Hallo wastun,
Puh, Deine Fragen erwischen mich teilweise schon eiskalt, aber ich finde sie sehr spannend und interessant.
Ich versuch mich mal an ein paar Antworten:
Das ist natürlich eine schwierige Frage, aber letztlich ist es nach meiner Überzeugung so. Es gibt nichts Böses, was von Gott nicht verwandelt werden könnte – vorausgesetzt der Verursacher will das auch so. Aber eng damit verknüpft ist ja die Frage der Theodizee, also wie das Leiden in der Welt mit der Allmacht und Liebe Gottes vereinbar ist. Und auf diese Frage gibt es m.E. keine schlüssige Antwort. Diese Frage als unklärbar für den menschlichen Verstand auszuhalten, ist vermutlich die größte Herausforderung des Glaubens überhaupt. Und um diese Frage auszuhalten, brauche ich die persönliche Gotteserfahrung (in welcher Form auch immer). Dann kann ich sagen, ich weiß die Antwort nicht, aber meine Erfahrung mit Gott lässt mich glauben, dass seine Liebe letztlich größer ist als alles Leid und das Leid sich zwar aus der Welt nicht entfernen lässt, aber Gott zumindest in allem Leid als Halt erfahrbar ist.Aber was bedeutet das konkret - mein Leben ist auf jeden Fall sinnvoll, in Gott liegt der Sinn meines Lebens und deshalb kann mein Leben gar nicht sinnlos sein? Was ist denn z. B., wenn jemand sein Leben total verpfuscht - also Böses tut, andere schädigt usw. - wie kann dessen Leben denn dann sinnvoll sein? Wenn jetzt jemand dauernd Gottes Gebote missachtet und nie irgendjemandem irgendwas Gutes tut, worin liegt dann der Sinn? Ist wirklich wirklich nicht böse gemeint, ich möchte es nur gern verstehen können, weil mir diese Gedanken noch so fremd sind
Und damit sind wir bei der nächsten Frage:
Die zu beantwortenf fällt mir wirklich schwer. Ich hab so gar keine missionarische Ader und versuche mir vorzustellen, was mir in diesem Fall helfen würde. Kirchenbesuch ist sicher nicht das Mittel der Wahl. Gerade die katholische Liturgie ist schon sehr speziell. Und wer sich da nicht auskennt und weiß, was er zu tun und zu sagen und zu singen hat, muss sich zwangsläufig ausgegrenzt vorkommen. Der Vorteil ist halt, dass man, wenn man sich auskennt, überall auf der Welt an einer Messe teilnehmen kann und weiß, was passiert, auch wenn man kein Wort versteht. Aber ich steh dem selbst, obwohl ich mich halbwegs auskenne, auch oft distanziert gegenüber und denke, das hat mit mir gerade nichts zu tun. Im evangelischen Gottesdienst fühle mich andererseits aber oft nicht genug einbezogen, sondern eher berieselt.Aber das ist eigentlich genau das, wo ich hinkommen möchte - ich möchte mir gern diesen Glauben aneignen, weiß jetzt nur nicht, wo anfangen. Jetzt könnte jemand sagen "lies halt die Bibel", aber - ich weiß nicht, mir fehlt irgendwie noch die gläubige Grundhaltung, um sie so zu lesen können, wie sie es verdient (mal als Beispiel), und nicht kritisch. Mir fehlt dieses Sich-darauf-einlassen-Können, eben einfach zu glauben, was dort steht oder von der Kirche gesagt wird usw., es als Wahrheit zu erkennen.
Bibel lesen ist auch so eine Sache. Die Sprache ist oft sperrig, der Inhalt nicht immer ohne weiteres zugänglich. Es gibt sicher viele schöne und ansprechende Stellen (in den Evangelien, in den Psalmen, etc.), aber die muss man erst mal finden. Und obwohl ich jemand bin, der sich viel über Texte erarbeiten kann und sich auch von Texten emotional ansprechen lässt, bin ich mir ziemlich sicher, dass mich Bibellektüre nicht zum Christen machen würde. Was ich in der Hinsicht ganz gut finde, sind die Herrenhuther Losungen. Das ist ein dünnes Büchlein mit für das ganze Jahr tatsächlich ausgelosten Bibelstellen aus dem Alten Testament mit einem dazu passenden Text aus dem Neuen Testament. Da finde ich dann schon mal eine Stelle, die mich anspricht und wo ich den Zusammenhang nachlesen will. Das kann so ein Weg sein, sich dem sperrigen Textwerk Bibel anzunähern.
Man kann so eine Losung auch ganz gut mit in den Tag nehmen, überlegen, was sie einem sagen könnte, ob man daraus für sich was ziehen kann. Und wenn gar nichts damit anfangen kann, ist es auch okay. Ich bin ja immer sehr für einen unverkrampften Umgang mit diesen Dingen.
Eine andere Möglichkeit ist natürlich Gebet und Meditation, wobei sicherlich viele ungläubige Menschen vor allem mit ersterem ein Problem haben. Von daher würde ich das auch nicht zu hoch aufhängen. Mir vielleicht mal eine Viertelstunde Zeit nehmen, eine Kerze anzünden, innerlich zur Ruhe kommen, vielleicht ein zwei Sätze sagen (ruhig auch nur so was wie: ich bin jetzt hier und frage mich, ob es Dich gibt). Oder mal ein Vaterunser aufsagen und den einzelnen Wörtern nachspüren, ob sie eine Resonanz erzeugen. Und vor allem nichts Großes erwarten, keine Erleuchtung, dramatische Bekehrung, plötzliche Erkenntnis. Nur einfach schauen, tut mir das gut? Werde ich innerlich ruhig? Kann ich davon etwas mitnehmen in meinen Alltag? Welche Gedanken und Gefühle kommen dabei hoch?
Ich glaube ja im Grunde, was es letztlich braucht, ist die Bereitschaft, sich auf den Glauben einzulassen und ihm ein wenig Zeit und Raum im Leben zu geben.
Soweit mal meine Gedanken dazu. Ich finde es übrigens auch ganz toll, dass Du Dich mit den verschiedenen Antworten, die hier gegeben werden, so intensiv und ausführlich auseinandersetzt. Und ich glaube, das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, denn mich zwingt es auch dazu, unklare Punkte zu klären.
Danke dafür,
Malina
Antworten
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16.12.2010, 13:59
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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16.12.2010, 16:31
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Nein, ich widerspreche, es ist NICHT irgendwann vorbei; es MACHT einen Unterschied!
Jede Entscheidung führt ja andere Entscheidungen im Schlepptau, und wenn Du jemandem etwas Gutes tust, verändert das sein Leben (es müssen ja nicht nur große Veränderungen sein; das Leben setzt sich aus kleinen Dingen zusammen). Auch eine winzigkleine Sache wie z.B. ein Lächeln oder ein freundliches Wort zum Busfahrer ändert etwas - vielleicht ist der Busfahrer dadurch freundlicher gestimmt, überlässt jemandem die Vorfahrt, der erreicht dadurch noch sein Flugzeug usw.
Du kennst das Beispiel mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings, der durch vielerlei Zwischenschritte einen Wirbelsturm auslöst?
Eine kleine gute Sache, die Du tust, kann als Kettenreaktion ganz viele andere Dinge auslösen. Nichts ist verloren! Da bin ich ganz sicher.
Obwohl ich da hier auch schon (ich weiß nicht mehr, von wem ) die Meinung gehört habe, durch diese Beziehungen entsteht eine Art positive Energie, die dann eben weitere Kreise zieht, weil von ihnen dieser andere Mensch, dem ich geholfen habe (Beispiel Patenkind) z. B. ein anderes, besseres Leben führen kann
Das war ich!
Malina hat recht, Du gibst Dir wirklch viel Mühe mit Deinem Strang und antwortest sehr ausführlich!
Geändert von Tabea57 (16.12.2010 um 17:02 Uhr)
Gestaltet doch euer Leben, hofft weniger, macht was ihr wollt.
Aber macht!
ausgeborgt von Uli_F-2009
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16.12.2010, 22:13
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Hallo Leda,
Das wäre schön
ja, sowas hab ich auch schon mal gedacht - diese Ahnungslosigkeit, dieses nur-im-Hier-und-Jetzt-Leben, das ist sicher nicht das Schlechteste. Und die Denkfähigkeit, die wir als Menschen (stärker) haben, sollte man wahrscheinlich sinnvoller einsetzen.
Das will ich auch nicht - wobei ich glaube, dass dies überall passiert - man hört ja oft, jemand sei nach einem erfüllten Leben gestorben oder hätte dies und jenes in seinem Leben (nicht) erreicht, da zieht man ja schon Bilanz.
Ich hasse es, wenn jemand für mich mitdenken will, das ist also keineswegs meine Absicht. Ich behandle andere (Mensch und Tier) ja auch gut und nicht nach dem Motto, was soll ich mich mit dir abmühen, hat ja sowieso keinen Sinn
Lebenssinn verloren - so dramatisch ist es bei mir glaub ich nicht
Die Trennung, die du vorschlägst, ist sicher gut. Wobei ich über das hier stolpere: "Was wiederum weitere, spannende Themen mit sich bringt, die man nicht erkennt, wenn man Leben und Tod über die Sinnfrage (meiner Meinung nach unzulässig und sinnlos) verknüpft."
Man fragt aber doch schon nach dem Sinn eines Lebens oder Todes (s.o. erfülltes Leben), ist das deiner Meinung nach auch unzulässig?
Weiß ich ja
vielleicht hab ich mich da nicht richtig ausgedrückt. Das ist normalerweise meine Einstellung (hab ich auch im ersten Post schon versucht deutlich zu machen), nur waren mir daran jetzt eben Zweifel gekommen und die wollte ich wieder loswerden.
Die Angst vor dem Unbekannten, vor dem Kontrollverlust, vor der Ohnmacht, der Ungewissheit, dem Sichverlieren, ohne jede Einflussmöglichkeit...
Also das kann ich jetzt nicht nachvollziehen (nein, ich finde mich nicht besonders wichtig) - da fände ich es besser, sich einfach im Leben mehr zurückzunehmen, dafür muss ich ja nicht verschwinden

Das stimmt - man kann natürlich auch einfach mal anerkennen, dass es Dinge gibt, die man nicht versteht und die Menschen vielleicht nie verstehen werden. Und dass das auch gut ist so
Liebe Grüße,
wastun
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16.12.2010, 22:36
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Hallo Malina,
vielen Dank, dass du dich so ausführlich mit meinen Fragen auseinandergesetzt hast
Theodizee - ja, das ist natürlich ein großes und schwieriges Thema und da bin ich, so ahnungslos wie ich bin, wahrscheinlich auch nicht derjenige, der sich gleich mit solchen Fragen auseinandersetzen sollte.

Ja, auch das ist schwierig. Kirchenbesuche ohne Vorkenntnisse führen eben logischerweise dazu, dass ich zu wenig weiß, um da wirklich etwas mitnehmen zu können, und mich eher ausgeschlossen fühle.
Echt? Das hätte ich jetzt eher andersrum vermutet - ich dachte, in evangelischen Gottesdiensten wird mehr gesungen und man ist mehr "auf Augenhöhe" mit dem Pfarrer. Aber wie gesagt, da kann ich nicht wirklich mitreden.
Das mit der Bibellektüre ist natürlich auch schwierig - also wenn ich mir jetzt ohne Vorkenntnisse und Plan eine Bibel kaufe, das würde mich wahrscheinlich nicht wirklich weiterbringen. Zumal es in der Bibel ja auch widersprüchliche oder unklare Stellen gibt, da bräuchte ich dann schon einen "Kommentar" dazu, um etwas damit anfangen zu können.
Von den Herrenhuther Losungen habe ich noch nie gehört, aber das scheint schon mal ein besserer Einstieg zu sein, als wenn man da einfach auf Seite 1 anfängt
Das wäre natürlich am besten, wenn man so etwas auf sein eigenes Leben (gerade jetzt) beziehen kann.
Kann ja auch sein, man versteht es später einmal, aus einer anderen Situation heraus. Und es muss ja auch sicher nicht alles zu jedem einzelnen Menschen passen.
Das hast du auch sehr schön beschrieben und das ist auch etwas, was ich konkret in diesen Tagen versuche.
Die Bereitschaft hab ich
nur eben das Wissen noch nicht, wie ich mich diesem komplexen Thema am besten nähere, wo ich anfange, was Glauben genau bedeutet.
Ich habe eben immer noch ein bisschen das Gefühl, mich in einer fremden Welt zu bewegen. Ich möchte sie an mich heranlassen, ich möchte eintauchen und sie kennenlernen, aber ich stehe derzeit noch vor dem Tor und kenne den Zugangscode nicht. Oder so ähnlich
Vielleicht sollte ich mir Kinderbücher zum Thema Glauben besorgen, um wirklich ganz bei Null anzufangen und mir das Ganze zu erarbeiten... Einerseits ist es ja schon der christliche Glauben, der mich anspricht und um den es mir geht, aber andererseits habe ich eben das Gefühl, ich habe keine Ahnung von überhaupt nichts. Also wie gesagt, ganz grundlegende Bibeldinge nicht (ich könnte nicht mal die 12 Apostel nennen), ganz grundlegende Kirchendinge auch nicht (Liturgie, aber auch sowas "Verwaltungsmäßiges", die verschiedenen Ämter z.B.) - sowas ist bei uns im Religionsunterricht leider nicht vorgekommen, wurde wahrscheinlich schon vorausgesetzt
Und dann fällt es mir natürlich umso schwerer, mich auf Gott und Glauben einzulassen, weil mir so einfaches "Handwerkszeug" fehlt. Also das kommt mir jetzt so vor, als wollte ich vom 10-Meter-Brett springen, obwohl ich gar nicht schwimmen kann. Oder eine Prüfung auf Französisch ablegen, obwohl ich die Sprache gar nicht beherrsche. Oder an einem Fußballspiel teilnehmen, obwohl ich nicht weiß, was ein Abseits ist. So mal als blöde Beispiele, um das zu verdeutlichen.
Dankeschön
Und ich danke dir, dass du dich so darauf einlässt und dich mit meinen Fragen auseinandersetzt, obwohl manche davon sicher sehr banal sind, weil mir Dinge fremd sind, die für dich ganz selbstverständlich sind 
Liebe Grüße,
wastun
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16.12.2010, 22:59
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Hallo Tabea,
ich verstehe, was du meinst. Das ist ja wie gesagt normalerweise auch meine Einstellung, nach der ich handle. Es ist eben nur so, dass ich plötzlich an dieser Einstellung gezweifelt habe. Weil man eben auch dagegenhalten könnte: ich, der Busfahrer und der Flugzeugerreicher
werden trotzdem irgendwann sterben, daran ändert das alles nichts. Vielleicht stürzt das Flugzeug ja auch ab und ich hätte lieber nicht nett sein sollen zum Busfahrer, dann hätte ich diesem Mann das Leben gerettet 
Vielleicht hab ich mich da nicht ganz klar ausgedrückt: ich denke normalerweise (hab ich auch schon immer), dass es gut ist, Gutes zu tun, anderen zu helfen usw. - alles andere wäre ja auch sinnlos, dann bräuchte man keine Feuerwehr, keine Polizei, keine Ärzte... natürlich lohnt es sich, Gutes zu tun, und natürlich kann ich dadurch anderen vielleicht sogar helfen, glücklicher zu sein. Und das ist ja auch wichtig, sein Leben zu genießen (mit Rücksicht auf andere) und so lange man kann so glücklich wie möglich zu sein - das will ich ja alles gar nicht abstreiten. Das macht ja auch das menschliche Streben aus
ohne das gäbe es ja auch keine Weiterentwicklung, keinen Fortschritt, keine Erfindungen, man würde sich aufgeben und nur noch dahinvegetieren - dann wäre alles sinnlos.
Mich haben eben nur plötzlich aus dem Nichts diese Gedanken angefallen, dass von all dem trotzdem nichts bleibt, weil es an endliche Lebewesen gebunden ist (allerdings könnten sich die Auswirkungen ja schon sogar über mehrere Generationen übertragen). Aber das ist ja nicht das, was ich normalerweise denke, und davon will ich ja auch wieder weg, um eben unbeschwert diese Einstellung wieder pflegen zu können und mich beispielsweise für andere oder im Tierschutz zu engagieren, ohne das Teufelchen auf der Schulter, das sagt "wozu, die sterben sowieso irgendwann alle"
so will ich nämlich nicht denken, das bin auch gar nicht ich, ich bin ja von Natur aus Optimist
deshalb passen ja auch diese negativen Gedanken eigentlich nicht zu mir und deshalb haben sie mich so erschreckt und deshalb will ich ihnen auch nicht so viel Raum geben.

Dankeschön
ich fürchte nur, ich drehe mich immer wieder im Kreis und obwohl ich so viel schreibe, kann ich manchmal doch nicht ganz deutlich machen, was ich eigentlich meine 
Liebe Grüße,
wastun
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17.12.2010, 09:46
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Guten Morgen wastun,
vielleicht ist es bei Dir wirklich der "Hunger nach Glauben". Meiner Erfahrung nach kann jemandem der Glaube am besten vermittelt werden durch das Erleben von anderen Menschen, die gläubig sind und ihren Glauben leben. Mit denen auch Gespräche darüber möglich sind, so wie Du sie hier mit Malina
schon führst.
Hast Du Menschen in Deiner Nähe, mit denen das möglich ist? Längst nicht jeder Pfarrer eignet sich dafür, und es muss auch nicht ein Kirchenmann sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Menschen gibt, die "leuchten", die sehr in ihrem Glauben und in sich ruhen, die danach leben und so Zeugnis geben. Das wünsche ich Dir, dass Du so einen Menschen findest. Glauben lässt sich leichter erfahren über Menschen als über Bücher, finde ich. Und die Namen der Apostel oder die Ämter in der Kirche haben nichts damit zu tun. Das ist zweitrangig. Vielleicht wichtig, um die Kirche zu verstehen, aber nicht, um glauben zu können.
Viel Glück bei der Suche!Gestaltet doch euer Leben, hofft weniger, macht was ihr wollt.
Aber macht!
ausgeborgt von Uli_F-2009
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17.12.2010, 20:20
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Die Idee finde ich an sich sehr gut. Nur, wenn ich ehrlich bin, fällt mir in meinem Umfeld niemand ein, der so eine Rolle einnehmen könnte. Selbst die Menschen, die sich schon als gläubig bezeichnen, hätten wohl arge Probleme, wenn sie einen Suchenden begleiten sollten. Ich merke ja auch, dass ich mich da schwer tue und viel grübele.
Was mir sonst noch einfällt, ist, dass auch viele Klöster Einkehrtage und Kurse anbieten. So was könnte auch eine Möglichkeit sein, sich dem Thema anzunähern.
Wobei ich ja immer eine Verfechterin der Experimental-Methode bin. Also einfach mal reinspringen und notfalls erst mal so tun als ob. Also sich einfach mal vorstellen, wie die Welt aussähe, wenn man denn an Gott glauben würde. Einfach mal leben, als ob… Ich mag ja den 139. Psalm sehr gerne. Und ich könnte mir vorstellen, dass das so ein möglicher Zugang wäre, sich einfach mal vorzustellen, dass das wahr ist, was da steht. Nur so als gedankliches Experiment.
Und dann einfach Spiritualität im Alltag üben. Dazu muss man gar nicht wissen, wie die zwölf Apostel heißen (ich weiß nicht, ob ich die korrekt zusammenbekäme, hab ich auch noch nie drüber nachgedacht).
Bei mir läuft das – nicht nur, aber auch – in etwa so ab, um mal ein Beispiel aus dem Leben zu geben:
Vor ein paar Tagen war ich mit zwei Freundinnen auf dem Weihnachtsmarkt verabredet. Kurz vorher vermeldete eine, dass sie vielleicht doch nicht kommt. Als ich aus dem Haus gehen will, sehe ich, dass der Handy-Akku so gut wie leer ist, dabei wollten wir uns vor Ort noch mal zusammentelefonieren, da wir uns im letzten Jahr teilweise verfehlt hatten. Dann fährt mir die Bahn vor Nase weg und die nächste hat elendig viel Verspätung. Und ich sitze so frierend an der Haltestelle und folgende Gedanken kommen in mir hoch: Lieber Gott, das ist ganz schöner Mist hier. Mir ist saukalt und überhaupt. Wenn der Abend so weitergeht, wie er angefangen hat, dann Prost Mahlzeit. Das braucht kein Mensch. Aber ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass doch noch alles gut wird. Und wenn es nicht gut wird, dann vertrau ich halt darauf, dass das dann auch seinen Sinn hat. Ich muss ja nicht alles verstehen. Okay, da kommt die Bahn, bis später!
Und das hat mich dann deutlich ruhiger und gelassener werden lassen. Und der Abend wurde tatsächlich noch richtig schön und pannenfrei.
Dafür braucht es nicht viel. Das ist nur eine innere Haltung, die ich mir in solchen Momenten wieder ins Bewusstsein rufe, und dann geht es mir schon besser. Klar gibt es auch andere, tiefere Gebete. Aber entweder Gott ist auch an der Straßenbahnhaltestelle, oder es gibt ihn nicht. In meinem Adventskalender war ein Gebet der heiligen Teresa von Avila, das in eine ganz ähnlich Richtung geht:
Herr der Töpfe und Pfannen, ich habe keine Zeit, eine Heilige zu sein und dir zum Wohlgefallen in der Nacht zu wachen, auch kann ich nicht meditieren in der Morgendämmerung und im stürmischen Horizont. Mache mich zu einer Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche. Nimm an meine rauen Hände, weil sie für dich rau geworden sind. Kannst du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen, der himmlische Harmonie hervorbringt auf einer Pfanne? Sie ist so schwer zu reinigen und ach, so abscheulich. Hörst du, lieber Herr, die Musik, die ich meine? Die Stunde des Gebetes ist vorbei, bis ich mein Geschirr vom Abendessen gespült habe, und dann bin ich sehr müde. Wenn mein Herz noch am Morgen bei der Arbeit gesungen hat, ist es am Abend schon längst vor mir zu Bett gegangen. Schenke mir, Herr, dein unermüdliches Herz, dass es in mir arbeite statt des meinen. Mein Morgengebet habe ich in die Nacht gesprochen zur Ehre deines Namens. Ich habe es im Voraus gebetet für die Arbeit des morgigen Tages, die genau dieselbe sein wird wie heute. Herr der Töpfe und Pfannen, bitte darf ich dir anstatt gewonnener Seelen die Ermüdung anbieten, die mich ankommt beim Anblick von Kaffeesatz und angebrannten Gemüsetöpfen? Erinnere mich an alles, was ich leicht vergesse; nicht nur um Treppen zu sparen, sondern, dass mein vollendet gedeckter Tisch ein Gebet werde. Obgleich ich Martha-Hände habe, hab' ich doch ein Maria-Gemüt, und wenn ich die schwarzen Schuhe putze, versuche ich, Herr, deine Sandalen zu finden. Ich denke daran, wie sie auf Erden gewandelt sind, wenn ich den Boden schrubbe. Herr, nimm meine Betrachtung an, weil ich keine Zeit habe für mehr. Herr, mache dein Aschenbrödel zu einer himmlischen Prinzessin; erwärme die ganze Küche mit deiner Liebe und erleuchte sie mit deinem Frieden.
Das drückt auch aus, was ich meine. Es muss nicht immer feierlich und kompliziert zugehen, und man muss gar nicht viel wissen. Die innere Haltung kann man überall einüben.
Viele Grüße,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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17.12.2010, 22:34
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Malina,
das Gebet der Teresa von Avila kannte ich nicht - ich finde es sehr schön. So nah und normal, mitten im Alltag.
Und dies hier:
das ist erleichernd. Also ich meine dieses Vertrauen, welches daraus spricht. Und es nimmt Last von Deinen Schultern.Aber ich vertraue jetzt einfach mal darauf, dass doch noch alles gut wird. Und wenn es nicht gut wird, dann vertrau ich halt darauf, dass das dann auch seinen Sinn hat. Ich muss ja nicht alles verstehen
Ich bin nicht mehr gläubig - zumindest nicht mehr so, wie ich es mal war und wie es von der Kirche gelehrt wird. (Ich habe nie wieder solche Heuchler erlebt wie in kirchlichen Kreisen) Aber da ist noch etwas in mir, was sich nach Spiritualität sehnt und wenn ich das hier lese, rührt das dieses Etwas an.
Ehe ich jetzt schlafen gehe, schlage ich mal den 139 Psalm nach.
Gute Nacht, und ich nehme hier auch viel mit!
P.S.: Hab ihn gefunden, kenne und mag ihn auch!Gestaltet doch euer Leben, hofft weniger, macht was ihr wollt.
Aber macht!
ausgeborgt von Uli_F-2009
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18.12.2010, 08:39
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Freut mich sehr, wenn Du was mitnimmst. Ich selbst auch, weil ich mir einiges klarer mache.
Im Wiener Stephansdom hängt ein Bild von Teresa von Avila, und meine Freundin hat davor immer eine Kerze angezündet (obwohl sie nicht sonderlich gläubig ist). Mir war das Bild immer zu abgeklärt, zu fromm, damit konnte ich nicht viel anfangen. Aber jetzt, wo ich das Gebet von den Töpfen und Pfannen gelesen habe, habe ich beschlossen, bei meinem nächsten Besuch zu Silvester ihr doch auch mal eine Kerze zu gönnen
. Sie war wohl doch patenter als sie aussieht.
Morgendlicher Gruß,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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18.12.2010, 11:35
AW: Plötzlich Frage nach dem Sinn, Angst vor dem Ende (Vorsicht, lang!)
Ich weiß nicht wie sie aussah, aber Theresa von Avila war doch die Mystikerin, die das Gottesverhältnis als erotisches Verhältnis zu Jesus zelebriert hat. Sie empfand es mangelnde Demit, wenn man zu Gott nur ein rein spirituelles Verhältnis hatte.
"Wenn die Seele sozusagen in der Luft spazierte, da sie keine Stütze zu haben scheint, so viel sie auch meint, von Gott erfüllt zu sein, dann hat sie sich vielleicht der Erotik Gottes verschlossen, statt sich von ihr betören zu lassen."
Übrigens: ich liebe den Stephansdom, eine der schönsten Kirchen, die ich kenne. Vor allem die Farben, diese Grauschattierungen.


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