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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Hallo Kisskiss,

    Zitat Zitat von Kisskiss Beitrag anzeigen
    "Andere Leute" arbeiten nicht als Wissenschaftlerin wie du.
    Da halte ich es glaube ich eher mit elinborg:
    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Deshalb sind andere Leute aber auch nach der Arbeit müde.
    Nee, das Wissenschaftlersein ist glaube ich kein Argument... Höchstens, dass ich das Gefühl habe, ich kann einfach nicht 8 h am Tag (geschweige denn noch länger!!!) konzentriert arbeiten. Irgendwann ist mein Gehirn einfach platt; dann sitze ich nur noch da und starre auf den Computer-Bildschirm... Wenn man von mir dann noch verlangen würde, ein paar Stunden lang Kartons zu stapeln, oder Paper zu sortieren, oder irgendwas, wobei ich nicht denken muss - das würde vielleicht gehen, aber intelligentes Arbeiten?

    Ich habe generell das "Problem", dass ich sehr stark in "Wellen" arbeite - sowohl was meine Begeisterung und Motivation angeht, als auch die Effizienz meiner Arbeit. Wenn mich so eine "Welle" packt, bin ich Feuer und Flamme, arbeite hochkonzentriert und effizient und bin dementsprechend produktiv (und in solchen Phasen war ich dann auch ohne Probleme abends bis in die Puppen im Büro, was mir den Ruf als besonders engagierte Doktorandin eingebracht hat ) - aber irgendwann ist es dann auch genug; ich habe mein Ziel erreicht - oder auch nicht, aber auch dann brauche ich eine Pause... Und dann habe ich eine Zeit, wo mein geistiger Acker quasi eine Weile "brachliegt" und ich nur auf Sparflamme vor mich hinköchel - und oft/meistens war es dann in der Vergangenheit so, dass mich in dieser Zeit in dieser Zeit die Begeisterung für ein anderes Thema gepackt hat, ich eine Weile wild daran herumgeackert habe, und wenn es dann damit erstmal gut war, ging's wieder zurück zu Thema 1... (Das war z.B. im Studium so, da konnte ich wunderbarst zwischen meinen beiden Fächern hin- und her"switchen"... )

    Und jetzt merke ich einfach, dass mir diese "Erholungspausen" zwischendrin fehlen - da bin ich dann ausgepowert und bräuchte erst mal eine "Brachliegephase", und statt dessen kommt der nächste Arbeitsauftrag. Und ich merke, wie mir das Sich-8-h-am-Tag-mit-einem-einzigen-Thema-Beschäftigen so langsam aber sicher die Begeisterung und die Motivation für mein Fach raubt, das ich mal so geliebt habe - das ist wie jeden Tag Schokoladentorte essen...


    Zitat Zitat von Kisskiss Beitrag anzeigen
    Als Wissenschaftler muss man sich mit Haut und Haar seinem Fach verschreiben, das gilt heute wie schon immer.
    ...
    Als naturwissenschaftlicher Postdoc musst du "hoppen", meist von Zeitstelle zu Zeitstelle in der ganzen Welt herum. Feste Stellen gibt es kaum noch.
    ...
    Arbeiten auch am Wochenende und ohne normalen Feierabend ist die Regel.
    ...
    Heute machen die Postdocs die Knochenarbeit, nur um nach ein paar Jahren wieder die Stelle wechseln zu dürfen, denn eine Postdoc Stelle mündet nie in eine Festanstellung.
    ...
    Viele junge Wissenschaftler hangeln sich mit Postdoc Stellen durch die Jahre, bis sie etwa 40 sind, dann wird es kritisch. Diese Stellen sind nur für den wissenschaftlichen Nachwuchs gedacht, und wenn du 3 - 4 von ihnen inne hattest, ist meistens Sense. Dann bist du ein "senior scientist" und musst schon eine feste Stelle finden.
    ...

    Du allein kannst wissen, ob du dafür geschaffen bist.
    Also wenn ich solche "blanket statements" lese, dann denke ich jedes Mal wieder, nee, dann bin ich da wohl wirklich nicht für geschaffen. Ich kann und will mich nicht "mit Haut und Haaren" meinem Fach verschreiben... Allerdings dachte ich bisher immer, dieses Knallharte, was du da oben beschrieben hast, gelte so hauptsächlich für die wildgewordenen Naturwissenschafter - am besten noch Biotechnologie oder so was, wo jeder auf Teufel-komm-raus der/die Erste sein will, der Genom XYZ entschlüsselt... Mein Fach ist da glaube ich doch noch etwas entspannter (und menschlicher/menschenbezogener).

    Zitat Zitat von Kisskiss Beitrag anzeigen
    Nur wirf nicht einfach das, was du schon erreicht hast, weg.
    Das will ich auch nicht so leichtfertig, und ich werde diese Stelle/dieses Projekt auf jeden Fall zu Ende machen. Nur bin ich gerade dabei, meine bisherige "Karriere" ernsthaft zu hinterfragen. Eine frühere Mitdoktorandin von mir hat es mal so ausgedrückt: "Man wird da so hineingeschlittert." Ich hatte nie die Zeit, wirklich ausgiebig darüber nachzudenken, was ich eigentlich will - meine Doktorandinnenstelle hatte ich schon, noch bevor ich die letzte Abschlussprüfung meines Studiums hinter mir hatte; die Habilitationsstelle, auf der ich jetzt sonst säße, noch bevor ich meine Diss verteidigt hatte... In beiden Fällen bin ich mit der Grundeinstellugn rangegangen, "Naja, kannst dich ja mal bewerben!", und als ich das Angebot dann hatte, kam(en) dann diese innere(n) (und äußeren!!!) Stimmen: "So eine tolle Stelle wirst du doch nicht etwas ablehnen?! Hast du denn sonst eine Alternative? Hast du denn überhaupt eine Idee? - Na also!"

    Soviel zu meiner Vorgeschichte... Und, ganz ehrlich: Vor diesem Hintergrund hinterfrage ich sogar die Grundannahme, als Wissenschaftlerin müsse man sich mit Haut und Haaren von seinem Fach vereinnahmen lassen - soooo viel Haut & Haare waren bei mir da in beiden Fällen nämlich nicht dran....

    Zitat Zitat von Kisskiss Beitrag anzeigen
    Zu deiner Arbeit gehört ein gesteigertes Interesse am Fach, das der normale Arbeitnehmer nicht kennt. Aber wenn du das hast, ist die Arbeit energetisierend!
    Wie gesagt, ich empfinde meine Arbeit im Moment eher als auslaugend... Von "energetisierend" kann ich da nix finden...

    Zitat Zitat von Kisskiss Beitrag anzeigen
    Ist es nicht so, dass dir im Moment nur die Begleitumstände nicht zusagen?
    Vielleicht, vielleicht auch nicht... Das ist ja einer meiner Grübel-Punkte! Aber wenn einem schon das zweite Mal in Folge die Begleitumstände nicht zusagen, sollte man sich vielleicht schon mal Gedanken darüber machen, ob es nicht schlicht und einfach die Grundkonstruktion ist, die nicht passt...

    Zitat Zitat von Kisskiss Beitrag anzeigen
    Man muss heutzutage keine Familie gründen als Frau, die Zeiten sind vorbei.
    Ich würd's aber gerne, den passenden Mann mal vorausgesetzt.

    Zitat Zitat von Kisskiss Beitrag anzeigen
    Stell dir nur mal vor, du backst beruflich kleinere Brötchen, falls das in deinem Fall überhaupt geht und der Traumpartner erscheint trotzdem nicht, was dann?
    Damit hätte ich überhaupt kein Problem - das hiesse ja, ich hätte mehr Zeit für mich selbst! Frei nach Dr. Seuss: "Oh the things I could do!!!"

    Zitat Zitat von Kisskiss Beitrag anzeigen
    Aber ich merke schon, richtig raten kann ich dir nicht.
    Ich weiß nur, was von Wissenschaftlern erwartet wird.
    Vielleicht findest du bei der nächsten Stelle bessere Begleitumstände.

    Kiss
    Trotzdem vielen Dank für dein Feedback! Ich bin froh über alle Meinungen, auch wenn sie vielleicht nicht das sind, was ich hören möchte...

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Kinder kriegen ist absolut keine "bequeme" Alternative zur Karriere in der Wissenschaft.
    So war das auch nicht gemeint. Wie kisskiss schon anmerkte, es steht ja in den Sternen, ob sich dieses "Projekt" mangels Männerbeteiligung überhaupt jemals verwirklichen lassen wird...

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Nur, mein Gedanke, weshalb ich das hier schreibe, ist: Dieses Gefühl, dass die Welt offensteht, kann sehr trügerisch sein. Genau wie du schreibst, Kisskiss, auch in der freien Wirtschaft warten sie nicht auf Leute, die einen gemütlichen Job machen wollen. Je mehr verschiedene Dinge man anfängt, desto größer die Gefahr, dass überhaupt nichts Gescheites dabei heraus kommt. Auch zum Schafezüchten muss man erst mal qualifiziert sein. Und auch wenn man viele Talente hat - andere Leute haben auch welche, und letztlich zählen nur die, die man entwickelt und übt. Für die anderen ist der Zug irgendwann abgefahren, weil die anderen einen überholt haben.
    ...
    Das ist eine kritische Phase nach der Promotion. Die Phase, in der die Frauen aussteigen, die eigentlich das Zeugs hätten. Aber andere Leute haben eben in der Zeit auch ihre Erfahrungen gemacht. Wenn man den Absprung nicht rechtzeitig schafft, sieht es auch für den "gemütlichen" Job ziemlich mau aus.
    Das sind warnende Worte, danke! So ungefähr hören sich auch die Stimmen in meinem Kopf an... Nur möchte ich dazu noch anmerken, dass ich eigentlich gar nicht so "krass"-radikal "aussteigen" möchte, wie das sich vielleicht mancher hier denkt: Also eine "Karriere" à la "Austerntaucherin, Computerfachfrau, Schafzüchterin, Theaterpädagogin, Eventmanagerin, ..." wäre mir auch zu kunterbunt-Kraut-und-Rüben zusammengewürfelt - wenn ich einen kreativ-gemäßigten Weg fände, sagen wir mal noch Interesse Nr. 2 mit meinem jetzigen Tätigkeitsfeld zu vereinbaren, dann wäre ich glaube ich schon ganz zufrieden...

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Andererseits verstehe ich auch sehr gut, wenn man sich diesem Karrierestreben widersetzen möchte. Dieser Wissenschaftsbetrieb ist halt auch furchtbar selbstherrlich und oft total abgehoben. Dass ich mich nicht "opfern" wollte, hatte auch damit zu tun.
    Diesem Karrierestreben stehe ich generell sehr kritisch gegenüber, auch ausserhalb der Wissenschaft. Lohnt sich das wirklich, wie ein Hamster im Rad zu rotieren? Ich habe zwei Freundinnen in meinem Alter, beide Berufsanfängerinnen; die eine kraucht seit über einem Jahr am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil sie so chronisch überarbeitet und existentiell nicht abgesichert ist, die andere ist Lehrerin, steht morgens um 5 Uhr auf, kommt nachmittags aus der Schule nach Hause, isst etwas, und korrigiert/bereitet dann ihren Unterricht vor, bis sie abends ins Bett geht. Da frage ich mich wirklich, muss das so sein??? Wo bleibt das Leben?

    Für heute hör' ich jetzt aber erstmal auf zu grübeln!

    Vielen Dank für eure Denkanstöße,

    DesertSolitaire

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von DesertSolitaire Beitrag anzeigen
    Diesem Karrierestreben stehe ich generell sehr kritisch gegenüber, auch ausserhalb der Wissenschaft. Lohnt sich das wirklich, wie ein Hamster im Rad zu rotieren? Ich habe zwei Freundinnen in meinem Alter, beide Berufsanfängerinnen; die eine kraucht seit über einem Jahr am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil sie so chronisch überarbeitet und existentiell nicht abgesichert ist, die andere ist Lehrerin, steht morgens um 5 Uhr auf, kommt nachmittags aus der Schule nach Hause, isst etwas, und korrigiert/bereitet dann ihren Unterricht vor, bis sie abends ins Bett geht. Da frage ich mich wirklich, muss das so sein??? Wo bleibt das Leben?
    Wenn du diese Frage stellst, ist das m.E. ein deutlicher Hinweis darauf, dass Arbeit bei dir nicht zur Vorstellung von erfülltem Leben gehört. Es deutet darauf hin, dass du bald einen weniger stressigen Job wählen solltest. Viele Karrierewege werden dir versperrt bleiben, weil die, für die Arbeit zum Leben gehört, dich überholen werden. Aber zum Selbstkonzept passt es für dich besser, dich nicht für deinen Job aufzureiben.

    Gruß
    BlauerHimmel

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von DesertSolitaire Beitrag anzeigen

    Diesem Karrierestreben stehe ich generell sehr kritisch gegenüber, auch ausserhalb der Wissenschaft. Lohnt sich das wirklich, wie ein Hamster im Rad zu rotieren? Ich habe zwei Freundinnen in meinem Alter, beide Berufsanfängerinnen; die eine kraucht seit über einem Jahr am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil sie so chronisch überarbeitet und existentiell nicht abgesichert ist, die andere ist Lehrerin, steht morgens um 5 Uhr auf, kommt nachmittags aus der Schule nach Hause, isst etwas, und korrigiert/bereitet dann ihren Unterricht vor, bis sie abends ins Bett geht. Da frage ich mich wirklich, muss das so sein??? Wo bleibt das Leben?

    Für heute hör' ich jetzt aber erstmal auf zu grübeln!

    Vielen Dank für eure Denkanstöße,

    DesertSolitaire
    Man sollte auch nicht vergessen, daß der akademische Betrieb (gerade auch in den Naturwissenschaften) eine Menge Kollateralschäden produziert. Natürlich sieht man die wunderschönen geraden Lebensläufe derer, die nach ein paar schönen Post-Doc-Stellen an interessanten Orten eine feste Stelle gefunden haben und nun als Berufsbeamte vieler Sorgen enthoben sind. Die, die das aber nicht schaffen, die (aus welchen Gründen auch immer) sich auch jenseits der 40 mit befristeten Stellen über Wasser halten und gezwungenermaßen das moderne Berufsnomadentum pflegen, irgendwann desillusierniert versuchen auszusteigen aber für die freie Wirtschaft inzwischen zu alt sind, die sieht man gewöhnlich nicht.

    Ich halte vom menschlichen Standpunkt aus das Karrieresystem an deutschen Unis für a-sozial. Und gerade Frauen (das ist meine Beobachtung) zahlen dafür einen hohen Preis, da sie meist nicht solche Berufs-Autisten sind wie viele ihrer männlichen Kollegen. Für die Einbindung in soziale Netze, in Familien und Partnerschaften ist das akademische Umfeld problematisch. Und die Existenzängste vieler 30bis 40jähriger sind mit denen in der freien Wirtschaft nicht zu vergleichen. Die Freiheit des Forschens hat einen (für viele) hohen menschlichen Preis.

    Wer damit umgehen kann, dem öffnet sich die Perspektive, eine Leidenschaft zum Job machen zu können. Aber man kann auch daran zerbrechen (einer meiner Kollegen lebt heute mit 43 wieder bei seinen Eltern, da er sich seinen Lebensunterhalt nicht mehr verdienen kann, trotz Promotion und Habilitation und unzähliger befristeter Stellen mit mieser Bezahlung).

    Und für den Absprung hat man nur begrenzt Zeit. Ein Personaler in der freien Wirtschaft akzeptiert vielleicht noch eine Post-Doc Stelle, bei der zweiten hat er dann schon leicht den Eindruck, da weiß jemand nicht, was er will. Und dann wird es schwierig.

    Hans
    ----------------------------------------------------------------
    "Hören wir einfach auf, uns selbst und unser Land permanent unerträglich zu finden - denn das kam, gemessen an den Realitäten, schon immer einer Undankbarkeit von unappetitlichen Ausmaßen gleich." Juli Zeh.

  4. Moderation

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Er meinte, in anderen Ländern (seinem, jetzt meinem) sei man da viel flexibler, da sei es viel normaler, auch mal die berufliche Laufbahn zu wechseln, und es käme viel mehr darauf an, was man könne, und nicht, welche Zertifikate man vorzuweisen habe...

    Da hat er Recht, liebe Desert.

    Das ist mir auch erst klar geworden, seit ich nicht mehr in Deutschland lebe. Ich arbeite zwar noch in meinem studierten Beruf, aber als Selbstaendige und immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass übermorgen die Welt ganz anders aussehen kann und ich dann auch klarkommen muss.

    Zu deinem akademischen Thema kann ich nichts sagen, ich hab nur einen Freund, der als deutscher naturwissenschaftlicher Postdoc hier in der Forschung arbeitet, da bekomme ich ab und an was von dem zähen Forschungsbetrieb mit.

    Freu mich aber, dass mein Posting gut ankam Du findest deinen (Mittel)weg schon.
    "I don't want to be part of a world where being kind is a weakness" - Keanu Reeves

    Moderatorin in den Reiseforen und bei der Eifersucht, bei den Selbständigen, Arbeiten im Ausland und im Kunstforum.

  5. Inaktiver User

    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von HansDampf Beitrag anzeigen
    Man sollte auch nicht vergessen, daß der akademische Betrieb (gerade auch in den Naturwissenschaften) eine Menge Kollateralschäden produziert. Natürlich sieht man die wunderschönen geraden Lebensläufe derer, die nach ein paar schönen Post-Doc-Stellen an interessanten Orten eine feste Stelle gefunden haben und nun als Berufsbeamte vieler Sorgen enthoben sind. Die, die das aber nicht schaffen, die (aus welchen Gründen auch immer) sich auch jenseits der 40 mit befristeten Stellen über Wasser halten und gezwungenermaßen das moderne Berufsnomadentum pflegen, irgendwann desillusierniert versuchen auszusteigen aber für die freie Wirtschaft inzwischen zu alt sind, die sieht man gewöhnlich nicht.
    Stimmt.
    Übrigens gibt es da ein ganz nettes Büchlein (höchst polemisch), das sich der naturwissenschaftlichen Lebensweise in der Uni und der Begründung der Kollateralschäden recht detailliert gewidmet hat. Allerdings ohe Frauenforscherprobleme (Stichwort: Kind haben), es ist eher der männliche Blick (Parterin mit Kind weg, da nicht fassen könnend, dass der Kerl immer im Labor ist und das auch noch notwendig sein soll).

    Unter Pseudonym schon vor einer Weile veröffentlicht:

    S. Bär, Forschen auf Deutsch. Der Machiavelli für Forscher - und solche die es noch werden wollen.
    Erschienen im Verlag Harri Deutsch und bequem in vielen Bibliotheken ausleihbar ...


    Wobei ich auch niemanden das Forschen würde ausreden wollen.
    Es ist eben ein Kick, den es so woanders nicht gibt.
    Geändert von Inaktiver User (15.06.2010 um 16:17 Uhr)

  6. Inaktiver User

    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Zitat Zitat von DesertSolitaire Beitrag anzeigen

    OH!!! JA!!!!!! Das ist im Moment mein Hauptproblem; dass ich das Gefühl habe, ich müsste mich jetzt auf die eine Karriere festlegen und was-auch-immer-das-dann ist bis zu meinem Lebensende machen - bei der Vorstellung schnürt es mir ehrlich gesagt die Luft ab... Und mal ganz unbenommen von dem, was die Poster/innen weiter unten über die Schwierigkeiten einer wissenschaftlichen Karriere geschrieben haben: Ehrlich gesagt finde ich die Vorstellung, Professorin zu sein/zu werden, ziemlich... öde. (Ich trau' mich kaum, das hier hinzuschreiben...) Da würde ich dann hauptsächlich genau das machen, was ich nun schon zu Genüge kenne: forschen, Paper schreiben, unterrichten; forschen, Paper schreiben, auf Konferenzen gehen, Hausarbeiten korrigieren; forschen, Paper schreiben, ...

    Umgekehrt ist es glaube ich auch so, dass ich, wenn ich genau wüsste, ich muss mir zwangsläufig nach meinen zwei Jahren hier was vollkommen anderes suchen, meine Zeit und das, was ich im Augenblick hier lerne, wahrscheinlich viel mehr "genießen"/wertschätzen würde, weil da dann eben nicht dieser ganze Berg der Endgültigkeit dran hängen würde...

    Genau das würde ich Dir raten... nimm die Kenntnisse und Erfahrungen aus der Uni - am besten mit vernünftig abgeschlossenen Projekt mit und wechsel nach zwei weiteren Jahren.
    Dann genießt Du deinen aktuellen BEruf jetzt, Prof. willst Du sowieso nicht werden... und Du kann schon jetzt mal anfangen, den Markt herum zu sondieren. Und hältst Dir Uni vllt. als Option offen (wer weiß, wie´s Deinem Jobbereich dann geht...?)



    Ich bin in meinem Beruf auch Quereinsteigerin und finde das eher angenehm, auch wenn´s nicht jedem erklärlich ist und ich nochimmer auf die Uni angesprochen werde... .

    Über Jobbörsen usw. kannst Du erst mal genüsslich nebenbei den Markt sondieren, schau halt, welche DEINE Lieblingsskills sind und wo die gefragt sind. Möglicherweise kannst Du dabei auch ganz kühl Deinen präferierten Arbeitsort festlegen.

    Vielleicht findest Du dabei auch eine neue, zuvor nicht absehbare gewesende Job-Richtung, die in etwa Deine recht unterschiedlichen Wünsche zur Umsetzung gelangen lässt...

  7. Inaktiver User

    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Dieses in sinusmäßige Wellenarbeitenkönnen sind, glaube ich, ganz normale Phasen im wissenschaftlichen und künstlerischen Berufsleben.

    Wenn die Betreffenden sich im y-Achsenminusbereich der Sinuskurve befinden, kann es passieren, dass sie sich unzufrieden, gestresst, schuldig, ausgelaugt fühlen. Denn ein "anständiger Mensch" tut ja nicht nichts - so sind wir erzogen.

    Wichtig ist es zu erkennen, dass diese Phasen sogar wichtig für diese Art Berufsleben sind und sich auf dieser Erkenntnis ihnen hinzugeben - mit Entspannung, und wenn es dezent am Arbeitsplatz ist, oder Akzeptieren dieser Phase, indem Du Dich fallenlässt, oder was auch immer.

    Insofern kannst Du versuchen Dich geistig und seelisch zu pflegen und sie anzunehmen. Sie sind wichtig, damit die Hochs kommen.

    Meine Gedanken aus eigener Erfahrung. Ist auch eine Typsache.


    .
    Geändert von Inaktiver User (16.06.2010 um 15:37 Uhr) Grund: Ich dachte, ich hätte etwas verwechselt.

  8. Inaktiver User

    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Danke, Herbstblatt, für dieses schöne Posting

  9. User Info Menu

    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Hallo liebe Desert,

    hier meine bescheidene hobbypsychologische Einschätzung (wenngleich ich finde, dass du hier sehr viele nützliche/sinnvolle Hinweise schon erhalten hast):

    Es ist völlig normal, dass man unzufrieden wird, wenn einem so gut wie alles offen steht: Du hast keinen Partner, keine Kinder, in deiner Familie zu Hause scheint alles ok, wahrscheinlich keine großen/ernsthaften finanziellen Verpflichtungen... Du bist in der eigentlich wunderbaren Lage, auf wenig Rücksicht nehmen zu müssen.
    Es steht dir so vieles offen, da ist es doch klar, dass man unzufrieden wird, weil man mit jeder Entscheidung tausend andere Möglichkeiten ausschließt.

    Ein profaner Vergleich: Wenn ich nur bei Aldi einkaufen kann, muss ich nur zwischen 5 Sorten Nudeln wählen, das geht schon irgendwie. Wenn ich aber bei allen Supermärkten, im Bioladen und im Internet-Feinkost Handel meine nudeln ordern kann, da schwirrt mir der Kopf und alleine diese Entscheidung kostet mich viel Kraft... Deswegen gehe ich so gerne zu Aldi

    Das hilft dir jetzt auch nicht weiter, aber vielleicht kannst du ein bisschen mehr Verständnis für dich selbst entwickeln.


    Ansonsten: Traue dich und treffe Entscheidungen!! Du klingst nämlich sehr patent und ich glaube, dass du mit den folgen deiner Entscheidungen gut zurecht kommen wirst


    Liebe Grüße,

    Whiskia
    heute ein König

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    AW: Mein Leben auf dem falschen Dampfer...

    Hallo zusammen,

    heute geht es bei mir gerade total drunter und drüber - sowohl emotional als auch gedanklich... Es fing damit an, dass mir beim Nachdenken in der Mittagspause klar geworden ist, dass ich große Schwierigkeiten habe, mich mit so einer Aussage

    Zitat Zitat von BlauerHimmel Beitrag anzeigen
    ... dass Arbeit bei dir nicht zur Vorstellung von erfülltem Leben gehört
    zu identifizieren - dass ich mich doch immer sehr, wenn nicht direkt über die Leistung definiert habe, das einfach dazugehörte zu meiner Identität: dass ich stolz darauf war und Spaß daran hatte, gut zu sein, dass ich mit durchschnittlichem Arbeitsaufwand überdurchschnittliche Leistungen gebracht habe bzw. Dinge hingekriegt habe, die andere so nicht geschafft hätten oder sich gar nicht erst zugetraut hätten... Und dass mir dieser Teil meiner Persönlichkeit eigentlich doch sehr lieb und ans Herz gewachsen ist und ich mir nicht vorstellen kann, den völlig aufzugeben und jetzt statt dessen gemütlich Erbsen züchten zu gehen...

    Und dann kam noch eins meiner vielen Selbsthilfebücher dazu, die ich mir aus akutem Anlass aus der Bibliothek ausgeliehen hatte - Thema: "Wie finde ich einen sinnstiftenden Job (und überhaupt Sinn im Leben)?", und das hat mich, obwohl ich es zuerst reichlich wischi-waschi und allgemein gehalten fand, dann doch ziemlich mitgenommen. Auf einmal saß ich da und war nur noch am Heulen, mir sind so viele Sachen durch den Kopf gegangen, gerade auch zu meinem familiären Hintergrund, und dass du, Stecher, mit deiner Anmerkung

    dass es nicht so frei klingt wie es eigentlich sein sollte. Völlige Akzeptanz und Vertrauen macht kein "aber"
    doch recht hattest; dass es schon einen Grund gibt, warum ich so fürchterliche Angst davor habe, mich eventuell falsch zu entscheiden, (weil ich nämlich gesehen habe, wie schnell man es nicht mehr oder kaum noch schafft, sich aus eigener Kraft wieder von diesen Fehlentscheidungen zu befreien); dass mir eine gelungene Work-Life-Balance nicht vorgelebt worden ist; dass "Sei glücklich!" ein ganz schön drückender Imperativ sein kann...

    Sorry, ich bin gerade etwas durcheinander; ich glaube, ich muss das alles erst einmal sacken lassen... Aber trotz allem (trotz aller Heulerei ) fühlt es sich (auch) gut an; ich glaube, da kommt gerade eine Menge in Bewegung...

    Ich danke euch allen für eure Beiträge und fürs Zuhören - ganz besonders für die "Aldi-Nudeln", "Sinuskurven" und "Berufs-Autisten"!

    Liebe Grüße.

    DesertSolitaire

    (z.Zt. im emotionalen Schleuder-Waschgang)

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