Ich sprach aber doch über Lebensqualität.
Meine besteht darin, die Wäsche nicht mehr von Hand waschen zu müssen.
Für mich ist es auch Lebensqualität, mit dem eigenen Auto z.B. abends zu einem weit entfernten Workshop fahren zu können und mich dabei ziemlich sicher zu fühlen.
Meine persönliche Lebensqualität besteht auch in ein paar wichtigen Fernreisen, die ich machen durfte - großartige Erfahrungen in meinem Leben.
Du sagst das so, als wenn man die oben genannten Dinge alle haben könnte und gleichzeitig das auch, was (angeblich!) soo schön war früher.
Gute alte Zeit?
Ich geh mal etwas weiter zurück, in die Zeit meiner Großmutter – überleg dir sehr gut, ob du tauschen möchtest:
Bei Oma war Ernährung sehr hochwertig, allerdings sehr fleischarm und ausschließlich mit regionalen, saisonalen Produkten bestückt. Das hieß im Winter: Kohlsuppe. Übrigens hat meine Oma das Essen für ihre eigene Familie plus vier Mitarbeiter im Betrieb ganz allein selbst angebaut (!), selbst geerntet (!), selbst großgezogen (das Schwein, die Hühner) und selbst eingekocht und dann irgendwann mal gekocht.- Fast Food.
Die waren total froh, als sie später auch mal was aus dem Glas kaufen konnten.
Oma stand am Gartenzaun und palaverte mit den Nachbarn. Ungefähr sieben Minuten lang am Tag, sie musste nämlich saufrüh ins Bett und hatte generell nicht viel Freizeit. Abends saßen die Frauen alleine zusammen in der Stube und strickten Socken. So sah das aus.- immer mehr Spiele (Playstation) die jeden isoliert in seiner Wohnung unterhält.
Nur mal so als Beispiel. Ließe sich ewig fortsetzen.
Große Worte.In diesen Bereichen finden m.E. nach ein Rückschritt, keine Entwicklung statt. Das lässt bei mir den Eindruck entstehen, dass wir uns lediglich kommerziell weiterentwickeln, doch nicht persönlich.
....Ja früher hab ich auch noch mit dem Waschbrett gewaschen...die Waschmaschine gibt es jetzt doch was ist mit der anderen Entwicklung?
Sag doch mal, wie du dir das konkret vorstellst.
Die Waschmaschine willst du ja weiterhin haben.
Bei welchem Hersteller kaufst du die übrigens?
Und, falls Miele und keine Billigmarke, die in Asien zu Hungerlöhnen gefertigt wurde: Wie soll denn Miele produzieren, damit die Produktionsbedingungen so ablaufen, dass alles persönlicher ist und nicht so "kommerziell"?
Ich finde es wirklich extrem naiv und nicht wirklich nachgedacht, wenn man hier die Forderung aufstellt, alle sollten hübsch "zusammenhalten" und solidarisch sein, während man gleichzeitig locker und leicht die preiswertesten Angebote aus Schwellenländern kauft.
Sollen wir nun mit den asiatischen KiK-Näherinnen zusammenhalten?
Oder mit den bundesdeutschen Näherinnen?
Das Gleiche gilt nicht nur für das Extrembeispiel Kik, wie ja eigentlich durch ein klitzekleines bisschen genauer nachfragen herauszufinden wäre.
Sorry, ist nicht persönlich gemeint, aber mich ärgert dieses "immer schlimmer" wirklich. Wir leben unter bestimmten Bedingungen heute. Jede Lebensform hat ihre Konsequenzen. Da kann man persönlich etwas dran tun. Nur zu. Aber nicht einfach so jammern, wie schön früher alles war. Meine Meinung.
Antworten
Ergebnis 71 bis 80 von 93
Thema: Bis zum rasenden Stillstand?
-
29.11.2010, 09:44
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Das Leben ist wie ein Duschvorhang. Kann schimmeln, muss aber nicht.
-
29.11.2010, 09:56Inaktiver User
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Was genau verstehst du unter dem "Ende der Jugend"? Wenn man keine Konsumwünsche mehr hat? So gesehen ist meine Mutter mit ihren 55 noch total jugendlich
.
Das verstehe ich jetzt garnichtUnd mit der Toleranz wächst auch die Gleichgültigkeit.
Wer alles toleriert, dem ist auch alles egal.
. Da belegst du den Begriff Tolerant sehr negativ. Ich bin froh, so leben zu können, wie ich will, ohne mich in ein moralisches Korsett zwängen zu müssen oder ausgegrenzt zu werden. Oder gar politisch verfolgt zu werden.
Was die Familie als Versorgunseinheit angeht - ja, das stimmt. Dafür hat man heute eine verlässliche staatliche Versorgung (wenn auch auf niedrigem Niveau).Das staatliche soziale Netz - ja.
Die familiären/privaten sozialen Netze brechen immer mehr weg.
-
29.11.2010, 11:18
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
-
29.11.2010, 12:44
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Dem kann ich zustimmen, nur mit dem eigenen Lebensentwurf hadere ich. Das ist mir zu utilitaristisch gedacht, als könne man sich sein Leben am Reißbrett planen, frei von Erlebnissen und Strukturen. Aber ich denke nicht, dass du das so einseitig meinst, es ist nur die Frage, wie die Gesellschaft mit dem Scheitern umgeht.
Zur Eigenverantwortung: Meiner Ansicht nach gibt es durchaus Zwangsentschleunigte, Menschen, die wegen zeitlichen, gesundheitlichen oder anderen Gründen im Arbeitsmarkt keinen Platz mehr finden.
Ich meine nicht, dass alles schimmer wird, unsere Zeit hat viele Vorteile und ich möchte auch die Zeit nicht zurückdrehen. Aber nur weil wir keinen Hunger mehr leiden müssen kann man sich dennoch über Defizite in der heutigen Zeit Gedanken machen.
Gruß, Tom
-
29.11.2010, 13:09
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Gedanken machen finde ich gut.

Aber welche?
Die Frage nach den Defiziten ist sinnvoll.
Aber ich bin dafür, wirklich genau hinzuschauen.
Keine Frage, Hartz IV-Empfänger bekommen weniger und, vor allem anderen und viel schlimmer: millionen industrieller Arbeitsplätze fehlen uns - aus meiner Sicht unser Hauptproblem - weil diese Arbeit jetzt woanders auf der Welt für weniger Lohnkosten erledigt wird.
Es ist irgendwie sehr merkwürdig, wenn man dann fordert, dass hier alle mehr (Geld, Zeit) bekommen sollen. Wer soll das denn eigentlich erwirtschaften?
Der Druck, der zweifelsohne und zwar ganz gewaltig zugenommen hat, der entsteht nicht durch individuelle Schnellebigkeit, sondern durch die globalisierte Marktwirtschaft.
Ja, und mir fällt dazu ein, dass inzwischen weitreichend diskutiert wird, dass Leute nicht mehr kochen können. Mit den persönlichen Ressourcen effizient umzugehen ist eine der Fähigkeiten, die Menschen in der sogenannten guten alten Zeit vermehrt hatten: selbst backen, Pilze sammeln, Möhren anbauen, Geräte reparieren statt neu kaufen.... (ogott, wer will das denn noch?)Zur Eigenverantwortung: Meiner Ansicht nach gibt es durchaus Zwangsentschleunigte, Menschen, die wegen zeitlichen, gesundheitlichen oder anderen Gründen im Arbeitsmarkt keinen Platz mehr finden.
Ein origineller Bogen zu Omas Zeiten, der sich da spannt.
Wir alle wollen die industriell gefertigten Waren (z.B. Fertig-Lebensmittel), weil sie so schön billig sind, und gleichzeitig wollen wir mehr Geld, fürs Arbeiten und bei sozialer Not.
Das geht so aber nicht.
Individuelles Entschleunigen bedeutet letztlich auch: überlegen, an welchen Stellen man auf die Segnungen der industriellen Massenproduktion verzichten will, um wieder "back to the roots" zu leben. Nüsse selbst sammeln und knacken, Ferien mit dem Fahrrad vor der Haustür, weniger Geld "brauchen", die Playstation eben nicht kaufen und dafür in den Wald gehen....
Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden, das kann man nicht "der Gesellschaft" anlasten. Böse gesagt: Zumindest nicht, solange man ein Baumwoll-Tshirt für 15 Euro anzieht.
Das Leben ist wie ein Duschvorhang. Kann schimmeln, muss aber nicht.
-
29.11.2010, 13:12
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Hallo Tom,
Du hast völlig recht: es gibt noch andere Bedürfnisse als nur ein Dach über dem Kopf und das täglich Brot zu haben. In unserem Sozialstaat ist das hier ja einigermaßen abgesichert.
Und dennoch ist es so, dass das Mitmachen in diesem schnellen Rad der heutigen Zeit das Risiko in sich birgt, davon überfahren zu werden. Und wenn man aus der Bahn geraten ist, warum auch immer, dann ist es umso schwerer, wieder "aufzuspringen", umso schneller der allgemeine Zug des Lebens fährt.
Das ist schlimm, vor allem wenn es andauert und gesellschaftlich nicht anerkannt wird.
Ich möchte Dir nur zu bedenken geben, dass es auch Nieschen gibt, wo das Leben nicht so schnell und kompliziert verläuft.
Und es gibt viele Menschen, die der Geschwindigkeit nicht gewachsen sind, warum auch immer. Vielleicht sind sie sogar die Gesünderen, weil die Natur des Menschen eigentlich eher auf Stabilität und Gewohnheit ausgelegt ist, als auf permanente Unsicherheit und notwendiger Weise ständige Veränderung in immer schnellerem Tempo.
Es ist eine Frage des eigenen Denkens und Fühlens, wie man Scheitern definiert. Es muss nicht Stillstand bedeuten, meine ich.
Gruß,
E.Man muss nur immer einmal öfter aufstehen als man umgefallen ist.
"Ihr sollt immer denken: Ich werde es schaffen" Dalai Lama
-
29.11.2010, 13:17
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Geändert von Lizzie64 (29.11.2010 um 13:17 Uhr) Grund: zit
Man muss nur immer einmal öfter aufstehen als man umgefallen ist.
"Ihr sollt immer denken: Ich werde es schaffen" Dalai Lama
-
29.11.2010, 13:20
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Wie wahr.
Das Nötige zum Leben ist bei allen Einschränkungen der letzten Zeit grundsätzlich ziemlich gut abgesichert im Vergleich zu Ländern, in denen KIK nähen lässt, in denen unser Kaffee angebaut oder unsere Baumwolle angepflanzt wird.
Die Frage mit der Solidarisierung ist eine verzwickte...
Das Leben ist wie ein Duschvorhang. Kann schimmeln, muss aber nicht.
-
29.11.2010, 13:42
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Die Ursprungsfrage ging ja in Richtung es wird immer alles schneller und wir sind in einem Hamsterrad gefangen, das sich immer schneller dreht und kommen da nicht raus. Zumindest hab ich das jetzt so grob im Kopf.
Und ich bezweifle halt erstens, dass man das so verallgemeinern kann und zweitens, dass man nicht ausbrechen kann, wenn man wirklich drin steckt.
Erstens kenne ich viele Leute (mich eingeschlossen), die einen nicht übermäßig oder zumindest nicht ständig stressigen Job haben. Damit will ich nicht sagen, dass es diese Menschen nicht gibt. Mir ist schon klar, dass ich mich natürlich auch in bestimmten Kreisen aus überwiegend ähnlich tickenden Menschen bewege. Aber der Kreis, den ich so überblicke, ist zumindest weit genug, dass ich behaupte, es gibt auch heute noch genügend Leute mit normalen 9-to-5-Jobs, die nicht jeden Moment Gefahr laufen, vor lauter Beschleunigung umzukippen.
Es kommt mir aber oft so vor, als sei Stress auch schick. Es gehört fast schon zum guten Ton, permanent über zu viel Arbeit zu klagen, während man fast mitleidig betrachtet wird, wenn man zugibt, einen normalen, nicht sonderlich stressigen Job zu haben. Da ist in meinen Augen auch einiges selbstgemacht.
Auf der anderen Seite gibt es fast immer Möglichkeiten, aus einem als zu stressig empfundenen Leben auszubrechen. Sei es durch bessere Abgrenzung, sei es durch eine komplette Neuorientierung. Und das passiert ja auch oft genug.
Wie hier auch schon andere schrieben, sehe ich Entschleunigung eher als individuelles Thema, weil eine gesamte Entschleunigung kaum möglich (auch nicht wünschenswert) ist. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wo er in seinem Leben Entschleunigung braucht und haben will und wo er die Segnungen der beschleunigten Gesellschaft durchaus zu schätzen weiß. Ich mag mich weder zwangsbeschleunigen, noch zwangsentschleunigen lassen. Dass es Menschen gibt, die aus bestimmten Gründen selbst nicht darüber entscheiden können, ist noch mal eine andere Geschichte. Aber das nicht die Mehrheit.
Gruß,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
-
29.11.2010, 13:47
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Perfektes Schlusswort, malina!
Das Leben ist wie ein Duschvorhang. Kann schimmeln, muss aber nicht.



Ich sprach aber doch über Lebensqualität.
Zitieren
