Danke. War aber nicht als solches gedacht.
Eben gerade las ich im "Spiegel" einen Artikel, der ganz gut zu dieser Diskusssion passt. Da wird anhand einiger aktueller Beststeller beschrieben, wie sich das Bürgertum aus einer diffusen Angst (vor der alternden Gesellschaft, vor dem sozialen Abstieg, vor einer Welt, in der Maschinen uns das Denken abnehmen, etc.) in einen bequemen Antimodernismus flüchten, in der Hoffnung, behaglich im Ledersessel seine Ruhe zu haben. Die Angst des Einzelnen wird zur Angst aller gemacht.
Ich glaube, das ist es, was mich an der Ausgangsfrage hier gestört hat: dass mir unterstellt wird, an dieser Welt mit ihrer Geschwindigkeit zu leiden, weil wir doch alle irgendwie daran leiden. Und dagegen wehre ich mich ganz einfach.
Gruß,
Malina
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Thema: Bis zum rasenden Stillstand?
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29.11.2010, 18:06
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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29.11.2010, 18:21Inaktiver User
AW: Bis zum rasenden Stillstand?

Das stört mich auch bei diesen ganzen Büchern, die (angebliche) gesellschaftliche Trends aufgreife, und den Leuten dann erzählen, was sie als Angehöriger der Generation X/Y/Golf, der Mittelschicht, der grünen Elite u.ä. für schwerwiegende Probleme haben.
Aber irgendwie muss man als Sachbuchautor wohl sein Geld verdienen
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29.11.2010, 20:06Inaktiver User
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
So geht es mir auch. Wenn mir in den Buchläden dauernd nur "Der xy-Notstand", "Die xy-Katastrophe", und, als Lösung, "das xy-Prinzip" entgegenstarren, dann gehe ich gleich zu den Krimis rüber.
Ich habe auch keine Lust, mich mit einer ganzen Generation in eine Schublade stecken zu lassen.
Wie oben erwähnt, es scheint schick zu sein, gestresst zu sein und keine Zeit zu haben. Aber was sagt das denn über mich, wenn ich für wichtige Menschen - und für mich selbst - keine Zeit habe? Was sagt dieses ständige "ich muss..." über mich?
Ich kenne Leute, die scheinen immer auf der Flucht zu sein, mit denen kann man kein ungestörtes Gespräch führen, furchtbar - aber es gibt auch welche, die sich, obwohl sehr beschäftigt und mit viel Verantwortung beladen, doch immer dann, wenn es wichtig ist, Zeit nehmen und sich auf eine Sache konzentrieren können. Das bewundere ich sehr.
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29.11.2010, 23:30Inaktiver User
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Ui, ui ui, da hab ich mich wohl etwas sehr falsch ausgedrückt, sorry

Natürlich möchte ich doch auch die Zeit nicht mehr zurückdrehen Zitronenmond, schade, wenn dies wirklich so angekommen ist.
Also, dann lass mich mal kurz überlegen wie ich mir das vorstelle. Natürlich liebe ich die technischen Fortschritte und bin die letzte, die sich nicht für irgendwelche schönen Spielereien begeistern lässt. Ich liebe es während einer langen Bahnfahrt den Englischkurs auf meinem iPhone zu machen und genieße die Tatsache, Freunde auf der ganzen Welt besuchen zu dürfen und auch zu können.
Was ich um mich herum beobachte ist das, was mich oftmals traurig macht.
Ja, derzeit bin ich in der glücklichen Lage einen Job zu haben, der mich sehr gut über Wasser hält, der es mir ermöglicht zu sparen und trotzdem ein recht gutes Leben zu führen.
Was ich erlebe ist, dass dies eigentlich jeder haben könnte, ich denke wir haben von allem genug, aber doch nicht für alle. Ich finde es schade, dass Menschen für ein Gehalt arbeiten müssen, für dass sie sich keine Miele, AEG, Bauknecht oder auch nur eine Privilleg Waschmaschine leisten können.
Ich liebe es meinen Käse bei einem kleinen Käseladen um die Ecke zu kaufen. Doch ich sehe auch wie viele Menschen es für einen absolut unnützen Luxus halten und zu den Päckchen greifen (müssen) von denen ich nicht mal sicher bin, ob da überhaupt Käse drin ist (Analogkäse).
Und da wären wir beim Thema Fast-Food. Ich liebe es in Düften, Geschmacksnoten, Farben von Lebensmitteln zu schwelgen. Heute zum Beispiel habe ich mir Tomaten geholt, die gerade mal so groß sind wie Kirschen. Ich freue mich schon so auf morgen um sie dann auszuprobieren.
Was mich da teilweise schockiert ist die Häufigkeit und Menge in der in meiner Umgebung Fast-Food konsumiert wird. Damit meine ich nicht die kleinen Häppchen, die durchaus auch mal gesund sind, mir geht es eher um die "Jeden-Tag-zu-Mäckes-geher" die dies einfach tun, weil man sich ja für 4 Euro den Bauch zuknallen kann.
Teilweise sehe ich da schon ?????? über den Köpfen, wenn ich erzähle, dass ich am WE eine Pizza mit verschiedenen Käsesorten und Birne probiert habe.
Obwohl wir doch alle Möglichkeiten hätten, dass jeder, wirklich jeder auf einem gesunden, qualitativ hohen Lebensstandard leben könnte, haben wir uns doch nicht in der Art und Weise weiterentwickelt, dass dies möglich ist. Es gibt wenige Menschen, die den größten Teil des Vermögens in Deutschland haben, die quasi Geld im Überfluss haben. Und es gibt viele Menschen, die nicht einmal annähernd die Möglichkeit haben, nicht bei diesem Preis-Dumping mit zu machen, weil sie es sich schlicht und einfach nicht leisten können.
Und ja Du hast recht mit KIK! Wenn ich sehe, wie V.P. da tolle Werbung macht, und das sicher nicht für 1 Euro die Stunde und dafür aber Mitarbeiter mit einer schlechten Schufa von der Firma entlassen werden (große Reportage im 1.) und dort für einen Minilohn schuften und die Näherinnen auch nichts davon haben.........schon alleine in diesem kleinen Beispiel zeigt sich das Ungleichgewicht, dass sich auf 10000000000000000 weitere Fälle übertragen lässt.
Und dies meine ich mit der Weiterentwicklung, wir haben den Sozialismus besiegt, weil wir ihn nicht für zukunftsfähig halten, nun nähern wir uns der freien Marktwirtschaft und spüren ansatzweise die Konsequenzen daraus. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass wir uns diesbezüglich nicht soooooooooo schnell entwickelt haben, wie wir unsere Umgebung entwickelt haben.
Ich hoffe nun vielleicht ein klareres Bild davon geschaffen zu haben, was ich damit meinte.
Und nein ich möchte mit meinen Eltern sicherlich nicht tauschen, keine Frage.
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30.11.2010, 01:08
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Mag sein.
Ich habe trotzdem das Gefühl, dass wir über verschiedene Dinge sprechen.
Wirklich nicht persönlich gemeint, aber gut ernähren kann ich mich auch von wenig Geld, sogar von sehr wenig Geld. Ich spreche aus Erfahrung. Und dabei kann ich sogar noch in jeder Menge Gerüche schwelgen.
Das ist letztlich eine persönliche Entscheidung.
Und da ich heute eine Reportage über die Minen im Kongo gesehen habe, aus der unter unmenschlichen Bedingungen Erze gehackt werden von Teenagern und Kindern, die später zu Material für Handys werden... kann ich nur sagen: selbst unser Sozialhilfesatz ist immer noch verdammt hoch. Im Vergleich.
Und denkt man das wirklich zuende, dann ist es pervers, was wir alles locker wegkonsumieren können. Wir müssen eigentlich permanent weggucken und verdrängen, um die Ungerechtigkeit nicht zu sehen. Und da finde ich so ein Lamentieren der Toscana-Fraktion über das hohe Tempo.... *hust*.
Und alle Latte-Macciatoisten leben im Grunde ganz gut von der globalen Ungerechtigkeit, bloß dass wir inzwischen die industriellen Arbeitsplätze nicht mehr im eigenen Land haben und mit China konkurrieren müssen, die den Wettkampf mit den westlich-kapitalistischen Ländern ja sehr sportlich angehen.
Wir "nähern" uns der freien Marktwirtschaft? Neugierig gefragt: Kommst du aus dem Osten? Ich kenne gar nichts anderes, wann gab es etwas anderes und wie hieß das? Die doofe DDR-Bespitzelungs-Bürokratie ist mir sicher kein Vorbild, aber Karl Marx hat mit der Analyse Recht gehabt. Was heute ist, ist global frei flottierender Kapitalismus, so wie der ölle Karl das vorhergesagt hat. Eins zu eins, wenn du mich fragst.
Ich meine nicht dich persönlich mit der Toscana-Fraktion, ich wollte es nur drastisch haben.Das Leben ist wie ein Duschvorhang. Kann schimmeln, muss aber nicht.
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30.11.2010, 08:33
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Hallo ihr,
erst mal: ich möchte nichts pauschalisieren. Wenn ich als Soziologe von gesellschaftlichen Phänomenen geht es um Mittelwerte geht, um Trends. Dass es Abweichungen, Streuungen gibt ist klar. Ich finde es merkwürdig, sich dabei angegriffen zu fühlen.
Der Hintergrund ist, dass wir derzeit an einer Überarbeitung einer Zeitstudie arbeiten, mit Daten der Zeitverwendungsstudie des Destatis, des Betriebsdatenpanels des IAB usw.
Wenn es interessiert, kann im Deutschlandradio dazu einen Beitrag anhören.
(dradio.de - Audio on Demand v_as3_1_0_7)
Sonntag, 07:38 Uhr. Sind nur 8 Minuten
@ Zitronenmond: Die Verhältnisse im Kongo mit denen in Deutschland zu vergleichen ist nicht sehr hilfreich, um nicht zu sagen absurd. Bsp: Im Sudan werden Frauen massenhaft vergewaltigt, da können die Frauen hier froh sein, dass das nicht so ist. Oder im Iran fliegen Oppositionelle in den Knast. Da kann die Opposition hier froh sein... usw. Das ist eine gefährliche Argumentation.
Gruß, Tom
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30.11.2010, 13:05Inaktiver User
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Wenn diesen Aussagen valide Studien zu Grunde liegen kann es durchaus interessant sein, sich damit zu beschäftigen.
Den Link werde ich mir nachher mal anhören, danke.
Aber häufig werden Ergebnisse von Studien (die oft an einer sehr begrenzten Menge von Menschen vorgenommen werden) überproportional aufgeblasen. Oder diese Aussagen beruhen auf "gefühlten" Tendenzen (oder auf Beiträgen in Internetforen
).
Sehr kritisch sehe ich es, wenn ein Vergleich zu "früher" gezogen wird. Oft spielt da viel Nostalgie mit rein, oder bei dem früher handelt es sich nur um eine eng begrenzte Zeitspanne.
Und wirkliche Vergleichsstudien über die Zeit hinweg sind ja nur möglich, wenn Daten aus dem Vergleichszeitraum vorliegen.
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30.11.2010, 14:11
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Nee, du nimmst lieber dieses allseits beliebte Argument in die Hand:
Wen möchtest du damit konkret in eine "persönlich-zu-betroffen-um-ernst-genommen-werden-Ecke" stellen?...merkwürdig, sich dabei angegriffen zu fühlen.
Nicht schön, so etwas.
Das kannst du besser. Vor allem: sachlicher.
Nicht hilfreich für wen? Für die in Erzminen schackernden Kongolesen? Oder nicht hilfreich für "unsere" Unternehmen, die den Profit machen mit solchen Verhältnissen?Die Verhältnisse im Kongo mit denen in Deutschland zu vergleichen ist nicht sehr hilfreich, um nicht zu sagen absurd.
Dass du die Argumentation gefährlich findest, heißt nicht, dass sie dies auch ist.Das ist eine gefährliche Argumentation.
Gefährlicher finde ich, so zu tun, als würden die gesellschaftlichen Strukturen in den armen Ländern nicht abhängen von den wirtschaftlich global agierenden Unternehmen bzw. von der Situation, die diese Abhängigkeit hervorruft. Als wenn der Kongo oder der Sudan "frei" entscheiden könnten, wie sie gesellschaftlich strukturiert sein wollen.
Leider ist der Radiobeitrag jetzt nicht hörbar (oder bin ich zu doof zum Bedienen?).
Mich interessieren Ziel und These der Untersuchung.
Möglicherweise geht es ja um die Feststellung, dass der Arbeitsdruck auf die Leute (bei uns) zunimmt, die noch einen Arbeitsplatz haben?
Meine Meinung dazu ist: Das wirtschaftliche System ist ein Ganzes, es basiert eben darauf, dass (möglichst viel) Geld reinkommt. Wenn Arbeitskräfte woanders billiger zu haben sind, holt man sie da. Kann man Lieferanten aufgrund ihrer Situation zu niedrigen Preisen zwingen, tut man dies. Die Kosten für die Arbeitslosen in westlichen Staaten übernimmt die Gesellschaft, d.h., sie müssen von denjenigen aufgebracht werden, die einzahlen in die Kasse. Und der Druck nimmt so weiter zu.
Soweit das Ganze, das Wirtschaftliche und Politische.
Die Frage, die sich dabei an das Individuum richtet, ist eine ganz andere, denn man kann dem Prinzip ja nicht entkommen, weder hier noch anderswo. Die individuelle Frage ist, welches Plätzchen im System ich mir in meiner begrenzten Lebenszeit aussuche. Da stellt sich dann eben möglicherweise die Frage danach, in welcher Weise ich mit dem Druck umgehe, wie wichtig mir der soziale Status und Geld sind.
Betrachtet man die Frage allgemein, also soziologisch, und das ist das Problem, das ich mit deiner Fragestellung habe, dann kann man an den wirtschaftlichen Gegebenheiten ja nicht dran vorbei, oder es kommt nur Wischiwaschi dabei heraus. My two cent.Das Leben ist wie ein Duschvorhang. Kann schimmeln, muss aber nicht.
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30.11.2010, 15:53
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Geh mal auf dradio.de - Radio hören, wenn Sie Zeit haben,
dann rechts unten auf Livestream, Deutschlandfunk, Flash und dann Sonntag morgen, da ist der Beitrag (Interview mit Hartmut Rosa)
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30.11.2010, 17:12
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Ah, danke, jetzt hat es geklappt.
Ist doch nichts Neues.wir konkurrieren nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im sozialen Raum (Status etc)...
Kommt woher? Vom Tempo?Angst abzurutschen
Sind wir:
Eine spannende Frage, die jeder persönlich beantworten muss.gier- oder angstgetrieben?
Also im Prinzip alles, was schon hier im Strang gesagt wurde.
Die hohen Geschwindigkeiten (die natürlich immer mehr zunehmen, floskelfloskel) halte ich trotzdem für eine Behauptung.
Es sind halt andere Fähigkeiten, die wir heute drauf haben oder drauf haben müssen, um erfolgreich zu sein. Früher war dies vielleicht eine supersaubere Handschrift, heute sind es vier verschiedene Computeranwendungen. So what?
Irritierend finde ich auch in dem Beitrag, dass das Fundament des kapitalistischen Wirtschaftens einfach ausgeblendet wird. Die dann so genannte "Steigerungslogik" stolpert über die eigenen Füße, wenn sie sich aus sich selbst heraus begründen will. Die "Steigerungslogik", die nur unter dem Aspekt von Tempo gesehen wird und nicht unter dem Aspekt Profit, kann nicht abbilden, was ist.
Ärgerlich fand ich an dem Beitrag folgenden Teil (sinngemäß, der Mann spricht mir zu schnell zum wortgetreuen Transkribieren) "...Finanzkrise... und dann wurden immer schneller Transaktionen an der Börse ausgeführt, bis schließlich nur noch mit virtuellen Dingen gehandelt wurde". Himmelhilf. Was ist hier Huhn und was Ei?
Ach, und irgendwie könnte ich jetzt auch nach 8 Minuten Beitrag nicht sagen, was Ziel und These sind.Geändert von _Zitronenmond_ (30.11.2010 um 17:16 Uhr)
Das Leben ist wie ein Duschvorhang. Kann schimmeln, muss aber nicht.




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