Klar kenne ich Menschen mit Brüchen. Und auch in meinem Leben ist sicher nicht alles so gekommen, wie ich es vor Jahren mal dachte. Aber ein Bruch bedeutet ja nicht gleich ein verfehltes Lebensziel, sondern dass sich die Lebensziele danach auch wieder neu ordnen können. Was ich aus einem Bruch im Leben mache, ist letztlich auch wieder in meiner Verantwortung.
Man liest ja immer wieder dass die glücklichsten Menschen angeblich in Bangladesh leben, also auch gleichzeitig zu den ärmsten gehören. Das leuchtet in gewisser Weise ja auch ein. Wenn ich extrem arm bin und kaum Möglichkeiten zur Selbstentfaltung habe, dann bin ich vermutlich schon zufrieden, wenn mich die ganz großen Katastrophen verschonen und und ich nicht hungern muss und ein Dach überm Kopf habe. Das reicht uns aber schon lange nicht mehr, sonst müssten wir alle glücklich und zufrieden sein und alles darüber hinaus nur noch als netten Bonus zu betrachten. Wir wachsen aber in dem Bewusstsein auf, dass uns im Leben mehr zusteht. Und je mehr wir glauben, das uns zusteht, desto unglücklicher werden wir, wenn wir es nicht bekommen. Und da kaum jemand im Leben alles bekommt (Gesundheit, Reichtum, tollen Job, tolle Familie, etc.) werden die Menschen unterm Strich immer unzufriedener.
Ich seh das weniger als gesamtgesellschaftliches denn als individuelles Problem.
Gruß,
Malina
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Thema: Bis zum rasenden Stillstand?
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28.11.2010, 14:58
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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28.11.2010, 16:29Inaktiver User
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Hallo Malina,
ich finde es schön, wie Du die Relationen aufzeigst, in denen sich Lebenszufriedenheit abspielt. Da ist was dran. Es gibt Studien darüber, dass Menschen mit zunehmenden Einkommen nicht zwangsläufig glücklicher werden, es gibt eine Grenze, an der das individuelle Glücksempfinden nicht mehr signifikant höher wird.
Das:
sehe ich jedoch anders. In Zeiten, in denen Mütter behinderter Kinder ernsthaft gefragt werden, ob "das" denn heutzutage noch sein müsse und umgekehrt über die Hälfte aller Mütter abtreiben würden, wenn sie pränatal wüssten, dass ihr Kind eine genetische Vorbelastung zu Übergewicht (!) hätte, ist es kein individuelles Problem mehr, das eigene "unperfekte" Leben zu leben. JedeR muss immer noch mit einkalkulieren, was es bedeutet, mit der eigenen Entscheidung in dieser Gesellschaft zu leben.
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28.11.2010, 16:48
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Sorry, das muss ich korrigieren. Haben die Menschen in ärmeren Ländern eine stabile Grundversorgung und leben ohne politische Verfolgung ist die Zufriedenheit größer als in westlichen Staaten.
Ist das nicht der Fall (z.B. Haiti, Irak, Kamboscha) sind psychische Störungen wesentlich häufiger.
Aber das ist auch eine Frage des Messens. Man kann erfasste psychische Krankheiten zählen (macht die WHO) oder die Zufriedenheit. Nach einer aktuellen Studie der NEF ist die Lebenszufriedenheit in instabilen Staaten mit Versorgungsproblemen am niedrigsten, so auch in Bangladesh, am höchsten ist sie in Costa Rica.
Die Frage im Zusammenhang mit dem Thema ist, ob es das Gefühl der Beschleunigung oder Gegenwartsschrumpfung in allen Ländern (oder Kulturen/Gesellschaften) gibt, und das ist nicht der Fall. Es ist ein spezifischer Aspekt unseres auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftssystems.
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28.11.2010, 16:57
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Ich weiß nicht, ob alle ALG2-Empfänger, alleinerziehenden Mütter an der Armutsgrenze oder Niedriglohnempfänger individuell für ihre Lage verantwortlich sind und die Gesellschaft sagen kann, das sei nicht ihr Problem. Die vielen Prostituierten in St. Pauli, die Obdachlosenzeitungsverkäufer... ich weiß nicht so recht ob man denen sagen kann, hey, du bist deines Glückes Schmied, mach mal hin.
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28.11.2010, 17:12Inaktiver User
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Aber das ist doch ein sehr subjektives Gefühl, das man schwer vergleichen kann, oder? Weder international noch im Bezug auf früher und heute.
Den Bezug zum Thema Eigenverantwortung versus gesellschaftliche Verantwortung kann ich übrigens nicht so ganz nachvollziehen. Das soziale Netz ist doch heute deutlich ausgeprägter ist als früher. Was natürlich nicht unbedingt etwas daran ändert, dass es Leute gibt, denen es unverschuldet schlecht geht.
Auch bei der Akzeptanz von "andersartigen" Menschen hat sich viel getan. Was aber nicht heißt, dass alle Menschen heute total tolerant sind.
Natürlich wäre es schön, wenn mit dem technischen Fortschritt auch der soziale Fortschritt kommen (und vor allem bleiben) würde. Leider ist der Mensch da mit der Evolution im Rückstand.
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28.11.2010, 18:37
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Na, alles ist nu aber auch nicht schneller als früher.
Noch nie haben Studienzeiten so lange gedauert, wie heute (deutsches Phänomen), noch nie haben sich Leute so lange Zeit gelassen mit dem heiraten (wenn überhaupt), mit dem Kinderkriegen (wenn überhaupt), noch nie haben Akademiker so lange gebraucht, bis sie endlich ihr erster festes Gehalt verdient haben. Nie zuvor wurde die Jugendphase (mit Amüsement aller Arten) derartig in die Länge gezogen wie heute.
Früher war die Jugend mit 22 zuende, heute?
Mit 40?
Warum?
Weil Jugendliche (oder solche, die's gern wären) die dankbarste und wichtigste Konsumentengruppe in unserem Wirtschaftssystem sind (werberelevante Zielgruppe) und deshalb gehätschelt und erhalten werden müssen.
Das staatliche soziale Netz - ja.
Die familiären/privaten sozialen Netze brechen immer mehr weg.
Und mit der Toleranz wächst auch die Gleichgültigkeit.
Wer alles toleriert, dem ist auch alles egal.
Das ist der grosse Unterschied:
Früher gab's jede Menge körperlich anstrengender Arbeit, die aber nicht mit Stress (Hektik, Termindruck, Ungewissheiten, Performancedruck, Konkurrenzdruck...) verbunden war.
Ich kenne einige Leute, die körperlich arbeiten.
Sie müssen früh aufstehen und ackern.
Aber unter Stress und Überforderung leiden die nicht.
Wenn die Arbeitsbedingungen geregelt und stabil sind.* * Lottofee * *
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28.11.2010, 18:52
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Aber wenn man sich die Lebensläufe solcher Menschen genauer ansieht, gab es meist schon die eine oder andere Situation, in der eine andere Entscheidung möglichweise dem Leben auch eine andere Wendung gegeben hätte. Und wenn selbst wenn man für sich zu dem Schluss kommt, dass unter den jeweiligen Umständen und mit dem jeweiligen Kenntnisstand keine andere Entscheidung möglich war, kann man die Konsequenzen daraus tragen oder auch später noch eine Kehrtwende vollziehen.
Dass Menschen vollständig Opfer widriger Umstände sind, daran glaub ich nicht. Es gibt sicher Menschen, deren Ausgangslage schwierig ist und die eher Gefahr laufen, sozial abzustürzen. Aber ganz ohne Handlungsmöglichkeiten ist eigentlich niemand.
Und selbst am untersten Rand der Gesellschaft wird man zumindest noch so weit aufgefangen, dass man weder hungern noch frieren muss. Man wird im Krankheitsfall versorgt und bekommt im Großen und Ganzen, was man zum Leben braucht. Das ist sehr viel mehr als es in vielen anderen Ländern für die Ärmsten der Armen gibt.
Das heißt ja nicht, dass wir hier im Paradies leben und es keine Missstände mehr gibt. Aber im internationen Vergleich und auch im Vergleich über die letzten Jahrhunderte hinweg geht es uns schon sehr gut. Und trotzdem wächst die Unzufriedenheit.
Vielleicht liegt der Grund für diese zunehmende Unzufriedenheit ja nicht darin, dass uns wirklich objektiv schlechter geht, sondern dass uns der höhere Bezug unseres Leben mehr und mehr abhanden kommt, der uns auch erlaubt, die gesellschaftlichen Zwänge, denen wir uns ausgesetzt fühlen, zu relativieren.
Gruß,
MalinaDu hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)
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28.11.2010, 21:01
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Während das alles durchaus problematisch ist, ist es (bis auf die Playstation) nicht neu.
Fast food gab's schon bei den alten Römern, die keine Küche in ihren Insulae hatten. Das für-sich-selber-Kämpfen ist eine Versuchung, der man gerne nachgibt, wenn man glaubt, andere verdienen es nicht, daß man sie "mitzieht" -- dagegen anzugehen und Empathie und Solidarität zu entwickeln ist ein Projekt so alt wie die Menschheit. Und während du mit der Umweltverschmutzung weltweit recht hast, meine ich mich zu erinnern, daß die ersten deutschen Umweltschutzgesetze so um 1970 herum in Kraft traten: Vorher durfte jeder seinen Mist in den Fluß schmeißen, der Kötteldampfer verklappte die Scheiße von ganz Hamburg fröhlich in der Nordsee, und noch Kanzler Schmidt warnte vorm "blauen Himmel über dem Ruhrgebiet".
Zum Daddeln und Fernsehen werden in meinem Bekanntenkreis meistens Verabredungen getroffen, weil alleine daddeln oder glotzen langweilig ist. Zum Lesen werden allerdings keine Verabredungen getroffen, das bleibt eine zutiefst einzelgängerische Tätigkeit.
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28.11.2010, 21:03
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28.11.2010, 21:18
AW: Bis zum rasenden Stillstand?
Das sind aber zu großen Teilen Ausdrücke struktureller Probleme.
Ich erinnere mich noch gut an meine Studentenzeit, wo man eben manchmal zwei Semester auf einen Platz in einem Seminar warten mußte, für das man einen Schein brauchte, um sich für die Vordiplomsprüfung anzumelden. Oder Vorlesungen, die regelmäßig von der Feuerpolizei aufgelöst wurden, weil der Raum eben nur für 400 Leute zugelassen war und nicht für die 800, die sich reinquetschten, geschweige denn für die 1200, die die Vorlesung hätten hören müssen. Das wurde dann mit Durchfallquoten von 60% und höher gelöst, um die Studentenschaft "auszudünnen", aber bis die Leute dann tatsächlich gegangen wurden, hängten sie ein Jahr dran, um die Prüfung noch mal zu machen, zankten sich ein Jahr mit dem Prüfungsamt wegen Härtefall und machten die Prüfung dann *nochmal*. Manche haben am Ende sogar bestanden und heute einen Doktortitel.
Daß die Leute ich mit dem Heiraten Zeit lassen, sehe ich als Ausdruck davon, daß niemand mehr heiraten *muß*, was eine gute Sache ist. Folglich heiratet man erst, wenn das Finanzamt mit Steuererleichterungen winkt, und dazu muß erst mal einer von beiden gut verdienen und der andere genug Vertrauen haben, um sich finanzieren zu lassen. Das dauert.
Und daß z.B. Historiker oder Anglisten sich tendenziell von einem Job zum anderen hangeln liegt ja auch nicht daran, daß sie zu den Arbeitgebern gehen und befristete Jobs oder schlecht bezahlte Praktika verlangen, oder schon immer davon geträumt haben, Kellner oder Taxifahrer zu werden.
Weil ein zentrales Merkmal des Erwachsenseins Stabilität ist. Solange die auf sich warten läßt, bleiben auch die anderen Marker des Erwachsenseins aus (oder schaffen so stark erhöhte Instabilität, daß sie "jugendlicher" wirken als ihre Abwesenheit).
Akkord? Landwirtschaft?
Das ist m.E. der zentrale Punkt. Stabilität, wissen, wo die Grenzen zwischen Beruf und Privatem sind, strukturierte Zeit, eine klare Vorstellung vom Morgen. Und das ist es, was immer mehr abhanden kommt.



, aber das ist deine Umgebung. Es geht nicht alles so, da reicht ein Blick in den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Du kennst kaum einen Menschen der einen unfreiwilligen Bruch hatte? Das wundert mich schon jenseits des Themas. Kein unfreiwilliges Beziehungende, keine Krankheit, nichts, was einen Menschen aus deiner Umgebung aus der Bahn geworden hat? Also, ich mag nicht so richtig glauben, dass man sich den Lebensweg einfach aussuchen und durch Lebensentscheidungen bestimmen kann. Beeinflussen ja, aber wir sind keine Monaden, sondern leben in komplexen Systemen.
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