Hallo Sonnenblume,

Deinen ersten Beitrag hätte ich vor gut 4 Jahren glatt unterschreiben können. Auch ich saß auf Geburstagen von Freundinnen (bei zweien waren immer richtig viele Leute da) und fühlte mich wie das fünfte Rad am Wagen. Ein Trost war mir immer, dass Leute beobachten auch ganz amüsant sein kann und - betrachtet man sie mit einer gewissen Distanz, erfährt man ganz viel über sie, was sie nie verraten würden. Aber einen Stich im Herzen gab es jedesmal, wenn andere so beschäftigt miteinander taten und es schien so leicht, nur ich blöde Kuh hab´s nie kapiert.

Sehr von Nachteil wurde mir diese Eigenschaft, als ich mich plötzlich bewerben MUSSTE weil mein damaliger langjähriger AG schloss. Mit Fremden über mich selbst reden, gut dazustehen, Mann, war das peinlich. Meine Chancen standen nicht schlecht: Ich war qualifiziert und hatte Erfahrung vorzuweisen. Als etliche Vorstellungsgespräche in die Hose gingen, beschloss ich mich bei Zeitarbeitsfirmen zu bewerben. Die hatten sowieso einen extrem schlechten Ruf, wenn ich den Job nicht bekommen sollte, hatte ich nichts verloren. Und: Durch den Zwang sich regelmäßig mit neuen Gesichtern/Persönlichkeiten auseinanderzusetzen, hoffte ich, etwas entkrampter zu werden. Innerhalb eines Jahres war ich in zwei großen Firmen auf drei verschiedenen Stellen. Und: Meine selbstverordnete Therapie wirkte! Nein, ich bin auch jetzt nicht der Star in einer Gruppe und ja, ich beobachte immer noch gern die Leute. Aber ich kann mit Geschäftspartnern - mit denen ich auch regelmäßig Einzeltermine habe - ein Gespräch beginnen, ohne dass meine Stimme belegt ist oder ich erst mal einige Sätze stottere.

Ein anderes Erlebnis: Ich war alleine im Theater. Grüppchen standen in der Pause beieinander, unterhielten sich, tranken etwas miteinander. Nur ich ging ziellos zwischen all den Menschen umher und wartete, dass der Gong endlich wieder ertönen würde. Dann beschloss ich, mich schon mal im Saal an meinen Platz zu setzen, bis der Gong erklingt. Eine Reihe weiter oben saß eine füllige Frau, der es wohl ähnlich erging wie mir. Ich sagte etwas Belangloses zu ihr, als ich mich setzte und - es enspann sich eine angeregte Unterhaltung. Ich bedauerte es fast, als die Pause endete. Hätte sie mein Gesprächsangebot abgelehnt oder meine Worte ignoriert, hätte ich nichts verloren, denn die Wahrscheinlichkeit, dieser Frau - die mich vielleicht als dumm oder konversationsunfähig betrachtet - wäre ich wahrscheinlich nie wieder begegenet.

Was ist mit Dir? Magst Du auch mal einen Feldversuch starten? Ein bisschen Üben kann nicht schaden.

Fühl Dich umarmt

H.