Versagen will niemand. Versagen ist das Nichterfüllen der Anforderungen. Wenn man erst mal gefallen ist, ist es nicht so leicht aus dem tiefen Fass wieder rauszulkommen. Wie verweilen wir in dieser Tiefe? Was ist passiert? Und wie kam es dazu? Wie kommen wir aus der dunklen Ecke wieder raus?
Worin seid ihr gescheitert? Durch welche Hölle musstet ihr gehen? Was habt ihr gefühlt und gesehn?
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Thema: menschliches Versagen
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10.05.2011, 13:50
menschliches Versagen
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10.05.2011, 13:58
AW: menschliches Versagen
Hallo Nad, willkommen hier bei der Bri

schreib doch mal bitte, was DU unter "Versagen und scheitern" verstehst.
Wobei hast DU versagt und woran bist DU gescheitert oder denkst, dass DU versagt hättest und gescheitert bist.
Durch welche Hölle gehst DU oder bist DU gegangen oder sitzt vielleicht noch drin?
Wie fühst DU dich und was siehst DU?
Lieben Gruss
Lyanna
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10.05.2011, 14:01
AW: menschliches Versagen
Versagen hat oft etwas von Nicht(mehr)richtigfunktionieren an sich ... muss man denn wirklich immer und in jeder Situation funtkionieren? Was ist so schlimm daran, mal eine Aufgabe nicht so zu bewältigen, wie man (selbst oder andere) es erwartet?
Welche Intention hast du, diese Frage hier in den Raum zu stellen?
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10.05.2011, 17:37Inaktiver User
AW: menschliches Versagen
Versagen gehört zum Leben -genau wie Erfolg haben.
Wer nie versagt, weiß nicht, wie klasse es ist, wenn was klappt...
Ich wollte meinen Motorradführerschein machen, unbedingt - um mit meinem Mann durch die Gegend brausen zu können.
Hatte entsprechende Fahrstunden genommen, mich vorbereitet. Schriftliche Prüfung fehlerfrei..
Kam dann als letzter Prüfling dran.
Prüferin: streng dreinblickende, kühle ältere Dame...
Ich, nach Stunden des Wartens - nervös,aufgeregt, fahre sehr vorsichtig. Anfahren am Berg klappt...die erste 8 auf der Straße ist wackelig. Die zweite ist okay - aber es reicht der Prüferin noch nicht. Bei der dritten 8 bin ich so nervös, dass ich gegen den Bordstein fahre, hinfalle - das Motorrad auf mich drauf...mein Bein tut höllisch weh, ist zwischen Maschine und Bordstein eingeklemmt...
Das wars. Durchgefallen. Es tut weh - körperlich. Seelisch auch. Nicht nur mein Knie ist verletzt - auch mein Stolz.
Anmerken lasse ich mir nichts. Ich heule etwas, als ich im Bus nach Hause sitze. Ich bin stinksauer auf mich, auf die Prüftante auch - auf den blöden Fahrlehrer, die Idioten, die mich haben bis zuletzt warten lassen, auf meinen Mann, der so gerne Motorrad fährt, auf den doofen Busfahrer, der mich irgendwie angegrinst hat - also einfach auf alles...
"Das habe ich kommen sehen..." höre ich von einigen " Du bist halt zu schmächtig!"" Na - wartet nur...denen zeige ich's.
Kurz drauf bin ich wieder in der Fahrschule. Übe 8ten...mindestens 30 Stück...
Zwei Wochen später habe ich wieder Prüfung.
Diesmal ist der Prüfer ein Mann Typ Marine, kantig, drahtig, wortkarg.
Immerhin: ich darf als zweites fahren...bin erst mit im Auto dabei, indem der Prüfer sitzt.
Gott, ist der Marine streng mit dem Typen, der erst versucht, in den Besitz eines Motorradführerscheins zu gelangen...
die Vollbremsung passt ihm nicht, er schaut sich nicht genug um. Obwohl ich finde, dass er ganz ordentlich gefahren hat, fällt er durch.
Dann bin ich dran - komischerweise diesmal ganz ruhig...und bin vorgewarnt, was der Gute alles sehen möchte.
Es klappt!
Er gratuliert mir... er lobt mich sogar: " Klasse Leistung....für eine Frau..."
Ich lass mir die Laune nicht verderben und freu mich!!
Was ich draus gelernt habe?
Hartnäckigkeit.
Versagen hat oft mit Pech zu tun und mit Dingen, die man nicht beeinflussen kann.
Manchmal hat man selbst schuld - meistens ist es ein Gemisch aus beidem.
Ich bin emotional, lasse mich von streng dreinblickenden Mitmenschen beeinflussen und verunsichern - zu sehr..
Es tut gut, nach einem vermeintlichen Versagen zu heulen...ein Kissen zu verdreschen und "nie mehr"!! das zu tun, was zum Versagen geführt hat.
...am nächsten Tag hat man sich wieder gefangen und probiert es weiter. Solange, bis es klappt.
Ich glaube, die Kunst ist, einfach ein bißchen hartnäckiger als das Versagen zu sein.
So zieht sich das durch mein ganzes Leben: mir fällt nichts zu...aber wenn ich genug geflucht und gejammert habe, gehts weiter. Und irgendwann habe ich, was ich wollte...meistens. Wenns gar nicht klappt, war es in meinem Lebensplan auch nicht vorgesehen...
Ruby
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10.05.2011, 19:46Inaktiver User
AW: menschliches Versagen
Genau.
Ich habe im Job versagt. Eine neue Anforderung, die nächste Karrierestufe nicht geschafft. Es hatte mit den Rahmenbedingungen zu tun: zu viel in zu kurzer Zeit auf einmal, Chefetage unfähig, außerdem ein neues Arbeitsfeld, das nicht meinen Stärken entsprach. Aber auch: meine eigenen Anforderungen an mich. Das Nicht-Beachten meiner Grenzen. Im Arbeitsfeld habe ich keinen Schaden angerichtet, aber mich an den Rand einer Erschöpfungsdepression gebracht.
Ich habe das Arbeitsfeld gewechselt, mir gehts deutlich besser. Die Ursachenanalyse ist noch nicht abgeschlossen. Ich habe die Möglichkeit, einen zweiten Anlauf zu nehmen. Und frage mich gerade, ob ich es mit der von Ruby angesprochenen Hartnäckigkeit noch mal angehen soll. Oder ob ich es dabei belasse und meine Kraft anderweitig einsetze. Ich weiß es noch nicht.
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10.05.2011, 22:04Inaktiver User
AW: menschliches Versagen
Manches Versagen bleibt auch einfach Versagen, ohne "happy end" und "jetzt geht es mir viel besser".
Auch das IST und muss nicht umgedeutet werden.
Ich - habe - versagt . (Auch indem ich Dinge nicht tat / ungesagt blieben usf.)
Vielleicht kann ich es nie gutmachen.
Vielleicht kann ich es jetzt gutmachen.
Womöglich kann ich es an anderer Stelle besser machen.
Vielleicht versage ich immer wieder.
Trotzdem bin ich irgendwie da.
Und berechtigt?
Neben denen, die viel weniger versagen?
JA.
Das Versagen, das Scheitern nicht verteufeln, denn so vermehrt es sich.
Es nicht kommentarlos hinnehmen + gutheißen, so vermehrt es sich ebenfalls.
Es nicht zerpflücken, denn so fixiert man sich darauf.
Der Zuversicht Raum geben, dass ich es überwinden und daraus lernen kann.
Dass mir vergeben wird.
Dann kann ich selbst verzeihen.
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11.05.2011, 11:56
AW: menschliches Versagen
Versagen heißt, meinen eigenen Anforderungen an mich nicht gerecht zu werden. Damit umzugehen heißt, meine Anforderungen der geänderten Realität anzupassen.
Ich "wußte" seit ich vier Jahre alt war, daß ich studieren würde. Mit 24 mußte ich mich damit auseinandersetzen, daß das mit dem Abschluß nichts wird. Ohne das Trägheitsmoment dieser alten Erwartungshaltung an mich selber hätte ich es vielleicht drei Jahre eher bemerkt. Mich selber neu zu definieren hat ein paar Monate gedauert.
Mit dreizehn "wußte" ich, daß ich eigentlich fünfzig Kilo wiegen sollte und das auch schaffen würde, wenn ich es nur genug wollte. Andere mochten fett werden, aber ich nicht! Mein Körper sah das anders. Mit 35 habe ich gesagt, "Sch*** drauf, ich werde nicht länger warten, daß ich dünn werde damit mein Leben endlich anfängt."
Mit sechzehn habe ich versucht, reiten zu lernen und "wußte", daß ich taff und furchtlos war. Drei Monate später habe ich beschlossen, mich nie im Leben wieder auf ein Pferd zu setzen oder einem nahezukommen, weil ich dem körperlich und emotional nicht gewachsen war.
Mit achtzehn "wußte" ich, daß ich in dieser Stadt nicht einen Tag länger bleiben würde als ich brauchte, um zu kriegen, weswegen ich gekommen war. Mit 29 stellte ich fest, daß ich wohl bis zum Ruhestand hier bleiben würde.
"Versagen" ist, wie du sagst, das Nichterfüllen einer Anforderung. Die Frage ist aber doch, was ist die Anforderung? Ist sie klar definiert? Ist sie relevant? Wer hat sie gestellt? Warum willst du sie erfüllen?
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11.05.2011, 12:23
AW: menschliches Versagen
Ich habe im Jahr 2009 auf grobe Weise versagt. Oft liege ich heute noch im Bett und heule in die Kissen, mein Herz verkrampft sich regelrecht. Oft versinke ich in Tagträume.
Bis dahin hatte ich nur wenig Erfahrung mit Tieren:
Ferienhaus in der Toskana. Auf einem Nachbargrundstück finden wir drei mutterlose Katerkinder. Sie sind sehr klein und schmächtig. Wir schätzen sie auf 10 Wochen. Wir füttern sie täglich mehrmals, legen ihnen Decken hin, bauen Kartons auf.
Ich sehe, dass das nicht reicht. Sie haben eitrige Augen, niesen (wie ich danach wußte Katzenschnupfen). Ich hole in der Apotheke Augentropfen mit Antibiotika, erkläre es ist für Katzen. Täglich bekommen sie ihre Augentropfen, auch wenn sie sich wehren. Die Augen werden klarer.
Längst habe ich mich in die drei Katerchen verliebt. Sie sind herzzerreißend. Besonders der Eine... Er kommt jedesmal auf mich zugelaufen, krabbelt an meiner Hose hoch. Will nicht mehr von meinem Arm runter. Auch nicht wegen Futter. Er weint manchmal, er umklammert mit seinen Vorderpfötchen meine Beine, wenn er merkt ich will gehen.
In der letzten Nacht dort gab es ein starkes Unwetter.
Mein Mann wollte nicht, dass ich etwas unternehme wegen der Kätzchen. Ich bin schließlich doch zum Nachbargrundstück gelaufen. Habe die Kleinen unter einer Plastikplane völlig verängstigt gefunden. Bei ihnen war ein junger Kater, der sich oft um die Kleinen kümmerte, ganz ähnlich wie eine Katzenmutter. Zwei sind mir gleich auf den Schoß gesprungen. Der andere Kleine hatte sich zusammengerollt. Ich ließ ihn bei dem Mutterersatz und nahm die anderen beiden mit in unser Haus.
Sie lebten umgehend auf. Die Freude in ihren Gesichtern. Sie spielten und sprangen umher, bis sie sich müde zu mir auf die Couch legten und sich eng an mich drückten.
Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Sie saßen erwartungsvoll und maunzten wegen eines Frühstücks. Ich steckte beide in meinen Pullover und nahm Essen mit. Schweren Herzens setzte ich sie dort wieder ins nasse Gras. Fütterte sie.
Hinterließ dem alten Herrn, dem das Grundstück gehörte einen Sack voll Futter und fuhr mit meinem Mann nach Deutschland zurück. Ich heulte und mein Mann ließ sich nicht erweichen.
Erst drei Monate später, in der Silvesternacht, ist er wieder mit mir in die Toskana gefahren um die Kätzchen zu holen.
Sie waren fort.
Ich habe alles versucht sie wieder ausfindig zu machen. Aber umsonst. Vielleicht sind sie tot, ziemlich wahrscheinlich. Der alte Mann hält sich bedeckt. Zeigt in eine imaginäre Richtung und sagt, sie würden dort leben.... Wo auch immer er meint.
Ich vermisse sie. Besonders dieses eine, ganz besondere Kätzchen. Ich bekomme dieses kleine liebe, intelligente Kerlchen nicht mehr aus dem Kopf.
Seitdem engagiere ich mich für Tiere. Wir selbst haben inzwischen vier Katzen aufgenommen...
Es gibt Versagen, welches nicht mehr gutzumachen ist.
Gruß von SeldaGeändert von Selda (11.05.2011 um 12:24 Uhr) Grund: Fehlerteufel
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11.05.2011, 12:56Inaktiver User
AW: menschliches Versagen
Jeder Mensch, der ehrlich ist, wird zugeben müssen, mal versagt zu haben.
Ohne wenn und aber, ohne es entschuldigen oder beschönen zu können.
Wir sind alle nur Menschen und Versagen gehört zu unserem Leben - genau wie Erfolg haben.
Es kommt drauf an, wie wir damit umgehen.
Ich weiß - ich habe schon versagt und werde es noch öfters tun - weil ich nur ein mensch bin.
Dann habe ich mal wieder eine Schlacht verloren - nicht den ganzen Krieg - es tut mir weh, ich heule und fluche -
aber irgendwann kriege ich mich wieder ein. Und versuche es wieder - oder halt etwas anderes.
Ziele ändern sich - und man entwickelt sich weiter. Was einem früher als "Versagen" erschien, kann einem im Nachhinein als neuer Weg erscheinen.
Selda:
deine Geschichte kann ich gut nachempfinden...
Du machst jetzt das draus, was du kannst - und das finde ich toll.
Jetzt fehlt nur noch, dass du dir selbst vergibst...
Wer weiß - vielleicht lebt das intelligente kleine Tierchen ja irgendwo..
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11.05.2011, 15:53


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