Liebe BriCom,
ich ärgere mich manchmal über mich selbst. Eigentlich ist es nicht so, dass ich keine eigene Meinung habe und die auch gegenüber anderen darstellen und begründen kann. Aber manchmal passiert es mir, dass ich den Eindruck habe, mich zu sehr von mir selbst zu entfernen, wenn andere Menschen ihre Argumentationen vortragen, ich fühle mich fast ein wenig "hineingezogen".
Ein Beispiel: Eine Freundin von mir, geht auf Mitte vierzig zu, ist seit zehn Jahren Single und hat viele Jahre ihrem Ex hinterher getrauert (ich glaube, so ganz abgeschlossen hat sie immer noch nicht). Hohe Ansprüche an Männer und gleichzeitig ein negatives Selbstbild haben dazu geführt, dass außer Affären und einigen Flirts nichts lief. Vor einigen Jahren ist sie in die Kleinstadt gezogen, in der sie auch arbeitet, und versauert dort, weil dort eher das klassisch-traditionelle Modell gelebt wird: Heiraten, Haus bauen, Kinder kriegen. Sie als eigentlich fröhlicher und ausgehfreudiger Mensch hat in ihrem Alter kaum Möglichkeiten, gleichaltrige "Mit-Party-Gänger" zu finden und fühlt sich dementsprechend einsam. Jetzt hatte sie die Idee, über soziale Netzwerke Menschen in der nahe gelegenen Großstadt kennen zu lernen. Ich habe sie unterstützt und die Idee für gut befunden. Unser Gespräch lief dann in etwa so ab:
sie: "Wenn ich mich in so einem Netzwerk anmelde, müsste ich ja meine private email-Adresse angeben. Ich habe Angst, dass dann auch Kunden von mir auf mich aufmerksam werden."
ich: "Du kannst dir doch eine neue email-Adresse zulegen. Dann überlegst du dir eine neutrale, so etwas wie sonnenblume @ domain.de und gut is."
sie: "Nein, das ist aber zu aufwendig. Das war schon beim Einrichten meiner jetzigen email-Adresse schwierig."
ich: "Das ist nicht schwierig. Ich habe meine email-Adresse in fünf Minuten angelegt."
sie: "Nein, meine Erfahrungen sind da ganz anders."
Das Gespräch verlief dann so, dass über die Unmöglichkeit, eine neue email-Adresse anzulegen, die Sinnhaftigkeit dieser Idee, soziale Netzwerke auszuprobieren im Ganzen in Frage gestellt wurde bis dahin, dass sie mir darlegte, dass es ja an ihr liegen müsse, dass sie nicht gemocht wird und deshalb keine neuen Freunde kennen lernt. Ich war sehr bedrückt derweil, denn das stimmt einfach nicht. Ich habe aber in diesem Gespräch nicht mehr den Abstand gefunden, gegenzuhalten. Später nach dem Telefonat habe ich mich geärgert. Eigentlich hätte ich nach der Diskussion um die email-Adressen einfach sagen können: "Wenn du nichts veränderst, wird sich nichts ändern." Darauf bin ich aber erst später gekommen.
Mir fällt auf, dass mir das immer mal wieder passiert. Nicht dauernd, aber es kommt vor. Gerade dann, wenn ich mich persönlich nicht ganz sicher fühle, weil der Gesprächspartner sehr selbstbewusst auftritt oder ich in der Begründung meiner Meinung nicht 100%ig sicher bin, bin ich ganz schnell drin in der Argumentation des Anderen und ganz schnell weg von meinen eigenen Ansichten. Das wird von vielen als empathisch wahrgenommen ("du verstehst mich"), aber ich finde es profillos, weil es ja auch nicht das ist, was ich eigentlich denke und meine.
Habt ihr Ideen? Freue mich auf Gedankenanstösse!
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Ergebnis 1 bis 10 von 84
Thema: Zu empathisch? Profillos?
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17.09.2010, 08:43Inaktiver User
Zu empathisch? Profillos?
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17.09.2010, 08:56
AW: Zu empathisch? Profillos?
guten morgen,
was ist genau dein problem?
vielleicht ist das beispiel kein gutes, aber ich versteh es nicht: es ist doch nicht dein ding, wenn jemand stur auf seiner meinung beharrt und keine argumente anhören will/gelten lässt. in diesem falle ist es nun offensichtlich so, dass deine freundin "eigentlich" soziale netzwerke gar nicht ausprobieren will, und das anlegen einer neutralen mailadresse als entsprechender aufhänger (Das ist VIEL zu aufwendig!) genutzt wird. dagegen hilft eigentlich nur: nebendran setzen, gemeinsam mailadresse anlegen und fertig. aber jeder wie er mag.
hast du vielleicht noch andere beispiele, oder kannst du das etwas auf eine abstraktere eben führen?
denn meine höchstpersönliche meinung ist eher, dass es etwas positives hat, andere argumente und meinungen gelten zu lassen, und ggf. entsprechend auch die eigene meinung zu ändern. und in dem von dir geschilderten fall hast du ja auf deiner position "beharrt", im sinne von: du hast deine wahrheit gar nicht aufgegeben. du hast sie bloß nicht zur wahrheit deiner freundin machen können. das wiederum ist aber nicht deine sache, sondern ihre. wenn sie halt glaubt, dass es ein wahnsinniger aufwand ist, eine neue mailadresse zu haben - bitte, dann soll sie halt in dem glauben bleiben. auch um den - sorry, das klingt hart - preis der einsamkeit.

grüße von
der ratte
ach so: und unsicherheit ist weder profillos noch "zu empathisch". sondern etwas vollkommen normales, und ich finde es auch normal, wenn man manchmal gegen so hyperselbstbewusste knalltüten nicht ankommt. die frage ist doch: schadet man sich damit langfristig selbst? verschwindet man grundsätzlich in der mehrheitsmeinung? lässt man sich von den anderen total beeinflussen? oder bleibt das "ich" dahinter bestehen? je nachdem... evtl. gibt es eine abgrenzungsproblematik. aber ich bin der meinung, das ein rhetorisches zerfleischen (an dem ich zugegebenermaßen großen spaß habe) um den preis des rechthabens die sache in keiner weise vorantreibt.Geändert von Bisamratte (17.09.2010 um 08:59 Uhr)
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17.09.2010, 08:57Inaktiver User
AW: Zu empathisch? Profillos?
Gibts da eine Befürchtung wenn Du den Personen einfach die ungeschminkte Wahrheit sagen würdest?
Im Falle Deiner Freundin behaupte ich mal salopp, dass sie einfach gern das Opfer ist und eigentlich nur jemanden benötigt um eine Bühne für ihre eigenen Defizite zu haben um sie anderen vor die Füsse zu werfen! Sie will im Endefekt nichts ändern an ihrer Situation und braucht einen schuldigen und dann werden Ausreden gesucht und gefunden und mit jedem Gegenargument sucht sie wieder eine Ausrede.
Ich kenne das gut was Du beschreibst und ich bin dazu übergegangen sofort zu blocken oder das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken! Ich sag dann auch klar, wenn Du wirklich Hilfe benötigst oder Dir mal meine Position anhören möchtest ohne das Du ständig gegenredest dann komm ansonsten will ich darüber nicht mehr reden mit Dir!
Ich musste dann aber auch bei mir feststellen, dass ich das auch mache und wenn ich einen Ratschlag erhalte dann sag ich meistens, Du ich überleg mir das was Du gerade gesagt hast und entscheide dann ob ich das so mache!
Damit würdigst Du die Bemühungen des anderen entscheidest aber selbst was gut für Dich davon ist oder nicht!
Mich erinnert das an so Diskussionen wo Frauen den Männern vorwerfen, dass sie ihnen nicht zuhören. Sie erzählt Dir was und Du reagierst mit einer Lösung darauf!Geändert von Inaktiver User (17.09.2010 um 09:07 Uhr) Grund: Ergänzung eingefügt
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17.09.2010, 09:00Inaktiver User
AW: Zu empathisch? Profillos?
Hallo Daaani,
folgende Gedanken hatte ich beim Lesen deines Postings:
Wenn du Verständnis zeigst, dann wird dies bisweilen als "empathisch" bezeichnet. Dass du das Gefühl hast, von anderen "überfahren" zu werden: diesbezüglich kannst du an dir arbeiten.....
Und damit wäre ich bei meiner eigentlichen Bemerkung, ich mache nämlich den Umkehrschuss: ich beobachte oft, wenn ich eine andere Meinung habe als mein Gegenüber, diese auch vertrete und dem Gegenüber die sachlichen Argumente ausgehen, dann wird mir unterstellt, mir fehle die Empathie.
Ein Totschlagargument !
Du siehst also: einfacher wirds nicht !
Gruß, Elli
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17.09.2010, 09:10Inaktiver User
AW: Zu empathisch? Profillos?
Naja, um bei dem Beispiel mit der Freundin zu bleiben (Bisamratte:

): Ich hätte ihr gerne in der Situation das gesagt, was mir erst später wortwörtlich eingefallen ist. Mal von der Opferhaltung (die sie in meinen Augen tatsächlich einnimmt) abgesehen, würde ich ihr nämlich genau diesen Impuls gerne geben, mal ihre Haltung zu überprüfen. Ich finde, dafür sind Freundinnen eben auch da.
Oder um ein anderes Beispiel zu nennen: Ich leite ein kleines Team. Da ist dann auch die ein oder andere Perle mit dabei, die gute Gründe hat, nicht das zu tun, was gerade zu tun ist. Nun kann ich durchaus durchsetzen, dass das getan wird, was ich sage, aber es kommt vor, dass ich die "guten Gründe" der Mitarbeitenden gut nachvollziehen kann und im Gespräch der Eindruck aufkommen könnte (ich weiß es ja nicht genau), dass ich "umschwenke". DAS nervt mich!
Stecher, ich überlege noch, welche Befürchtung mit dahinter steht. Es ist durchaus so etwas wie "Ich will gemocht werden" dahinter, aber wie oben beschrieben definiere ich Freundschaft auch nicht unbedingt als "Kuschelecke". Wenn ich ehrlich bin, werte ich die Meinung anderer oft höher ein als meine. Nach dem Prinzip: "Ich passe mal gut auf, was du sagst, es ist ja wertvoller als das, was ich zu sagen hätte. Und dann reden wir über das, was du meinst." Uff!
Elli, die Erfahrung kenne ich.
Ich kann aber eigentlich dazu stehen und finde Streiten auch interessant. Aber Du hast es mit "Überfahren werden" gut umschrieben - ja, WIE kann ich denn daran arbeiten?
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17.09.2010, 09:21
AW: Zu empathisch? Profillos?
Bei Menchen wie du sie beschreibst, habe ich mir angewöhnt, wenn ich davon überzeugt bin, dass es funktioniert, meine Meinung immer und immer und immer zu wiederholen, Kassette rein und abspielen oder meine Schallplatte hat einen Sprung. Wer sich allerdings im eigenen Unglück (deine Bekannte) suhlen und keine Veränderung möchte, der soll das tun und das merke ich recht schnell.
Ich erlebe im Zusammensein mit Menschen, die jammern aber nichts ändern und immer wieder ein aber finden, dass ich an Kraft verliere und fühle mich fertig, müde, schlapp. Ich fühle mich ausgesaugt und dann habe ich einfach kein Interesse mehr über neue Argumente nachzudenken oder zu reden und sage es dann auch. Etwas anderes ist es, wenn jemand interessiert nachfragt oder auf meine Worte eingeht, daran merke ich, dass eine Veränderung erwünscht ist.
Emphatie muss ich nicht bei jedem Thema und bei allen Menschen zeigen.Ich bin eine Raupe und du ein Reh. Doch ich werd ein Schmetterling und du wirst Filet.
Die Sache mit dem streiten ist die, wenn man etwas zurückhält, arbeitet es auf lange Sicht gegen euch (Dalai Lama)
Wenn du jemand anderem vergibst, dann tust du dies deinetwegen, nicht weil der andere das verdient. (Doris Wolf, Psychotherapeutin)
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17.09.2010, 09:24Inaktiver User
AW: Zu empathisch? Profillos?
Ähem, ich bin seit Jahren in der Übungsphase....


Wichtig ist die Frage, warum du dich "überfahren" fühlst. Ich denke, es ist keine Schande, über die Argumente anderer Leute nachzudenken und auch die eigene Meinung dann zu ändern.
Andererseits: wenn ich nicht überzeugt werden kann, muss ich wohl oder übel mit einem eventuellen Vorwurf leben, nicht empathisch zu sein. Grade im Betrieb ist es die Aufgabe von Vorgesetzten, Entscheidungen zu treffen, die den Mitarbeitern nicht immer gefallen.
Jedermans darling wirst du da nunmal nicht. Genausowenig wie im Privaten (wenn du beispielsweise deine Freundin kritisierst). Vielleicht kannst du dich erstmal von diesem Wunsch (es jedem Recht zu machen und jeder hat dich dann lieb) verabschieden.
Mal Streit oder eine andere Meinung zu haben, heisst nicht, dass dich andere deshalb nicht schätzen oder mögen. Und wenn das doch so wäre, dann hast du eher die falschen Freunde....
Gruß, ElliGeändert von Inaktiver User (17.09.2010 um 09:27 Uhr)
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17.09.2010, 09:35Inaktiver User
AW: Zu empathisch? Profillos?
Na, da kann ich mich ja auf was gefasst machen...

Überfahren fühle ich mich oft durch zweierlei: Im Beruflichen, wenn ich fachlich nicht sicher bin (der Gesprächspartner ist das vielleicht auch nicht, tritt aber so auf, als ob...
) und allgemein, wenn jemand sehr, sehr selbstbewusst auftritt. Besagte Freundin ist einige Jahre älter als ich und tritt sehr selbstbewusst auf. Eine andere Freundin von mir, ebenfalls älter, ebenfalls selbstbewusst, vermittelt viel deutlicher das Gefühl, mich ernstzunehmen - dann kann ich gegenhalten. Und damit meine ich kein "Überzeugen um jeden Preis". Ich finde es total anregend zu diskutieren, Argumente und Gegenargumente zu finden und möglicherweise sogar bei unterschiedlichen Meinungen zu bleiben. Aber die Atmosphäre ist es, die den Unterschied macht...
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17.09.2010, 09:48Inaktiver User
AW: Zu empathisch? Profillos?
Eben, so isses ! Den Gesprächspartner ernstnehmen ! Das ist für mich das Entscheidende in einer Diskussion und an einer Person.
Wenn mich jemand nicht Ernst nimmt, dann mache ich mir ehrlich gesagt keinen großen Kopp mehr. Und erspare mir einen Kontakt, falls möglich. Diese Leute können nicht meine Freunde sein.
Ich kontere auch mal auf der gleichen Ebene. Wenn dann das Argument kommt, mir fehle angeblich die Empathie, dann sage ich "wie schön, dass wenigstens du/Sie die Empathie hast/haben.....".
Empathie heisst doch, sich in die Situation eines anderen reinversetzen zu können. Und nicht, dem anderen nach dem Mund zu reden bzw. ihn in einer Meinung bestärken oder selber dessen Sicht anzunehmen. Auch wenn ich die Situation eines anderen nachvollziehen kann, muss ich noch längst nicht die gleich Ansicht darüber haben.
Gruß, ElliGeändert von Inaktiver User (17.09.2010 um 09:52 Uhr)
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17.09.2010, 10:28
AW: Zu empathisch? Profillos?
Kenne ich. In genau diese Falle bin ich auch all die Jahre getappt. Habe immer versucht, die Probleme der anderen zu lösen.
Und genau DAS war der Fehler.
Du kannst die Probleme der anderen nicht lösen. Vor allem dann nicht, wenn diese Personen lieber - wenn auch unbewusst - in ihrer Problemlage verweilen wollen. Da leiden leichter ist, als lösen.
Daher kann ich dir nur den Tipp geben: Höre ruhig weiter den Menschen zu, aber biete keine Lösung an, wenn du merkst, dass sie die gar nicht wollen. Höre zu, stelle Fragen und lasse sie selber (vielleicht ja mit Hilfe deiner Fragen) zu ihrer Lösung kommen. Oder sei eben einfach nur da, wenn sie eben keine Lösung finden (wollen). Es ist ihr Leben und ihre Entscheidung.
Und schont deine Nerven.
Man wandelt nur das, was man annimmt.
C.G. Jung
Nein ist ein ganzer Satz.
Keine Ahnung von wem


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