Hochsensibilität...
Ja... Das ist eine Diagnose.
Was macht man dann aber damit.
Ich las auch ein Buch darüber.
Dann weiß man zwar, dass man vielleicht hochsensibel ist, aber davon wird es nicht einfacher.
Ich würde sogar behaupten, es wäre eine gute Möglichkeit, die Verantwortung wieder schön in ein abstraktes "Außen" (=genetische Veranlagung) zu verlagern.
Mir hat das kein bisschen geholfen.
Die "Erkenntnis" der Menschenfurcht kam nicht plötzlich.
Ich bin vom Charakter her sehr (zu sehr?) reflektierend und habe mir Hilfe gesucht.
Aber eine ultimativ heilbringende Möglichkeit des Umgangs damit fand ich bisher auch noch nicht, leider.
Die (deprimierten) Zustände des Aushalten-Müssens gehen nur einfach etwas schneller wieder weg mit dem Wissen, woran es liegt.
Das hilft schonmal sehr und wird berechenbarer (weniger verunsichernd).
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18.04.2011, 19:07Inaktiver User
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
Geändert von Inaktiver User (18.04.2011 um 19:18 Uhr)
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18.04.2011, 19:13Inaktiver User
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18.04.2011, 19:14
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
Der Gedanke an Menschenfurcht kam mir auch, als ich von Deine zitierte Schilderung las.
Menschen machen nun mal Geräusche, wenn sie leben. Und manchmal nerven diese Geräusche. Mein durchgeknallter Nachbar liebt es z.B. ausgerechnet am Sonntag, dem einzigen Tag, wo in meiner Straße Ruhe herrscht, an seinem uralten Motorrad rumzuschrauben und damit ausgiebig probezufahren. Da könnte ich auch manchmal zur Heckenschützin werden. Aber ich kann mich da gedanklich auch wieder rausziehen. Dann steck ich mir Ohrstöpsel in die Ohren und hab meine Ruh.
Du schreibst, Du könntest Dich nicht übertrieben reinsteigern, weil Du dann wieder den Knoten im Bauch bekommst. Aber der Sinn der Übung ist ja gerade, diesen Knoten bewusst zu erzeugen und dann mal einfach auszuhalten und zu schauen, was passiert. Die Alternative ist eine ständige Vermeidungs- und Sorgenstrategie, die unglaublich viel Kraft kostet und mit der Du nie gewinnen kannst.
Was Du schreibst, erinnert mich ein wenig an eine ehemalige Freundin von mir, die sich auch nie zu Hause wohlfühlte, nie im Garten liegen wollte, weil man sie ja sehen könnte, ständig auf der Hut vor den Nachbarn war oder sich über sie aufregte, das Sofa umstellte, weil sie sich sonst beobachtet fühlte, etc. Sie ist am Ende in einer handfesten, behandlungsbedürftigen Angststörung gelandet, was man so nie vermutet hätte. Aber auch bei ihr gab es diese tiefsitzende Menschenfurcht, die irgendwann immer mehr um sich gegriffen hat.
Ich glaube, dass solche Ängste schnell eine Eigendynamik entwickeln können, wenn man nicht aufpasst. Natürlich kann man sich sagen, dass man beim nächsten Umzug auf bestimmte Punkte achtet. Aber wenn man schon jetzt weiß, dass es dann andere Punkte geben wird, dann fände ich es sinnvoller, das Problem erst mal an Ort und Stelle in den Griff zu bekommen.
Viele Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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18.04.2011, 19:23
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
ja, ich denke, das ist schon ein gewinn, zu wissen, dass man einer raren spezies angehört. damit ist man nicht mehr so alleine, man kann sein sosein als seltene, aber öfters als ein individuelles krankheitsgeschehen vorkommende variante akzeptieren.
kürzlich las ich einen kleinen artikel über frühlingsschlüpfende und herbstschlüpfende vogelbrut. die später geborenen seien zurückhaltender, ängstlicher, sensibler, die früher geschlüpften vorwitziger, mutiger, offener, belastbarer. genetisch böte keine der beiden varianten einen vorteil. weil die zaghafteren, scheueren sich vorsichtiger verhielten, hätten sie ebenso gute überlebenschancen.lg
legrain
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18.04.2011, 19:54
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
Eine Freundin von mir ist auch betroffen, und ich habe auch nicht das Gefühl, dass die Diagnose hilfreich ist. Klar, man fühlt sich u.U. nicht mehr so allein, nicht mehr als skurrilen Einzelfall. Aber m.E. besteht auch die Gefahr, dass man sich das Etikett dann anhaftet und von seiner Umwelt besondere Rücksicht einfordert: hey, ich bin hochsensible, als nimm bitte entsprechend Rücksicht.
Was meine Freundin teilweise von ihren Vermietern, mit denen sie in einem Haus lebt, eingefordert hat, fand ich schon sehr grenzwertig. Und sie ist damit auch auf wenig Gegenliebe gestoßen. So eine Diagnose kann auch schnell dazu führen, dass man Anpassung nur noch von anderen erwartet.
Das Wort hochsensibel suggeriert auch schnell, dass das etwas Besonderes, Positives ist und man mithin zu einer schützenswerten Art gehört. Diese Art von Verständnis und Rücksichtnahme kann man aber von seiner Umwelt so oft nicht einfordern. Und die Umwelt lässt sich nun mal nicht ändern (nur teilweise aussperren). Mir erscheint es viel versprechender, an der eigenen Toleranzschwelle zu arbeiten.
Gruß,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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18.04.2011, 21:51Inaktiver User
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
Zauberhaft. So etwas nennt man dann Adaptation.
Oder einfach: Das nehmen, was ist. Und darin seinen Weg finden.
Wenn ich Dich so lese, Chennai, dann denke ich mir: Hm, ja das kann nerven. Nerven kann man früher oder später, jedenfalls gelegentlich, auch ausblenden.
Ja, da ist einiges nicht optimal. Damit könnte man aber auch klarkommen.
Unterschwellig klingt es aber mehr, als fühltest Du Dich bedroht von den Nachbarn (was die wohl wieder vorhaben, denken ...) oder allen, die irgendwie Einblick in Deine Privatsphäre bekommen könnten.
Warum? Was macht Dir solche Angst?
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19.04.2011, 10:24
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
Malina, mit diesen Sätzen beschreibst du mich...... Ich liege nämlich auch nicht im Garten - aus eben jenem Grund. Das merkwürdige ist - es geht hier AUSSCHLIESSLICH um meinen EIGENEN Garten - bei Freunden oder im Park oder in anderen Gärten dieses Planetens habe ich damit keine Probleme. Und dort könnten mich ja auch Leute sehen..... Seltsam.
Das Gefühl von den Nachbarn bedroht zu sein, ist ganau mein Gefühl, ein kleiner Teil von mir denkt, die machen das "mit Absicht". Zum Beispiel, die Tatsache, dass sie die Hecke immer kürzen.
Mein "vernünftiger Teil" sagt mir natürlich, dass der Nachbar das halt aus Ordnungs- oder sonstigen Gründen macht, und dass ihn mein Wohnzimmer nicht interessiert.
Ich fühle mich den Nachbarn auch unterlegen - es ist ein Bekannter des Vermieters und daher denkt mein "irrationaler Teil", dass die "Vermieter & Nachbar" die Höheren, Geldigen sind, und mich arme, blöde Mieterin als minderwertig betrachten und daher quälen wollen.
Dabei ist mein Vermieter wirklich sehr nett und null übergriffig oder neugierig.
Ich habe dieses blöde Unterlegenheitsgefühl wohl von meinem Vater, der war auch einige Jahre lang Mieter und hat diese Zeit als Hölle auf Erden erlebt, und in meiner Kindheit ausführlich davon erzählt. Merke: Als Mieter bist du eine Null, ein Nichts, die Bauern (in ländlichen Gemeinden haben die Bauern halt Äcker die irgendwann zu Bauland werden...) haben Geld und verachten die Nicht-Haus-Besitzer. In die Gesellschaft hineinkommen kann man nur als Hausbesitzer. Mein Vater hat mal von einem Mitarbeiter von ihm erzählt (im Büro immer nett - mein Vater war Vorgesetzter) der in dem Ort, wo beide wohnten, meinen Vater nicht gegrüßt hat. Grund: Er war Landbesitzer, mein Vater Landloser.
Ich weiß, klingt nach 19.Jahrhundert - war aber Ende der 70er im Speckgürtel einer Großstadt....
Aufgrund dieses Unterlegenheitsgefühls und der Angst beobachtet und ausgelacht zu werden, habe ich auch Angst, einen Sichtschutz anzubringen oder im Garten zu arbieten. Mache ich bevorzugt abends....
Ist natürlich eigentlich gaga.....
Hmmm, das mit dem "negative Gefühle aushalten" - wie lange geht denn das bzw. wann sollte man denn das Experiment abbrechen?
Ich weiß halt nicht, ob das so gut für die Psyche ist, wenn mein ein Wochenende bei strahlendem Sonnenschein in selbstgewählter Depression verbringt. Und ich falle dann halt in so ein richtiges Loch, bin total fertig. Die Auswirkungen merke ich bis in den Montag hinein - es fühlt sich wirklich an wie eine überstandene Krankheit - nur auf "psychisch". Wochentags gehts dann wieder aufwärts.....
Das Ablenken habe ich halt gemacht, damit ich eben nicht in das Loch falle - wenn das Leben natürlich nur aus Ablenkung und Flucht vor Zuhaus besteht ist es natürlich auch nicht gut.
Weil die Frage aufkam: Verbündete im Kampf gegen die "Angst" sind mein Mann, Gäste, Beschäftigung (z.b. Kochen, irgendwas sortieren, Fernsehen, Musikhören). Wenn wir Besuch haben, dann "traue" ich mich auch locker in den Garten - Besuch als Verstärkungsarmee.....
Chennai
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19.04.2011, 10:35
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
Hi!
Dies dürfte auch die Erklärung für Folgendes sein:
Du bist als Gast ja auch eine unter anderen und insofern hast Du dort Deine Verstärkungsarmee. Außerdem ist ganz klar, dass Du Dir nicht denkst, hier wärst Du allein und ungestört, schließlich sind da ja noch die Gastgeber. Insofern kann man Dich auch nicht "ertappen", in ungeschütztem Zustand erwischen.
Gut, liebe Chennai, dass Du Dich so sorgsam beobachtest. Ich denke, dies hier ist eine relativ harmlose Form der Angststörung. Meines Erachtens solltest du das weiter ergründen bzw. Deine eigene Konfrontationstherapie veranstalten, damit da nichts ausufert.
Massashi
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19.04.2011, 13:43Inaktiver User
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
Hallo Chennai
Wenn ich Deine Schilderung so lese – dann befürchte ich, egal in welche Wohnung oder in welches Haus Du ziehen wirst – Du wirst es nicht als ruhigen hort empfinden. Denn Du wirst Dich auch in einem anderen Objekt an Gegegebenheiten stören, die dort dann eben sind. Das können am Dorf die Reiter sein, die am freistehenden Haus vorbeitraben und über die Hecke gucken „könnten“, das kann der Hahn nebenan sein, der Kuhstall, die Pflüge, Sähmaschinen, Erntefahrzeuge, die den ganzen Sommer bis nachts unterwegs sind und die Straßen versauen und jeden sonnigen Tag nutzen werden. Das kann der Bauer sein, der mit Jauche düngt…
Du findest keine Ruhe – weil Du innerlich keine Ruhe hast. Und kein Umzug der Welt wird dir innere Ruhe schenken.
Du suchst eine Idylle, die es in der echten Welt nicht gibt. Und Du wirst ein unzufriedenes, halbherziges und provisorisches Leben auf der Durchreise führen, so lange Du nicht für Dich das geklärt bekommst.
Antje
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20.04.2011, 01:07
AW: Mein Zuhause - der Ort des Schreckens
Ich kann das auch nicht so gut, mit dem Vermieter in der Nähe. Also z.B. eine Einliegerwohnung in einem Einfamilienhaus wäre nix für mich. Ich krieg da ganz schnell so ein Gefühl, als sei ich der Untermieter. Ich lebe lieber in größeren Wohnhäusern, die etwas anonym sind, und der Vermieter am besten in einer ganz anderen Stadt.
Zweimal habe ich als Studentin auch in Untermiete gewohnt und das hat mir nicht gut getan. Irgendwie kamen da so Schamgefühle auf, wie du sie auch beschreibst. Als hätte ich nicht das Recht, da zu sein. Bei mir kam das Gefühl aus meiner Stellung innerhalb meiner Herkunfstsfamilie.
Bei dir hat es ganz sicher mit deinem Vater zu tun, du beschreibst das sehr plausibel.


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