komisch, das höre ich immer wieder. Bei mir ist der selbständige Anteil meiner Tätigkeit allerdings sehr gut planbar und berechenbar: ich habe meine Termine, die ich so lege, dass sie für mich gut passen, ich kenne inzwischen meine Kapazitäten und alles, was darüber hinaus geht, lehne ich einfach ab. Am Wochenende nehm ich das Telefon für berufliche Themen gar nicht ab, Montag ist noch früh genug, um zu diskutieren, was immer es zu diskutieren gibt.
Auch im Angestelltenverhältnis hab ich inzwischen meinen Rhythmus gefunden, es gibt schon mal mehr, mal weniger Arbeit, bei den Zeiten von "mal mehr" müssen halt jene mit geringerer Priorität etwas länger warten, bis ihr Ding erledigt ist. so what. Und manchmal, wenn mehr Arbeit als Zeit vorhanden ist, so wird die Arbeit nur gerade in "gerade gut genug für den Zweck" und nicht "so gut wie ich kann an meinen besten Tagen"-Qualität geliefert.
Es braucht schon immer wieder eine bewusste Wahl, um nicht immer neu in Druck zu kommen - an Anfragen und Gelegenheiten fehlt es nicht - doch ich wähle lieber, erholt und fit zu sein. Auch dann, wenn ich nicht immer alles machen kann, was ich gern täte, oder es weniger oft machen kann, als ich gern täte. Besonders in der Handarbeit kommen die Ideen deutlich schneller als deren Umsetzung. das ist dann halt so.
ich glaube, eine der wichtigsten Fähigkeiten von heute ist, "nein" sagen zu können.
grüsse, barbara
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12.12.2011, 19:50
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
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12.12.2011, 20:07Inaktiver User
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
Ob das die gesündereVariante ist, weiß ich nicht. Manchmal habe ich schon meine berechtigten Zweifel daran. Dazu weiß ich zu sehr Bescheid um meine Probleme und die meiner Lieben und dass diese eben nicht jeder auf die Reihe bekommen hätte und ich bin ja auch noch dran. Ende offen, mehr als offen. Klar stärken gelöste Probleme, Sinnlosprobleme führen wahrscheinlich eher in den Frust und von einem selbst weg oder lenken von den wirklichen Problemen ab, die manche ja nicht mal für sich erfassen können oder lieber verdrängen. Wir leben in einer Suchtgesellschaft. Lifestyle ist mir mit Sicherheit nicht ganz unwichtig, aber ich vergleiche da nicht, ich mach es mir selbst Recht, wie ich das will.
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12.12.2011, 20:36
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
Leider ist es mittlerweile im Privatleben wie in der Arbeit: Man muss klare Grenzen setzen und Entscheidungen treffen. Wenn ich wählen muss, ob ich abends meine Steuererklärung mache und meine Tochter dafür ne fertige Schultüte bekommt, aber ich den dadurch freien Nachmittag mit ihr spielen kann oder ob ich abends in grosser Runde ne mässig aussehende Tüte bastle (was mir 0 Spass macht und meiner Tochter egal ist), brauch ich nicht lang für die Entscheidung.
Hab zB auch erst kürzlich erlebt, wie Kindern am Basar die Mini-Cupcakes in Neonfarben mit Gummibärchen drauf aus Fertigteig in Sekunden vernichtet haben, während die mehrstöckige Profitorte mit Bob-der-Baumeister aus Marzipan drauf übrig blieb. Die Mutter hatte sicher Stunden dafür gebraucht, aber die Zielgruppe wollte was andres.
Und: Ist der Ruf mal ruiniert, ...
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12.12.2011, 23:07Inaktiver User
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
Du berührst ein wichtiges Thema von mir, "nein sagen können" ist etwas, was ich gerade "trainiere". Damit enge ich für mich auch das Feld ein, wo ich fremdbestimmt werde. Nein gesagt habe ich vor kurzem auch zu einer Form von Karriere, die mir noch mehr persönlichen Einsatz, Zeit und eine Art Standby auch in der privaten Zeit abverlangt hätte und die ich aus genau diesem Grund nicht will. Aber ich erlebe eben trotzdem an vielen Stellen das Hamsterrad, die To-Do-Liste, die immer länger wird, und alle To-Do´s haben erste Priorität und müssen schnell erledigt sein. Das ist nicht nur "gefühlt" so; unser Arbeitsfeld verändert sich gerade sehr, da gehen einige Entwicklungen parallel.
Ich trauere gerade regelrecht darum, dass die Wahl meiner Lebensform einige schmerzhafte Opfer fordert. Nachdem ich erst privat, dann auch beruflich in eine andere Stadt gewechselt habe, kann ich einige Freundschaften nicht mehr so pflegen wie bisher. Ich lese hier immer wieder von Menschen, die sich Freundschaften wünschen. Ich kenne einige wunderbare Freunde und kann den Kontakt nur noch locker aufrecht erhalten, weil alles andere mir zu viel Zeit und Geld (Fahrtstrecke) und leider auch Energie abverlangen würde. Bin im sozialen Bereich tätig und habe manchmal zu Feierabend das Bedürfnis, mich zurückzuziehen.
Was ich interessant finde, sind Eure Gedanken zum Thema Selbstoptimierung. Ich hatte noch nie einen Riesen-Ehrgeiz, den Haushalt super in Schuß zu halten, andere Dinge habe ich durchaus perfektionistisch gesehen. Auch die Lebensumstände, in denen ich mich bewege. Ich frage mich gerade, ob es entspannender sein kann, auch mal die suboptimalen Lebensumstände einfach so sein zu lassen, statt mit viel Energie eine Optimierung anzustreben. An vielen Stellen bin ich ständig kritisch am Selbstreflektieren, das ist oft so furchtbar anstrengend...
Trotz allem frage ich mich, ob die Rahmenbedingungen, in denen wir leben - ich nenne jetzt mal Schlagwörter wie Europa/Globalisierung, Flexibilisierung, berufliche "Brüche", Lebensabschnittsgefährte, Lebensabschnittsberuf - es erforderlich machen, so ganz grundsätzlich mit höheren Anforderungen und damit einem höheren Druck klar zu kommen. Und wenn ja, welche Kompetenzen dafür erforderlich sind. Oder erliege ich da wieder einer Selbstoptimierungswelle?
Sorry, mir schwirren gerade vielerlei Gedanken durch den Kopf, ist wohl etwas wirr, dieses Geschreibsel hier...
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12.12.2011, 23:12
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12.12.2011, 23:26
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
Wenn es eine Übergangsphase ist, gut, das ist immer etwas chaotisch und anstrengend. So für zwei, drei Monate kann man da auch mal ein paar Gänge höher schalten.
Sollte es länger gehen, kommt "Feierabend" dann wieder auf die Liste mit den Top-Prioritäten und Gespräche mit dem Chef à la "was soll ich heut noch machen, A oder B? für beides reicht die Zeit nicht. Sag du, was du wichtiger findest".
Auch Veränderungen müssen sich halt eben die Zeit nehmen.
ich lebe ganz gut mit suboptimal. "gut genug" ist die Devise nicht "alles perfekt".Ich frage mich gerade, ob es entspannender sein kann, auch mal die suboptimalen Lebensumstände einfach so sein zu lassen, statt mit viel Energie eine Optimierung anzustreben.
Ich glaube, dass das Schwierigste daran ist, Prioritäten zu setzen. Besonders für Frauen gibt es nicht mehr *den* vorgegebenen Lebensweg, dem man so quasi-automatisch nachdriften kann. Man muss Entscheidungen fällen, ganz besonders Entscheidungen dazu, was man alles NICHT tut.Trotz allem frage ich mich, ob die Rahmenbedingungen, in denen wir leben - ich nenne jetzt mal Schlagwörter wie Europa/Globalisierung, Flexibilisierung, berufliche "Brüche", Lebensabschnittsgefährte, Lebensabschnittsberuf - es erforderlich machen, so ganz grundsätzlich mit höheren Anforderungen und damit einem höheren Druck klar zu kommen.
nicht das Telefon abnehmen, wenn die Nummer nicht sichtbar ist - sich nicht freiwillig fürs Kuchenbacken melden - nicht gewohnheitsmässig Überstunden machen - nicht die Probleme anderer Leute zu den eigenen machen - nicht übermässig nett sein - nicht glauben, man könne drei Leben in eins packen...
grüsse, barbara
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13.12.2011, 07:54
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
Ich glaube, schon dass wir auf einer Selbstoptimierungswelle schwimmen. Schon allein, weil uns viele existenzielle Probleme ausgegangen ist. Wir müssen nicht hungern, Kriege sind weit weg, viele Krankheiten sind heute heilbar, es geht uns im Großen und Ganzen richtig richtig gut. Also müssen eben andere Probleme her, mit denen man sich dann rumschlägt. Und das ist eben die Selbstoptimierung in allen Bereichen.
Mir kommt auch vor, dass wir uns zunehmend nicht mehr so sehr über das Haben, sondern über das Sein definieren. Bzw. das Haben ist in gewisser Weise selbstverständlich und beeindruckt niemanden mehr. Also muss man was Besonderes sein, besondere Dinge tun. Dazu gehört dann die aufwändig gebastelte Schultüte für den Nachwuchs, die selbstgebackene Bob-der-Baumeister-Torte (eine gekaufte würde eher für Naserümpfen sorgen), der makellose, sportgestählte Körper, der Chinesisch-Kurs, die semi-professionelle Theater-Aufführung. Und natürlich ein spannender Job mit viel Verantwortung und massenweise Überstunden.
Und man muss sich auch mal überlegen, womit man heute an Ansehen gewinnt. Überstunden, Dienstreisen, ständige Erreichbarkeit machen eindeutig mehr Eindruck, als wenn man zugibt, einen netten, unaufgeregten Bürojob mit regelmäßigem Feierabend zu haben. Dem haftet ja schon gleich der Geruch der Langeweile an. Naja, wenn Dir das so gefällt... Und schon wird ist man halb in der Versager-Schublade.
Sich davon freizumachen, ist nicht immer ganz einfach. Genauso wie es den meisten Müttern eben nicht egal wenn, die Tochte als einzige eine gekaufte Lillifee-Schultüte hat (mit der das Kind vermutlich viel glücklicher ist als mit dem selbstgebastelten Meerjungfrauen-Exemplar). Gekauft hat schon fast was von Prekariat.
Da braucht man schon ein solides Selbstbewusstsein, um sich von den überall herrschenden Erwartungen abzugrenzen. Wobei man, wenn man es denn tut, häufig erlebt, dass andere sich auf einmal auch outen und ganz froh sind, dass sie nicht die einzigen sind, denen der Perfektionswahn auf den Geist geht.
Gruß,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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13.12.2011, 09:28Inaktiver User
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
Der Philosoph Sloterdijk schrieb schon vor Jahren über dieses Thema. Sinngemäß meinte er, es wäre sehr erstaunlich, dass das Phänomen des allgemeinen Wohlstands nach dem zweiten Weltkrieg nie thematisiert wurde. Dass es den Menschen materiell besser geht als jemals zuvor, sie aber trotzdem immer über Probleme sprechen, auch wenn diese Probleme längst nicht mehr existenzieller Natur sind, sondern mit Lebensstil und Selbstoptimierung zusammen hängen.
Statt Sein würde ich lieber von Schein sprechen....
Das finde ich verrückt, denn es ist gerade mal ein, zwei Generationen her, dass das Gekaufte das Besondere war. Noch in den Fünfziger oder Sechziger Jahren wurde viel selbst hergestellt, weil sie Leute nicht das Geld hatten, alles fertig zu kaufen. Damals gab es keine Billigprodukte aus China, fertig Gekauftes war im Verhältnis zu den Löhnen ziemlich teuer. Damals lohnte es sich auch noch, selbst zu nähen.
Das hat sich stark verändert.
Erwartungen gab es früher auch, aber sie waren gesellschaftlich "genormter" und dadurch leichter zu erfüllen. Es genügte, diese Normen (liebevolle Mutter, brave Hausfrau) zu erfüllen. Heute wird von uns verlangt, unseren Lebensstil selbst zu erfinden. Und zwar möglichst originell, so dass er sich von dem anderer abhebt.Früher war das ein Kennzeichen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen: Der Bohèmiens, der Künstler....heute scheint das das allgemeine gesellschaftliche Leitbild im Westen zu sein.
Das finde ich ziemlich verrückt. Und ich glaube auch nicht, dass es so weiter gehen wird. Die nächsten Jahrzehnte werden wirtschaftlich ziemlich holperig werden, die Menschen werden sich wieder auf existenziellere Fragen konzentrieren müssen.
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13.12.2011, 10:03
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
Das dachte ich beim Schreiben auch. In meiner Kindheit in den 70ern war eine gekaufte Schultüte (um die jetzt mal als Symbol für vieles zu nehmen) noch ein Zeichen, dass man sich das leisten konnte. Selbst gemacht stand eher für Armut oder Sparsamkeit, war tendenziell negativ besetzt. Das war beim Essen ja nicht anders. Man "musste" nicht mehr alles selbst kochen, sondern konnte es sich leisten, auf Fertiggerichte zurückzugreifen. Es war eher Luxus, nicht selbst machen zu müssen, obwohl sicherlich mehr Zeit für diese Dinge vorhanden war.
Ich glaube auch, dass die Erwartungen heute vielfältiger sind und sich auch teilweise widersprechen, was den Druck dann noch mal erhöht. Natürlich muss die Frau spätestens ein Jahr nach Geburt des Kindes wieder arbeiten gehen, sonst wird sich schon komisch angeschaut. Gleichzeitig muss sie aber mehr Erwartungen in ihrer Rolle als Mutter erfüllen, als die meisten Vollzeitmütter vergangener Jahrzehnte. Das ist schon irgendwie absurd.
Ich weiß nicht, ob die existenziellen Fragen tatsächlich wieder auf breiter Front in den Vordergrund treten werden. Aber ich glaube und hoffe, dass die Menschen freiwillig anfangen, sich aus einigen Zwängen zu befreien. Vielleicht geht es auch weniger darum, sich wieder den existenzsichernden Fragen zuzuwenden, sondern den Fragen, die das Existenzielle berühren, also die großen Sinnfragen des Lebens. Ich glaube nämlich, man kann viel viel Ballast über Bord werfen, wenn man nur mal anfängt, sich bewusst zu machen, was einem wirklich wichtig ist im Leben. Und das was bleibt, bleibt dann, weil man eben Spaß daran hat und nicht weil man glaubt, das eigene Leben hinge davon ab. Es kann ja auch eine Entscheidung sein, im Chor zu singen, Laternen zu basteln, mehrgängige Menüs aus Bio-Lebensmitteln zu kochen, weil man daran Freude hat. Dann muss man erstens niemandem einreden, er sei ein schlechter Mensch, wenn er das nicht macht und sich zweitens kein schlechtes Gewissen machen wegen all der Dinge, die man nicht tut, eben weil sie einem keine Freude machen.
Gruß,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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13.12.2011, 10:50
AW: Dauer-Druck als neue Realität?
Ich hab ja den Verdacht, das Maß an Sorgen und Problemen, daß man sich macht, ist eine Konstante. Da hat einfach jeder eine bestimmte Menge Platz im Kopf für, und die wird eben gefüllt.

Eine Freundin von mir sagt immer, "Keine Probleme und keine Ahnung von Statistik" wenn es um ihre Mit-Mütter im Speckgürtel geht.
Das, was Malina beschreibt, sind ja schon Sachen, die man *tut*, so, "heute back ich, morgen brau ich, übermorgen lern ich Chinesisch in der Muckibude und bastel eine Schultüte, die 'Mama' sagen kann". Das ist nicht als solches "Schein", aber ich empfinde es oft als fehlgeleitete Energie... Oder vielleicht nicht *so* fehlgeleitet, letztlich ist das auch nur eine neue Version des alten Primaten-Imponiergehabes. Es gibt eben keine alltägliche Tätigkeit, die man nicht noch ein bißchen komplizierter machen könnte, um zu denmonstrieren, daß man sich mehr Mühe gibt und authentischer ist als die Nachbarin. Deine 600 Meter auf dem Rad gesponnenes Garn wiegen 70 Gramm, hach, ich spinne 70 Gramm zu 800 Meter! per Hand! (Im Schnee. Bergauf. In beide Richtungen.)
Ja, so gesehen kann man sich froh und glücklich preisen, inmitten von trivialen selbstgemachten Pseudoproblemen zu leben, denen man sich mit ein bißchen Gelasseneheit entziehen kann. Erdbeben und Drachenüberfälle als Maßnahmen zur Stählung des öffentlichen Charakters werden überbewertet.
(Und, davon mal ab, sich *nicht* mit existenziellen Fragen wie "habe ich nächsten Monat noch ein Dach über dem Kopf" oder "kann ich mit meinem halb abgeschnittenen Daumen zum Arzt gehen" abgeben zu müssen ist auch hier und jetzt ein Privileg, das nicht alle genießen.)



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Wenn ich irgendwo auf einer Bühne als Teil eines Ensembles Ruhm einheimsen will, dann werde ich um regelmäßiges Üben, Probe- und Aufführungstermine nicht herum kommen. Ist mir das zuviel, weil es mir zu wenig Zeit für Freunde und spontane Unternehmungen lässt, dann muss ich mir halt andere Möglichkeiten überlegen, wie ich mein Ego aufpolieren kann. Außerdem kann man auch ganz unambitioniert in der Badewanne singen.
Oder man gründet bewußt einen Liederkreis, wo nur für sich gesungen wird, ohne Auftritte.

