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  1. Inaktiver User

    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Ich schrieb das mit der Leistungsethik, weil DesertSolitaire danach gefragt wurde und etwas unschlüssig schien. Mein Eindruck ist, dass sie zwar sehr gute Leistungen bringt, sich aber nicht darüber definiert bzw. keine Erfüllung darin sieht, ständig Bestleistungen zu bringen.

    Der Wissenschaftsbetrieb ist aber mittlerweile sehr ergebnis- und damit leistungsorientiert - leider. Damit kommen die besser klar, denen das liegt. Leute, die "Sinn" suchen oder deren Motivation die reine Freude am Thema ist und nicht die gute Besprechung der eigenen Monographie oder die Einladung zur elitären Tagung werden ihre Tätigkeit eher hinterfragen.

    @Desert, schreib doch nochmal, wie Du das mit Dir und der Selbstbestätigung durch Leistung oder Gefallen siehst.

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Der Wissenschaftsbetrieb ist aber mittlerweile sehr ergebnis- und damit leistungsorientiert - leider. Damit kommen die besser klar, denen das liegt. Leute, die "Sinn" suchen oder deren Motivation die reine Freude am Thema ist und nicht die gute Besprechung der eigenen Monographie oder die Einladung zur elitären Tagung werden ihre Tätigkeit eher hinterfragen.
    Aber das werden sie dann auch in fast jedem anderen Job tun. Welcher Job ist heute nicht leistungs- und ergebnisbezogen? Wo gibt es keinerlei Druck und das Recht auf berufslebenslange Selbstverwirklichung?

    Die Frage ist ja auch, wie viel Sinn und Erfüllung erwarte ich mir von meinem Job und wie viel Sinn und Erfüllung kann ich mir auch aus anderen Lebensbereichen holen?

    Gerade bei Frauen habe ich oft den Eindruck, dass sie intensiv nach beruflicher Selbstverwirklichung streben, diese dann doch nie so richtig erreichen und dauerhaft latent unzufrieden sind. Dann finde ich es besser, den Beruf nicht mit zu hohen Ansprüchen zu überfrachten und Sinn und Erfüllung als Gesamt-Lebenskonzept zu sehen. Damit lebt man oftmals sehr viel zufriedener.

    Viele Grüße,

    Malina
    Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Hallo DesertSolitaire,

    viele Gedankengänge und Fragen, die du dir gerade stellst, kenn ich auch. Insbesondere, was so in diese Richtung geht, an dieser Stelle bin ich hängengeblieben, ohne bis zum Ende gelesen zu haben...

    Zitat Zitat von DesertSolitaire Beitrag anzeigen
    "Auswandern & Schafe züchten in Neuseeland". (Ja, ab und zu ziehe ich so etwas ernsthaft in Erwägung! ) Woher weiss man/frau, ob man überhaupt eine "Karriere" haben will??? MUSS man Karriere machen? Nur weil alle so leben, ist das wirklich das Richtige für mich? Mir sind so viele Dinge wichtig/ich finde so viele Dinge interessant, der Gedanke, mich auf ein einziges Gebiet beschränken zu müssen (und dabei habe ich das schon so interdisziplinär ausgesucht wie irgend möglich),

    Mein Hintergrund ist auch ein akademischer, allerdings ohne Diss. Schon während des Studiums - das Fach studierte ich eher aus Vernunftgründen denn aus echtem Verlangen... - trug ich mich mit solchen Überlegungen und immer wieder der Frage: War es das?

    Ich hatte oft das Gefühl, alles ein bisschen und nichts richtig zu können, daher fiel mir wohl auch die Entscheidung für EINEN Weg schwer. Ich blickte etwas neidisch auf diejenigen, die ihren Weg ganz klar vor sich sahen, straight und ohne Umwege, die auch in der Schule schon wussten: "Ich kann Physik. Ich studiere Physik. Ich promoviere. Ich gehe in die Lehre." Oder wie auch immer. Mein Blick ging immer auf "die", ich maß mich und schnitt immer schlechter ab als "die" anderen. Irgendwann stellte ich mir immer öfter die Frage, ob ich nicht mehr hätte aus meinem Leben machen können. Andere waren viel erfolgreicher als ich.

    Ich dachte oder vielmehr ahnte auch, dass eigentlich mehr (andere?) Stärken in mir schlummerten, dass da etwas rauswill. Und ja, sowas wie Schafe züchten in Neuseeland kenne ich auch, bei mir war es eher der Aussteigerhof mit einer Freundin auf dem Land, mit eigenem Nutzgarten und einer gemeinsamen Selbstständigkeit, eine Mischung aus Kreativem (der Part meiner Freundin) und Beratendem (mein Part).

    Ich habe übrigens auch mehrere Bücher zu dem Thema durch...

    Irgendwann kam der berufliche und gesundheitliche Crash bei mir. Vielmehr, der berufliche ergab sich aus der Krankheit (Kündigung). Diese Zwangspause nutzte ich für allerlei Brainstorming, Gespräche, ja auch Therapie...

    Gerade die Fragen nach dem "Muss" an Karriere...da kriegte ich nach einiger Zeit spitz, dass ich nicht MEIN Leben lebte, sondern eigentlich das anderer, die etwas von mir erwarteten. Bzw. von dem ich dachte, was von mir erwartet wird. Oder so...

    Ich fing mit einem diffusen Ziel eine Weiterbildung an, die ich selbst finanzierte und die mich persönlich enorm weitergebracht hat. Meine Bewerbungen damals, während der Arbeitslosigkeit, gingen halbherzig in meinen ursprünglichen Bereich, irgendwann in alle möglichen Richtungen, weil ich Existenzängste ausstand. Und eine Initiativbewerbung in einen Bereich, den ich irgendwie immer schon favorisierte - aaaaaber die Vernunftgründe und die Erwartungen anderer und und und... - führte letztlich zu dem Job, den ich jetzt mache, in dem ich alles, was ich bislang gemacht habe - von Studium über Quereinstieg und Weiterbildung und auch Lebenserfahrung - einbringen kann. Und zu einem großen Teil verwirkliche ich den Part, den ich mir in meinem "Aussteigerdasein" erträumt hatte...

    Es ist wie ein Puzzle, das sich nun zusammenfügt. Es brauchte nur mal einen kräftigen Schmiss auf den Boden, sodass alle Teile wirr herumlagen...

    Das nur in Kurzform - ich hoffe, es ist trotzdem verständlich geblieben.

    Nun lese ich mal weiter...

    sandfloh

    PS: Malina schrieb von "Ewigkeitsdimensionen": Aus meiner Familie kenne ich auch ein extremes Sicherheitsdenken, das Abwägen und Bedenken aller Eventualitäten und das Absichern aller Risiken. Für mich brach so gesehen mit der Arbeitslosigkeit eine wichtige Säule meines Lebens weg, was mir viele schlaflose Nächte und große Ängste bescherte. Was ich durch diese Erfahrung letztendlich gewonnen habe: das Vertrauen, dass es weitergeht. Hört sich jetzt vielleicht etwas komisch an, aber es hat bei mir einen spirituellen Prozess angeschubst, etwas, das mir vorher völlig fremd war und das ich - völlig pragmatisch veranlagt... - immer vom Tisch gewischt habe, wogegen ich mich sogar gewehrt habe.
    Geändert von sandfloh (18.06.2010 um 22:10 Uhr) Grund: Neue Gedanken nach dem Weiterlesen...
    Ist das Leben nicht schön!?

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Hallo zusammen,

    ich wollte nur mal kurz "vorbeischauen", sozusagen, und euch allen ein riesengroßes

    DANKESCHÖN

    vorbeischicken für eure vielen Beiträge! Ich lese eifrig mit und bewege alles fleissig "in meinem Herzen", und werde auch garantiert wieder was zum Thema schreiben - nur nicht mehr heute; ich bin nämlich schon wieder hundemüde...

    Gute Nacht und viele liebe Grüße,

    DesertSolitaire

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Hallo Malina!

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    zunächst mal finde ich es total gut, dass Du Dich jetzt so intensiv mit den Möglichkeiten Deiner weiteren Lebensgestaltung auseinandersetzt. Und auf mich machst Du auch einen sehr patenten Eindruck. Mir scheint, Du weißt schon, was Dir gefallen würde (zumindest kannst Du klar sortieren, welche vorgeschlagenen Lebensentwürfe definitiv nichts für Dich sind, und das ist ja schon die halbe Miete).
    Danke! Aber wenn das so weitergeht, dann bin ich noch am Lebensentwürfe-Aussortieren, wenn ich 80 bin! Eigentlich wollte ich meinen Weg schon ein bisschen früher gefunden haben... Oder vielleicht ist das wirklich eine Illusion, dass es den einen Weg gibt, den man für sich finden kann, und den geht man dann?!

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Ich glaube aber, Du überforderst Dich gerade, weil Du zu sehr in Ewigkeitsdimensionen denkst. Es klingt, als müsstest Du jetzt in diesem Augenblick die Weichen für Dein restliches Leben stellen. Und wenn Du die falsch stellst, steckst Du drin in der Sackgasse und kommst nie wieder raus. Und anscheinend gibt es in Deinem Umfeld ja auch Beispiele dafür?!
    Vom Kopf her weiss ich ja, dass das falsch ist. Aber der Bauch... Ich glaube, ich habe das irgendwo ganz tief in mir drin verwurzelt, diese Vorstellung, irgendwann müsste man doch mal "angekommen" (erwachsen) sein, und dann bleibt man quasi da und es ist Ruh'...

    Zu den Beispielen in der Sackgasse: Im Prinzip ist es da genau dasselbe, vom Kopf her sehe ich, wo man andere Entscheidungen hätte treffen können, dass man nicht für immer in dieser Sackgasse hätte stecken bleiben müssen. Aber in der Realität ist es nicht immer so einfach, solche Entscheidungen dann auch durchzuboxen, gerade wenn auch noch andere Personen davon betroffen sind (Familie, Kinder, Lebenspartner, ... )

    (Dazu fällt mir gerade noch ein, dass ich mal ein einem Buch gelesen habe, dass schlechte Entscheidungen andere schlechte Entscheidungen nach sich ziehen - das war allerdings in einem vollkommen anderen Zusammenhang, da ging es um die Frage, warum manche Leute in der Wildnis überleben, und andere nicht. Ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass sich die Leute nixht eingestehen wollen, einen Fehler gemacht zu haben, und dann auf Teufel-komm-raus weiter daran versuchen herumzukorrigieren, anstatt z.B. einfach den Weg wieder zurückzugehen. OK, aber das ist jetzt wirklich sehr OT. )

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Was ich gar nicht hilfreich finde, sind so wenn-dann-Konstrukte: wenn Du x willst, dann musst Du auch y in Kauf nehmen.
    Da versuche ich mich ja auch von freizumachen, aber das ist gar nicht so einfach. Es gibt ja immer genug Leute, die einem gleich kategorisch sagen, wenn du nicht bereit bist, dich für deine Karriere aufzuopfern, dann kannst du eben keine Karriere haben. Und wenn man dann schon selbst am Zweifeln ist, fällt es mir wahnsinnig schwer, das von mir zu schieben und zu sagen, "Daran glaube ich nicht; das muss doch auch anders gehen."

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Es gibt immer genug Gegenbeispiele. Ein Freund von mir hat eine blitzsaubere Uni-Karriere hingelegt und sich trotzdem immer wieder Freiheiten und Auszeiten für Abenteuer genommen. Auch das kann eine Lebensform sein.
    Oh, das klingt interessant!!! Kannst du dazu vielleicht ein paar nähere Details erzählen, wie er das hinbekommen hat? Man ist ja immer auf der Suche nach Vorbildern... Das wäre nämlich so ungefähr das, was mir idealerweise vorschwebte - Karriere mit kleineren Auszeiten und Abenteuern dazwischen...

    Vielen Dank für dein mutmachendes Posting!

    DesertSolitaire

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Puh, irgendwie fühle ich mich gerade leicht überfordert von euren vielen Antworten! Ich würde so gerne auf so vieles eingehen, aber dann säße ich heute abend noch hier! Deswegen nur ganz kurz was zum Thema "Leistung":

    Was das angeht, würde ich eigentlich sagen, ist meine Einstellung "gesundes Mittelmaß". Ich freue mich schon, wenn ich etwas erreicht habe, und ich bin auch stolz darauf, aber es ist nicht so, dass ich mich übermäßig darüber definiere. Und kurzzeitig mal lospowern, um ein Projekt zum Abschluss zu bringen, eine Deadline einzuhalten etc., das mache ich sogar gerne (wenn man auf einen Berg hochklettert, muss man ja auch schwitzen ) - aber danach ruhe ich mich dann erstmal aus von der Anstrengung; genieße die Aussicht auf meinem Berg, quasi... Ich bin absolut nicht der Typ, der sofort wieder runter- und sich auf den nächsten Berg stürzt (sowohl figurativ als auch auf echten Bergen ).

    Ich muss noch sagen, dass sich meine Einstellung zum Thema "Leistung" im Laufe meines Lebens schon gewandelt hat: Als Abiturientin habe ich mich noch viel mehr über meine guten Leistungen definiert. Nur leider hatte ich, da diese Leistungen in der Schule immer mit relativ geringem Aufwand zu erreichen waren, daraus den Grundsatz "Erstmal die Arbeit erledigen, dann kommt die Freizeit!" abgeleitet, mit dem ich im Studium - wo einem ein nicht endenwollender Quell an Arbeit vor die Nase gesetzt wurde - grandios auf die Nase gefallen bin. Dazu kam die Erfahrung, dass sich an meiner Massenuni niemand für meine Leistungen zu interessieren schien; dass meine eher ungewöhnliche Interessenskombination aller Beteuerungen auf dem Papier zum Trotz, man wolle Querdenker, Leute, die auch mal über den Tellerrand schauten etc., im Allgemeinen eher negativ ankam (bei der Stipendienvergabe z.B., auch wegen meiner damals damit verbundenen Orientierungslosigkeit) - so dass ich mich irgendwann von der Uni und ihrem ganzen Leistungs-Antreiben innerlich verabschiedete und dachte, "Na gut, dann mach' ich eben nur noch das, was MIR Spaß macht!" Das hab' ich dann auch gemacht, mit Erfolg, und gegen Ende meines Studiums wurde "die Uni" dann auf einmal wieder auf mich aufmerksam: ich bekam Unterstützung für meine Abschlussarbeit, mir fiel quasi aus heiterem Himmel eine Doktoradenstelle vor die Füße...

    Und seitdem ist es wieder schwieriger geworden, dem "Lockruf des Goldes", äh, der Leistung zu widerstehen. Im Studium hat es mich oft gefrustet, so wenig Unterstützung zu bekommen, mir alles selbst erarbeiten zu müssen. Jetzt habe ich zwar die Förderung, die ich mir damals so oft gewünscht habe, aber gleichzeitig kommt mit der Förderung auch die Forderung, und damit hab' ich so ab und an meine Probleme...

    Wir haben hier heute 32 °C und mein Gehirn fängt gerade an zu schmelzen - ich hoffe, ich schaffe es später nochmal, mehr zu schreiben!

    Liebe Grüße,

    DesertSolitaire

  7. Inaktiver User

    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von DesertSolitaire Beitrag anzeigen
    Dazu kam die Erfahrung, dass sich an meiner Massenuni niemand für meine Leistungen zu interessieren schien; dass meine eher ungewöhnliche Interessenskombination aller Beteuerungen auf dem Papier zum Trotz, man wolle Querdenker, Leute, die auch mal über den Tellerrand schauten etc., im Allgemeinen eher negativ ankam (bei der Stipendienvergabe z.B., auch wegen meiner damals damit verbundenen Orientierungslosigkeit) - so dass ich mich irgendwann von der Uni und ihrem ganzen Leistungs-Antreiben innerlich verabschiedete und dachte, "Na gut, dann mach' ich eben nur noch das, was MIR Spaß macht!" Das hab' ich dann auch gemacht, mit Erfolg, und gegen Ende meines Studiums wurde "die Uni" dann auf einmal wieder auf mich aufmerksam: ich bekam Unterstützung für meine Abschlussarbeit, mir fiel quasi aus heiterem Himmel eine Doktoradenstelle vor die Füße...
    Man sollte schon unterschieden zwischen dem, was in Büchern steht und was die Realität ist. Kaizen, Querdenker ... alles Konzepte, die immer dann propagiert wurden, wenn die Realität gänzlich anders aussah.

    Und seitdem ist es wieder schwieriger geworden, dem "Lockruf des Goldes", äh, der Leistung zu widerstehen. Im Studium hat es mich oft gefrustet, so wenig Unterstützung zu bekommen, mir alles selbst erarbeiten zu müssen. Jetzt habe ich zwar die Förderung, die ich mir damals so oft gewünscht habe, aber gleichzeitig kommt mit der Förderung auch die Forderung, und damit hab' ich so ab und an meine Probleme...
    Du musst die Entscheidung treffen, was für Dich richtig ist und dann mit den Konsequenzen leben. Und manchmal ist der Umweg der direkte Weg.

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von DesertSolitaire Beitrag anzeigen
    Oh, das klingt interessant!!! Kannst du dazu vielleicht ein paar nähere Details erzählen, wie er das hinbekommen hat? Man ist ja immer auf der Suche nach Vorbildern... Das wäre nämlich so ungefähr das, was mir idealerweise vorschwebte - Karriere mit kleineren Auszeiten und Abenteuern dazwischen...

    Vielen Dank für dein mutmachendes Posting!

    DesertSolitaire
    Naja, so ganz in allen Einzelheiten weiß ich das auch nicht. Aber er hat halt konsequent die Freiräume, die er als Professor hatte, genutzt. Ist mit der Familie im eigenen Segelboot nach Island gesegelt, war viel in Spitzbergen untwegs und hat dann dort oben allein im Eis ein einjähriges Forschungsprojekt realisiert, das mindestens genauso sehr Abenteuer war. Aber eben alles über Jahre hinweg aufgebaut und vorbereitet.

    Wir hatten sogar mal überlegt, dass ich ihn bei seiner zweiten Expedition begleite. Am Ende haben wir das doch nicht gemacht. Ich hätte dafür meinen gerade mühsam errungenen Job aufgeben müssen und hätte danach wieder neu suchen müssen. In dem Job bin ich heute sehr glücklich (war ich damals nicht), also war es vielleicht gut so. Aber ich bin auch überzeugt, dass es auch anders irgendwie gut geworden wäre. Vermutlich wäre mein Leben dann in eine ganz andere Richtung gegangen, aber vermutlich wäre ich da am Ende wieder dort angekommen, wo ich hinpasse und hingehöre.

    Ich glaube, am Ende schafft man sich doch durch Auswahl und Anziehungskraft wieder das Leben, das zu einem passt.

    Oder ich lese immer mal wieder im Four-Seasons-Magazin von Globetrottern von Menschen, die Reisen machen, die ihnen niemand zugetraut hat (mehrere Monate mit Kleinkindern durch Asien oder Südamerika). Da denke ich immer, die Freiräume sind letztlich da. Man muss sie halt nutzen wollen und dabei ein Stück seines Sicherheitsdenkens über Bord werfen wollen.

    Ich finde Deine Gedanken zum Thema Leistung schon mal sehr ausgewogen und gesund. Und deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass Du Deinen Weg finden wirst. Sich gefordert zu fühlen, ist ja nichts Schlechtes, das kann ja auch beflügeln. So lange man noch spürt, dass man selbst entscheidet, wie viel Forderung man erfüllen mag und wo man seine persönliche Grenze zieht. Und dazu ist es halt wichtig, sich von Zeit zu Zeit mal gedanklich aus dem System rauszuziehen und es zu hinterfragen. Damit sinkt dann schon automatisch das Risiko, sich zu sehr vereinnahmen zu lassen.

    Abendliche Grüße,

    Malina
    Du hast mein Klagen in Tanzen verwandelt. (Psalm 30)

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von Malina70 Beitrag anzeigen
    Sich gefordert zu fühlen, ist ja nichts Schlechtes, das kann ja auch beflügeln. So lange man noch spürt, dass man selbst entscheidet, wie viel Forderung man erfüllen mag und wo man seine persönliche Grenze zieht.
    Ich glaube, das ist zur Zeit tatsächlich ein Großteil des Problems. Ich habe in den letzten Tagen viel hin- und herüberlegt und festgestellt, dass an der Anmerkung von Stecher

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Du Dir den tollen Job ein wenig zu schön redest.
    doch eine ganze Menge dran ist. (@Stecher: Wieso hattest du bis jetzt eigentlich mit fast allen deinen Einschätzungen recht? Das ist ja fürchterlich!!! ) Ich finde meinen Job momentan gar nicht mehr so toll, auch wenn von aussen immer alle ganz ehrfürchtig-begeistert auf mich einreden, "Wow, Postdoc bei Prof XY!" Wie ich schon sagte, ich bin in dieses Projekt hineingekommen als Ersatz für einen anderen, habe null zur Planung und Grundidee des Ganzen beigetragen, und war das erste halbe Jahr erstmal heftig damit beschäftigt, mich in alles einzuarbeiten. Das hat mir schon auch Spaß gemacht (bei allen Versagensängsten, die auch dabei waren: Schaffe ich das?), ich mag Herausforderungen, und ich hatte das Gefühl, dass ich mich, was meine Kenntnisse betrifft, in eine Richtung weiterentwickele, in die ich schon immer wollte, die aber an meinen bisherigen Universitäten nicht vertreten war. Inzwischen ist es aber so, dass ich wissensmäßig aufgeholt habe und das Gefühl habe, das Thema und die Fragestellung ganz gut zu überblicken, meine neue(n) Programmiersprache(n) sind gelernt und zu einigen weiteren technischen Aspekten habe ich mir auch das Grundwissen angelesen.... Und nun kommt einfach nix Spannendes mehr! Der Rest meiner Tätigkeit ist nicht besonders interessant - böse gesagt könnte man sagen, ich bin die Technik- und Organisationsliesel vom Dienst... Ich "überwache" unsere Hiwis, teile ihnen die Datensätze zum Aufarbeiten zu, stopfe diese Datensätze in die nächste Stufe der Bearbeitungs-"Pipeline", halte die Datenbank auf dem Laufenden, wer welchen Datensatz bearbeitet, etc. etc. Und kriege dazwischen ständig noch irgendwelche Kleckerles-Aufträge vom Chef dazu; DesertSolitaire, mach mal dieses, mach mal jenes... Ich würde mich gerne noch viel mehr in den wissenschaftlichen Hintergrund des Projektes einlesen, aber dafür bleibt mir überhaupt keine Zeit. Und irgendwelche Eigenverantwortung oder Spielraum für eigene Entscheidungen habe ich so gut wie keinen - das macht alles mein Chef; ich liefere nur die Daten... Das war am Anfang okay, da war ich wie gesagt noch voll damit beschäftigt, mich kenntnismäßig auf den Stand der Dinge zu bringen, aber so langsam finde ich es extrem frustrierend.

    Dazu kommt, dass ich in vielen Dingen, gerade auch in der ganzen Herangehensweise an unsere Fragestellung, anderer Meinung bin. Grob gesagt versuchen wir in unserem Projekt sowohl eine Messmethode weiterzuentwickeln als auch diese neue Methode auf unsere (ebenfalls neuen) Datensätze anzuwenden, aber es gibt überhaupt keine systematische Evaluierungsmethode ausser "Dann probieren wir die Methode mal an ein paar Datensätzen aus, und wenn es gut aussieht, nehmen wir diese Einstellungen!" - aber was "gut aussieht" ist, ist nirgendwo klar definiert! (Zahlen bitte! Messwerte bitte!!! ) Mein Chef scheint das nicht als notwendig zu erachten (klar wäre es bedeutend aufwendiger!), und da kann ich dann nur noch frustriert die Schultern zucken und sagen, "Na gut!" Aber innerlich identifiziere ich mich damit halt überhaupt nicht...

    (Damit schliesst sich übrigens auch der Kreis zu dem, was weiter oben im Thread diskutiert wurde: Ich habe mein Fach immer aus Interesse an der Sache verfolgt, hatte früher diese intrinsische Motivation ganz stark. Meinen Job nur zum "Brötchenverdienen" zu machen, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen - wenn ich das gewollt hätte, hätte ich mir sicherlich einen einfacheren Beruf als die Wissenschaft mit ihrem "Schaff' ich's wohl auf eine feste Stelle?"-Russisch Roulette ausgesucht!)
    Geändert von DesertSolitaire (21.06.2010 um 04:20 Uhr) Grund: "Antworten"- statt Vorschau-Knopf angeklickt...

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Das finde ich ganz und gar falsch. Eine Lehrerin mit einem 16-Stunden-Job macht sich kaputt, und wer immer kurz vor einem Burnout ist, macht auch etwas falsch. Es ist im Gegenteil sehr weise sich immer wieder zu überlegen: Wo bleibt mein Leben?

    Arbeit ist nicht das Einzige. Und man muss sich durchaus nicht mit Haut und Haaren aufopfern, um ein ordentliches Auskommen zu haben. Und das Beispiel mit der Lehrerin zeigt: Aufopferung hat auch durchaus nicht immer den Effekt, dabei erfolgreich zu werden. Die Aufstiegsmöglichkeiten als Lehrerin sind ja recht beschränkt.

    Ich kenne durchaus entspannte Lehrer und auch Professoren. Solche, die zu jeder Zeit auch deutlich sagen, dass sie sich *nicht* aufopfern. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, ob einem der Beruf Spaß macht oder nicht. Im Gegenteil. Leute, die für ihren Beruf geeignet sind, schaffen ihre Aufgaben in angemessener Zeit und sorgen für genügend Ausgleich.

    Und wie man anders gesund bleiben soll, ist mir schleierhaft! An einer 80-Stunden-Woche finde ich nichts Erstrebens- oder Bewundernswertes und dass einem die Karriere versperrt ist, wenn man das nicht mitmacht, stimmt einfach nicht.
    Elinborg, du sprichst mir aus dem Herzen!!!

    Nein, ich möchte mich weder körperlich noch psychisch kaputtmachen für meine Arbeit, und ich sehe an einer solchen Aufopferung auch nichts Erstrebenswertes.

    (Besagte Freundin hat übrigens inzwischen gekündigt, weil ihr klargeworden ist, dass sie, wenn sie so weitermacht, in spätestens zwei Jahren im Burn-Out landet...)

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