Nachdem ich nun noch mehr von dir gelesen habe, liebe Wiesenblume, erhärtet sich mein Eindruck: du bist am falschen Ort!
Es mag überheblich klingen, kann schon sein, aber du bist über die Menschen dort hinaus gewachsen, hast dich weiter entwickelt, zumindest in eine andere Richtung.
Das ist weder schlecht, noch gut, aber Fakt. Sie können deshalb nichts mit dir anfangen und du nicht mit ihnen.
Das ist sicher eine bittere Erkenntnis, aber diese Dinge passieren!
Warum willst du denn unbedingt im Einklang mit den Menschen im Dorf sein, wenn die Voraussetzungen dazu fehlen?
Für mich wäre so eine eng gestrickte Dorfgemeinschaft übrigens der reinste Horror.
Ich wäre in keinster Weise kompatibel.
Eventuell musst du ein paar Konsequenzen ziehen!
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11.05.2011, 11:40
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Do what makes your heart sing
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11.05.2011, 11:56Inaktiver User
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Liebe Wiesenblume, bitte erlaube

ich kann dein Eingangsposting und alles, was Du noch folgend schreibst VOLL und GANZ nachempfinden. Ich kenne das Gefühl ganz genau.
Ich nenne das Vater-Mutter-Kind-Land. Ich habe selbst mit Familien- und Freundeskreisanbindung auf dem Land gelebt, mein Lebensstil entspricht aber nicht dem ihren und sie reflektieren die Unterschiede nicht so wie wir, weil sie ja die Differenz weniger spüren, denn ihr Leben entspricht ja dem der Nachbarn und überwiegenden Gemeinde.
Als Du das mit den 5km geschrieben hast, fielen mir meine Gedanken von damals wieder ein, daß es immer doppelt so weit und schwerfällig ist von ihrer Position zu mir zu kommen, als der Weg, den ich immer bereitwillig zu ihnen zurücklege. Verstehst, Du, was ich ausdrücken will?
Und das sind alles sehr liebenswerte Menschen. Ich habe sie sehr gern.
Deshalb habe ich auch lange gebraucht, mich zu lösen.
Aber ich bin im übertragenen Sinn gegangen. Es entsprach mir nicht, ich lebte sozial mit Anbindung, aber doch irgendwie in der Diaspora und ich wollte das nicht mehr.
Ich habe mich aus dem Umfeld gelöst und finde heute die Menschen, die ich gesucht habe, in der Stadt. Ich fühle mich sehr viel wohler, treffe auf für mich sehr attraktive Menschen und merke jetzt erst richtig, worauf ich all die Jahre verzichtet habe.
Hier bin ich nicht mehr die Exotin, die sich erklärt und erklärt, aber doch nicht wirklich verstanden wird. Hier muss ich ganz vieles nicht erklären, weil die Menschen viel ähnlicher ticken. Und das tut sooooooooo gut.
In dem Zusammenhang habe ich auch rückblickend über Vorbilder nachgedacht, die ich dafür nie hatte. Und habe für mich entschieden, dann bin ich eben selbst eines....
Geändert von Inaktiver User (11.05.2011 um 12:06 Uhr)
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11.05.2011, 12:10
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Liebe Lalique,
für mich bedeutet dieses Dorf ein Stück Heimat. Hier sind meine Wurzeln, hier fühle ich mich (wenn ich nur mal auf mich isoliert schaue) geschützt und aufgehoben. Wobei ich mich gerade frage, ob es mittlerweile vielmehr die Ortschaft als solche ist und in abnehmendem Maße seine Bewohner...
Mein Leben ist schon oft recht heftig durchgeschüttelt worden, mein Job ist das, was man wohl "gehetzt" nennen würde: jeden Tag schöne neue Erfahrungen. Aber es ist eben auch jeder Tag verbunden mit Brüchen, Umstrukturierungen, wahnsinnigen Deadlines,... Es fühlt sich rastlos an.
Vielleicht bin ich auf der Suche nach einem Hafen: verbunden mit einer sehr glücklichen und behüteten Kindheit in eben jenem Dorf suche ich vielleicht eben dort diesen Ruhebereich, dieses Gefühl "zurück" zu können - ohne zu bemerken, dass es kein Zurück mehr gibt, weil jetzt jetzt ist und damals damals?
Vielleicht ist das genau der Knackpunkt? Dass ich wirklich nur meine Ruhezone will, andere Menschen eben dort aber leben und agieren. Daher vielleicht dieser Widerspruch zwischen "ich will zurück - aber nicht mit Haut und Haaren"?
Leonie, Du hattest da ja auch ein paar Ansätze. Deswegen bin ich jetz darauf gekommen: ich will nicht so werden wie die Einwohner des Dorfes - ich will einfach dort sein , in der Dorfgemeinschaft sein . Ich will aber nicht von dieser Gemeinschaft aufgesogen werden.
Wenn das aber der einzige Status ist, der einem die Aufmerksamkeit oder Zuwendung einbringen kann (ist das so?) , dann kann ich wahrlich nicht dazu gehören.
Achso, Leonie, Du hattest noch die Frage gestellt, ob mich Sepp's Schicksal nicht interessiert. Wie formulier ichs richtig... mit diesem oder jenem Menschen in diesem Dorf teile ich genau eine Eigenschaft: wir stammen beide aus diesem Dorf. Und genau da endets dann auch schon. Schimpfe mich kalt, schimpfe mich herzlos, aber ich halte dieses (in meinen Augen theatralische und ritualisierte) sich-an-die-Brust-schlagen und mit großen Augen ein "nein, das gibts doch nicht! Dass der doch so schwer krank ist..." ausstoßen für sehr sehr oberflächlich. "Das gehört sich so" - aber 1 Minute später gehts dann schon wieder um das Mittagessen, das heute auf den Tisch kommt.
Ich persönlich halte mich daher mit solchen Gefühlsäußerungen sehr stark zurück - steht mir ein Mensch nahe, dann leide ich mit, versuche zu helfen und zu retten und trauere auch, vermisse und hadere mit ganzem Herzen und noch mehr Seele.
"Verordnete" Betroffenheit über jemanden, der mir nicht nahe steht, mit dem mich nichts verbindet... nein, das geht mir dann tatsächlich nicht so sehr ans Herz - denn dann müsste ich permanent am Seufzen und Weinen sein für all die armen Menschen, die gerade im Moment auf dieser Welt vermutlich ein noch viel schlimmeres Schicksal ereilt, als mit 78 Diabetes diagnostiziert zu bekommen. Das ist jetzt ein bißchen off topic - aber ich bin nur bedingt belastbar mit Themen wie Krankheit, Abschied, Tod.
Wenn ich trauere, dann trauere ich und wenn ich leide, dann leide ich - mit jeder Faser meines Seins. Ich kann diese Gefühle im Rahmen eines gepflegtes Dorfgesprächs nicht "verschenken". Ich kann es nicht.
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11.05.2011, 12:15
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Liebe Uli,
vielen vielen Dank für Deine Antwort. Es klingt so sehr danach, als ob wir da in etwa das Selbe erlebt hätten - nur, dass Du schon einen Schritt weiter bist, nicht wahr?
Sag, bist Du dann "richtig weit weg" von Deinem Heimatdorf gezogen?
Ich frage mich bezogen auf meine Situation tatsächlich, ob man sich nicht vielleicht besser komplett aus der Anziehungskraft des Planeten namens Heimatdorf befreien muss, um wirklich neu anzufangen. Ich habe den EIndruck, ich bin so nah dran, als dass ich weg sein könnte. Verstehst Du?
Vorbilder... Du hast eine wundervolle Einstellung dazu. Ich danke Dir für Deine Worte - das hilft so sehr.
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11.05.2011, 12:16
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo Wiesenblume,
ich sehe das wie Leonie: Du passt nicht an den Ort, wo Du lebst, und – ohne das werten zu wollen – Du willst auch nicht dorthin passen. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich schwierig, sich dort wohlzufühlen. Ich glaube, um ein gewisses Maß an Anpassung kommt man in einem Dorf nicht herum. Du sendest Signale aus, den von denen anderen eben interpretiert werden. Und dann kommt es zu solchen Missverständnissen wie an dem Ehrenamtabend. Vielleicht hast Du mal in einem anderen Zusammenhang eine Bemerkung gemacht wie dass Du generell nicht gerne kochst oder abends nicht mehr viel isst oder etwas anderes, woraus die anderen geschlossen haben, dass es bei Dir vermutlich nichts zu essen gibt.
Warum bist Du denn zurück in das Dorf gezogen? Was hast Du Dir davon versprochen? Und wäre es eine Option, mit Deinem Partner woanders zu leben? Nicht jede Umgebung passt für jeden, und die Rosinen rauspicken (wie z.B. ruhige Lage, viel Natur) funktioniert oft nicht, weil die sozialen Aspekte eben doch eine gewichtige Rollen spielen.
Wenn Du bleiben willst, solltest Du Dich schon fragen, in welchem Umfang Du Dich anpassen kannst / willst und worin Deine Integrationsleistung bestehen kann. Ich glaube durchaus, dass man auch als schräger Vogel in der Dorfgemeinschaft seinen Platz finden kann. Man muss sich nicht an allem beteiligen, man muss nicht an allem Anteil nehmen, aber man sollte halt erkennbar auch einen Beitrag leisten.
Ein Freund von mir ist auch ein sehr unkonventioneller Mensch, der in einem kleinen Dorf lebt (zugezogen). Als ich ihn mal fragte, wie das so klappt mit den Dörflern, meinte er, er versuche sich halt auf seine Weise einzubringen: ist z.B. nicht Mitglied im Verein oder dort aktiv, aber er spendet großzügig, wenn mal gesammelt wird, nimmt Anteil am Dorgeschehen, ist unkompliziert und kommunikativ. Er weiß aber auch, dass er niemals ganz in dieser Gemeinschaft aufgehen kann und will. Ich erlebe das auch bei anderen Freunden, die dörflich wohnen: ein gewisses Maß an Exotik wird durchaus toleriert, sofern man die Ebenen auch mal wechseln kann. Ganz dazugehören möchtest Du eh nicht. Aber es wäre sicher auch hilfreich, wenn Dein Partner sich nicht ganz ausgrenzen würde, denn sowas fällt meist auch auf den anderen zurück.
Viele Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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11.05.2011, 12:28
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Naja, man könnte jetzt auch sagen: "Du willst dir die Rosinen rauspicken und deine Umgebung an dich anpassen...", aber ich will mal nicht so sein, weil dir das üüüüüüberhaupt nichts nützt.

Aber du merkst schon selbst, dass das ein gewisser Widerspruch ist: Einerseits hast du das Dorfleben aus gutem Grund verlassen (also soooo sicher war der Hafen nicht...
), andererseits kommst du wieder zurück, findest aber genau das vor, was du verlassen hast.
Dir ist aber klar, dass du diese Menschen dort ebensowenig verbiegen kannst, wie dich selbst, oder?
Ich schrieb bereits, dass es sicher auch gute Seiten gibt. Kannst du die annehmen und schätzen? Bist du bereit, dafür andere Zwänge in Kauf zu nehmen? Und wenn nicht, was möchtest du genau ändern?
Mein Vorschlag wäre definitiv, deinen Radius (rein räumlich) zu erweitern und nicht all deine Energie nur auf das Dorfleben zu verwenden. Ich denke, dass du Anerkennung bekommst, aber nicht auf den Ebenen, die du brauchst. Und das kannst du bei dem geschilderten Menschenschlag einfach deswegen nicht erwarten, weil sie das nun mal nicht können - nenn es engstirnig oder spiessig, so oder so...falsche Adresse! Und ein Dauerkampf um Anerkennung bei den falschen Leuten ist für alle Beteiligten Gift!
Der Kompromiss könnten weitere/andere Bezugspunkte ausserhalb sein und dir eventuell Abstand und Erleichterung verschaffen, so dass du deinen "Spagat" mit dem Dorfleben leben kannst.
Die drastische Lösung wäre "Wegziehen, neue Umgebung", kannst du aber offensichtlich nicht, weil dein Mann sich dort wohlfühlt und dort eurer beider Lebensmittelpunkt ist.
Also kommst du um Kompromisse nicht herum!
Das mag alles sein...aber Tatsache ist, dass dir deine Wut nicht viel nützt, wenn du diese Menschen nun mal nicht ändern kannst! Die sind so, wie sie sind, ob es dir passt oder nicht! Und solange DIR keiner direkt Böses will, schadet dir auch niemand bewusst oder vorsätzlich (das wäre wieder eine andere Kiste)!... mit diesem oder jenem Menschen in diesem Dorf teile ich genau eine Eigenschaft: wir stammen beide aus diesem Dorf. Und genau da endets dann auch schon. Schimpfe mich kalt, schimpfe mich herzlos, aber ich halte dieses (in meinen Augen theatralische und ritualisierte) sich-an-die-Brust-schlagen und mit großen Augen ein "nein, das gibts doch nicht! Dass der doch so schwer krank ist..." ausstoßen für sehr sehr oberflächlich...
Es geht also um einen für dich besseren und sinnvolleren Umgang mit dem Unvermeidlichen! Nicht ums Verbiegen, sondern um die Kompromisse und Grenzen, die möglich sind und dir mehr Zufriedenheit verschaffen können!
Geändert von Elwyn (11.05.2011 um 12:39 Uhr)
Man sollte nie die gleiche Dummheit zweimal machen, denn die Auswahl ist groß genug.
Bertrand Arthur William Russell
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11.05.2011, 12:40
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Liebe Elwyn,

Du kannst vertrackte Sachverhalte so schön aufdröseln.
Bei mir ist ja das merkwürdige: ich wohne ja nicht mal in diesem Dorf. Wie gesagt, wir wohnen 5 km vom Dorf entfernt in einem anderen Ort.
Nach meiner Scheidung bin ich damals aus dem Dorf weggezogen. Mein neuer Partner stammt aus einer ganz anderen Ecke Deutschlands und ihm ist mein Heimatdorf so lieb und so egal wie jedes andere Dorf - er versteht aber, dass ich dort meine Wurzeln habe. Er ist es also nicht, der mich dort hält. Ich kette mich irgendwie selbst dort an, denke ich.
Ich denke, ich hänge viel an diesem Bild des Ortes, wie es sich in meiner Kinderzeit in mir eingebrannt hat und spüre nach wie vor diesem Eindruck hinterher - stets noch auf der Suche und nicht realisieren wollend, dass es gut 30 Jahre und länger zurück liegt, dass ich kein Kind mehr bin und dass die Zeit die Eindrücke verklärt. Manchmal kann ich schon ein richtiges Rhino sein, oder...
Kompromisse finden, Horizonte erweitern... ich habs mir mitgeschrieben.
Ich danke Dir
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11.05.2011, 12:48
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Das ist schmerzhaft und schwierig, keine Frage! Aber eines ist noch viel schwieriger und schmerzhafter:
Erwartungen an Leute stellen und bei denen Anerkennung suchen, die dir das überhaupt nicht geben können (und bisweilen auch nicht wollen).
Da kann ich dir einige "Liedchen von singen"!
Dein Vorteil ist übrigens, dass du sehr genau siehst, wie diese Leute ticken, auch wenn dich das (noch) sauer macht und verunsichert! Und es ist gut, dass du bisher immerhin nicht zur direkten Zielscheibe mutiert bist. DAS würde ich schon als mächtigen Erfolg in so einer engen Dorfgemeinschaft verbuchen!
Deine Grenzen und Kompromisse würde ich auch nicht als Zugeständnis an deren Lebensweise sehen, sondern als Möglichkeit, selbst zu deiner Zufriedenheit und Ruhe zu kommen!
Geändert von Elwyn (11.05.2011 um 13:00 Uhr)
Man sollte nie die gleiche Dummheit zweimal machen, denn die Auswahl ist groß genug.
Bertrand Arthur William Russell
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11.05.2011, 12:54
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Lieber Stecher,
ich wollte mich doch noch einmal bei Dir für Deine Offenheit bedanken. Das ist sicher nicht selbstverständlich. Danke für Deine ehrlichen Antworten.
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11.05.2011, 13:01
AW: Merke, dass mir Vorbilder fehlen - Gefühl der Heimatlosigkeit
Hallo Elwyn,
ich habe ja über die Hälfte meines bisherigen Lebens dort verbracht. Eine Illusion habe ich mir selbst vor Jahren aus eigener Anschauung und leider auch eigenem Erleben genommen: um zur direkten Zielscheibe zu werden - dafür fehlts dort an Mumm. Das geht schön hintenrum aber gerade noch so auffällig, dass mans mitbekommt, dass es um Dich geht.
Da mache ich mir also keine falschen Hoffnungen. Der Umstand nicht direkt als Zielscheibe herhalten zu müssen, sagt noch lange nichts über das Standing aus. Nach meiner Scheidung vom Dorfliebling aller Schwiegermütter und dem entsprechenden Gehetze meiner Ex-Schiegermutter bei den entsprechenden Stellen (Metzger, Bäcker, Krämerladen) hatte ich auch eine ganze Weile bis zu meinem Wegzug so ein sonores "Zischeln" in den Ohren... es schien irgendwie immer hinter meinem Rücken hervorzukommen und war schlagartig verstummt, wenn ich mich umdrehte.
Ich konnte die Ursache nie klären


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