Hallo,
schon länger spüre ich eine Unruhe in mir, die ich nicht einzuordnen weiß. Gestern Abend überfiel es mich dann beinahe und seitdem grübel ich vor mich hin:
Ich habe festgestellt, das mir Vorbilder fehlen. Menschen, an denen ich mich orientieren aber auch in denen ich mich "spiegeln" kann.
Wie soll ich das erklären? Ich versuchs mal so: ich bin Ende 30, geschieden, lebe seit über 10 Jahren in einer neuen Partnerschaft, bin vollzeit berufstätig und verdiene gutes Geld, ohne dabei wirklich "Karriere" gemacht zu haben. Ich war einfach beharrlich und hatte manches Mal Glück mit meinen beruflichen Entscheidungen.
Nun ist es so, dass ich mir wie ein bunter Hund vorkomme - nur irgendwie "negativ besetzt":
-meine Mutter ist sehr früh Mama geworden und hat dann nie wieder gearbeitet. Sie und mein Vater führten die klassische Beziehung: er brachte das Geld nachhause, sie legte ihm schon am Vorabend Socken, Hemd und Krawatte heraus. Sie wollte auch nie wieder arbeiten gehen, wollte für uns Kinder da sein
-mein Vater: hat Karriere gemacht, war häufig unterwegs, hat uns aber in Schulbildung, Ausbildung,... gefördert und unterstützt. Doch ich werde bei ihm das Gefühl nicht los, dass ich ihn nur noch irritiere. Frei nach dem Motto: klar solltest Du einen Beruf lernen und ein paar Jahre arbeiten - aber nun ist es mal gut.
-weibliche Bekannte sind mittlerweile samt und sonders Mutter und fahren dann entweder Hausfrauen- oder Teilzeitmodelle: auch hier eher Irritation darüber, dass ich zum einen keine Kinder habe und darüber, wenn ich eben nicht um 17h zum Kaffeeklatsch kommen kann - tja, weil vollzeit berufstätig.
-Kolleginnen habe ich hier relativ wenige: die unterscheiden sich entweder in die Mutter-Teilzeitfraktion (s.o.) und die, die "richtig" Karriere gemacht haben und mich links liegen lassen, weil ich eben kein Abteilungsdirektor bin und man mit mir nicht ordentlich netzwerken kann
Ich habe nicht das Gefühl wirklich einsam zu sein: ich bin umgeben von Menschen, treffe mich häufig am Abend mit Leuten - aber ich habe immer das Gefühl, ich gehöre nicht dazu, ich kann mich nicht "einsortieren", werde als "merkwürdig" wahrgenommen.
Gerade gestern Abend hatten wir von dem Verein, in dem ich ehrenamtlich tätig bin, eine Sitzung, die ich bei mir zuhause ausrichtete. Usus ist, dass es beim Ausrichtenden dann immer ein Abendessen gibt (nichts Aufwändiges). Gestern dann: 5 Leute sind einfach nicht gekommen - später habe ich dann erfahren, dass denen der Weg zu mir zu "umständlich war" (ähm, ich wohne 5km von dem Ort entfernt, wo der Rest der Truppe wohnt...), 2 andere erschienen mit den Worten "ich habe schonmal zuhause vorgegessen, weil wir dachten, dass Du vielleicht nichts vorbereitet hast..." Tja, und da sass ich nun mit all dem Abendessen...
Versteht Ihr? Ich werde irgendwie als "seltsam" wahrgenommen... warum kommen die Leute auf den Gedanken, dass ich kein Abendessen vorbereite? Weil ich nicht den ganzen Tag zuhause hänge??
Ich habe einfach das Gefühl, dass ich anders und dadurch letztlich ziemlich alleine bin. Eigentlich nehme ich mich selbst als völlig normal wahr, aber mir fehlt da das entsprechende "Zurückspielen" dieses Gefühls von außen. Die Reaktion auf mich ist nie feindselig, aber ich empfinde es mittlerweile schon fast, als ob es manchen belustigt, weil ich irgendwie "der bunte Hund bin" - aber eben nicht positiv belegt. Dazu noch das Gefühl, dass ich niemanden habe, an dem ich dieses "anders" bislang auch entdecken konnte und mich in ihm "spiegeln" kann.
Versteht mich nicht falsch, mein Weh und Wohl hängt nicht von meiner Umwelt ab - dennoch bin ich über meine Gedankengänge seit gestern Abend verwirrt.
Mein Partner kann das gar nicht nachempfinden. Zum einen ist er nicht gerade der Ausbund an Empathie, zum anderen ist er als Mann mit diesem Lebensmodell ja gar nicht so weit weg vom männlichen Mainstream...
Für mich fühlt es sich so wurzellos an.. ich kanns nicht anders beschrieben. Aber einsam fühlt sichs an.
Kennt das jemand?
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Ergebnis 1 bis 10 von 171
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11.05.2011, 06:58
Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
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11.05.2011, 07:31Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Wiesenblume, vermischst Du hier 2 Dinge miteinander? Ein Problem ist das fehlende Rollenmodell, wobei ich das Gefühl habe, dass Du darauf zu achtest, was Dir gut tut (Arbeiten, und keinen extra Stress für Karriere) und Deine Umgebung tut das weniger.
Das andere Problem ist Deine nicht ausreichenden Kommunikation - meine Vermutung - die Leute aus Deiner Umgebung zu Annahmen verleitet, z. B dass Du keine Zeit hast, ein Abendessen zuzubereiten. Vielleicht hören sie auch nur nicht genau zu oder sind schlicht unhöflich.
Von Menschen umgeben zu sein, bedeutet nicht "nicht einsam" zu sein, wenn man sich gar nicht verstanden fühlt.
Geändert von Inaktiver User (11.05.2011 um 08:24 Uhr) Grund: korrigiert
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11.05.2011, 07:34Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo Wiesenblume,
ja, ich kenne das.
Das Leben, das meine Eltern führen (vergleichbar mit Deinen Beschreibungen), war für mich von vornherein ausgeschlossen, ich bin nach dem Studium nie wieder in meine Geburtsstadt zurückgekehrt - trotz attraktivem Jobangebot - , weil ich mich dort "heimatlos" gefühlt habe. Aber dieses Gefühl begleitete mich noch zehn weitere Jahre durch unterschiedliche Orte und ich habe viel Energie hineingesteckt, um zu überlegen, wie ich meinen "Krummheiten" gerade biegen kann.
Der Wendepunkt wurde von einer ganz anderen Geschichte ausgelöst, die zur Folge habe, dass ich so gut wie alle meine Glaubenssätze, feststehenden Wertemaßstäbe etc.pp. in Frage gestellt habe. Ich habe sie nicht aufgegeben, sondern bin in kritische Distanz gegangen:`Ist das wirklich ein Maßstab, der in Stein gemeißelt ist? Wo sind Vor-, wo sind Nachteile? Ist das wirklich so, wie ich es selbstverständlich annehme?´ Die Folge war nicht, dass ich das alles aufgegeben und mich angepasst habe, sondern dass ich mich sehr bewusst für meine Maßstäbe entschieden habe. Ich weiß, warum ich bestimmte Dinge für wichtig erachte und nehme die Folgen in Kauf. Das hat das Ende einiger Bekanntschaften bedeutet.
Heute lebe ich in einer Stadt, in der man ganz problemlos unterschiedliche Lebensmodelle leben kann. Mein Leitstern ist dabei immer die Frage: Passt das zu mir?
Zugegegebenermaßen klappt das nicht immer. Wir sind einfach soziale Wesen und die Rückmeldung anderer ist wichtig für uns. Dabei darf man aber immer auch mal fragen: Ist das, was mir rückgemeldet wird, hilfreich für mich? Oder steht möglicherweise ein eigener Zweck für die kommentierende Person dahinter? Zum Beispiel, ihren Lebensstil als absolut zu erklären?
Und zugegebenermaßen habe ich Unterstützung von nahestehenden Menschen erhalten, die mich ermutigt haben, meinen Weg zu suchen und zu gehen. Mich begleiten einige sehr liebe Menschen, sie haben bei weitem nicht immer denselben oder einen ähnlichen Lebensentwurf, aber wir mögen uns und schätzen uns.
Ich glaube, Dein Gefühl der Heimatlosigkeit ist eng damit gekoppelt, dass Dir diese Ermutigung fehlt. Vielleicht fehlt Dir auch aus Dir selbst heraus der Mut, Deinen eigenen Weg konsequent zu gehen. Vorbilder nützen Dir nur insofern, als Du den Mut entwickelst, trotz Widrigkeiten zu Dir selbst zu stehen. Dein Leben leben musst Du letztlich ohne "Rezept", denn irgendwie ist Leben doch, sein eigenes Rezept zu schreiben. Dann finden sich meistens von selbst Menschen, die davon mal kosten wollen.
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11.05.2011, 07:52
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo Nathalie,
lieben Dank für Deine Antwort. Ich weiß nicht, wieso die Leute auf solche Gedanken kommen... ich arbeite seit über 15 Jahren in dem Laden ehrenamtlich mit, und es ist beileibe nicht die erste Sitzung, die ich ausrichte... deswegen machen mich solche Aussagen komplett fassungslos.
Zu Deiner obigen Aussage: weißt Du.... ich habe mal vor einiger Zeit gesagt, dass ich mich wie ein Fettauge auf der Bouillon fühle: wenns gar nicht anders geht, werde ich mal kurz untergequirlt - das fühlt sich dann ganz kurz so an, als ob ich "dazu gehöre" und dann macht es "plopp" und ich treibe wieder als Fettauge auf der Suppe - ganz nah dran, aber nie dabei.
Das fühlt sich nicht gut an... es macht mich sehr traurig.
Ich denke schon, dass ich ein liebenswerter Mensch bin - bin aber nicht so, wie die Menschen sind, die mich umgeben. Bezüglich meines Vaters und seiner permanent zur Schau gestellten "Verwirrung" ob meines Lebens, habe ich mal gesagt: ich möchte nicht um Zuneigung betteln.
Nein, traurig ists - oder?
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11.05.2011, 08:04
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Liebe Catamara,
lieben Dank für Deine Gedanken. Ja, Ermutigung wäre schon schön. Weißt Du, ich bin immer am hin- und herschwanken: manchmal packt mich das heiße Heimweh (wie lächerlich bei 5km Distanz) und ich würde am liebsten wieder in das Dorf meiner Kindheit zurück ziehen und dauerhaft eintauchen in diese Suppe und ein Teil werden.
Doch dann (seit gestern Abend mehr denn je) trete ich innerlich ein Stück zurück und betrachte das alles und denke: "Nein, ich muss eigentlich noch viel viel weiter weg. So, wie es jetzt ist, tuts einfach nur weh."
Mir ist das bei einem Dorffest vor einigen Wochen schonmal aufgefallen, konnte es aber nicht einordnen: ich stand mit einem Bekannten (er ist voll integriert und mittenmang dabei) zusammen. Bei uns standen noch andere Leute aus dem Dorf, die ich alle kenne. Wir schwätzen und scherzten - es war wirklich witzig. Dann düste mein Bekannter fort. Ich führte das Gespräch an der Stelle weiter, an der wir gerade waren. Und wunderte mich. Plötzlich versiegte jede Unbefangenheit, die Leute, mit denen ich zusammen stand, entzogen sich dem Gespräch, wurden unruhig, suchten mit dem Blick das Gästefeld ab und so löste sich das Ganze innerhalb von 2 weiteren Minuten nach dem Weggang meines Bekannten auf.
Klingt doof: aber die Leute fremdeln mir gegenüber, obwohl wir uns schon Jahrzenhnte kennen. Ich finde offensichtlich keinen Zugang zu ihnen und sie wissen mit mir schlicht nichts anzufangen.
Das schmerzt dann schon...
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11.05.2011, 08:05Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Liebenswert sein hat doch gar nichts mit Zugehörigkeit zu tun. Du fühlst Dich nicht geliebt - gibst Du Dir selbst genügend Liebe? Vielleicht möchtest Du einmal hier lesen, ob Dich das Geschriebene in irgend einer Form berührt.
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11.05.2011, 08:11Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Kommt mir bekannt vor.

Hast Du mal den Perspektivwechsel versucht? Vielleicht passen diese Menschen einfach nicht zu DIR! Wenn man Freunde findet, sind das ja in der Regel Menschen, mit denen man sich wohl fühlt und die sich mit einem selbst wohlfühlen. Es passt vielleicht einfach nicht.
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11.05.2011, 08:15
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11.05.2011, 08:22
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11.05.2011, 08:27Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Wiesenblume,
mir kommt an Deinem Lebenslauf nichts ungewöhnlich vor - und ich sehe nicht, wo Du der bunte Hund sein solltest.
Die allermeisten Leute machen keine große Karriere, Du bist normal berufstätig auf einer guten Stelle auf der Du ordentlich verdienst - was ist daran ungewöhnlich. Geschieden und wieder in langjähriger Beziehung, keine Kinder - das ist doch heute genauso normal wie Kinder haben, Silberhochzeit feiern, alleinerziehend zu sein oder irgendwie Patchwork zu leben.
Ich will Dir Deine Wahrnehmung nicht absprechen - aber entweder die Dinge liegen vor allem in Dir (ich finde sehr bemerkenswert, dass Du Dein Leben in irgendeiner Weise als ungewöhnlich empfindest) oder es liegt an ganz anderem.


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