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  1. Inaktiver User

    Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    ich stecke momentan in einer Situation, wo mir vollkommen die Orientierung fehlt und ich mich frage, wie finde ich (wieder) meinen Weg...

    Ein paar äußere Faktoren tragen zu diesem Umstand bei: vor ein paar Wochen bin ich 40 geworden und bin sicher auch deswegen ein bisschen dabei, Bilanz zu ziehen und mir zu überlegen, ob ich mit der eingeschlagenen Richtung zufrieden bin. Und dann sind mein Freund und ich kurz nach Silvester auf Abstand gegangen (ich habe dazu auch im Forum "Depressionen" was geschrieben), er hat sich eine provisorische Wohnung genommen und ich stehe hier und mir gehen viele verschiedene Fragen und Überlegungen durch den Kopf, ohne dass ich da so recht einen "roten Faden" erkennen kann.

    Aber sicher gehört das Thema "Beziehung" zu den wichtigen Aspekten, bei denen ich aber nicht genau weiß, welchen Stellenwert ich ihnen überhaupt geben sol und was ich genau will....

    Was Beziehungen angeht, so habe ich da ein etwas kompliziertes Verhältnis dazu, was schon sehr früh anfing... als ich 1,5 Jahre alt war, ist meine Mutter weggegangen und hat mich für die nächsten 3,5 Jahre bei meinen Großeltern gelassen. Ich weiß heute, dass es nicht Böswilligkeit oder Lieblosigkeit war, die sie dazu veranlasst hat. Aber als meine Eltern mich zu sich geholt haben, war unsere Beziehung schon "gelaufen". Ich lebte in dieser Familie wie ein Fremdkörper, schaute in erster Linie darauf, nirgends anzuecken (was eigentlich immer noch meine typische Haltung dem Leben und den Menschen gegenüber ist) und beneidete insgeheim meine jüngeren Geschwister oder auch Schulkameraden, die sich nicht so unbeholfen fühlten und im Umgang mit anderen Menschen wesentlich unbefangener waren. Bei Freundschaften war ich auch sehr zurückhaltend, bot den anderen sozusagen nur einen Teil von mir an, den "unkomplizierten" von dem ich ausging, dass sie ihn verkraften könnten. Ich ließ mich nie wirklich emotional auf andere ein. Nach dem Abi hatte ich meine erste Beziehung zu einem Mann. Ein sehr netter, aber auch berechenbarer Mann, der sehr um mich bemüht war und bei dem ich das Gefühl von Sicherheit hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich "zuhause". Ich hatte das Gefühl, genau DAS so dringend zu brauchen. Jemanden, der im Leben fest verwurzelt war und mich "erdete" (sonst lebte ich alleine vor mich hin, was mir auch nicht viel ausmachte, wo ich aber immer wieder Angst hatte, ich könnte den Bezug zur Realität verlieren). Ich sehnte mich sehr nach einem "normalen" Leben, also heiratete ich diesen Mann, bekam mit ihm drei Kinder und versuchte eben, so "normal" wie nur möglich zu sein *seufz*. Was mir unterschiedlich gut gelang, denn ich hatte oft das Gefühl, in mir tobten wahre Stürme, in mir würde soo viel vorgehen, was in Schach zu halten mich enorm viel Kraft kostete. Und ich hatte keinen, mit dem ich darüber reden konnte.

    Der Mann an meiner Seite wich diesen Dingen aus, versuchte mich "abzulenken". Ich hatte mit der Zeit immer mehr das Gefühl, nur "halb" zu leben. Das "Außen" funktionierte wunderbar, aber innerlich fühlte ich mich einsam und allein. Bis ich vor ein paar Jahren einen etwas jüngeren Mann kennenlernte... wir waren anfangs nur befreundet, unterhielten uns über Gott und die Welt und dachten niemals daran, etwas miteinander anzufangen. Es dauerte lange Zeit, bis uns beiden bewusst wurde, wie sehr wir einander brauchten. Wir trennten uns beide von unseren damaligen Partnern und standen dann erst einmal ziemlich unsicher da. Wir wussten nicht so recht, was mit unseren Gefühlen anfangen, welche "Form" von Beziehung eingehen... ich dachte damals, unser Widerwille, eine "klassische" Beziehung einzugehen, läge daran, dass wir uns gerade erst aus einer solchen gelöst hatten... dann zogen wir doch zusammen und die Probleme fingen erst so richtig an... ich war es jahrelang gewohnt, nach dem von außen vorgegebenen Model von "Familienleben" zu funktionieren, lief sozusagen in diesem Funktionsmodus weiter. Ihm was das fremd und er tat sich schwer, sich in das Leben einer "Großfamilie" einzufügen. Er blieb die ganzen Jahre irgendwie "am Rande", lief sozusagen mit, versuchte sich aber nicht einzubringen oder die Richtung irgendwie mitzubestimmen. Zum einen, weil er, laut eigener Aussage, nicht wusste, was er vom Leben (außer der Beziehung zu mir an sich) will, zum anderen, weil sein Job ihn so fordert, dass in der wenigen Zeit auch kaum Energie und Zeit war, sich darüber Gedanken zu machen.

    Und obwohl unsere emotionale Bindung so intensiv war, wie ich es bisher nie kennengelernt hatte, wuchs die Unzufriedenheit über unsere Alltagssituation immer mehr. Mir fehlte eine Form von "Bestätigung", die ich mir aus einer größeren Gemeinsamkeit, aus gemeinsamen Zielen und Plänen erhoffte. Er dagegen konnte sich auf nichts festlegen, weil er einfach nicht wusste, auf was.
    Nun wohnen wir seit über 4 Wochen nicht zusammen und versuchen, jeder für sich, herauszufinden, was wir eigentlich wollen... ursprünglich dachte ich, das wäre nur SEIN Problem. Er müsste "nur" entscheiden, ob er mit mir will oder nicht. Und ich wüsste schon, was ich will... nämlich ein gut funktionierendes, unkompliziertes, "normales" Leben. Und da WEIß man, was man will... aber je mehr ich darüber nachdenke, desto unsicherer werde ich.

    Denn, mir fällt auf, dass das, was ich für ein "normales" Leben halte, ein Bild aus Kindertagen ist, etwas, das ich in der Werbung oder von außen bei anderen gesehen habe. Es ist im Grunde ein oberflächliches Spießerleben, dem ich zu entsprechen versucht habe (schaut nur, ICH kriege das auch hin, ICH kann brav, angepasst und erfolgreich sein), was dahinter ist, das spielte irgendwie eine eher untergeordnete Rolle. Im Grunde ist es ein Leben, mit dem ich meine Eltern zu beeindrucken und vielleicht auch zu beschämen versucht habe (denn DAS haben sie mir vorenthalten).

    Wenn ich jetzt auf meine Situation schaue, merke ich, wie unsicher ich bin... Freunde und Familie sagen, vergiss ihn, der hat keinen "Biss", es gibt genug andere Männer auf der Welt. Oder... der muss jetzt um dich kämpfen, dann siehst du, dass er es ernst meint etc. Will ich ihn vergessen? Wäre es tatsächlich besser, mir einen "neuen Kerl" zu suchen, mit dem das Leben reibungsloser funktioniert? Aber das Alltagsleben kriege ich auch ganz gut ohne Mann hin, dafür brauche ich keinen Mann... bin ich vielleicht sogar der Typ Frau, an deren Seite es gar kein Mann aushalten/recht machen kann?? Denn manchmal fühle ich mich so "hart", "streng" und fast unnahbar... manchmal kann ich so richtig gut "funktionieren", spüre mich nicht, verachte jegliche "Weichheit" und bin stolz darauf, wie unerbittlich ich zu mir selbst sein kann. Manchmal will ich eine "Erfolgsgeschichte" sein, mich nicht vom Leben und widrigen Umständen unterkriegen lassen (als welche ich nicht nur meine frühe Familiengeschichte ansehe, sondern auch die Tatsache, dass ich hier als Gastarbeiterkind aus einem "bildungsfernen" Haushalt aufwuchs und vielen Erwartungen zum Trotz mich durch Schulzeit und Studium erflogreich durchgebissen habe). Wie gesagt, funktionieren tu ich viel besser ohne diesen Mann... wahrscheinlich ohne Mann überhaupt... aber will ich mich auf SO ein Leben einlassen?? Ist es genau DAS, was ich brauche? Und was ist dann mit diesem Gefühl, das ich in seiner Nähe habe... ist das austauschbar? Ist das nur ein Zeichen meiner eigenen Sehnsucht, die ich auch anders befriedigen kann? Eine kindliche "Schwäche", die es zu überwinden gilt?

    Ich weiß momentan nicht, was mir wichtig ist... ist es mein durchorganisiertes, immer mehr optimiertes Leben? Ist es das Gefühl von Liebe? Was, wenn sich beides nicht so perfekt unter einen Hut bringen lässt? Wo kann ICH eher verzichten? Wie finde ich heraus, was ich wirklich brauche?

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    AW: Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich weiß momentan nicht, was mir wichtig ist... ist es mein durchorganisiertes, immer mehr optimiertes Leben? Ist es das Gefühl von Liebe? Was, wenn sich beides nicht so perfekt unter einen Hut bringen lässt? Wo kann ICH eher verzichten? Wie finde ich heraus, was ich wirklich brauche?
    Miss Miller, ich mach mal den Anfang,
    herzlichen Glückwunsch zur zweiten Hälfte des Lebens und dass deine Ramafamilienillusion geplatzt ist!

    Herausfinden, was du wirklich brauchst? Tun!

    Dieser neue Mann wurde dir geschickt um zu sehen, dass es auch anders geht. Zusammenzuziehen und weiter einen auf "Spießer" zu machen war vielleicht ein Fehler, aber das habt ihr ja gemerkt.

    Nieder mit den Bildern und willkommen im unberechenbaren Leben!

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich weiß momentan nicht, was mir wichtig ist... ist es mein durchorganisiertes, immer mehr optimiertes Leben? Ist es das Gefühl von Liebe? Was, wenn sich beides nicht so perfekt unter einen Hut bringen lässt?
    Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Dann muss improvisiert werden und neue Wege probiert ...

    Viel Glück!
    see you on be friends online!

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    AW: Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    Meine Gedanken dazu:

    Wer Perfektion anstrebt, bringt sich um viel Lebendiges. Für mich klingt "perfekt" langweilig.

    Es ist nicht vorgeschrieben, als Liebespaar auch zusammen zu wohnen.

    Ich habe noch nicht genau verstanden, was du mit "es brodelt" meinst. An welcher Stelle des Lebens kannst du denn mal richtig "Gas geben", oder gibt es das gar nicht? Wo spürst du deine Lebendigkeit, Lebensfreude?

    Niemand muss nur "funktionieren". Das sind selbst auferlegte Mauern. Will man die einreißen, denke ich, bräuchte man wohl ein wenig Hilfe von außen (professionell). Ich kann mir vorstellen, dass aufgrund deiner frühkindlichen Erfahrungen eine Gefühlsbremse in deiner Seele eingerichtet wurde. Die kann man aber aufweichen. Wenn du es möchtest.

    LG Karla
    The original Karla
    est. 2006


  4. Inaktiver User

    AW: Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    hmm... "Gefühlsbremse in der Seele" trifft es wahrscheinlich ziemlich genau... wenn ich jetzt so nachdenke, wird mir ganz anders... ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, dass das einzig "Unvernünftige" in meinem Leben die Tatsache war, dass ich meinen Mann verlassen habe?? Ich habe nicht einmal als Teenie über die Stränge geschlagen und tu das jetzt erst recht nicht. Ich trinke z.B. nie mehr als ein, zwei Gläschen - schadet ja nur der Gesundheit und man könnte sich wie der letzte Depp benehmen. Ich bin in allem so diszipliniert, dass es mich gerade selber ankotzt :-(. WOHER das kommt, weiß ich sehr genau... ich habe keine andere Möglichkeit als Vernunft und Disziplin gesehen, um aus dem Umfeld heraus zu kommen, in dem ich aufgewachsen bin. Ich hatte viel zu sehr Angst, innerhalb des beschränkten Rahmens und womöglich innerhalb noch schlimmerer Abhängigkeiten stecken zu bleiben. Jetzt, wo ich die Möglichkeiten hätte, weiß ich nichts mit ihnen anzufangen...

    Ich frage mich, ob es mir mit meinem Freund nicht wie dem Mann in der Bibel ging, der den "Dorn im Auge seines Bruders" sehr deutlich gesehen hat, aber den Balken im eigenen nicht wahrnehmen konnte? Ich bin gerade total durcheinander und habe das Gefühl, dass meine bisherigen Überzeugungen, die ich für absolute Wahrheiten gehalten habe, mir als genau das bewusst werden, was sie sind: nämlich meine Überzeugungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht Sinn gemacht haben, die mich aber jetzt von vielem fernhalten.

    Ich danke euch für den Input und bin mal gespannt, was sich nun in mir tut...

  5. User Info Menu

    AW: Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich bin gerade total durcheinander und habe das Gefühl, dass meine bisherigen Überzeugungen, die ich für absolute Wahrheiten gehalten habe, mir als genau das bewusst werden, was sie sind: nämlich meine Überzeugungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt vielleicht Sinn gemacht haben, die mich aber jetzt von vielem fernhalten.

    Ich danke euch für den Input und bin mal gespannt, was sich nun in mir tut...
    Mut und Kraft und 'nen Schuss Phantasie für die neue Phase! - auf dass sich Welten auftun!
    Vielleicht solltest du dir einfach mal eine Flasche Champagner kaufen - für dich alleine - und ... feiern!
    see you on be friends online!

  6. User Info Menu

    AW: Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    >Vielleicht solltest du dir einfach mal eine Flasche Champagner kaufen
    >- für dich alleine - und ... feiern! und ... feiern!

    genau!

    und dann mach dir mal eine persoeliche loeffel-liste . . also eine liste mit allem, was du noch erleben / tun / anfangen moechtest bevor du den loeffel abgibst . .

    und pfeif drauf, was andere ueber dich denken . .

    viel spass bei deinem neuen leben!!!
    luciernago
    LEBE LIEBER UNGEWÖHNLICH

  7. User Info Menu

    AW: Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    Beeindruckend wie du dich selbst auseinandernehmen kannst, das zeugt schon von grosser innerer Stärke, meine ich. Diese Gedanken überhaupt zuzulassen und sich nicht (weiter) hinter einer Fassade zu verstecken und einem Idealbild nachzuhängen - das kann bei weitem nicht jeder. Das ist schon mal der richtige Weg! Hab Geduld und laufe ihn in deinem Takt weiter. Du musst ja nicht gleich morgen früh eine Antwort auf alle deine Fragen haben.

    Zum Rest kann ich nicht so viel sagen. Vermutlich musst du es einfach ausprobieren.

    Ich lese deine Geschichte aber sehr interessiert mit weil ich einen Cousin von mir darin sehr gut wiedererkenne. Er lebt seit kurzem hier um die Ecke und wir haben plötzlich fast täglichen Kontakt, aber trotz aller Gemeinsamkeiten und aller Sympathie/Liebe/Freundschaft bleibt er wahnsinnig auf Distanz. Ich habe immer den Eindruck er lässt mich nicht wirklich heran.

    Mich würde mal interessieren ob du all diese Gedanken und all deine Zweifel (etwas überaus Menschliches denke ich!) die hier in deinen Posts so schön ausformuliert sind, mit Menschen aus dem 'real life' teilst. Kannst du dich soweit öffnen? Hast du Menschen die dir zuhören? Dir ihre (manchmal evtl auch verletzende) Sicht der Dinge vorsichtig und liebevoll mitteilen?
    Daran hapert es bei meinen Cousin zB massiv, er macht ganz vieles mit sich selbst aus und stellt mich dann vor vollendete Tatsachen, die sich dann aber täglich ändern...

    Lg, 100wasser

  8. User Info Menu

    AW: Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    Liebe Daisymiller,

    ich erkenne mich in vielem, was Du schreibst, selbst wieder, das Denken, das Fühlen...

    Du hast in Deiner Kindheit zumindest eine Zeitlang nicht bekommen, was Du gebraucht hast, und Dir fehlte über eine lange Zeit das Gefühl der Eingebundenheit, der Zugehörigkeit, des bedingungslosen Dazugehörens. Vermutlich resultierte daraus Deine Haltung, dass Du nur dann okay bist, wenn Du es anderen recht machst. Und wenn Du "es allen zeigst", was in Dir steckt, dass Du es schaffen kannst. So hast Du in Deiner Verunsicherung Lebensmodelle übernommen ohne zu prüfen, ob sie die Deinen sind.

    Den wichtigsten Schritt hast Du längst hinter Dir. Du hast Dir die Frage gestellt, was denn Dein ureigenstes Lebensmodell ist. Schön, dass Du nicht mal mehr in Frage stellst, dass Du das aus Dir selbst heraus entwickeln muss! Das ist viel wert, deswegen schließe ich mich den Userinnen hier an: Raus mit dem Champagner und kipp Dir einen hinter die Binde!

    Um auf Deine Frage zurückzukommen - wie findest Du heraus, was Du brauchst? Du brauchst, was Dir gut tut. Finde das heraus. Fange klein an. Spüre hin: Was tut mir gut, womit/mit wem/wann/wie fühle ich mich wohl? Und davon dann so oft wie möglich. Wenn Du im Kleinen mehr über Dich heraus findest, werden irgendwann auch die großen Fragen beantwortet werden: mit welchem Mann welche Form der Beziehung? Wie wohnen? Welche Arbeit? Nimm nicht nur Deine Beziehung mit Männern in den Blick. Deine wichtigste Beziehung ist die zu Dir selbst. Pflege sie, tu Dir Gutes und setze so viel wie möglich von dem um, was Dir gut tut.

    Alles, alles Gute!
    Mache das sichtbar, was ohne dich vielleicht nie gesehen werden würde.

    - Robert Bresson -

  9. Inaktiver User

    AW: Wie finde ich heraus, was ich brauche?

    was meine Gesprächspartner in der "Außenwelt" angeht, so sind die ziemlich begrenzt...mein Ansprechpartner, mein bestr Freund, derjenige, mit dem ich lange Zeit über alles mögliche reden konnte, war mein Freund. Das ging so lange gut, bis wir vor der Herausforderung standen, zusammen zu leben, zwei stressige Jobs, eine Patchworkfamilie UND unsere Gefühle unter einen Hut zu bringen. Momentan habe ich nur ein befreundetes Ehepaar, das etwas weiter weg wohnt, mit dem ich über alles reden kann. Die beiden haben vor ein paar Jahren selber eine sehr schwere Beziehungskrise (und auch vorher genug andere Herausforderungen) durchgestanden und haben nicht so "starre" Vorstellungen von dem, was richtig und gut ist...

    In manchen Bereichen weiß ich schon, was mir gut tut.. ich brauche z.B. recht viel Zeit für mich (wobei "viel" wahrscheinlich vor allem gemessen ist an dem, was sich meine Mutter oder andere Mütter in meinem Umfeld für sich gönnen oder gegönnt haben). Ich lese sehr gerne, mache Sport, denke gerne nach und brauche immer wieder Zeiten, in denen ich das in Ruhe, ganz allein für mich tun kann. Das kollidierte oft mit dem Pflichtgefühl, was von mir verlangte, für die Familie da zu sein... Seit mein Freund nicht mehr hier wohnt, klappt das immer besser. Ich traue es meinen Kindern z.B. immer mehr zu, Verantwortung zu übernehmen (was konkret bedeutet, dass die auch ein paar Haushaltspflichten übernehmen oder auch mal einer von denen abends das Abendbrot richtet etc.). Für mich bedeutet das eine große Erleichterung im Sinne von, ich muss nicht alles im Griff haben.

    Ich merke auch, dass es mir gut tut, mit anderen Leuten etwas zu unternehmen, mal mit einem Kollegen, einer Kollegin einen Kaffee trinken, mit Freunden quatschen oder auch mal ein paar Tage wegfahren. Das "traue" ich mich eigentlich noch viel zu wenig, da ich immer wieder Angst habe, den anderen "zur Last zu fallen"... ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, woher dieser Gedanke kommt, da ich sicher alles andere als aufdringlich bin, aber es ist immer wieder etwas, das mich bremst, woran ich aber momentan arbeite ;-)

    Insgesamt bin ich jemand, der gerne Dinge ausprobieren würde, der gerne fühlen und spüren möchte, WIE etwas ist, sich also ein eigenes Bild machen möchte... ich glaube, für dieses Bedürfnis nach "probieren dürfen/wollen" habe ich mich oft geschämt, weil ich Angst davor hatte unentschlossen und unsicher zu wirken. Ich war tatsächlich lange Jahre darauf bedacht, keine "Angriffspunkte" zu liefern, keine Schwächen zu zeigen. Es war fast so, als ob ich mir unbewusst gesagt, hätte, zwischenmenschliche BEZIEHUNGEN sind für mich zu kompliziert, als schaue ich, wie ich am besten durchs Leben komme, ohne solche eingehen zu müssen... manchmal denke ich, ich hätte mich fast bemüht, unsichtbar zu wirken, mich dem jeweiligen Umfeld so sehr anzupassen, dass ich mit diesem fast verschmolzen bin, eben um ja nicht aufzufallen.

    Denn, eine Schwachstelle, ein wunder Punkt, sind enge, emotionale Beziehungen... ich habe das vorhin wieder gemerkt, da war mein Freund hier. Er hatte von unterwegs angerufen und gesagt, er würde mich gerne sehen, ob wir uns nicht treffen könnten. Ich hatte ihm gesagt, dass er zum Abendessen vorbeikommen könnte. Auf dem Weg von der Arbeit hatte ich einige Leckereien eingekauft und liebevoll das Abendessen gerichtet. Als er dann da war, fühlte ich mich... ich kann es gar nicht in Worte fassen.... ich bin einfach auf Distanz gegangen, wirkte wahrscheinlich unnahbar und war enttäuscht, weil ich nicht das Gefühl hatte, "gesehen" zu werden... im Laufe des Abends knallte ich ihm meine, in dem Augenblick auch so empfundene, Gleichgültigkeit vor die Füße, er war dementsprechend enttäuscht und wir kriegten uns mal wieder in die Haare. Und dann fing das "Aufrechnen" an, wer sich mehr oder überhaupt nicht für die Beziehung eingesetzt hätte...

    Eigentlich ein ganz sinnloses Gespräch, den es ging an unseren tatsächlichen Bedürfnissen vorbei. Aber eben genau das, was in den letzten Monaten ständig zwischen uns statt gefunden hatte. Was mir dabei vor allem auffiel, war die Tatsache, dass es offenbar ein Muster zeigte, welches sich immer wieder wiederholte... einerseits habe ich das Bedürfnis, ganz und gar und einfach um meinetwillen geliebt zu werden. Andererseits glaube ich gleichzeitig, immer etwas dafür "tun" zu müssen (sorgend, liebevoll etc. sein zu müssen, um überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen, um geliebt zu werden). Und egal, was dann passiert, ob der andere auf meine "Bemühungen" eingeht oder nicht, es fühlt sich nicht richtig an :-(. Wenn er nicht darauf eingeht, fühle ich mich nicht wertgeschätzt, wenn er darauf eingeht, habe ich das Gefühl, "bloß" wegen meiner "Dienstleistungen" geschätzt zu werden! Und an diesem Punkt hatte mein Freund recht, als er meinte, er wüsste nicht, ob er meinen Ansprüchen jemals gerecht werden könnte... denn, ICH stehe mir selber im Wege! ICH kann es kaum glauben, dass er "einfach so" vorbeikommen wollte, weil er mich vermisst. ICH mache mich zur "Sklavin des Haushalts und der Beziehung" und werfe ihm dann vor, er würde sich um nichts kümmern und fühle mich "ausgenutzt". ICH führe mich da absolut kleinlich auf und kann ihm genauso wenig das geben, was er braucht, wie er mir das geben kann, was ich brauche! Die einfachste Lösung wäre jetzt zu sagen, weg mit dem Mann, der taugt nichts, mit einem anderen wird es vielleicht besser klappen... aber, erstens ist mir absolut bewusst, dass auch ein anderer Mann an diesem Verhaltensmuster wahrscheinlich verzweifeln wird. Außerdem... wenn ER mich in den Arm nimmt, wenn er mich fest hält, dann fühlt sich meine Welt absolut in Ordnung - ich schaffe es nur nicht, dieses "Vertrauen" auch dann beizubehalten, wenn er sich von mir entfernt.

    Nachdem ihr mir schon einige interessante Denkanstöße gegeben habt, hoffe ich, dass ihr mir auch an diesem Punkt "die Augen öffnen" könnt, mir Tipps geben könnt, wie ich dieses paradoxe Verhalten verändern kann. Das Problem ist ja, mit etwas Abstand SEHE ich das ja, aber wenn ich in so einer Situation stecke, dann FÜHLE ich mich nicht geliebt, dann fühle ich mich nicht beachtet und alles in mir schreit nach Rückzug und Abschottung und redet sich ein, die Welt da draußen und vor allem diesen Menschen da ÜBERHAUPT nicht zu brauchen - was aber alles andere als wahr ist!

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