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    Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Hallo zusammen,

    bald werde ich 28. Eigentlich kein Alter, in dem einen persönliche Eigenarten noch überraschen oder verwundern können. So dachte ich zumindest bislang.
    Nun ist mir aber aufgefallen, dass ich offensichtlich im Vergleich zu meinen Mitmenschen ein leicht verschobenes Mitgefühl verspüre.

    Ich erkläre das am besten einmal an Beispielen.
    Kürzlich ist der Bruder einer Bekannten Vater geworden. Sie hat das in einer kleinen Runde erzählt und offensichtlich waren alle außer mir Feuer und Flamme, wollten mehr wissen: den Namen, ob es Komplikationen gab und viel mehr. Mir war das völlig egal. Ich kenne den Bruder nicht, wenn er Vater wird ist das schön und gut, aber ich kann dem nicht die geringste Emotion abgewinnen.

    Eine Kollegin hat kürzlich einen Fehler gemacht, für den sie von unserem Chef ermahnt wurde. Er ist dafür bekannt, dass er einerseits sehr fair und freundlich ist, in Ausnahmesituationen aber auch mal sehr streng sein kann. Als sie wieder im Büro war, war sie sehr geknickt und hatte Tränen in den Augen. Zwei Kolleginnen haben sich sofort auf sie gestürzt, haben sie getröstet und ihr gesagt, wie ungerecht und fies der Chef doch ist. Tagelang wurde noch der Kopf darüber geschüttelt, dass sie deshalb zum persönlichen Gespräch gebeten wurde. Mir tat es zwar leid, dass sie das so mitgenommen hat, andererseits hat sie aber auch nunmal den relativ folgenschweren Fehler gemacht. Sowas kann jedem passieren, aber dann sollte man auch dazu stehen und die Folgen akzeptieren.

    Kürzlich habe ich einen Capoeira-Kurs (brasilianische Kampfkunst) gemacht. Ursprünglich war der Kurs für Frauen ausgeschrieben, es war dann aber auch ein Mann dabei. Nach der zweiten Stunde haben sich mehrere Damen zusammengetan und sich an den Kursleiter gewandt, dass er doch den Herrn ausschließen soll, was dieser auch getan hat. Ich fand das unfair, da der jungeMann sehr zurückhaltend war und aus meiner Sicht niemanden gestört hat. Als ich das (in seinem Beisein) angemerkt habe, bekam ich gesagt: "So steht es eben in den Regeln, der wird schon irgendeine Mucki-Bude finden, in der er Sport machen kann", was ich sehr oberflächlich und respektlos fand.

    Man sieht schon: da wo andere Menschen ein Herz für ihre Mitmenschen haben, habe ich keins.
    Ich stehe normalerweise zu meiner Meinung, habe auch kein Problem sie zu vertreten, wenn ich in der Minderheit bin. Aber in letzter Zeit gab es mehrere Ereignisse wie die ersten beiden, wo mir mein Umfeld zu verstehen gegeben hat, dass meine Neutralität nicht angemessen ist: "Dich freut das gar nicht?" wurde ich auf dem Heimweg von meiner Bekannten gefragt. Und ich musste zugeben: nein, das freut mich nicht. Es ist schön, wenn sie ihre Freude an ihrer Nichte hat, aber dass ich nun darüber jubeln soll?
    Und solche direkten Fragen treffen mich dann schon, weil ich dann wiederum das Gefühl habe, dass ich damit jemanden verletze, was ich natürlich nicht will.
    Mir scheint, dass ist eine recht komplizierte Gefühls- und Gedankenkette...

    Ich würde mich über eure Meinungen sehr freuen.

  2. Inaktiver User

    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Liebe Ilaria,

    ich finde Dich erfrischend gesund. Deine Einstellung ist für mich sehr gut nachvollziehbar und ich finde nichts, was Du ändern solltest.

    Um das mal an Deinen Beispielen zu erklären: Du wirst mit dem Bruder Deiner Bekannten ja eher wenig zu tun haben. Da kann man der Bekannten vielleicht noch gratulieren, Tante geworden zu sein, aber nach den Einzelheiten der Geburt frage ich noch nicht mal, wenn meine beste Freundin Mutter geworden ist (es sei denn, sie möchte erzählen).

    Wenn Deine Kollegin vom Chef (zu Recht) kritisiert wurde, mag es für sie unangenehm sein, aber es hat seinen Grund. Deine Haltung, dass sie Dir zwar leid tat, weil sie mitgenommen war, finde ich völlig korrekt. Ist jetzt etwas OT, aber diese Masche, eine Kritik kleinzureden, kann einem Menschen zwar kurzfristig Erleichterung bringen, ich finde aber, dass damit das Thema Fehler-machen verpönt wird. Aufmunternde Worte a la "Es tut mir leid, dass es dir nicht gut geht mit der Kritik. Aber du bist stark und wirst vernünftig damit umgehen können." fänd ich konstruktiver als das Wegreden eines Fehlers, denn Fehler machen wir alle mal und müssen dann dafür auch die Verantwortung übernehmen.

    Ich empfinde das, was Du hier schreibst, als normal und angemessen. Wahrscheinlich hast Du hier zwei Beispiel herausgegriffen, ich vermute aber, dass Du durchaus in der Lage bist, zu trösten und beizustehen, wenn jemand aus Deiner Familie oder Freundeskreis in echter Not oder Trauer ist.

    Also mach Dir keine Gedanken.

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    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Hallo Ilaria84,

    Na ja, ein bisschen passiv und unbeteiligt an den Freuden und Leiden deiner Mitmenschen erscheinst du mir in deinen Beispielen schon.

    Neulich hat mir auch eine Nachbarin berichtet, welche Freude sie an einem Besuch ihrer Nichte empfand. Ich kenne natürlich die Kleine nicht und kann darum keine Freude über ihr fröhliches Kinderlachen empfinden. Aber ich mag die Nachbarin sehr und bin froh, wenn sie glücklich ist und das mit mir teilt. Ich habe also ihre Gefühle gespiegelt und ihr so Anerkennung vermittelt.

    Ich finde, die Menschen laufen hier doch schon oft genug muffelig oder neutral guckend durch die Gegend, da freut man sich doch gerade über ein herzliches Wort des Mitleidens oder Mit-Freuens. Du merkst ja selber, dass du mit deiner unbeteiligten Art andere vor den Kopf stößt. Offensichtlich sind dir die Reaktionen deiner Freunde, Kollegen etc. ja nicht egal. Vielleicht kannst du an deiner Empathiefähigkeit arbeiten.

    Ein erster Schritt wäre, sich zu überlegen: Wie reagieren denn deine Freunde, wenn du dich über etwas freust? Freuen die sich mit dir? Wenn du traurig bist, teilst du dann deine Traurigkeit anderen mit? Oder machst du alles mit dir selber aus?

    Ich wünsche dir ein wenig mehr Offenheit für die Gefühle deiner Mitmenschen.

  4. Inaktiver User

    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Zitat Zitat von Ilaria84 Beitrag anzeigen
    Kürzlich habe ich einen Capoeira-Kurs (brasilianische Kampfkunst) gemacht. Ursprünglich war der Kurs für Frauen ausgeschrieben, es war dann aber auch ein Mann dabei. Nach der zweiten Stunde haben sich mehrere Damen zusammengetan und sich an den Kursleiter gewandt, dass er doch den Herrn ausschließen soll, was dieser auch getan hat. Ich fand das unfair, da der jungeMann sehr zurückhaltend war und aus meiner Sicht niemanden gestört hat. Als ich das (in seinem Beisein) angemerkt habe, bekam ich gesagt: "So steht es eben in den Regeln, der wird schon irgendeine Mucki-Bude finden, in der er Sport machen kann", was ich sehr oberflächlich und respektlos fand.
    Ich finde, das Einstehen für jemanden, wie du es hier beschreibst, deutlich wertvoller als Empathie oder Interesse zu heucheln, um anderen gerecht zu werden. Gefühl kann man nun mal nicht erzwingen.

    Ich selber handhabe es mittlerweile so, dass ich in Situationen, wo offensichtlich Gratulation oder Trost angebracht ist, ein paar nette Worte sage. Aber mehr auch nicht.
    Auf keinen Fall würde ich mich ind em Beispiel mit der Kollegin dazu hinreisse lassen, auf den Chef zu schimpfen, wenn ich eigentlich der Meinung bin, dass die Ernahnung gerechtfertigt war.

    Etwas anderes ist es, wenn ich tatsächlich "mitfühle", weil es jemandem offensichtlich wirklich schlecht geht oder jemand sich wahnsinnig freut. So etwas wirkt halt auch ansteckend.

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    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Ich finde, das Einstehen für jemanden, wie du es hier beschreibst, deutlich wertvoller als Empathie oder Interesse zu heucheln, um anderen gerecht zu werden. Gefühl kann man nun mal nicht erzwingen.
    die reaktion - eben dieses einstehen für den mann - von ilaria war doch sehr empathisch!

    verwechselst du da vielleicht gerade empathie mit emphase? (das passiert hier im forum leider viel zu häufig)


  6. User Info Menu

    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Mir scheint Dein Verhalten auch eher im Rahmen des Normalen zu sein.

  7. User Info Menu

    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Ich finde es auch sehr normal, hätte in allen 3 Fällen ähnlich gefühlt, muss allerdings sagen, dass ich mich damit abgefunden habe, etwas anders zu ticken als der Mainstream, aber ich stehe nicht nur dazu, sondern finde es auch sehr in Ordnung. Dass ich mich in der Bricom oft unter Gleichgesinnten fühle - für wen spricht das jetzt ?
    Kreativität kommt von der Freiheit zu scheitern. Und die Freiheit zu scheitern kommt vom Experiment. (Peter Gabriel)

  8. User Info Menu

    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Ich bin da auch genauso und ich finde es sehr entspannend, wenn sich jemand nicht so unglaublich mitfühlend zeigen muss und sich immer mitreinsteigert.
    Ich glaube, es ist auch oft geschauspielert oder übertrieben, um zu gefallen.

    Mach dir also keinen Kopp und bleib wie du bist. Du bist nicht gefühlskalt.

    Ich glaube, du läufst ganz rund!

    LG
    Hexl
    The difference between try and triumph is just a little "umph"

  9. Inaktiver User

    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Zitat Zitat von Lizzie64 Beitrag anzeigen
    die reaktion - eben dieses einstehen für den mann - von ilaria war doch sehr empathisch!

    verwechselst du da vielleicht gerade empathie mit emphase? (das passiert hier im forum leider viel zu häufig)
    Nein, es ging mir eben um den Unterschied zwischen echter Empathie, die sie ja in der beschriebenen Situation gezeigt hat, und geheuchelter Empathie (die dann natürlich keine mehr ist), die anscheinend andere Menschen von ihr erwarten.
    Denn etwas anderes ist die implizite Aufforderung, sich z.B. mit jemandem zu freuen nicht. Es ist wohl jedem klar, dass man sich nicht auf Kommando freuen kann. Es geht also in der Regel darum, dass eine "angemessene" äußerliche Reaktion erwartet wird.

    Offensichtlich ist ilaria ja durchaus fähig, sich in andere Menschen einzufühlen. Und ich finde es eben völlig normal, dass man das nicht ständig tut.

  10. User Info Menu

    AW: Brauche ich mehr/anderes Mitgefühl?

    Wenn man es genauer wissen, will, kann man ja mal in den Psycho-und Neuro-Pages nachschlagen. Wegen "mangelnden Einfühlungsvermögens".

    Sowas sehe ich hier überhaupt nicht. Keine Soziopathie oder so.

    Wenn eine mir liebe Person sich freut, freue ich mich mit ihr. Im normalen Rahmen. Weil ich mich freue, dass meine geliebte Person glücklich ist.

    Vielleicht OT: Wenn jemand weint, kann ich das allerdings überhaupt nicht sehen und bin sehr angefaßt. Aber das ist nicht ganz gesund , habe ich mir sagen lassen. Trotzdem komme ich gut damit zurecht. Neulich habe ich eine wildfremde Frau auf dem Fußweg angesprochen "Entschuldigung, geht es Ihnen gut?". Sie wirkte so - merkwürdig. Nun, sie sagte mir, gestern sei ihr Bruder gestorben, sie stünde völlig neben sich, aber sie könne alleine nach Hause gehen, besten Dank. Meiner Bekannten neben mir war die Frau gar nicht aufgefallen. So unterschiedlich nehmen wir Menschen wahr.

    Ilaria, ist der Vorwurf auch schon in Beziehungen zu Eltern, Geschwistern, Partnern gefallen?
    The original Karla
    est. 2006


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