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    Wenn die Wut ins Leere läuft

    Ich habe festgestellt, dass ich noch nie so wütend gewesen bin wie in den letzten Wochen und Monaten in meinem Leben. Zuerst konnte ich das Gefühl nicht einmal richtig einordnen, war verwirrt und konnte damit absolut nicht umgehen. Ich, die doch sonst immer verständnisvoll ist und geduldig.

    Da ist etwas passiert, langsam aber immer wieder kehrend: Ich wurde vergessen, stehen gelassen. Aber nicht nur einmal, nein mehrfach! Schon als Kind in der Schule, beim Arzt, im Restaurant, immer wieder. Hilflos habe ich mich gefühlt und wehrlos, dennoch voller Gefühl.
    Oder inmitten einer Diskussion, Menschen wenden sich ab und gehen, legen den Telefonhöhrer auf, schicken andere vor - ich werde wütend über so viel Feigheit und steigere mich nahezu in diesen Zustand, werde die Wut nicht los. Markante Sprüche wie: "Ach lass doch, vergiss es", die fruchten nicht bei mir. Diese Wut bekomme ich einfach nicht in den Griff. Als nach außen hin verstandsorientierter und ruhig diplomatischer Mensch, brodelt in mir etwas, das ich nicht so gut kontrollieren kann. Alpträume folgen, ich schlage meinen Boxsack schier zu Boden, es hilft nichts, noch nichts.
    Als ich mich in der BriCom angemeldet habe, war mein erstes Thema auch ein solches. Ein Abschied per sms, feige in meinen Augen und ich konnte wochenlang meine Wut nicht los werden. Das nimmt unglaublich viel Kraft weg - und das wegen Menschen, die meine Aufmerksamkeit doch im Grunde gar nicht verdienen.

    Auch wenn ich das Muster erkannt habe, hilft es mir im Augenblick nicht weiter. All diese Wut taucht wieder auf und ich fühle mich ihr hilflos ausgeliefert.

    Ich denke, ich erhoffe mir hier Antworten, Tipps oder Gleichgesinnte, um endlich einmal einen Haken hinter dieses Thema setzen zu können.

    Bienie
    Tanzen ist wie träumen - nur mit den Füßen
    22.06.06 "Bienie" , 04.04.11 "King" , 24.05.17 "Raica" 29.09.21 "Pirry"

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    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    Liebe Bienie,

    ich finde es sehr positiv, dass Du überhaupt diese Wut spüren und zulassen kannst, bzw. diese sich selbst einen Weg nach außen bahnt. Dass diese Wut gerade jetzt so massiv kommt und DASS sie überhaupt so massiv über Dich kommt ist m.E. ein Zeichen dafür, dass sich momentan 1. viel in Deinem Innern tut und ändert und 2. es noch eine ganz alte Wut ist, bzw. eine Wut, die sich auf ganz alte Situationen wie Du sie o.g. schilderst, bezieht. Wahrscheinlich hattest Du damals überhaupt keine Möglichkeit, wütend zu reagieren, wenn Dich jemand nicht beachtete, ungerecht oder nicht wertschätzend behandelte, angefangen (natürlich) gegenüber Deinen Eltern als Du noch ein ganz kleines Mädchen warst.

    Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich kenne dieses Gefühl von Ohnmacht und Wehrlosigkeit (so, als habe man verlernt, oder erst gar nicht erlernt, sich zu schützen und sich zu verteidigen) und das Bedürfnis, als Folge darauf, wild um sich schlagen zu wollen, es aber nicht zu können oder nicht zu "dürfen", sehr gut. Auch ich habe noch einen Weg vor mir, Wut überhaupt erst empfinden zu können, sie zulassen zu können und sie danach in Folge kanalisiert ausdrücken zu können. Lange wusste ich gar nicht, dass da überhaupt noch so viel Wut in mir schlummert, das ist mir erst seit kurzer Zeit klar geworden, DASS ich überhaupt Wut in mir habe. Ich, die ich ebenfalls ein sehr verständnisvoller Mensch bin, immer bereit, alle und alles verstehen zu wollen..... aber ich spüre inzwischen sehr genau, wann ich mir mit "zuviel" an Verständnis und diplomatischem Verhalten einfach nur noch ins eigene Fleisch schneide. Und ich lerne gerade, mich MIT meinem Groll und Wut, die angesichts mancher Menschen und Verhaltensweisen auf den Plan treten, zu akzeptieren, d.h. diese Empfindungen erst einmal so stehen zu lassen, ohne sie sofort wieder in "freundliche"Gefühle umwandeln zu wollen.

    Wie Du allerdings diese massive Wut gesund kanalisieren könntest, weiß ich auch nicht. Ich wollte schon den Tipp mit dem Boxsack geben, aber dann las ich, dass das ja nicht viel hilft... Hm, allerdings könnte ich Dir trotzdem einen Tipp in die Richtung geben: Ich habe mal in einem Verein Boxstunden genommen, ein paar zwar nur, aber das war eine Erleuchtung für mich. Es war eine sehr wichtige Erfahrung, einen Gegner zu haben ,gegen den ich kämpfen konnte. Ein Boxsack ist ein lebloser Gegenstand, aber ein richtiger Gegner, ein Mensch aus Fleisch und Blut ruft ganz andere Gefühle in Dir hervor. Vor allem, wenn dieser Gegner Dir signalisiert (im Training), dass Du ruhig zuschlagen darfst, weil er sich schützen kann. Tja.- Vielleicht solltest Du es also mal - unter Aufsicht und im Training - mit einem erfahrenen Gegner versuchen! Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass dies neue Perspektiven für Dich eröffnen kann.


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    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    Man kann auch mit einem "Stellvertreter" (Therapeut) Wut abarbeiten, den Ärger rauslassen. Das ist immer dann gut, wenn der "echte" Mensch nicht zur Verfügung steht.

    Noch besser wäre es, zu lernen, Dinge nicht so an sich heranzulassen.
    Auch mit Therapie möglich, zumindest kann man es trainieren.
    Man kann auch trainieren, frühzeitige Zeichen, dass jemand sich so verhält, wie es dich wütend macht, zu erkennen und dann denjenigen zu meiden.

    Und dann noch: Die Wut dahin geben, wo sie herrührt. Also den Frust da loswerden, wo er herkokmmt. Den beleidigenden Menschen zur Rede stellen. Den, der dich stehenläßt, zur Rede stellen. Das letzte Wort haben!

    My 2 cents momentan.
    LG Karla
    The original Karla
    est. 2006


  4. Inaktiver User

    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    Zitat Zitat von bienie Beitrag anzeigen
    Oder inmitten einer Diskussion, Menschen wenden sich ab und gehen, legen den Telefonhöhrer auf, schicken andere vor - ich werde wütend über so viel Feigheit und steigere mich nahezu in diesen Zustand, werde die Wut nicht los.
    Und was machst du dann mit ihr (der Wut)?
    [Als nach außen hin verstandsorientierter und ruhig diplomatischer Mensch, brodelt in mir etwas, das ich nicht so gut kontrollieren kann. Alpträume folgen, ich schlage meinen Boxsack schier zu Boden, es hilft nichts, noch nichts.
    Die Antwort auf meine Frage steht wohl hier . Kann es sein, dass du dich (noch) nicht traust, deine Wut auch direkt dort zu adressieren, wohin sie eigentlich gehört? Dir möglicherweise die adequate Ausdrucksform dafür fehlt? Kann es außerdem sein, dass du dich für deine Wut irgendwo in deinem Innersten eigentlich auch schämst? Was denkst du z. B. über Menschen, die wütend werden, laut und möglicherweise auch unbeherrscht? Findest du dies eher abstoßend oder bewunderst du das eher?


    Liebe Grüße, Julifrau

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    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    lauter interessante Ansätze.

    Boxtraining - ich habe einmal gehört, dass man so etwas in der Art auch in einer Therapie anwenden kann, kontrolliert natürlich. Während meiner Therapiezeit bin ich dann oftmals los gelaufen, draußen, ich war danach zwar etwas müder, aber immer noch mit Wut im Gepäck. Ich denke, meine Verzweiflung darüber habe ich nie wirklich zum Ausdruck bringen können.

    Eine Art "Streit-Dummie", auch eine gute Idee. Mal so richtig anbrüllen, Dinge aussprechen, die sich bisher nur im Kopf getummelt haben und sich dort fest gesetzt haben.
    Dir Frage nach dem Mut, die Wut raus zu lassen und die Frage, was ich von Menschen halte, die offen ihre Wut leben - da muss ich noch nachdenken, das sind gute Fragen.

    Beleidigende Menschen zur Rede stellen: Wenn sie nicht davon laufen, ist das okay, aber eben wenn sie sich vom Acker machen, den Telefonhörer auflegen und dann nicht erreichbar sind - dann fresse ich die Wut in mich hinein - und damit baut sich ein neuer depressiver Anfall bei mir auf. Die Wut richtet sich gegen mich selbst, wenn ich nicht einen anderen Weg finde.

    Wenn ich das richtig sehe, sind 2 Dinge zu beachten:
    1. die alte Wut los werden
    2. entsteht neue Wut, diese nicht fressen, sondern gleich raus lassen

    Vielleicht habe ich tatsächlich Angst vor mir selbst. Wenn ich an all die vergangenen Träume denke, ich war völlig erschrocken über mich selbst. So als würde ich in mir eine zweite Person kennen lernen.
    Tanzen ist wie träumen - nur mit den Füßen
    22.06.06 "Bienie" , 04.04.11 "King" , 24.05.17 "Raica" 29.09.21 "Pirry"

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    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    Und ich lerne gerade, mich MIT meinem Groll und Wut, die angesichts mancher Menschen und Verhaltensweisen auf den Plan treten, zu akzeptieren, d.h. diese Empfindungen erst einmal so stehen zu lassen, ohne sie sofort wieder in "freundliche"Gefühle umwandeln zu wollen.
    (Zitat von Bruenette)

    Wenn diese Empfindungen stehen, stören sie Dich dann nicht?
    Tanzen ist wie träumen - nur mit den Füßen
    22.06.06 "Bienie" , 04.04.11 "King" , 24.05.17 "Raica" 29.09.21 "Pirry"

  7. Inaktiver User

    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    Hallo Biene,

    hinter der Wut steckt Schmerz. Nimm ihn an, fühle ihn. Hab Mitgefühl/Liebe für das Kind in Dir der das widerfahren ist.
    Schritt 2 erkenne Deinen Selbstwert an bzw. baue ihn auf.
    Schritt 3 grenze Dich von Menschen ab, die Dich nicht respektieren.

    Bleibst Du weiterhin in Deiner Wut, bleibst Du in der Ohnmacht (Opferrolle). Du bist nicht ohnmächtig!

    Gruss Sesam
    Geändert von Inaktiver User (06.04.2012 um 00:35 Uhr)

  8. User Info Menu

    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    Zitat Zitat von bienie Beitrag anzeigen
    Und ich lerne gerade, mich MIT meinem Groll und Wut, die angesichts mancher Menschen und Verhaltensweisen auf den Plan treten, zu akzeptieren, d.h. diese Empfindungen erst einmal so stehen zu lassen, ohne sie sofort wieder in "freundliche"Gefühle umwandeln zu wollen.
    (Zitat von Bruenette)

    Wenn diese Empfindungen stehen, stören sie Dich dann nicht?
    Nein. Es fühlt sich zwar nicht sehr angenehm an (noch ein wenig ungewohnt), aber ich kann sie inzwischen aushalten, ohne sie sofort wieder umwandeln, wegdrücken oder schönreden zu müssen. Und dies empfinde ich eher, wenn ich aus der Situation wieder draußen bin, als Bereicherung.

    Nach diesem ersten Schritt wäre der nächste, irgendwie schöpferisch mit Groll und Wut umzugehen. Also nicht nur, sie beobachtend zu akzeptieren, sondern einen Weg zu finden, mit ihnen zu "jonglieren", sie irgendwie auszudrücken, ohne gleich jemanden aufs Maul hauen zu müssen (physikal oder verbal). Aber da weiß ich noch nicht, wie ich das machen kann.

    Wenn ich jetzt über dieses Thema nachdenke ,so meine ich, dass Wut und Groll sehr viel mit Ohnmacht zu tun hat. Die Gegenbewegung, das "Gegengift" wäre demnach, sich mächtig zu fühlen und mächtig zu werden. Sich also die Frage zu stellen, was einen mächtig werden lässt. Was meinst Du, Bienie, was macht Dich mächtig?

    Eine Idee hätte ich dazu: z.B. verbal schlag_fertig zu werden, auf elegante Art. Bist Du schlagfertig?

  9. Inaktiver User

    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    Ja, hinter der Wut steckt Schmerz, da stimme ich Sesam zu. Hast du das schon einmal erlebt, Binie. Ich kenne es aus meiner 'Wut-Zeit', dass ich nach einem solchen Wutanfall immer weinen musste. Ich dann offensichtlich endlich an diesen Schmerz herankam, auch wenn ich deshalb noch lange nicht wußte, wie ich damit letztendlich umgehe und heile.

    Wenn es dir nach schreien ist, warum schreist du nicht? Im Auto ist der ideale Raum dafür.

    Gestattest du dir denn wirklich, wütend sein zu dürfen? Oder gibt es einen sehr wohlerzogenen Teil, der Wut als Gefühl als nicht salonfähig ablehnt? ... ich bin hartnäckig?

    Und auf wen bist wirklich wütend, wenn einer den Hörer auflegt? Auf ihn oder auf dich? Möglicherweise wäre es auch ein Training, den Hörer als erste auflegen zu lernen . Einfach mal 'ungezogen' sein dürfen.

    Gruppenseminare haben mir anfangs viel geholfen. Es gibt dort so viele Stellvertreter und auch Spiegel und die Interaktion in einem geschützten Rahmen bietet Möglichkeiten an die Ursache der Wut zu kommen. Ein Boxsack substituiert dies meiner Meinung nach (noch) schlecht. Das ist dann erst der nächste Schritt.


  10. User Info Menu

    AW: Wenn die Wut ins Leere läuft

    Da ist viel Stoff für mich dabei in Euren Antworten und ich empfinde sie als ehrlichen Anstoß, den ich gerne annehmen möchte:

    Der Selbstwert lag sehr am Boden und ist jetzt evtl. ein kleines, aber noch empfindliches Pflänzchen, das schon noch jeden Schmerz spürt. Der Vergleich ist gut, Schmerz und Ohnmacht. Höre ich richtig in mich hinein, ja, dann ist die Wut das Resultat aus beidem.
    Oh ja, Abgrenzung - ein sehr gutes Stichwort. Es erfordert Mut, für seine Gedanken und Ideen gerade zu stehen. Ich dachte immer, das sei falsch, Anpassung ist wichtig. Was dabei heraus gekommen ist, das muss ich jetzt nicht näher erläutern denke ich.

    @bruenette: Manchmal scheint es mir, als würdest Du für mich schreiben, so ähnlich sind die Situationen im Augenblick. Für manche Menschen ist das, was ich beschrieben habe , völlig normal und können nicht verstehen, warum ich da so "ausraste". Das Gegengift der Schlagfertigkeit, ich habe es, ja. Zumindest gehabt. Wie aber reagiere ich, wenn sich ein Mensch aus dem Gespräch zieht? Dann genügt Schlagfertigkeit nicht, denn der Mensch ist ja weg. Oder einem Vorgesetzten gegenüber - die Worte liegen auf der Zunge, aber ich, ja ich habe den Mut dann nicht dazu.

    @julifrau: Ja, ich bin sehr vernünftig, so sehr, dass alles, was zu sehr gefühlsbetont ist (u. a. auch die Wut) nicht ausgelebt wird.
    Auf wen bin ich wütend, wenn der Höhrer aufgelegt wird? Auf den anderen, weil ich solches Gebaren immer als feige empfinde einerseits und andererseits mir die Möglichkeit der Gegenargumentation genommen wird. Logisch, der andere fühlst sich evtl. in dem Augenblick mir unterlegen, vielleicht sollte ich daran mal denken. Trotzdem, so mitten in der "Gefühlswallung" einen "cut" zu machen, damit kann ich noch nicht gut umgehen.

    Ich möchte gerne einmal den Raum haben, wie es sich anfühlt, richtig die Wut zu leben. Das in einer Gruppe zu tun, warum eigentlich nicht! Ich denke, das kommt in der nächsten Zeit noch einmal auf mich zu und ich sollte das zum Thema machen. Neben mir liegt immer ein Block, auf dem ich die Gedanken notiere.

    Ich hätte nicht gedacht, dass es gerade die Wut ist, die mich so tief sinken ließ. Die letzte große Depressionswelle entstand aus diesem Gefühl der Ohnmacht. Es stimmt, es ist die gefühlte Wertlosigkeit und der Schmerz, der einfach nicht aufhören will.
    Tanzen ist wie träumen - nur mit den Füßen
    22.06.06 "Bienie" , 04.04.11 "King" , 24.05.17 "Raica" 29.09.21 "Pirry"

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