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    Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Liebe Britcom,

    ich möchte hier gern mal mein Herz offen legen.

    Ich habe seit ein paar Tagen ein starkes melancholisches Gefühl, mit dem ich aus ein wenig Distanz auf mein Leben schaue. Und ich frage mich, ob ich mein Leben „richtig“ lebe. Vielleicht dazu eine kurze Beschreibung zu mir: Ich bin Ende 20 und lebe mit meinen Freund zusammen. Ich würde mich selbst als ziemlich sensibel und sanftmütig beschreiben. Und da liegt irgendwie der Knackpunkt. Wenn ich mich in meinem sozialen Umfeld umschaue, habe ich das Gefühl, dass diejenigen von meinen Kolleginnen, Freundinnen und weiblichen Bekannten glücklicher sind, die etwas härter im Nehmen sind, also eine härtere Schale haben. Ich habe oft das Gefühl, dass mir bestimmte Sachen, die ihnen so einfach von der Hand gehen, im Vergleich zu ihnen viel mehr Energie kosten. Z.B. im Beruf: Ich arbeite als Lehrerin und nehme Stimmungen in der Klasse sehr intensiv war und manchmal auch zu persönlich. Oder ich treffe im Fahrstuhl einen Kollegen, den ich nicht mag (was ich dann auch richtig körperlich fühle – meine Schultern verspannen sich und mein Atem stockt) und zwinge mich trotzdem zu ein bisschen freundlichen Smalltalk. Danach bin ich dann erst mal völlig geschafft und ich frag mich, ob‘s das jetzt wert war und wozu. Wenn ich mich mit meinen Kolleginnen darüber unterhalte, scheint es mir, als hätten sie damit nicht so stark zu kämpfen wie ich. Grundsätzlich kämpfe ich oft und immer wieder mit dem Gefühl: Die anderen sind okay, nur ich bin eben das Sensibelchen! Ich glaube, das hat auch etwas damit zu tun, das ich mich in meiner eigenen Vorstellung anders entworfen habe, als ich jetzt eben „geworden bin“. Ich hab mich vor zehn Jahre als eine souveräne, durchsetzungsstarke und sehr selbstbewusste Frau vorgestellt und ich merke, dass ich das nur in Ansätzen bin.

    Und dann gibt es da wohl auch noch einen anderen Grund für meine Melancholie: das Thema Freundschaft! Ich habe an dem Ort, an dem ich jetzt lebe, ein paar sehr gute Kontakte. Meine besten Freunde leben allerdings in meiner Heimat. Ich bin beim Freundschaften finden eher langsam und wählerisch, guck mir die Person genau an und wenn ich mich für sie entschieden habe, dann bleib ich auch dabei und pflege die Freundschaft. Allerdings habe ich oft das Gefühl, dass auf Grund meiner sensiblen Seite meine Kapazität für Menschen begrenzt ist. Ich kann z.B. durch die Familiengeschichte einer Freundin so gerührt sein, dass ich mit heule, oder mich hat ein Gespräch sehr erfüllt, so dass ich noch Tage danach davon zehre. Viele Sätze sind mir dann nach Jahren noch in Erinnerung und Freundinnen habe ich schon oft damit verblüfft, was ich denn da alles noch weiß und sie mal gesagt hätten. Nach einem Treffen brauche ich dann aber immer eine Zeit für mich alleine, um mich wieder aufzuladen und zu mir zu finden. In den letzten Jahren hab ich mir oft vorgeworfen, in meinen Gesprächspartner viel zu tief reinzukriechen. Und ob das denn sein müsste, hab ich mich oft gefragt. Wenn ich mich mit anderen in meinem Umfeld vergleiche, habe ich aber oft den Eindruck, dass in das Leben anderer viel mehr reinpasst – an Aktivität, Freundschaften, auch Arbeit. Und ich frage mich, ob es nicht erstrebenswert für mich wäre, mich in diese Richtung zu verändern. Ich empfinde an Tagen wie heute meine sensible, unsichere und selbstzweifelnde Seite als Hindernis und finde mich dann schnell in Überlegungen dazu wieder, ob es mir besser gehen würde, wenn ich versuchen würde, wie der oder diejenige Bekannte/Freundin zu leben.

    Wahrscheinlich haben auch meine Familie und mein Aufwachsen zu meinem inneren Konflikt beigetragen. Mein Vater hat als Pfarrer gearbeitet und von Kindesbeinen an hab ich immer gesehen, dass anderen Menschen uneingeschränkt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Denn jeder Mensch ist ja etwas Besonderes. Das habe ich in den Jahren nach meinem Auszug von zu Hause auch versucht zu leben, weil es für mich so selbstverständlich war, bis ich gemerkt habe, dass ich mich mit dieser Art furchtbar überanstrenge. Ich wollte ein offener Mensch sein – das war das Muster von Zuhause – und irgendwann kam dann die Krise. Ich habe gemerkt, dass ich mich Menschen gegenüber überhaupt nicht zur Wehr setzen kann und hatte immer n’bissl Angst, verletzt oder gemobbt zu werden. So ein Gefühl, wie ausgeliefert zu sein und die Situation nicht selbst bestimmen zu können. Langsam lerne ich das, bin aber dafür nach außen hin verschlossener.


    Bin für Tipps und Anregungen zu meiner Situation sehr, sehr dankbar!

    Shufu

  2. Inaktiver User

    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    ... und finde mich dann schnell in Überlegungen dazu wieder, ob es mir besser gehen würde, wenn ich versuchen würde, wie der oder diejenige Bekannte/Freundin zu leben.
    Shufu, meine Liebe, alles aber bloß das nicht!

    Jeder hat seine persönlichen Grenzen und Möglichkeiten und wenn Du versuchst, wie jmd anders zu leben, dann missachtest Du diese...

    Deine Sensibilität ist für Dich manchmal eine Last. Anderseits ist das aber auch eine besondere Begabung, sich in andere Einfühlen zu können. Versuch das zu würdigen.

    Wenn Du lernen magst mit den Gefühlen in diesen Alltagssituationen besser klar zu kommen, würde ich auf Verhaltenstherapie setzen. Das könnte Dir bei der inneren und äußeren Abgrenzung und der Stressbewältigung helfen.

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    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Startseite

    Vielleicht hilft dir diese Homepage weiter? Es gibt viele Hochsensible. Ich gehöre auch dazu.

    LG Karla
    The original Karla
    est. 2006


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    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Liebe shufu,

    ich muss meiner Vorschreiberin Recht geben.
    Es ist so schön, dass du Empathie besitzt und auch, wenn sich Freundinnen wundern, was du alles behalten hast, werden sie sicher oft denken, dass das etwas ist, was dich ausmacht.
    Toll. Ich mag solche Menschen.

    Das allein bringt dir natürlich nichts, weil dein eigenes melancholisches Gefühl bleibt.
    Aber mal ehrlich, du bist Lehrerin geworden. Ein mutiger Schritt und sicher einer, den du dir auch gut überlegt hast. Weil du dir das zugetraut hast und das Bedürfnis hast, etwas weiterzugeben.

    Die Tatsache, dass du länger brauchst, richtige Freundschaften zu schließen, ist auch eher positiv, weil du keine oberflächliche Tussi bist.
    Und die Vorstellung, dass du dich so in jemanden hineinfühlen kannst, finde ich - wie oben schon beschrieben - ganz bemerkenswert. Auch deine Bereitschaft, mit einem Kollegen zu smalltalken. Häufig ergibt sich ja auch, dass ein "Blöder" in so einem Gespräch die Gelegenheit bekommt, noch eine weitere Seite von sich zu zeigen...

    Was dir sicher gut tun wird ist, zu betrachten, ab wo deine Sensibilität dir etwas entgleitet und weh tut.
    Gerade, wenn es darum geht, dass dein Eigenbild Schaden nimmt, dann sind ein paar "Kraftübunden" bestimmt sinnvoll.
    Diesen Strang der besonders Sensiblen kenne ich nicht, wird aber sicher helfen können.

    Was mir beim Lesen nur auffällt ist, dass du einen wirklich netten Menschen beschreibst.
    Nichts erscheint mir komisch oder seltsam.
    Nur deine eigene Reaktion auf dich selbst passt nicht so.

    Mein 75 jähriger Papa ist (diagnostiziert) hochsensibel und wir üben wirlklich innerhalb der Familie anhand von Reflektion beispielsweise einer Familienfeier, dass bestimmte Reaktionen eben nicht "auf ihn bezogen waren" oder "böse gemeint waren". Dazu hilft es ihm, dass er die Meinung anderer anhört.
    Zugegeben, nicht immer leicht, weil es auch nerven kann (sorry...), wenn jemand so abwegige Sachen auf sich bezieht. Z.b., weil jemand sich umgedreht hat. Dann heißt es "oh, er hat mir aaaaabsichtlich den Rücken zugedreht".

    Tja, man merkt, dass wir wahrscheinlich nie im Leben aufhören, zu lernen.

    Aber wenn du mal hier im Forum alles aufsaugst, was erstmal Selbstbild-aufpeppend ist und du lernst, deine ja vorhandenen guten Seiten zu erkennen, dann wird es sicher wie selbstverständlich passieren, dass du dich straffer und aufrechter fühlst.

    Ich finde es gut, dass du dich überprüfst, aber lass dir doch Zeit mit allem.
    Allerdings bin ich mir sicher, dass es nie viel gebracht hat, sich so komplett verändern zu wollen. Datt wird nix....zum Glück

    Ach ja, und außerdem ist Empathie nicht erlernbar. Die hast du und die hat dir dein Elternhaus mitgegeben. Da kannst du dich drüber freuen...

    Lieben Gruß!

  5. gesperrt

    User Info Menu

    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Hallo shufu

    eine grosse Sensibilität ist etwas sehr Schönes. Sie macht das Leben viel reicher, weil du im Vergleich zu andern auch viel mehr Details wahrnimmst. Das Leben anderer Leute ist vermutlich nicht voller, sie machen bloss mehr Dinge, die sie aber nicht in dieser Feinheit und Genauigkeit wahrnehmen können. Du hast quasi ein emotionales Mikroskop und siehst auf winzigen Flächen ganze Landschaften, wo andere bloss einen verschwommenen Fleck sehen können. Das ist super.

    Ein ABER hab ich allerdings auch noch, und zwar: die Fähigkeit, Stimmungen anderer Menschen wahrzunehmen, muss nicht dazu führen, dass du selbst diese Stimmung annimmst. Du kannst natürlich - es ist schön, sich von einer fröhlichen Person in Fröhlichkeit anstecken zu lassen, zum Beispiel - aber in der Regel schleppen die meisten Leute ja reichlich Probleme mit sich herum, und sich von denen anstecken zu lassen, ist weniger schön. Aber es sind ihre Probleme, nicht deine Probleme. Du hast nicht die geringste Verpflichtung, alles, was du wahrnimmst, zu deinem eigenen Problem zu machen.

    Gerade als Lehrerin ist es toll, wenn du deine SchülerInnen so genau wahrnehmen kannst - aber versuche nicht, ihre Probleme zu lösen. Gib ihnen ein, zwei Sätze mit Hinweisen mit auf den Weg, erleichtere ihnen das Leben in der Schule, wenn du feststellst, dass jemand grad ziemlich Probleme hat, aber versuche nicht, die Probleme zu lösen. Es sind nicht deine.

    Oder ich treffe im Fahrstuhl einen Kollegen, den ich nicht mag (was ich dann auch richtig körperlich fühle – meine Schultern verspannen sich und mein Atem stockt) und zwinge mich trotzdem zu ein bisschen freundlichen Smalltalk.
    Wenn du die Muskeln als Panzer benutzt, wird es natürlich anstrengend. Es gibt andere Möglichkeiten: du kannst dir zB vorstellen, dass du in einer Blase oder Hülle aus weissem Licht drin bist, worin dich nichts erreichen kann, was nicht dir gehört. Dem ungeliebten Kollegen kannst du guten Tag sagen, aber mehr braucht's auch gar nicht. und dein Körper kann üben, auch in dessen Anwesenheit entspannt zu sein und zu atmen.

    grüsse, barbara

  6. Inaktiver User

    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Oh, das ist ein sehr weites Feld! Eine Lebensaufgabe sozusagen
    Aber wenigstens eine lohnende.
    Nein, nicht die Sensibilität los zu werden, sondern sie sich zu erhalten und sich gleichzeitig vor zu vielen oder tiefen Verletzungen zu schützen.

    Meine Vorgängerinnen haben schon sehr einfühlsame und sehr viele gute Sache geschrieben!

    Ich füge hinzu:
    1. Sich zu vergleichen, ist der sicherste Weg um unglücklich zu werden!
    2. Es ist nicht verkehrt, wahrzunehmen, dass man manchmal auch gern etwas "robuster" oder "praktischer" wäre.
    Aber ein wirklich anderer Mensch kann man nicht werden.
    3. Als Lehrerin bist du meiner Meinung nach besonders gefährdet, aufgrund einer sehr großen Sensibilität zu leiden. Denn du wirst jeden Tag beim Verlassen der Schule mehrere Gelegenheiten erinnern können, wo du auf jemanden hättest besser, sensibler oder klüger reagieren können. In der Schule werden in kürzester Zeit viele, viele Anliegen an dich herangetragen. Allein das und der Kontakt zu so vielen Menschen ist schon Stress.
    Zögere nicht, deine Stundenzahl zu reduzieren, wenn es dir gut täte.
    Sehr gut fand ich es, dass hier schon jemand schreib: Die Schüler profitieren von deinem Einfühlungsvermögen! Dass solltest du dir immer wieder vor Augen halten!
    In welcher Schulstufe unterrichtest du?
    4. Und welche Fächer? Wenn da auch etwas dabei ist, bei dem der kreative Anteil groß ist: wunderbar! Hier ist deine Sensibilität und deine differenzierte, offene Wahrnehmung gefragt.
    Und du selbst hast auch außerhalb der Schule ein Ventil für deine Gefühle! Raus damit!

    Zitat Zitat von shufu Beitrag anzeigen
    Die anderen sind okay, nur ich bin eben das Sensibelchen!
    Wer hat dir das gesagt?

    Zitat Zitat von shufu Beitrag anzeigen
    Ich glaube, das hat auch etwas damit zu tun, das ich mich in meiner eigenen Vorstellung anders entworfen habe, als ich jetzt eben „geworden bin“. Ich hab mich vor zehn Jahre als eine souveräne, durchsetzungsstarke und sehr selbstbewusste Frau vorgestellt und ich merke, dass ich das nur in Ansätzen bin.
    Ganz normal! Du bist jung und auf dem Weg. Es ist alles ganz richtig so!

    Ich bin beim Freundschaften finden eher langsam und wählerisch, guck mir die Person genau an und wenn ich mich für sie entschieden habe, dann bleib ich auch dabei und pflege die Freundschaft.
    Genau, die sind dann vielleicht beständiger.

    Hast du Zeit und Kraft für Sport und Hobby, wo du mit anderen Menschen erst einmal unverbindlich in Kontakt kommst?

    In den letzten Jahren hab ich mir oft vorgeworfen, in meinen Gesprächspartner viel zu tief reinzukriechen.
    Haben dir das die anderen auch gesagt?

    Wichtig ist, die Grenzen zu wahren, deine und die des anderen:
    Gefühlsansteckung (und auch „Mitgefühl“) ist immer eine Überschreitung der persönlichen Grenzen, was das Wort „Ansteckung“ ja auch aussagt. Sie kann als positiv oder negativ empfunden, als Hilfe oder Therapie eingesetzt werden oder eher belastend wirken. Gefühlsansteckung geschieht oft unwillentlich; sie kann nur kognitiv beendet werden.
    Im Gegensatz dazu bedingt Empathie ganz ausdrücklich den Ausschluss jeglicher Überschreitung oder Vermischung beiderseitiger persönlicher Grenzen. Es ist ausschließlich die Fähigkeit, eine Person (unter strikter Respektierung der Individualität) von außen ganzheitlich wahrzunehmen.


    Mein Vater hat als Pfarrer gearbeitet und von Kindesbeinen an hab ich immer gesehen, dass anderen Menschen uneingeschränkt Aufmerksamkeit geschenkt wird.
    Ich könnte mir vorstellen, dass du in gewisser Hinsicht sehr behütet aufgewachsen bist. Das ist ja nicht schlecht! Du hast Werte und Fähigkeiten erlernt.
    Andererseits musstest du vielleicht oft zurückstecken und bist es nicht so gewohnt, den Finger zu heben und zu sagen: "Jetzt bin ich mal dran!"
    Da gibt es in einigen Punkten jetzt eben noch Nachholbedarf. Die haben andere Menschen in deinem Altern auch, aber vielleicht auf anderen Gebieten.

    Denn jeder Mensch ist ja etwas Besonderes.
    Genau! Du auch!
    Wunderbar, wenn du das erfahren durftest!

    So ein Gefühl, wie ausgeliefert zu sein und die Situation nicht selbst bestimmen zu können.
    Übrigens: Man muss nicht auf einen Nervenzusammenbruch warten, bis man sich fachmännische Hilfe holt. Diese Möglichkeit gibt es ja auch noch.

  7. gesperrt

    User Info Menu

    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Zitat Zitat von shufu Beitrag anzeigen
    Ich arbeite als Lehrerin und nehme Stimmungen in der Klasse sehr intensiv war und manchmal auch zu persönlich. Oder ich treffe im Fahrstuhl einen Kollegen, den ich nicht mag (was ich dann auch richtig körperlich fühle – meine Schultern verspannen sich und mein Atem stockt) und zwinge mich trotzdem zu ein bisschen freundlichen Smalltalk. Danach bin ich dann erst mal völlig geschafft und ich frag mich, ob‘s das jetzt wert war und wozu.
    Liebe Shufu,

    als Lehrerin bist du mit einem sensiblen Umgang sicherlich am besten Platz. Denn Schüler spüren, wenn jemand sie und ihre Probleme ernst nimmt. Das solltest du dir bewahren, auch deine Fähigkeit, ihnen gezielte Tipps zu geben. Schließe dich mit den Kollegen zusammen, denen du vertraust, damit die Schüler in Problemen rasche Hilfe erhalten, z.B. mit einer Sozialpädagogin oder einem Ansprechpartner vom Jugendamt. Vielleicht kannst oder willst du dich in dieser Richtung entwickeln.

    Bei Kollegen hilft Abstand.
    Du musst dich nicht mit ihnen unterhalten. Das ist keine Voraussetzung. Einige sind nämlich neidisch auf dich, weil du mit Berufung an der Schule bist und nicht des schnöden Mammons wegen.
    Du grüßt freundlich und lächelst. Mehr brauchst du nicht zu tun. Kein Smalltalk, keine Wetterdiskussion, nichts an Getratsche. Wenn die Kollegen dich ansprechen, dann antworte. Wenn sie lieber schweigen, dann träume dich die paar Sekunden irgendwohin, wo es dir gut geht.

    Dich nach einem anstrengenden Tag abzureagieren, hilft dir, das innere Gleichgewicht zu erreichen. Spaziergänge sind ebenso gut wie eine Runde Schwimmen oder Laufen. Oder du kaufst dir einen Boxsack und lässt deine Empfindungen dort.

  8. Inaktiver User

    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Zitat Zitat von chryseis Beitrag anzeigen
    Dich nach einem anstrengenden Tag abzureagieren, hilft dir, das innere Gleichgewicht zu erreichen. Spaziergänge sind ebenso gut wie eine Runde Schwimmen oder Laufen. Oder du kaufst dir einen Boxsack und lässt deine Empfindungen dort.
    Ich schließe mich Chryseis' Posting an. Und möchte den letzten Absatz dick unterstreichen. Du brauchst einen Ausgleich - und ein Ventil. Boxen ist dafür echt ganz hervorragend. (Und ist nicht nur etwas für aggressive Menschen, ganz im Gegenteil.)

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    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Liebe Britcom,

    vielen lieben Dank für Eure Antworten! Es tut so gut Meinungen von außen zu meiner Situation zu hören. Ich fühle mich jetzt ein Stück weit gestärkter! Vielen Dank!

    Vielen Dank auch für den Link, Karla! Ich hab mich auf der Seite ein bisschen umgesehen und einiges trifft tatsächlich ziemlich genau auf mich zu. Aufgefallen ist mir vor allem der Hang zum Reflektieren, der bei mir auch ganz stark ist. Auch ich empfinde im Gespräch mit Bekannten und Freunden oft Dinge nicht ausreichend durchdacht und denke dann immer so für mich: "So einfach könnte ich das nie sagen. Dafür gibt es bestimmt Gründe, über die man erstmal nachdenken muss." Ich leide dann manchmal darunter, dass ich so nur langsam zu einer Meinung komme. Aber ich glaube, ich projiziere dann in meinen Gesprächspartner einen Menschen, der das einfordert: Eine klare Meinung. Dabei bin ich es selbst, die das fordert. Ich habe Angst, ohne eine klare Meinung unattraktiv für andere zu sein.
    Auch ist es für mich sehr wichtig über meine Gefühle sprechen zu können. Zum Glück ist mein Freund auch ein tatkräftiger Denken und wir können uns über Vieles austauschen. Gleichzeitig ist er aber viel stabiler und nicht ganz so empfindsam wie ich. Damit bringt er immer noch eine andere Perspektive mit ins Spiel.

    Danke auch Chryseis und Original-Sin für die Tipps. Ich treibe relativ viel Sport, geh joggen, schwimmen und mache Yoga. Auf Boxen bin ich bisher noch nicht gekommen, aber ich behalts mal im Hinterkopf

    Zitat von shufu
    Die anderen sind okay, nur ich bin eben das Sensibelchen!
    Wer hat dir das gesagt?
    Gute Frage, Fenimi! Ich weiß nicht! Am ehesten ich mir selbst. Zwar haben mich in der Kindheit schon immer mal Kommentare meines Vaters begleitet, wie z.B. "Sei nicht so empfindlich." u.Ä., aber das das jetzt nachwirkt ...? Vielleicht ist es mein innerer Kritiker, so sagt man, glaub ich.

    Im Alltag lebe ich oft zwischen dem Spannungsfeld anderen Menschen Aufmerksamkeit schenken zu wollen und meine Kapazität dafür ständig ausloten zu müssen. Dabei gerate ich schnell mal aus dem Gleichgewicht. Meine Stimme ist dafür ein eindeutiger Indikator. Ich hatte jahrelang Probleme mit der Atmung. In Gesprächen mit anderen - bin noch nicht auf den Grund gestoßen, warum - stockte mir oft der Atem oder ich habe hyperventiliert. Das war in einer Zeit, in der mich Vieles unter Druck gesetzt hat: mein Freund, die Uni, eine neue Umgebung. Jetzt geht es mir damit besser, aber ich merke, dass meine Stimme immer dann schlecht ist, wenn ich auch eigentlich nicht sprechen will. Ich habe daher meine Stimmer oft als meinen Feind betrachtet, weil sie einfach nicht so wollte, wie mein Kopf in dem Moment. Eine Psychologin hat mir einmal vorgeschlagen, meine Stimme mir zum Freund zu machen und sie als Helferlein bei meiner Wahrnehmung, wie es mir in dieser Situation gerade geht, zu betrachten. Das fand ich eine sehr schöne Idee!
    Ich kann den Unterschied manchmal sogar von Mensch zu Mensch merken: Zu Hause in der Gegenwart meines Freundes ist sie ganz klar und natürlich; im Gespräch mit meinen Kollegen wird sie dann tiefer und bei Menschen, die ich nicht mag oder vor denen ich ein wenig Angst habe, fängt sie an zu quietschen.

    Ich merke immer wieder, dass die Momente, in denen ich mich ganz ich selbst fühle, die sind, an denen ich allein bin und ganz unabgelenkt auf meine eigenen Bedürfnisse hören kann. Dabei bewundere ich die Menschen, die die Konzentration für sich selbst auch unter Menschen aufbringen können und möchte gern auch so sein. Bei mir ist es oft so: Wenn ich mit einer Freundin in eine Galerie gehe, dann bin ich meist so auf sie und unsere Unterhaltung konzentriert, dass die äußeren Eindrucke gar nicht so richtig bei mir ankommen. Mir ist es dann am liebsten, wir setzen uns in ein Cafe und quatschen und meine Konzentration ruht ausschließlich darauf. Ich gehe dann oft nochmal alleine zu diesen Orten zurück, um mir alles in Ruhe angucken zu können.

    Ich hatte, wie Fenimi schreibt, auch schon öfter den zweifelnden Gedanken, ob der Lehrer-Beruf und meine Sensibilität wirklich so gut zusammen passen. Ich lebe im Ausland und unterrichte Deutsch als Fremdsprache. Zum Glück unterrichte ich keine Kinder oder Jugendliche, aber trotzdem sind meine Erwachsenenklassen auch recht groß (so 20-24 Lerner). Aber zumindest weiß ich nach drei Jahren in diesem Job endlich, welche Stundenzahl für mich die maximale ist, so dass es mir noch einigermaßen gut geht und meine Hobbys nicht zu kurz kommen. Früher hab ich mich auch stark an meinen Kolleginnen orientiert und dachte, wenn die 30 Stunden die Woche unterrichten können, dann muss ich das doch auch hinkriegen. Aber da ist er wieder, der Vergleich mit anderen, der garantiert unglücklich und ganz erschöpft macht.

    Das mit der Kreativität stimmt, Fenimi. Ich kann in meinem Beruf sehr kreativ sein und das mag ich auch daran sehr. Allerdings merke ich öfter, das mir die Vorbereitung auf den Unterricht, also die konzeptionelle Arbeit, viel mehr Spaß macht, als das Unterrichten selbst. Ich mag es mir Rollenspiele, Puzzle, Würfelspiele, etc. auszudenken, mit denen dann den Schülern der Stoff vermittelt werden kann. Vor dem Unterricht selbst habe ich aber manchmal (nicht immer) den Wunsch, einer Kollegin meine Unterlagen in die Hand zu drücken und mir damit das Unterrichten selbst zu sparen.
    Oder aber es überkommt mich im Unterricht manchmal auch das Gefühl, dass ich als Lehrer außerhalb der Lerner-Gruppe stehe. Ich leite ihr selbstentdeckendes Lernen an, aber ich bin es nicht selbst, die mit entdeckt. Ich wünsche mir dann, Teil der Gruppe zu sein und nicht mehr außerhalb von ihr zu stehen.

    Ich muss gestehen, dass die Idee, als Lehrerin zu arbeiten auch ein bisschen von dem Gedanken kam, mich abzuhärten, also robuster zu werden. Und ich wollte auch im Auftreten vor Menschen sicherer und souveräner wirken. Ich habe gedacht, dieser Beruf ist eine gute Schulung, da ich dann tagtäglich in dieser Situation bin.

    Ich denke, Ihr habt recht und Ihr habt mir Mut gemacht, mich dahin zu arbeiten, dass ich meine Sensibilität für mich als etwas Schönes und Positives entdecke. Es gab schon viele Situationen, in denen sie mir tatsächlich geholfen hat, etwas ganz intensiv zu genießen. Ich bin ein sehr ästhetischer Typ und freue mich vor allem auf Reisen immer sehr an schöner Architektur, einem liebevoll eingerichteten Cafe oder geschmackvollem Design. Das können dann sehr erfüllte Momente für mich sein.

    Im Gegenzug dazu muss ich wohl lernen, mich vor Verletzungen von außen besser zu schützen. Das ist etwas, was ich noch nicht gut beherrsche.

    Viele Grüße,
    eure Shufu

  10. Inaktiver User

    AW: Sensibilität als Lebenshemmnis?

    Zitat von shufu
    Die anderen sind okay, nur ich bin eben das Sensibelchen!
    Wer hat dir das gesagt?
    Gute Frage, Fenimi! Ich weiß nicht! Am ehesten ich mir selbst. Zwar haben mich in der Kindheit schon immer mal Kommentare meines Vaters begleitet, wie z.B. "Sei nicht so empfindlich." u.Ä., aber das das jetzt nachwirkt ...?


    Im Alltag lebe ich oft zwischen dem Spannungsfeld anderen Menschen Aufmerksamkeit schenken zu wollen und meine Kapazität dafür ständig ausloten zu müssen.
    Also ein Ausloten zwischen dem Menschen, der du gern wärest und dem, der du nun mal - oder zur Zeit - bist.

    Meine Stimme ist dafür ein eindeutiger Indikator.
    Sehr interessant! Die kann dir wirklich eine sehr gute Hilfe sein und dir anzeigen, wann du aus dem Lot gerätst. Bleib da am Ball.
    Hast du bei der Psychologin eine Therapie gemacht?

    Ich merke immer wieder, dass die Momente, in denen ich mich ganz ich selbst fühle, die sind, an denen ich allein bin und ganz unabgelenkt auf meine eigenen Bedürfnisse hören kann.
    Kann ich gut verstehen. Geht mir auch so. Aber man möchte ja auch ein Mensch unter Menschen sein und dafür ab und an seinen Bau oder seine Burg verlassen. Oft mit den entsprechenden Folgen.

    Aber du willst dich ja auch weiterentwickeln! Ein Mensch werden, der nicht so sehr um seine Mitte ringen muss und nicht mehr ganz so viele Schutzschichten braucht. Langsam! Immer ein Schrittchen nach dem anderen. Dann wird alles gut.

    Wenn ich mit einer Freundin in eine Galerie gehe, dann bin ich meist so auf sie und unsere Unterhaltung konzentriert, dass die äußeren Eindrucke gar nicht so richtig bei mir ankommen. Mir ist es dann am liebsten, wir setzen uns in ein Cafe und quatschen und meine Konzentration ruht ausschließlich darauf. Ich gehe dann oft nochmal alleine zu diesen Orten zurück, um mir alles in Ruhe angucken zu können.
    Auch das kenne ich.
    Schön ist es, eine Ausstellung allein und in Ruhe auf sich wirken zu lassen.
    Sehr kostbar ist es, sich mit einem anderen Menschen gut über das, was man gesehen hat, austauschen zu können! Also am besten beides einplanen?

    Andere haben vielleicht nicht das Bedürfnis so genau hinzusehen, so genau nachzuspüren, was die Bilder für einen Widerhall in einem auslösen. Na und? Du machst es auf deine Art. Intensität und Erkenntnis sind Genüsse! Mich machen sie richtig glücklich! Vielleicht ist das auch ein Moment, in dem man ganz bei sich ist und sich zugleich mit allem, was existiert (und existiert hat), verbunden fühlt. Eine "Versöhnung", ein Gleichklang von innen und außen.

    Ich mag es mir Rollenspiele, Puzzle, Würfelspiele, etc. auszudenken, mit denen dann den Schülern der Stoff vermittelt werden kann. Vor dem Unterricht selbst habe ich aber manchmal (nicht immer) den Wunsch, einer Kollegin meine Unterlagen in die Hand zu drücken und mir damit das Unterrichten selbst zu sparen.
    Das ist ja interessant! Warum ist das so? Was magst du daran nicht?
    Vielleicht solltest du für einen Schulbuchverlag oder eine Zeitschrift arbeiten, die Stunden ausarbeiten. Oder eine Stelle an der Uni anstreben.

    Oder aber es überkommt mich im Unterricht manchmal auch das Gefühl, dass ich als Lehrer außerhalb der Lerner-Gruppe stehe. Ich leite ihr selbstentdeckendes Lernen an, aber ich bin es nicht selbst, die mit entdeckt. Ich wünsche mir dann, Teil der Gruppe zu sein und nicht mehr außerhalb von ihr zu stehen.
    Verstehe… Die berühmte LehrerROLLE.
    Ist ja schon einmal sehr gut, dass du das erkannt hast! Du stehst außerhalb (mal wieder?) und wärest doch so gern Teil der Gemeinschaft. Stattdessen musst du dich als Person ganz zurücknehmen und den anderen die Freude des Entdeckens lassen. Dein Spieltrieb und dein Bedürfnis nach "Ich weiß es!" werden nicht befriedigt.
    Und nun? Wie oder wann kommen die zu ihrem Recht?

    Vielleicht wäre das leichter auszuhalten, wenn du mit Kindern arbeiten würdest.

    Gestern habe ich einen Witz gelesen.

    Eines Morgens sagte ein Sohn zur seiner Mutter: "Ich will nicht in die Schule."
    "Warum nicht?", fragte die Mutter.
    "Aus zwei Gründen: Ich hasse die Schüler, und sie hassen mich."
    Die Mutter erwiderte: "Es gibt zwei Gründe dafür, dass du zur Schule gehen musst: Erstens bist du fünfundvierzig, und zweitens bist du der Rektor."


    Der stammt aus dem Buch "Die Schopenhauer-Kur", das u.U. auch eine Lektüre für dich wäre. Es geht darum, was wohl passieren würde, wenn ein Mensch wie Schopenhauer (also jemand, der sich sehr stark von den Menschen zurückzieht, um sich selbst zu schützen) an einer amerikanische Therapiegruppe teilnimmt.

    Ich muss gestehen, dass die Idee, als Lehrerin zu arbeiten auch ein bisschen von dem Gedanken kam, mich abzuhärten, also robuster zu werden.
    Ein Ziel, das in jedem Fall Achtung verdient hat!
    Ich glaube schon, dass es gut ist, wenn ein junger Mensch sich Lernaufgaben stellt! (Aber ein wirklich anderer Mensch wirst du nicht werden …) Agere contra nennt man das.
    Und gleich noch eine Lektüreempfehlung: Richard Rohr/ Andreas Ebert: Das Enneagramm

    Und ich wollte auch im Auftreten vor Menschen sicherer und souveräner wirken. Ich habe gedacht, dieser Beruf ist eine gute Schulung, da ich dann tagtäglich in dieser Situation bin.
    Und? Hast du dich verändert? Klappt es nun besser?

    Ich bin ein sehr ästhetischer Typ und freue mich vor allem auf Reisen immer sehr an schöner Architektur, einem liebevoll eingerichteten Cafe oder geschmackvollem Design. Das können dann sehr erfüllte Momente für mich sein.
    Was fühlst du dann?

    Im Gegenzug dazu muss ich wohl lernen, mich vor Verletzungen von außen besser zu schützen. Das ist etwas, was ich noch nicht gut beherrsche.
    Du könntest auch sagen: Einfach du selbst zu sein.
    Zu dir zu stehen und dich nicht zu verstecken. Was du bist und was du fühlst, bedarf keiner Rechtfertigung.

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