Liebe Wiesenblume
mich wundert wirklich, dass Du Dich wunderst. Man sollte doch annehmen, dass Du mehr vom Dorfleben verstehst :-) Im Prinzip funktioniert das doch überall gleich: Wer nicht in den Feuerwehrverein eintritt und sich nicht für die Nachbarn interessieren kann, wird immer aussen vor bleiben. Das ist auch nicht schlimm: Nur man muss es wissen und sich darauf einrichten.
Ich selbst kenne das Dorfleben auch, aber es liegt mir nicht. Also ziehe ich nicht hin, verbringe höchstens ein Wochenende dort. Du solltest auch bedenken, dass die Menschen allgemein mehr spüren als Du aussprichst. Niemand will von oben herab behandelt werden, auch Dörfler nicht.
Grüße von
Türkis
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11.05.2011, 14:05
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
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11.05.2011, 14:08Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo Wiesenblume,
vielleicht hilft es Dir, den Klatsch und Tratsch in seiner Funktion zu sehen und nicht so sehr an den Inhalten herumzugrübeln:
Gemeinschaft bildet sich um bestimmte Themen herum.
Dabei geht es aber nicht wirklich um Sepp und Gitta, sondern darum, dass man gemeinsamen Gesprächsstoff hat, eine weitestgehende ähnliche Erlebniswelt, bei dem der eine Satz den nächsten ergibt - im Grunde ist das Beziehungsarbeit. Das Lästern dient der gemeinsamen Abgrenzung nach außen hin.
Schau Dir Treffen im Kollegenkreis oder Klassentreffen an. Es geht in jeder Runde um die jeweiligen Themen, zu denen die meisten der Gruppe einen Zugang haben. Aber nur als Aufhänger um sich die Gesprächsbälle zuzuwerfen. Egal ob das Lästern oder ausgelassenes Lachen ist: Beides stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Und jede Gruppe hat zudem ihre eigene Art zu kommunizieren also auch, wie mit Inhalten umgegangen wird, es geht dabei mehr um Beziehungen und Gefühle als um die Inhalte an sich.
Mag sein, dass "Deine Dörfler" nicht sehr integrativ sind, was Deine "fremden" Themen anbelangt.
Das beruht jedoch auf Gegenseitigkeit. Sie begegnen Dir ebenfalls - kühl(?) - ich habe jedenfalls einen kühlen Eindruck von Dir gegenüber den Dorf-Themen. Richtig warm werdet ihr nicht (mehr) miteinander. - Wenn man bei dem Bild Gruppe / Wiesenblume bleibt.
Nein, das reicht nicht.
Wenn die Beziehungsebene nicht stimmt, kannst Du Dich auf der Sachebene in weiteren 25 ehrenamtlichen Tätigkeiten abarbeiten. Du giltst dann zwar als engagiert aber trotzdem hölzern und ablehnend, was ja auch zutrifft bzgl. Art und Inhalte der Dorfgespräche.
DAZU kommt, dass Deine Erlebniswelt, ganz woanders ist. Das kann man sich zwar anhören, aber nicht wirklich daran anknüpfen. Was sollen die Leuten denn nachfragen, was z.B. die Verwandtschaft Deines Lebenspartners angeht - das ist ja noch weiter weg als Deine Arbeitswelt.
Da erwartest Du zuviel, denke ich.
Sowas ist ja nur z.B. für eine engere Freundin interessant, die Anteil an Deinem Leben nimmt.
Es ist konstruiert - aber so würde es evtl. gehen:
Ein bisschen punkten könntest Du z.B. damit, wenn Du Dich als Anekdotenerzählerin aus der großen Stadt entwickelst, indem Du regelmäßig z.B. über Deinen Chef ablästerst und Dich so von dort abgrenzt und mehr dem alten Dorf zugehörig zeigst.
Das ist aber nicht Deine Art.
Eine Umwelt, die einen trägt muss man sich selbst schaffen.
Es kommt dabei weniger auf den Ort an, in dem man wohnt, denke ich. Natürlich auch, aber nicht nur. Das meiste ist Beziehungsarbeit und die ist ..... persönlich.
Z.B. klingt Deine Beschreibung für mich unpersönlich: Es geht um eine Gruppe, in der Du nicht "drin" bist. Es ist aber Deine alte Heimat .... was ist mit den alten persönlichen Freunden? Also Einzelpersonen? Gab es die nie oder haben sich die persönlichen Beziehungen schon länger verflacht? Trotz 15 Jahre Vereinsarbeit? Bewegst Du Dich dort nur auf der Sachebene?
Ohne persönliche, gute Einzelbeziehungen kommt man auch nicht "in eine Gruppe" hinein, auch nicht durch engagierte Gruppenarbeit.
- Das ist aber überall so. Auch wenn Du umziehen solltest. Kontakte ergeben sich über Kontakte. Und die sind persönlich zu pflegen.
Der Ansatz wäre für mich also, 1, 2, 3 persönliche Kontakte zu intensivieren, mich zu fragen auf wen und was ich mich gerne einlassen möchte, an welchem Leben ich gerne mehr Anteilnahme nehmen möchte, welcher Umgang mir gut tut.
- Egal an welchem Ort.
Daraus ergibt sich dann mehr.
Vielleicht auch nicht - aber dann ist man an verschiedenen Punkten freundschaftlich verankert und muss nicht auf eine Gruppe schielen, die sowieso andere Interessen hat, als man selbst.
Ich würde Dein Thema auch erstmal sehr praktisch angehen und nicht so sehr dramatisieren ... von wegen Wurzeln suchen oder am falschen Ort sein. Ich sehe auch weder Rosen noch Gänseblümchen noch Nebelwände. Es liest sich für mich ein bisschen kontaktlos, leidenschaftslos, nicht mehr, nicht weniger. Was machst Du gerne, woran freust Du Dich ..... nehme das wahr, intensiviere es und teile das in persönlichem Kontakt mit Leuten, die das auch teilen wollen - so schaffst Du Deine eigene "Gruppe" und musst nicht um Aufnahme woanders bitten. Passivität macht schwach, Aktivität stark.
Wenn Du bedauerst, dass sich niemand auf Dich einlässt, lass Dich erstmal auf andere (im persönlichen Kontakt) ein.
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11.05.2011, 14:26
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
ich finde das eine gesunde einstellung
und eine ehrliche dazu, bleib dabei. es wird auch immer mal wieder einen mensch geben der genauso denkt und fühlt wie du.
ich weiss auch was du fühlst, auch ich denke manchmal ich bin ein alien und alleine auf meinem planeten, mittlerweile ist das halt so und ich habe mich arrangiert.
ich muss nichts vorheucheln, nichts mit-erleben, nichts tun was ich nicht möchte und was mir nicht gut tut.
das bedingt aber dass du dich dann aussen-vor fühlst oder eben seltsam.
dabei sein und trotzdem individuell sein geht schlecht zusammen
bleib wie du bist und lerne dich zu mögen wie du bist
"Die Hoffnung ist das Übelste aller Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert"
Friedrich Nietzsche
"Wer nach allen Seiten hin offen ist, kann nicht ganz dicht sein"!
"Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt"!
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11.05.2011, 15:05Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Ich sage das mal so, wenn ich einen Garten habe mit Erde und Wasser und meinetwegen sogar Dünger, nutzt alles nichts, wenn die Sonne nicht dazu scheint. Es wird eine Wüste bleiben.
Ich denke, wenn Wiesenblume sich engagiert und dort aus bestimmten Gründen wohlfühlt, aber sich nicht angenommen fühlt, weil ihre Interessen und Hintergründe, die ja vorhanden sind auf keinen fruchtbaren Boden fallen, kann sie sich in ihrer Art nicht entfalten.
Oben stand irgendwo, sie sei leidenschaftslos??? Kann ich nicht so sehen. Nur hat sie ihre Leidenschaften eben nicht im Dorfgetratsche, auch wenn das der soziale Kitt ist.
Ich hatte auch nie Interesse an diesem Getratsche. Erstensmal geht mich vieles nichts an und mir mangelte es an Entrüstungspotential. Und es ging doch immer auch darum, auf Linie zu bringen und freiere Ansichten waren nicht gefragt.
Ich bin für Leben und leben lassen und wer genug eigene Interessen, Phantasie und Initiative hat, braucht nicht die neuesten Geschichten über den Nachbarn, um sich unterhalten zu können. Der hat selbst genug zu erzählen. Und zwar von sich. DAS ist in meinen Augen persönlich. Wenn es auf ein Gegenüber trifft, welches damit etwas anfangen kann.
Ich sehe diese Stadt-Land-Geschichte schon auch als eine Frage des Freigeistes. (Wobei nichts 100% sortenrein ist, eh klar.) Und heute hat man ja die Möglichkeiten, sich seinen Lebensraum auszusuchen.
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11.05.2011, 15:13Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
ich selbst bin ja in der Großstadt aufgewachsen - in die auch meine Eltern von weit her zugezogen waren - wurzellos sozusagen.
aus der Beobachtung der beiden Dörfer, in die ich zugezogen bin (siehe mein Posting oben), sehe ich aber mittlerweile auch die Vorteile von noch funktionierenden Dorfgemeinschaften. Da geht es eben nicht nur darum, sich den Mund zu zerreißen - da geht es auch darum, den kranken Sepp im Krankenhaus zu besuchen, der Familie, in der die Mutter krank ist oder in der ein Sterbender gepflegt wird, unauffällig Essen zu bringen, sich um den Sohn von Leuten mitzukümmern, die das nicht alles auf die Reihe bekommen, den behinderten Nachbarn bei mir im Betrieb anzustellen etc.
Leben und leben lassen ist nicht alles - da fehlt die gegenseitige Hilfestellung.
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11.05.2011, 15:19
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo Wiesenblume,
ich finde, Leda hat es sehr gut auf den Punkt gebracht. Dorfklatsch, der ja nicht immer gehässig sein muss, hat ja auch eine soziale Funktion, er erzeugt Gemeinsamkeit.
Ich glaube auch, dass man in gewissem Umfang seine eigenen Themen in andere Kontexte hineintragen kann. Es kommt halt auch immer auf das Wie an. Mit einer gewissen Distanz zu sich selbst und etwas Einfühlungsvermögen tut man sich meist leichter. Und ich glaube auch nicht, dass jeder, der in seinem Dorf bleibt, per se nicht über den Tellerrand schauen mag. Die Entscheidung für eine Lebensform schließt ja nicht automatisch das Interesse an anderen Lebensformen aus. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Man darf sich halt nur keine Bewunderung und keinen expliziten Beifall erhoffen. Und wenn man ehrlich ist, ist man ja auch ingeheim ein bisschen stolz, dass man sich in der großen weiten Welt behauptet hat und möchte dafür eine gewisse Anerkennung der jetzt hätte ich fast geschrieben Zurückgebliebenen
. Aber die haben eben ihre Lebensentscheidung getroffen und wären mit einer anderen vielleicht gar nicht glücklich geworden. Ich habe auch einige Zeit gebraucht, um das so zu akzeptieren und nicht alle, die in ihrem Dorf geblieben sind, für rückständig und unflexibel zu halten.
Und es ist eben nicht egal, wie Dein Partner zu Eurer Dorfgemeinschaft steht. Desinteresse ist ja meist auch eine Form von Ablehnung.
Ich würde auch den persönlichen Kontakt zu ein paar ausgewählten Leuten suchen und ruhig auch von Dir erzählen. Was Du so treibst, wofür Du Dich begeisterst, was Dich ärgert. Manchmal muss man die Leute eben auch anderswo abholen als Gleichgesinnte. Also z.B. nicht nur den Titel eines Films oder Buches in den Raum werfen, sondern ein bisschen was dazu erzählen. Es gibt Leute, da brauche ich nur zu sagen, ich hab den und den Film gesehen und es kommt sofort als Antwort: Und, wie ist der? Den wollte ich auch noch sehen. Und andere Leute wissen damit halt erst mal nichts anzufangen und reagieren nicht, weil sie ihre Unwissenheit nicht eingestehen wollen. Und schon glaubt man, sie sind desinteressiert. Dabei müsste man nur sagen: Ich hab da einen tollen Film gehen, der hieß xy und handelte von... Und der war so toll, weil... Und schon merkt man, wie das Interesse auf einmal da ist.
Und wenn man es schafft, sich auf unterschiedlichen Ebenen zu bewegen und sich auf seine Gesprächspartner einzustellen, dann kann man meiner Erfahrung nach fast alles erzählen und mit jedem über alles reden.
Gruß,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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11.05.2011, 15:38Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Nichts anderes meine ich auch.
Und zudem, dass man sich sein Gegenüber auch auswählen sollte.
Ich erzähl nicht dem ganzen Dorf meine persönlichen Geschichten von der Kirchweihkanzel herunter.
Was ich allerdings nicht glauben kann:
Dass es im ganzen Dorf niemanden gibt, der etwas damit anfangen kann.
Dann gibt es in der nächsten Stadt nämlich auch niemanden.
Es ist außerdem egal, wo ich wohne, der nächsten Nachbarschaft, mit der ich gut auskommen will, muss ich auch etwas von mir preisgeben und mich einbringen ... sei es bei eine Grilleinladung oder dass ich nach einer Geburtstagsparty ein paar Stück Kuchen rüberbringe und ein paar Worte darüber wechsle, wer der Besuch war ... Familie, Freunde .... und dass wir mit dem Wetter Glück hatten .....Gesprächsrituale eben.
Es genügt nicht, regelmäßig die Kehrwoche zu machen und des Nachbarn Mülltonne mit reinzustellen. Das ist zwar aufmerksam. Aber dennoch unpersönlich.
Ist der Nachbar allerdings die Tratschtante des Dorfes, muss ich mich mit ihm nicht soweit solidarisieren, dass ich mittratsche. Dann erwarte ich aber auch keine Einladung oder Gegenkuchen.
Dann stell ich ihm auch nicht die Mülltonne mit rein.
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11.05.2011, 15:41Inaktiver User
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11.05.2011, 16:06Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Nö.
Kannst auch beziehungslos neben Deinen Nachbarn herleben, wie im anonymen Hochhaus.
Wenn Du Dir allerdings den Rasenmäher zu mehreren teilst und die Kinder von Haus zu Haus ziehen, kommst Du um eine Beziehungspflege - in welchem Ausmaß auch immer - nicht vorbei.
Oder anders herum. Nette Begegnungen ergeben Rasenmähergemeinschaften.
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11.05.2011, 16:21Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Ich finde, Du idealisierst das Dorfleben ein wenig. Ja, es hat seine Vorteile und der soziale Zusammenhalt mag größer sein als in einer Stadt. Dieser soziale Zusammenhalt hat aber eben auch den Preis, dass deutlich mehr auf das Einhalten bestimmter Regelwerke geachtet wird, so wie Wiesenblume es auch beschreibt.
Mal davon abgesehen, dass das Dorfleben überall anders ist, genauso wie das städtische Leben, sollte man sich darüber klar werden, welche Lebensform die ist, die man möchte, und sich klar machen, was das jeweils bedeutet und ob man das mittragen kann.


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