Geduld haben - tja, fragt sich wie lange. Und vor allem, was ändert sich?
Ich persönlich bin auch gewissermaßen immer runtergeredet worden und habe immer nur alles falsch gemacht - laut einer Person in meinem Umfeld. Wie soll man da wieder rauskommen - nur mit Geduld? Da funktioniert wohl nicht so gut.
Grad haben wir so einen Fall. Wir sollen eine Arbeit abliefern. Das Projekt - wurde schon seit Wochen dran gefeilt und naja, man war der Ansicht, das könnt' so passen. Dann hing sich eine weitere Person rein und meinte dann in einem ziemlich forschen Ton, dass das so aber gar nicht geht. Den Wortlaut kenne ich nicht, weil ich nicht am Telefon war. Aber man regt sich dann drüber auf, dass dann eine Woche vorher alles wieder geändert werden soll. Naja, und vor allem die Art und Weise. Dann ist das nicht gut genug und das nicht und überhaupt. Und die Person ist meist recht forsch. Das lässt bei mir nur den Abtauch- und Fluchtinstikt zu sowie den Wirf-gleich-die-Flinte-ins-Korn-Effekt.
Das liegt selbstverständlich an der anderen Person, dass sie so schroff reagiert. Die Möglichkeiten anders zu reagieren, z. B. in einem normalen sachlicheren Ton zu agieren, das kann nur sie entscheiden und umsetzen. Meist sind diese Menschen wohl dem Druck nicht gewachsen und von Versagensangst besetzt. Und man könnte sich jetzt sagen, naja, okay, die arme Frau, der geht's grad überhaupt nicht gut. Aber bringt einem das was? Es ist einfacher, wenn man von diesem Telefonat nur erzählt bekommt als dass man selber den Wind abbekommt. Nicht selten fange ich in solchen Fällen an zu weinen. Wie peinlich. Ich kann wirklich gar nix vertragen und bin natürlich unglücklich darüber.
Die Frage ist jetzt, was tun? Abwarten, dass das wieder besser wird. Eher nicht. Meine Methode, alles hinwerfen, nur um der forschen Kritik und dem Druck zu entgehen (immer noch mein Mittel erster Wahl)? Den Kontakt mit solchen Menschen konsequent meiden? Man kann schließlich nicht immer zum Amt gehen und sagen, man hat halt so nen unsensiblen Menschen dabei gehabt, der einem zugesetzt hat und möchte nun lieber zu Hause bleiben.
Abgrenzung von anderen gelingt mir leider auch überhaupt nicht und ich muss noch viel tun, um zu mir selbst zu finden. Wenn andere gewisse Dinge von mir verlangen, könnte ich oft ausflippen, weil ich mir den Schuh zu sehr anziehe und es unbedingt recht machen möchte. Ich finde das furchtbar. Ein alltägliches Beispiel sicher: jemand kritisiert einen und man geht daraufhin hoch wie ein HB-Männchen. Allein die gereizte Stimmung des anderen springt auf einen über und man fühlt sich genervt ohne Ende. Wie schafft man es, da cool zu bleiben? Und wie wäre die richtige Reaktion? Soll man die Sache richtig stellen, aber in einem ruhigeren Ton? Soll man einfach lächeln und gar nix sagen - eine Distanz schaffen?
Gibt es konkrete Tipps, wie die TE und andere, die auch das Problem haben, wo man aktiv das Problem angehen kann? Gibt es gute Tipps? Oder sollte man tatsächlich die Vermeidungsstrategie wählen?
Liebe Grüße
MrsInkognito
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Thema: Dünnhäutig geworden
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01.10.2011, 21:15Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
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01.10.2011, 21:31Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
zu einem zeitpunkt als henry kissinger kein aussenminister der usa mehr war wurde er interviewt.
der reporter fragte ihn, wie er, henry kissinger, zu seinen dienstzeiten mit druck (damals waren die gespräche in camp david, nahostkrise nicht nur aktuell- es brannte) umging.
die antwort hat mich verblüfft und mich zu meinem eigenen modell gebracht.
er sagte, sinngemäss, ich habe alles durch diverse filter ähnlich sandsieben laufen lassen. in meinen gedanken habe ich mich durch dieses schema gefragt und am ende blieb es irgendwo hängen und ich konnte ruhig schlafen.
mein filtersystem a la kissinger:
1) bedroht es mein leben?
2) ist es körperlich oder seelisch schmerzhaft?
3) muss ich diese schmerzen wirklich ertragen?
4) will ich das überhaupt ertragen?
5) nehme ich dieses problem als "mein" problem an oder ist es nicht eigentlich jemanden anderes problem?
6) bedroht es die menschen die mir nahestehen?
7) kann ich es überhaupt beeinflussen?
8) übernehme ich hier mehr verantwortung als ich händeln kann?
9) wer kann mir helfen?
10) wie schnell kann ich mir hilfe holen?
11) in welchem zeitrahmen muss gehandelt werden?
12) muss überhaupt gehandelt werden?
13) muss es innerhalb der nächsten 12/24 stunden entschieden sein?
14) kann ich erstmal ganz tief luft holen?
15) ist es schlimm, weil es geld kostet?
16) ist es schlimm, weil ich es als peinlich empfinde?
17) vor wem ist es mir peinlich?
18) wird es in 5/10 jahren immernoch ein problem darstellen? oder werde ich dann darüber lächeln können?
19) muss ich dieses problem wirklich alleine aushalten?
20) will ich das alleine aushalten?
21) kann ich mir im spiegel in die augen schauen?
22) verliere ich dadurch die liebe und achtung der menschen, die mir wichtig sind?
nur so als ideenstups-----------------------------------
und dann kommt manchmal das bild eines toreros vor mein inneres auge: wie er mit einer mehr als eleganten bewegung in der hüften, auf die zehenspitzen geht und den stier an sich vorbei rauschen lässt. ole hinterher rufend.
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01.10.2011, 22:28Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
Hallo brighid!
Eine wunderbare Aufstellung!
Zu der ich nur eines hinzufügen möchte: Man sollte sie eher spontan durch gehen und beantworten. Und nicht lange grübeln
Denn wenn man erst einmal eine schlaflose Nacht verbracht hat, ist das Problem oder die Kränkung vermutlich nicht kleiner geworden.
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01.10.2011, 22:30Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
schreibe deine eigene liste

ich habe meine in den letzten 3-7 jahren mehrfach modifiziert und meinem leben immer wieder angepasst.
in meinen schlimmsten zeiten, noch zu ehezeiten, hatte ich sie immer bei mir.
und ja- spontan, dass was gerade im moment drückt- da durchschicken.
hat mir über die jahren viel an taschentüchern und baldrian erspart. grins
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01.10.2011, 22:53Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
@brighid
Ja, tolle Auflistung. Wenn man so hilflos ist und die meisten Fragen nicht mal wirklich beantworten kann, naja..... Aber ich nehme an, dass man mit dieser Liste ganz gut üben kann. Ich müsste wohl erstmal lernen, in mich hineinzuhorchen und eben über die Situation nachzudenken anstatt immer dasselbe Muster abzuspielen - automatisch?!
@Nachtmahr
Was machst du eigentlich seitdem du aus der Firma ausgestiegen bist? Hast du eine Firma gefunden, wo du dich wohler fühlst? Oder was heißt kürzer treten?
Hast du das ehemals schlechte Betriebsklima damals so hingenommen, weil du dachtest, das is eben so? Warst du untergeben und hast nicht getraut aufzumucken? Ich stelle mir nach Brighids Aufstellung im Grunde zuerst die Frage, die sie als letztes auf dem Zettel stehen hat: verliere ich dadurch die liebe und achtung der menschen, die mir wichtig sind? Wichtig sind in dem Moment die Menschen, die darüber mitentscheiden, ob ich meinen Job behalte, ob ich gute Arbeit leiste, ob ich ihnen sympathisch bin und ich habe Angst, gemobbt zu werden oder ohne Hilfe dazustehen, wenn ich nicht weiter weiß (und das kommt ja leider ziemlich oft vor bei mir).
Im Grunde ist es Schwachsinn, Dinge dauerhaft über sich ergehen zu lassen. Doch man hat doch Angst davor, rauszufliegen und nichts Neues mehr zu finden. Ich zumindest. Was ist, wenn es mir mit XY verscherze und er mich nicht mehr mag? Was dann? Die Frage sollte man sich stellen bzw. sich klar machen, dass es auch ohne irgendwie weitergehen wird. Aber so einfach dann auch wieder nicht. Denn wenn man ebenfalls aggressiv reagiert, dann gewinnt man überhaupt keinen Blumentopf. Das richtige Gespür hilft - vielleicht. Naja, und wenn man woanders auch wieder so einen Menschen anhängen hat? Man kann ja nicht überall das Handtuch werfen.
Hat man euch in der Klinik nicht darüber aufgeklärt, wegen der Dünnhäutigkeit? Hat das nicht auch was mit Stress zu tun? In welcher Beziehung bist du dünnhäutig? Auf der Arbeit?
Ich denke z. B. oft, wenn ich kritisiert werde: jetzt habe ich es SCHON WIEDER nicht recht machen können - DAS NERVT. Warum kritisieren andere ständig an mir herum?
Gibt es Verhaltensweisen, die andere geradezu dazu einladen, einen zu kritisieren? Ich nehme an, dass man selbstsichere Menschen weniger kritisiert, oder?
LG
MrsInkognito
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01.10.2011, 22:57Inaktiver User
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01.10.2011, 23:16Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
Wenn jemand ein Ziel verfolgt und ganz motiviert bei der Sache ist, überhört er oft die leichten Kriteleien … und macht einfach weiter, weil Machen toller für ihn ist, als Grübeln und sich zu fragen, wer denn diesmal Schuld hatte.
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02.10.2011, 12:18Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
Wenn ich solche Dinge also einfach ignoriere, ist das quasi keine Schwäche sondern das einzig Richtige? Den Eindruck habe ich nämlich auch oft, dass es dann quasi in einen richtigen Kampf ausartet, wo es nur darum geht, wer als Sieger hervorgeht...was auf jeden fall andere "reizt" ist wenn sie merken dass du reagierst, wenn du in die rechtfertigung gehst und ihnen an dem punkt noch mehr angriffsfläche bietest.
Eigentlich nicht schlecht. Die Energie ist somit viel sinnvoller eingesetzt. Das heißt, dass einen diese Gifteleien ja eigentlich nur fertig machen, trotz Ignorieren des ganzen Geschehens, wenn man sich damit innerlich beschäftigt. Ständig darüber nachdenkt, es immer mehr in den Vordergrund der Gefühls- und Gedankenwelt rückt. Und das tut es wohl wie der Tropfen, der den Stein höhlt - je länger es andauert und je öfter es passiert - das schafft den Stärksten irgendwann?!Wenn jemand ein Ziel verfolgt und ganz motiviert bei der Sache ist, überhört er oft die leichten Kriteleien … und macht einfach weiter, weil Machen toller für ihn ist, als Grübeln und sich zu fragen, wer denn diesmal Schuld hatte.
Letztlich geht es immer um Machtkämpfe, sich durchsetzen, seine Position markieren. Wer das nicht schafft, hat vergeigt. Also liegt es wohl wieder daran, selbstsicher aufzutreten. Doch kommt es wieder darauf an, mit welchen Menschen man zu tun hat. Es gibt Leute, die sind sooo selbstsicher, da stinkt man einfach nur ab dagegen. Und es hat wieder mit Energie zu tun. Die, die dich runtermachen, die kriegen deine Energie und dir wurde sie abgesaugt.
Einzige Möglichkeit ist doch tatsächlich, anzuerkennen, dass man unterlegen ist oder das Weite zu suchen.
LG
MrsInkognito
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02.10.2011, 12:24Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
diese energievampire können dich nur aussaugen wenn du es zulässt.
mit grazie, einem wissenden lächeln und ohne weitere erklärungen- gehen.
zu wissen gegen wen du rhetorisch nicht gewachsen bist und dass du dich in diesen kampf erst garnicht verwickeln lassen willst.
ich habe das sehr intensiv mit dem vater meiner kinder erlebt: solange ich auf seine provokationen eingegangen bin- bin ich untergegangen. sehr lange, sehr intensiv, sehr schmerzhaft.
ich habe irgendwann gemerkt: so kann ich nicht gewinnen, keinen meter. eine andere strategie muss her.
was seine sticheleien usw innerlich in mir gemacht haben- er hat es nicht mehr zu sehen bekommen. dadurch dass ich ihm keine macht mehr über mich eingeräumt habe- hatte er sie auch nicht mehr.
es ist eine übungssache die eigenen alten muster neu zu stricken- aber glaube mir, es lohnt sich.
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02.10.2011, 19:20Inaktiver User
AW: Dünnhäutig geworden
ich musste ein wenig suchen- aber ich habe es gefunden:
der, der dich verletzt hat war entweder stärker oder schwächer als du.
was er schwächer- schone ihn. war er stärker- schone dich.
(seneca)


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