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  1. Inaktiver User

    Dauer-Druck als neue Realität?

    Liebe Community,

    ich habe mich vor ein paar Tagen lange mit einer Freundin unterhalten. Sie hat seit ca. zwei Jahren einen Job, in dem das Arbeitsvolumen relativ unberechenbar ist. So kann es sein, dass sie, gerade noch däumchendrehend, nach einem Anruf so richtig aufdrehen und in den Dauereinsatz gehen muss, im Grunde noch zwei, drei Klone ihrer selbst bräuchte, um dem Arbeitsauftrag gerecht zu werden. Die Zeiten des Däumchendrehens sind eigentlich auch so gut wie gar nicht vorhanden. Nach der Arbeit steht oft zuhause noch eine Menge an: Behördenangelegenheiten, Haus und Garten, etc.. Sie erzählte, dass sie daran arbeitet, ein "inneres Konzept" zu erstellen, um mit dieser Unberechenbarkeit und den Dauerdruck klar zu kommen. Sie sieht es als normal in den kommenden Zeiten an, dauerhaftem Druck ausgesetzt zu sein.

    In mir sträubt sich etwas dagegen. Ich kenne auch Zeiten, in denen 150% gefragt sind, und setze die auch ein. Immer aber mit dem Wissen und Wollen, dass danach auch Zeiten kommen, in denen es wieder ruhiger läuft. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich in der Lage bin, das auszuhalten und ein wenig macht mir das Angst.

    Wie seht ihr das? Bzw. wie erlebt ihr das und wie geht ihr damit um?

  2. Moderation

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    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    Das empfinde ich mittlerweile auch als problematisch.

    Bei mir ist es so, dass speziell vom Frühjahr bis zum Herbst ein hoher Arbeitsdruck herrscht, nur das Wintervierteljahr ist meist etwas ruhiger. Bedingt durch ein Projekt war es von Juli bis Oktober in diesem Jahr ganz besonders schlimm, private Aktivitäten waren praktisch auf 0 runtergefahren, dazu kam noch ein gewisser Druck seitens Partner (ok, bis zu einem gewissen Grad hat er Verständnis, aber irgendwann fängt er natürlich auch an zu meckern, wenn ich nur noch von der Arbeit beherrscht werde) und unseren Haustieren, denn da musste ich auch immer schauen, dass die nicht zu kurz kommen. Wer bei so etwas defintiv zu kurz kommt, das bin ich selbst. Ich kann so etwas nicht permanent leisten, ich brauche auch meine Ruhephasen und vor allem auch Zeiten, in denen ich wieder LEBE.

    Was ich als verschärfend empfinde, ist die heutzutage fast schon als selbstverständlich vorausgesetzte dauernde Erreichbarkeit durch Handy/Blackberry/Laptop. Ich habe Kollegen, die haben das Blackberry noch eingeschaltet auf dem Nachttisch liegen und das finde ich fast schon pervers. Vor allem, weil man sich damit auch noch brüstet.

    Ich mache das bis zu einem gewissen Grad mit, wenn es um eine besondere Situation geht. Als wir in dem Projekt waren, habe ich auch teilweise am Wochenende gearbeitet und war erreichbar.

    Aber jetzt ist damit definitiv Schluss und im November habe ich das wieder auf das normale Maß heruntergefahren. Dauereinsatz und Dauerdruck kann und will ich nicht haben.
    Islabonita

    Moderation im Freundschaftsforum, Umgangsformen, Familiensache, Mietforum und in Rund um die Bewerbung - ansonsten normale Userin

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    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    Ich denke, wer auf Dauer 150% gibt, ohne dass es irgendwann mal wirkliche Verschnaufpausen gibt, der steuert zielsicher auf einen Burnout zu. Denn für so einen Einsatz sind Menschen nicht vorgesehen - das unterscheidet sie von Maschinen.

    Ich denke, jeder von uns ist bereit, eine Zeit lang mal sehr viel zu leisten - aber es muss irgendwann auch wieder ein Nachlassen des Drucks geben, sonst wird man ausgebeutet bzw. beutet sich selbst aus. Perfektionistische Menschen sind dafür besonders anfällig, und solche, die sich ihr Selbstwertgefühl über Leistung bzw. Anerkennung dieser Leistung durch andere erkaufen wollen. Menschen, die keine Grenzen setzen, werden dafür jedoch nicht unbedingt respektiert, sondern von fiesen Zeitgenossen eher ausgenutzt.

    Gerade heute, wo man sich nicht mehr sicher sein kann, dass man nicht morgen seinen Job schon wieder verliert, lohnt es sich nicht, sich dafür kaputt zu machen. Es dankt einem keiner!

    Für mich wäre so ein Job gar nichts, denn ich habe noch ein Leben außerhalb der Arbeit, und das will ich auch leben und planen können. Das kann ich jedoch nicht, wenn ich ständig für irgendwelche Leute auf Abruf sein soll.
    Liebe keinen, der nicht auch Dich liebt!

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    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    Zitat Zitat von Latona Beitrag anzeigen
    Für mich wäre so ein Job gar nichts, denn ich habe noch ein Leben außerhalb der Arbeit, und das will ich auch leben und planen können. Das kann ich jedoch nicht, wenn ich ständig für irgendwelche Leute auf Abruf sein soll.
    Für mich auch nicht, das merke ich immer wieder. Ich brauche einen gesunden Ausgleich neben dem Job, denn kein Job kann mir alles geben, was ich für ein zufriedenes Leben brauche.

    Ich glaube aber, dass neben dem Druck im Job auch der Druck im Privatleben zunimmt. Wenn ich allein schon sehe, was von meine Freundin als Kindergartenmutter alles leisten musss. Da ist hier eine Collage über den eigenen Herkunftsort zu erstellen, da aufwändig eine Schultüte zu basteln, natürlich auch eine Laterne, dort ein Kuchen zu backen, usw. usf. Eine vollzeit berufstätige Mutter muss sich da doch pausenlos abhetzen oder permanent ein schlechtes Gewissen haben. Ich hatte zu eine Zeit, wo die Hausfrauenehe noch mehr oder minder Standard war, eine gekaufte Schultüte und hab keinen Schaden davongetragen.

    Mir scheint, der Perfektionsmuswahn macht vor kaum einem Bereich halt. Neben Job und Familie muss man selbstverständlich noch regelmäßig Sport machen und kulturell auf dem Laufenden bleiben, sämtliche ärztliche Vorsorgetermine einhalten, etc. Die Wochenenden sind verplant bis dorthinaus, und wenn man was unternimmt, dann am besten immer was anderes, denn sonst würde es ja langweilig.

    Ich glaube, dass schon auch viel selbstgemachter Druck existiert. Ich habe aber auch den Eindruck, dass Zeit zu haben nicht sonderlich hoch angesehen ist. Ein voller Terminkalender ist auch ein Statussymbol. Ich komme mir schon komisch vor, wenn ich einfach sage, dass ich nächste Woche Zeit habe, ohne das auf einen halben Abend einzugrenzen.

    Gruß,

    Malina
    Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)

  5. Moderation

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    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Ich glaube aber, dass neben dem Druck im Job auch der Druck im Privatleben zunimmt. Wenn ich allein schon sehe, was von meine Freundin als Kindergartenmutter alles leisten musss. Da ist hier eine Collage über den eigenen Herkunftsort zu erstellen, da aufwändig eine Schultüte zu basteln, natürlich auch eine Laterne, dort ein Kuchen zu backen, usw. usf. Eine vollzeit berufstätige Mutter muss sich da doch pausenlos abhetzen oder permanent ein schlechtes Gewissen haben.
    Das erlebe ich derzeit bei einer Freundin, die hat genau das Problem. Allein im November und Dezember hatte sie 4 (VIER!) Wochenend- und Abendtermine im Kindergarten. Und sie ist genau in der Zwickmühle Abhetzen Vs. Schlechts Gewissen.

    So etwas gab es weder in meiner Kindheit (bin in den 60igern geboren) noch zu der Zeit, als die Kinder meines Mannes klein waren (Ende der 80iger). Ich halte das für eine genauso merkwürdige Entwicklung wie die Erwartung, dass die Kinder überall hingefahren werden müssen.
    Islabonita

    Moderation im Freundschaftsforum, Umgangsformen, Familiensache, Mietforum und in Rund um die Bewerbung - ansonsten normale Userin

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    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    @ Malina
    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Mir scheint, der Perfektionsmuswahn macht vor kaum einem Bereich halt. Neben Job und Familie muss man selbstverständlich noch regelmäßig Sport machen und kulturell auf dem Laufenden bleiben, sämtliche ärztliche Vorsorgetermine einhalten, etc. Die Wochenenden sind verplant bis dorthinaus, und wenn man was unternimmt, dann am besten immer was anderes, denn sonst würde es ja langweilig.

    Ich glaube, dass schon auch viel selbstgemachter Druck existiert. Ich habe aber auch den Eindruck, dass Zeit zu haben nicht sonderlich hoch angesehen ist. Ein voller Terminkalender ist auch ein Statussymbol. Ich komme mir schon komisch vor, wenn ich einfach sage, dass ich nächste Woche Zeit habe, ohne das auf einen halben Abend einzugrenzen.

    Gruß,

    Malina
    Genau das ist das Problem: Kein Bereich mehr ist vor dem Perfektionswahn sicher. Man kann sich auch im Privatleben nicht mehr entspannen, weil es voller Pflichten zur Selbstoptimierung oder zur Optimierung des eigenen Images ist. Vor allem das Image der guten Mutter ist wichtig.

    Ich denke, es ist wichtig, hier einfach mal ganz bewußt innezuhalten und sich zu sagen: "Bei dem und dem überzogenen Scheiß mache ich jetzt nicht mehr mit! Und ich halte es auch aus, wenn irgendjemand mich dann deswegen schief anschaut." Man braucht nur dazu offensiv zu stehen, und dann wird man sicher viele Menschen treffen, die sich das dann erleichtert auch zugestehen wollen. Den "Was, du machst XYZ nicht???"-Fragern kann man ganz cool sagen: "Nein, mach ich nicht (mehr). Ich hab schon so genug zu tun. Ich lass mich nicht ständig noch weiter unter Druck setzen mit dem ganzen Kram, den ich angeblich tun soll." Und falls der andere unverschämt wird: "Du, ich setze die Prioritäten für mein Leben selbst. Du kannst es gerne anders machen."

    Ich denke, diesen Perfektionswahn machen vor allem Menschen mit, die unbedingt Anerkennung von anderen wollen. Sie wollen mithalten können und merken nicht, wie sehr das auf ihre Lebensqualität geht.
    Geändert von Latona (12.12.2011 um 16:57 Uhr)
    Liebe keinen, der nicht auch Dich liebt!

  7. Moderation

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    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Wie seht ihr das? Bzw. wie erlebt ihr das und wie geht ihr damit um?
    Ich habe einen Job, wo ich Überstunden als Freizeitausgleich zurückbekomme und mache ausgiebig Gebrauch davon. Das ist schon mal drei Viertel der Miete, denke ich, leider sind das die drei Viertel, die am schwersten zu kriegen sind.

    Außerdem entrümple ich regelmäßig: Meinen Kleiderschrank, meine Bude, meine Verfplichtungen und meinen Stundenplan. Alles was ich nur noch aus Gewohnheit mitschleppe oder was mich Kraft kostet und mir nichts bringt, fliegt raus.

    Und wenn all das nicht mehr hilft, zähle ich die Arbeitstage bis zur Rente (5340).

  8. Inaktiver User

    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    Zitat Zitat von wildwusel Beitrag anzeigen
    Ich habe einen Job, wo ich Überstunden als Freizeitausgleich zurückbekomme und mache ausgiebig Gebrauch davon. Das ist schon mal drei Viertel der Miete, denke ich, leider sind das die drei Viertel, die am schwersten zu kriegen sind.
    Solche Jobs gibt es wirklich?

    Ich hab das bis jetzt ins Reich der Märchen verwiesen. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich schon in Vorstellungsgesprächen gehört habe, in der Firma herrsche das Prinzip des Zeitausgleichs - in der Praxis kam es fast nie dazu, wenn ich Glück hatte, wurden Überstunden ausbezahlt.

    LG,
    Lakritze

  9. Inaktiver User

    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    Hallo ihr Lieben,

    ich beobachte diesen Dauer-Druck vor allem in den ganz normalen Jobs -

    - die Verkäuferin, die bis kurz-vor-knapp nicht weiß, ob sie am Wochenende arbeiten muss.
    - die Erzieherin, die neben dem normalen Pensum die Projekte wuppen muss UND sich noch mit den Eltern auseinandersetzen muss (letztes Beispiel - Pizzabäckerei im KiGa. Natürlich gab es vegetarische Pizza als Alternative. Beschwerde eines Elternteiles, dass ja ein Spritzer von der Salami beim Backen rüberspritzen KÖNNTE).
    - der Fotograf, der am Wochenende ran muss, und für ein AppelundnEi produziert ... oder dessen Beitrag erst gar nicht genommen wird.

    Die wenigsten kriegen diese Zeit entgeldet.

    Ich denke, man muss sich im Leben die Projekte suchen, für die es sich lohnt.

    Die Schultüte haben wir auch gekauft, Laterne wurde in der ganz normalen Zeit im KiGa fabriziert, und Kuchen gab es bei uns nur zum Sommerfest. Und selbst da muss eine Mutter oder ein Vater halt mal Mut beweisen und auch mal Gekauftes hinstellen.

  10. Inaktiver User

    AW: Dauer-Druck als neue Realität?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich denke, man muss sich im Leben die Projekte suchen, für die es sich lohnt.
    Bei mir sieht es seit Monaten so aus, dass ich meine 60 Stunden Wochen locker habe. Gut, den Garten lasse ich einfach liegen, den soll ich nächsten Frühjahr einfach jemand anders machen. Die Putzfrau wird bald 2 Mal die Woche kommen und die Wäsche mit übernehmen. Bzw. soll ich das ja nicht mehr sagen, sondern meine Hauswirtschafthilfe.
    Daneben habe ich eine sehr große persönliche Baustelle und mehrere kleine, aber meist auch brisante, welche ich irgendwie gelöst bekommen sollte. Klar überlege ich auch, wie ich das alles in Zukunft ändern kann und so werde ich mich ca. ab Frühjahr 2012 nur noch für eine berufliche Aufgabe entscheiden. Bis dahin habe ich den Puffer, um das zu tun.
    Das Seltsame ist allerdings, dass ich disziplinierter geworden bin, verantwortungsbewusster und es nicht gehen würde besonders in Hinblick auf mein Kind, dass überhaupt dran zu denken wäre, dass ich ausfalle. Ein Burn out kommt nicht in die Tüte. Dass ich Samstag und Sonntag auch arbeite ist schon länger sozusagen normal. Aber ich kann es mir in Zukunft auch wesentlich leichter vorstellen. Bis dahin ist es noch ein Weg, aber ich denke, dass ich das gut hinbekommen werde. Es wird zwar noch weiterhin anstrengend sein und mit Sicherheit nicht das Normale, aber ich habe da mein Ziel vor Augen und dass heißt garantiert nicht dumm und dämlich zu arbeiten.
    Druck ist für mich etwas was relativ ist. Manche Menschen machen sich selbst auch starken Druck. Ich schau, wo und wie ich Aufgaben angehen kann, Coaching läuft ebenfalls und achte da im gewissen Sinne auf mich, dass ich nicht zu angespannt bin. Zwischendurch Mail per BB beantworten etc. ist für mich schon normal. Da haben sich die Zeiten wohl einfach geändert.
    Und klar, um so länger der Zustand anhält, um so mehr wähle ich aus, was mir wichtig ist und was nicht. Das hat schon einiges bei mir quasi auf den Kopf gestellt.
    Geändert von Inaktiver User (12.12.2011 um 15:49 Uhr)

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