Dazu kann ich aus eigener Erfahrung berichten, denn aus einer vergleichbaren Situation krabbel ich gerade hervor. Mein Selbstbewusstsein vor einem Jahr war tatsächlich gleich Null, denn das Scheitern war eine ziemlich existentielle Erfahrung für mich. Im Laufe der Zeit habe ich beim Reflektieren differenziert zwischen dem, was seine Ursache bei mir hatte (sich verlocken lassen vom "Karriereschritt", bedeutungsvoll sein wollen, aber auch: die eigenen Fähigkeiten überschätzen, den Energieeinsatz unterschätzen, den ein fremdes Arbeitsfeld mit sich bringt, fehlende realistische Reflexion meiner Stärken und Schwächen und der Frage, ob sie zu dem geplanten Schritt passen u.a.) und dem, was äußere Umstände bedingt haben (neue Chefin, die sich menschlich und fachlich als Niete entpuppte, zu wenig Informationen über die Konflikte in den neuen Teams, neue Aufgabenstellungen, die zu Beginn nicht absehbar waren u.a.). Die äußeren Umstände kann ich wenig beeinflussen, aber was mich betrifft - da gab und gibt es eine Menge.
Ich habe dann die Möglichkeit bekommen, in mein altes Arbeitsfeld an einem anderen Standort zurückzukehren. Hier bin ich Expertin und viel weniger unsicher. Meine Erfahrungen in der akuten Krise haben mir außerdem gezeigt, welch großen Einfluss äußere Faktoren haben können - mit entsprechender Haltung gehe ich inzwischen damit um. Da mein Wissen auf der neuen Arbeitsstelle gefragt war und ist, ist mein Selbstbewusstsein in den letzten Monaten deutlich gestiegen und seit einiger Zeit habe ich die Perspektive aufgezeigt bekommen, eine berufliche Weiterentwicklung machen zu können, die mir sehr gefallen würde. Auch deshalb, weil mir viel deutlicher als früher klar ist, wo meine Grenzen, meine Stärken und meine Schwächen sind. Ich setze auf meine Stärken. Falls mal irgendwann Zeit+Energie übrig sein sollte, arbeite ich noch an meinen Schwächen, aber noch geht es zurzeit darum, weiterhin stabiler zu werden.
Diese Zeit war extrem anstrengend und hat viel Kraft gekostet. Das merke ich deutlich. Trotzdem habe ich in der Krise viel über mich gelernt und bin viel klarer. Der "Umweg" über die mittlere Leitungsebene hat mir auch einige wichtige Informationen für meine jetzige Tätigkeit gebracht. Nur der "Preis" hätte gern "günstiger" sein können.
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16.02.2012, 18:08
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Mache das sichtbar, was ohne dich vielleicht nie gesehen werden würde.
- Robert Bresson -
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16.02.2012, 18:12
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16.02.2012, 18:20Inaktiver User
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Es gibt wohl keine pauschale Antwort.
Es liegt wohl an einem selbst und an der Art der Krise.
Und letztlich an seiner eigenen Sicht: nicht jeder, der eine Krise bewältigt hat, wird sie im Nachhinein als weiterbringend ansehen.
Es ist im Moment in, negativen Gefühlen im Leben keinen Raum geben zu wollen - es gibt etliche Ratgeber zum positiven Denken. Diese Tendenz, alles positiv auslegen zu wollen, finde ich gruselig. Denn negative Gefühle haben ihre Berechtigung - sind Teil des Lebens.
Wer zum Beispiel sich nach einem Verlust eines lieben Menschen keine Trauerphase gönnt, der schadet sich auf lange Sicht. Wer alles in sich hineinfrisst und zB Zorn nicht zulässt, macht es genauso falsch wie jemand, der seinen Aggressionen freien Lauf lässt.
Verantwortlich mit seinen Gefühlen umzugehen - das ist für mich ein wichtiger Teil des Erwachsenseins.
Ich kann es nicht glauben, dass jemand einer wirklich heftigen Krise, zB dem Verlust eines Kindes oder sonst eines geliebten Angehörigen eine positive Seite abgewinnen kann. Natürlich kann man sowas überleben, und sich mehr oder weniger abfinden. Es ist einfach nicht realistisch, in jede Krise etwas positives hineindichten zu wollen - auch wenn es uns Leid erklärbarer machen würde.
Latona: Naivität ist nicht bedingt unwillig oder unfähig zu lernen.
Naivität hat (für mich)neben einer negativen Seite auch ein bißchen was unschuldiges, gutgläubiges, unverdorbenes...ich finde es manchmal erfrischend in einer Welt, in der viele Jugendliche frühreif sind, viele Ältere ausgekocht und gewieft sind.
Ich finde es schwierig zu diagnostizieren, ob nun einer was gelernt hat oder nicht...obwohl es welche geben mag, die wie Lothar Mattäus scheinbar immer wieder exact den gleichen Mist bauen..und daher von Krise zu Krise schweben. Wer weiß: auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn...und dann haben all die Unrecht, die es immer schon wussten...
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16.02.2012, 18:32Inaktiver User
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Ich finde auch Jugendbilder schöner: unverbraucht, optimistischer, noch nicht vom Leben gezeichnet, offen..
Und nein, miese Erfahrungen im Job bringen einen nicht weiter.
Ich bin als junge Frau von 2 engen Kolleginnen gemobbt worden und kann Euch versichern: das möchtet ihr nicht erleben. Seitdem bin ich mißtrauischer, öffene mich nicht mehr so leicht und...wer einen von den beiden gleicht, ruft bei mir (ohne das ich das möchte) immer noch ein mieses Bauchgefühl hervor.
Welchen Gewinn das hatte? Ich weiß es bis heute nicht... ich weiß nur, dass dauerhaftes Mobbing Magengeschwüre verursacht. Das hätte ich in der Fachliteratur nachlesen können - ich hätte es nicht selbt erleben müssen.
Sicher: eigene Erfahrungen sind prima.
Aber ganz ehrlich: diese Unbeschwertheit meiner jungen Jahre erleben, diese Leichtigkeit, diese Unbefangenheit - dieses Urvertrauen, dass viele junge Menschen haben, hätte ich oft gerne wieder.
Heute weiß ich vieles besser, wäre manches Risiko (was mir enorm Spaß gemacht hat) nicht mehr eingegangen.
und bin "vernünftiger" geworden. Schade...denke ich ab und zu mal und freue mich im Nachhinein, dass alles gut gegangen ist....
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16.02.2012, 21:04
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Meine Krisen haben mich weitergebracht. In der Regel waren sie mit dem Gefühl verbunden: entweder du gehst jetzt aufwärts, oder du stürzt total ab. irgendwas in der Mitte gibt es nicht mehr. Da hab ich mich jeweils zum Aufwärts-Gehen aufgerappelt, oft unter Ächzen und Zähneklappern und Heulen, aber irgendwie doch immer wieder.
Meine Krisen haben mich gelehrt: so schnell haut mich nichts mehr um. Da muss schon ein grosser Brocken kommen, um mich aus der Bahn zu werfen.
Sie haben mich auch gelehrt: achte auf dich, iss gut, schlaf genug, löse Probleme mit andern Menschen so schnell wie möglich, steh für dich ein, zahl die Rechnungen, plane den Alltag mit höchstens 80% des Energie- und Ressourcenbudgets, denn eine Krise kann von einer Sekunde auf die andere kommen und dann bist du froh um die 20% Reserve, die sofort verfügbar sind.
und sie haben mich gelehrt, meine kleineren Krisengebiete aufzuräumen. zB meine Telefonphobie, vor 10 Jahren war's schrecklich, heut kein Thema mehr.
Das Urvertrauen und die Unbeschwertheit und die Abenteuerlust sind mir dadurch nicht abhanden gekommen, ich habe auch bewusst darauf geachtet, das nicht zuzulassen. Als mir mal einer die Handtasche klaute, war ich in der Zeit danach sehr misstrauisch und begann ängstlich zu werden, wenn ich draussen war, besonders nachts. Da sagte ich mir: kommt nicht in Frage, ich lass mir nicht Spaziergänge wegnehmen wegen diesem Diebstahl! Angst hin oder her, ich spaziere! - inzwischen hat sich die Angst wieder gelegt, das Thema ist aus dem System raus.
Glaube hilft mir sehr, die Dinge aus den richtigen Gründen zu tun. Wenn ein Auftrag kommt und das Gefühl dazu stimmt nicht, lehne ich ihn ab. Die ganzen inneren Stimmen von "was, wenn du das nicht annimmst, dann verdienst du nicht genug" et cetera pipapo können schon plappern, ich ignoriere sie. ich hab in den Anfängen meiner Selbständigkeit, als ich Anfang Monat nicht immer sicher war, dass bis Ende Monat die Miete zusammenkommt, üben dürfen, Absagen von Kunden mit Gelassenheit und ohne böse Gefühle anzunehmen. inzwischen ist mir klar: es gibt immer einen Weg. Es ist richtig, mich nur mit dem Besten zufrieden zu geben, dann krieg ich nämlich auch das Beste. Gottvertrauen ist wichtig, bei allen Sprüngen ins kalte Wasser ohne Garantie auf gar nix, und diese gibt es immer wieder.
und inzwischen hab ich auch gelernt, dass andere Menschen nicht zu ihrem Glück gezwungen werden können, auch wenn ich es fast nicht aushalte, zuzusehen, was geliebte und geschätzte Menschen so alles für Blödsinn machen. Ich bin nicht dafür verantwortlich.
ich bin weder froh noch böse über die Krisen die ich erlebte. Ohne diese Krisen wäre ich nicht die, die ich heute bin, sondern jemand anders - ob besser oder schlechter ist schwer zu sagen.
grüsse, barbara
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16.02.2012, 21:46
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Ich finde nicht, dass Krisen einen unbedingt innerlich älter machen, auf mich trifft es jedenfalls nicht zu. Unbeschwert bin ich zwar nicht, meine Unbeschwertheit habe ich schon sehr früh verloren, aber so ein gewisser kindlicher Trotz ist mir geblieben.
Menschen, die häufig Krisen durchleben mussten, sind im Denken oft viel radikaler und unkonventioneller, ich finde nicht, dass sie automatisch misstrauisch und "vernünftig" werden.
Auch die Werte ändern sich. Man bekommt eher ein Gefühl dafür, was einem wirklich wichtig ist im Leben, verzettelt sich weniger in tausenderlei Wünschen und Zielen.
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17.02.2012, 06:02Inaktiver User
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Das ist es oft. Nur was machen Menschen, welche mit Krisen über Jahre umgehen müssen? Irgendwie muss man dann lernen damit umzugehen, schauen, dass es so wenig Kraft wie möglich kostet, damit nicht noch mehr den Bach runter geht, die Phasen in denen es richtig schlecht geht ggf. nur auf 1-2 Tage jeweils begrenzen und sich da richtig darum kümmern etc..
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17.02.2012, 06:39Inaktiver User
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Finde ich auch.
Vor kurzem hab ich ein wunderbares Buch von Hermann Hesse entdeckt: Mit der Reife wird man immer jünger
Was war ich auf Ziele fokussiert in jungen Jahren - und wie schnell verzweifelt.
Alles in allem würde ich sagen:
Meine Krisen haben mich an Grenzen gebracht, mir Grenzen aufgezeigt.
Keiner will heutzutage Grenzen akzeptieren.
Im Zweifelsfalle landen die Menschen beim Therapeuten - und dann wird meist was in der Kindheit gefunden, mal sehr salopp ausgedrückt.
Ich habe eine Freundin, die ist dreimal geschieden. Wegen Angstattacken war sie in Behandlung.
Die hat einfach nix gelernt - und sogar den Therapeuten um den Finger gewickelt, lach.
Warum ich das denke? Weil sie nicht die Bohne mal was Selbstkritisches von sich gibt.
Meiner Meinung nach war und ist ihr Problem ihren Willen zu bekommen - und wenn nicht alle Register zu ziehen.
So kann man sich auch ne Depression holen.
In meiner Zeit der Depression hab ich gelernt zu sehen was ich habe, Verantwortung zu übernehmen, eigene Lösungen zu kreeieren.
Nichts gegen Therapeuten, ich konsultierte ja auch einige.
Die waren alle sehr bemüht und nett und auch kompetent - und es tut gut sich aussprechen zu können, Anteilnahme zu erhalten.
Meine Krisen haben mich weder reicher noch schöner gemacht.
Sie haben mich meinem eigenen Wesen näher gebracht.
Gerade wenn ich dachte: es geht nicht alles, man kann nicht alles haben - stellte ich fest - wie viel ich doch habe.
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17.02.2012, 08:01Inaktiver User
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Das schlimme an einer Krise ist doch, daß man auf einem Weg geht bei dem man sich sicher fühlt.
Muss gar nicht bedeuten, daß es einem damit supergut geht ( gerade in jungen Jahren ist man doch sehr "hinnehmend", weil man auch Möglichkeiten noch nicht gelebt hat) aber so ein WEg bedeutet tiefe Sicherheit.
In der Sicherheit ist dann auch viel Berechenbares- man kennt sich, die Umstände, die Menschen usw.
Und dann kommt plötzlich eine Mauer auf dem Weg und das dann total unvorbereitet.
Der Weg geht nicht weiter- und alles Berechenbare wird unsicher.....in dem nicht- wissen wie es weitergehen soll- wird das Stillstehen zu einem Abgrund.
Man muss von dem ausgetrenen Weg heraustreten- einen neuen WEg einschlagen- udn was so bildlich gesehen doch einfach sein müsste- kann einen in die tiefsten Tiefen führen.
Man kommt an seine Grenzen- die doch "nur" der Weg begrenzt.
Manchmal- dauert es halt wirklich Jahre bis man den Schritt schafft.....es kann ein ganz neues Leben bedeuten und man muss schon viel Sicherheit aus sich selber bekommen um das dann zu können.
Ich bin nach meinen Krisen empfindlicher geworden-
empfindlicher für mein eigenes Befinden. Manchmal macht mir das zu schaffen, denn ich muss eher Grenzen ziehen als ich es ohne den Blick auf mich tun würde. Auch sich öfter fragen zu müssen, ob das einem gut tut-- ist durchaus gewöhnungsbedürftig
Hinterher- fühle ich mich damit aber immer gut, denn ich spüre das es mir gut getan hat....ich näher bei mir bin.
Krisen bei anderen- sehe ich sehr unterschiedlich.
Bei den meissten Menschen erlebe ich, daß sie geradezu gerne darin stecken- darin baden....und sie letztlich auch keine Lösung wollen.
Sie wollen, daß es ihnen besser geht......aber nur klagen ist für sie der leichtere Weg als wirklich zB eine Änderung umzusetzen.
Mit sowas- kann ich gar nicht gut umgehen.
Ich würde da nie was sagen, aber ich ziehe mich bei sowas dann zurück-- nicht, daß ich das Leid nicht ernst nehme für die Menschen, aber es kostet soviel Kraft und Energie den Menschen dann nur als Mülleimer zu dienen......das will ich nicht.
kenzia
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17.02.2012, 10:06Inaktiver User
AW: Bringt einen jede Krise weiter?
Meine Krisen haben mich meinem eigenen Wesen entfremdet.
Ich war todunglücklich, als ich gemobbt wurde - fand es zB schreckich, Angehörige zu verlieren.
Es stets nach so einer Situation gedauert, bis ich wieder "ich selbst" war.
Man kann dankbar sein für das, was man man hat - also viel haben in jeder Beziehung - und dennoch in eine Krise geraten.
Mit der Reife wird man jünger?
Finde ich nicht. Mit jeder Erfahrung lernt man was dazu - das kann gut oder schlecht sein. Das unbeschriebene Blatt, das man mal war, ist man mit 50 gewiss nicht mehr. Da hat dein Leben dich geprägt, deine Auffassung von wichtig oder unwichtig geprägt, dich vielleicht "wissender" gemacht - aber ganz sicher nicht jünger. Du kannst vielleicht besser deligieren, bist vielleicht selbstsicherer als in jungen Jahren und hast gelernt "nein" zu sagen. Du weißt vielleicht besser, was du willst. All das sind "SEgnungen" des Alters...nicht der Jugend. Die ist nämlich naiv, unverbraucht, offen, neugierig, unbelastet...(ich liebe Jugend :-))
Hätte ich keine Ziele mehr im Leben, wäre ich sehr unglücklich.
Was deine freundin angeht (ist sie das wirklich?) finde ich, dass du hart urteilst. Du weißt nicht, was sie wirklich quält - vielleicht weiß sie es noch nicht mal selbst. Statt dessen diagnostizierst du, sie hätte ihre Therapeuten "um den Finger gewickelt"...lachst darüber, das sie nicht die Hilfe bekommen hat, die sich gebraucht hat :-( . Du stellst damit die Therapeuten als untauglich dar..und sie auch nicht gerade in einem netten Licht.
Es ist auch nicht immer irgendwas in der Kindheit. Es gibt eine Art Depression, die du dir nicht "holst" - im Gegenteil, sie holt sich dich. Es ist eine Krankheit, kommt über dich wie eine Darmverstimmung oder Husten, du hast keine "Schuld" daran.
Wir sind nicht sicher, vor gar nichts - nicht vor Unfällen, nicht vor Krankheiten, nicht vor Krisen.
Schön für dich, wenn du es alleine geschafft hast.
Dennoch kann ich jedem raten, der eine diagnostizierte Depression hat: hol' dir professionelle Hilfe!!
Denn auch das ist eine Art, Verantwortung für sich zu übernehmen: sich helfen lassen, wenn man selbst nicht mehr kann.



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