagen:
Ach wäre ja nett wenn ich jemanden zum spazieren gehen hätte....
Da würde ich denken, ja das würde ich Dir gönnen.
Aber wenn ich gefragt werden würde:
Hey hast Du ab und zu mit mir mal ins Grüne zu gehen würde ich die Aufforderung auch verstehen.
Ich würde antworten:
Sorry, dass ist nicht meins da hättest Du keinen Spaß...
Aber dann würde sich in Deinem Kopf abspielen, meine Güte eine gute Freundin könnte sich doch ruhig mal aufraffen mir zu Liebe...
Dazu kann ich nur sagen, als gute Freundin würde ich jedoch denken, blöd, aber sie war ehrlich, zumindest keine Mitleidsnummer.... Aber dann könnte man fragen, wozu hättest Du denn mal Lust....Das Leben macht was es will und ich auch!
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11.06.2012, 15:05
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
Ich kann sehr gut verstehen, dass man sich mal ausheulen will, dass man gern Aufmerksamkeit will und Einfühlungsvermögen erhofft. Dazu gehört eigentlich für mich auch, dass da von seiten der anderen wirklich nachgefragt wird, sonst bin ich ebenfalls eher nicht bereit weiter darüber zu reden, denn ich will mich nicht "aufdrängen".
Allerdings muss ich leider feststellen, dass das sogar den (also zumindest meinen ) Partner schlicht überfordert. Ohne eine klare Ansage stehe ich dann auch meistens etwas allein da. Manchmal ist aber gerade das das Problem, herauszufinden was ich will, was mir guttut.
Ich habe die Befürchtung, dass deine Freundinnen einfach überfordert sind .Ist denn deine Situation eine, zu der man als Außenstehender etwas Sinnvolles sagen oder tun kann? Ich z.B. bin bei Todesfällen oft sehr überfordert, zumal ich weiß, dass jeder da anders behandelt werden möchte, die einen wollen in Ruhe gelassen werden, die anderen wollen mit jedem darüber sprechen ...
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11.06.2012, 15:11Inaktiver User
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
hmm ... schwierig.
Meine Erfahrung ist, dass auch gute Freunde ziemlich hilflos (vielleicht auch überfordert) sind, wenn sie von einem ernsthaften Problem erfahren. Was soll man tun ... Mitleid ... Hilfe anbieten ... es überspielen ... immer wieder thematisieren?
Bei mir war es z.B. so das ich gemerkt habe, das selbst mein engstes Umfeld Probleme hatte mit mir umzugehen, als ein nahes Familienmitglied von mir verstorben ist. Ich konnte es nachvollziehen, ich hätte es vermutlich selbst nicht gewusst. Was soll man auch sagen.
Etwa ein Jahr später verstarb die Mutter einer guten Freundin. Das tat mir natürliach auch sehr leid. Früher hätte ich vermutlich nicht gewußt was ich sagen soll und sie hätte meine Reaktion vielleicht als unsensibel empfunden. So wußte ich wie es ihr geht und habe sie einfach wortlos in den Arm genommen. Ich glaube diese wortlose Geste hat ihr mehr geholfen als alles andere.
Manchmal muß man etwas selbst erlebt haben, um passend zu reagieren.
Verstehst du was ich meine?
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11.06.2012, 15:15
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
Tja Brausepaul, aber vielleicht hätte Deine Freundin nicht nur die wortlose Geste aber für Dich liebevolle Geste gehabt sondern noch ein Wort dazu.... Wer weiss das schon....
Aber was in Freundschaft und Zuneigung geschieht ist immer gut!!!!
Aber Gut gemeint kann auch Mist sein.... Aber dazu muss man sich äussern....Das Leben macht was es will und ich auch!
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11.06.2012, 15:25Inaktiver User
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
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11.06.2012, 15:52Inaktiver User
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
Hallo Letstalk (sehr schöner Avatar!), vielen Dank für deine Antwort, durch die mir noch einmal klar wurde, wie weit wir Freundinnen von solchen Reaktionen entfernt sind. Vor 10 oder 15 Jahren wäre so ein spontaner abendlicher Besuch vielleicht noch denkbar gewesen, aber heute lebt jeder sein Leben, hat seine eigenen Sorgen.
Mir fällt auf, wie resigniert wir sind (wäre es korrekter nur von ich zu sprechen?). Wir wissen, die Freundschaften sind beständig, wir kennen uns gut, stehen zueinander. Lange Gespräche finden im Café, am Telefon oder bei einem Spaziergang statt. Aber sehr emotional ist das Verhältnis nicht mehr.
Das, was nötig ist, habe ich schon selbst angeleiert.
Natürlich kommen gelegentlich auch Vorschläge ("Hast du das schon mal probiert?"), wo ich mir eher wünsche, dass jemand Gefühl zeigt. Ein einfaches "Ach, Mensch, da kommt aber auch alles auf einmal!" und "Wie dumm, dass das so lange gedauert hat" reicht mir völlig!
Gestern hat eine (entferntere) Freundin so reagiert. Und was mache ich? Anstatt es zu genießen, habe ich versucht ihr, bei ihrem Problem zu helfen. Macht nichts! Immerhin habe ihre wohltuende Reaktion in Erinnerung behalten!
Schreck, vielleicht wäre mir ein spontaner Besuch am Abend mit viel Gefühl sogar zu viel.
Hallo birghid!
Auch das erwarte ich gar nicht. Vermutlich wäre ich ziemlich baff, wenn es jemand sagen würde und bräuchte einen Moment, um antworten und die nette Frage überhaupt annehmen zu können.wie kann ich dir helfen? was brauchst du?
Au Backe.
Als gestern das Angebot kam "Du kannst zum Kaffee kommen", fiel mir auf, wie schön ich es gefunden hätte, wenn mal jemand sagen würde: "Was würde dir jetzt gut tun?"
Okay, man kann niemandem sein Verhalten vorschreiben!
Also muss ich mir die Frage selber stellen.
Okay …von einer freundin erwarte ich- dass sie mir auch sagt, was jetzt ihre bedürfnisse sind. und dass sie von mir keinen fernlehrgang in gedankenlesen verlangt.
Stimmt.
Ist tatsächlich schwierig, wenn vorher keine Reaktion außer "Hm" kam. Aber einen Versuch ist es wert!
Hallo Veranoazul!
Konkret war die Situation so, dass eine Freundin mit mir zu einem Stadtteilfest mit vielen Bands gehen wollte. Darauf antwortete ich, dass das für mich gerade nicht das Richtige sei, ich mir momentan aber wünschen würde, dass mich mal jemand abholt und mit mir für einen Spaziergang ins Grüne fährt.
Antwort: "Bei dem Stadtteilfest gibt es ja wenig Grün." Damit war das Thema für sie erledigt.
Und ich habe keinen Anlauf genommen und noch einmal nachgehakt: "Ja, aber würdest du denn morgen, übermorgen, nächste Woche …?" Ne, manchmal kann man das nicht, wenn man den Kopf oben behalten will. Oder?
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11.06.2012, 15:56Inaktiver User
AW: Erwartungen in einer Freundschaft
hmmmm- wirst du von mir auch hören, wenn ich nicht weiss was ich sagen soll, wenn ich unsicher bin, wenn ich niemanden verletzen möchte- und die unausgesprochene erwartungshaltung meines gegenübers verspüre zu reagieren.
und dann gibt es situationen wo man/frau durch die information schlichtweg überfordert ist. dann mit hmmm zu reagieren - ist kein böser will oder ablehnung- sondern auch ein stückweit überforderung.



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