Liebe Bris,
ich möchte gern mal ein Thema zur Debatte stellen, das mir schon eine Weile im Kopf rumgeistert. Wie sehr sind wir, die wir heute leben, eurer Meinung nach noch von Spätfolgen des Krieges betroffen? Welche Erfahrungen habt ihr mit vorangehenden Generationen gemacht, die Erlebnisse der Todesangst verarbeiten mussten - oder es vielleicht eben nicht taten, sondern abgespalten, verdrängt haben?
Meine Hypothese ist, dass es in einigen (oder vielen) Familien eine merkwürdige, ambivalente, widersprüchliche Rollenverteilung gibt, die ich mit den Kriegsfolgen in Zusammenhang bringen würde. Also einerseits Eltern sehr viel Raum für ihre Elternrolle beanspruchen, bis hin zur Kontrolle - andererseits aber gerade über diese starke Elternrolle eher kindliche Bedürfnisse nach Gesehen-Werden, Symbiose, Verschmelzung oder totale Bestätigung (also im Sinne von: Bestätigung nicht eines bestimmten Verhaltens, sondern umfassende Bestätigung der gesamten Person, immer und stets) ausleben. Diese Bedürfnisse halte ich für eine Folge der Extremerfahrungen und Abspaltungen, die die Kriegsgeneration gemacht hat. Verlustängste zum Beispiel, sind eine Folge der Traumata, aber doch eigentlich ein sehr kindliches Gefühl, das kleine Kinder empfinden, die noch kein bewusstes Selbst haben, und auf konkrete Bezugspersonen, die ihr Überleben sichern, zwingend angewiesen sind.
Worauf ich im Austausch mit anderen zum Beispiel immer wieder stoße, ist das Phänomen, dass Eltern ihren erwachsenen Kindern Essen regelrecht aufzwingen. Sie kommen also aus ihrer Versorgerrolle nicht heraus (Eltern-Teil). Ich habe aber oft das Gefühl, dass es da eben um so kindliche Bedürfnisse geht. Verlustangst, Kontrollbedürfnis. Ich weise nie das Stück Fleisch zurück, sondern meine Mutter sowohl als Person als auch in ihrer sich selbst zugeschriebenen Definition ihrer Mutterrolle. Kennt ihr sowas?
LG,
Babette
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28.05.2010, 20:40
Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Geändert von Dieclou (28.05.2010 um 20:44 Uhr)
Zurück ist ein Ort, den es nicht gibt.
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28.05.2010, 22:32Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Ja die folgen der Kriege sind immer noch spürbar und wirken.
Man kann davon ausgehen, dass es über 3-5 Generationen sich auswirkt.
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28.05.2010, 22:59Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
liebe babette,
ein thema, das mir schon lange auf der seele liegt (natürlich aufgrund eigener probleme in und mit meiner familie).
ich für meine person bin unumstößlich überzeugt davon, dass die traumata, die meine beiden ursprungsfamilien während krieg, z.t. auch vertreibung, also flucht und neuanfang erlitten, mein leben auf nicht unerhebliche weise belastet haben.
die todesängste, die vermutlich verdrängt wurden, die menschlichen und gutsbesitzverluste, die leider stattfanden, die erfahrung, unerwünschte flüchtlinge zu sein, entwurzelt, gedemütigt, vermischten sich auf ganz ungute weise zu einer art "fremdenphobie" -also mißtrauen in seiner schlimmsten art.
zwangsweise einhergehend mit einem familienzusammenschluß, der im grunde jede öffnung nach außen als bedrohlich ansah -zumindest, wenn "außen" eine andere lebenseinstellung hatte...
ich war dann -aufgrund meiner eben nicht schlechten erfahrungen- der naive rebell in dieser verschworenen gemeinschaft -und fühle mich auch heute noch als außenseiter (inzwischen fühlt es sich gesund an -als kind dachte ich, ich sei falsch).
meine reflektion wurde aber auch erst möglich aufgrund einer existentiell bedrohlichen phobie -
ich konnte kaum noch essen.
dies also auch ein thema bei uns: über essen (versorgen) wurde gerne viel nähe und zuneigung vermittelt -gemeinsame unternehmungen, spiele, ehrliche, offene gespräche fehlten mir dagegen.
ich tröste -oder belohne- mich auch heute noch mit essen und habe erst vor kurzem -mit fast 40 jahren- gemerkt, wie sehr ich beispielsweise bewegung und musik brauche.
durch die verschlossenheit meiner familie und verstärkend durch das zurückgezogene leben meiner eltern hatte ich eine recht einsame kindheit.
die allgemeinen lebensängste werden mich wohl immer begleiten -es gibt viele menschen, die relaxter durch`s leben gehen.
doch immerhin: ich hab geschafft, zu überleben -wie ein großer teil meiner familie auch.
und da bin ich dann doch stolz auf uns!
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30.05.2010, 23:17Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Liebe babette,
gerade heute hat mich genau diese Frage umgetrieben, nämlich, wie es meine Mutter "schafft", so völlig unreflektiert durchs Leben zu gehen. (Und da entdecke ich Deinen Strang!) Es scheint, dass sie noch nie in ihrem Leben sich mit Fragen, was das "Selbst" betreffen, auseinander gesetzt hat. Sie ist quasi noch nie wirklich bei sich selbst angekommen. Und deshalb ist für mich eine echte Annährung an ihre Person, an ihr Inneres, nie möglich gewesen - und ist es immer noch. (Was mich gerade sehr traurig macht).
Auch eine gewisse Diskrepanz in ihrem Verhalten, einerseits sehr kontrollierend, fordernd (an die Familienmitglieder/Kinder) zu sein, stark zu sein, was Arbeit und Organisation des täglichen Lebens angeht, also z.B. ihr ganzes Leben immer "an vorderster Front"(!) gearbeitet zu haben, also Kinder bekommen, versorgen, "aufziehen", "nebenbei" einen Betrieb mit aufgebaut zu haben (der in hohem Masse von ihr und ihrer Arbeit getragen wurde), aber andererseits wie ein verschämtes Mädchen zu reagieren, wenn sie bewusst etwas für sich selbst fordern möchte, wie z.B. im Restaurant etwas bestellen, was "umständlich" wäre, bzw., einen Sonderwunsch zu äußern. Nein, da nimmt man doch lieber das, was ganz regulär auf der Karte steht.
Ja, Abspaltung.... das ist sicher der Zipfel eines roten Fadens zur Eklärung.
Alles, was Du sonst noch schreibst, passt bis ins kleinste Detail auf meine Mutter (Kontrolle: sie musste IMMER wissen, wo ich mich gerade im Haus aufhalte. Symbiose: Eigentlich hat sie mich nie als ein Gegenüber wahrgenommen, sondern ich bin mir immer nur als ein verlängertes Körperteil ihrer selbst vorgekommen. Kindliches Bedürfnis nach Gesehen -Werden: Sie brauchte vor dem Weggehen immer die Bestätigung von mir, dass sie gut gekleidet ist, dass alles in Ordnung ist. Essen: Gerade das Essen war und ist DAS Hauptthema, jetzt umso mehr, da sie alt und gebrechlich wird und das mit dem Arbeiten nicht mehr klappt. Das Essen und die mit einhergehende Abwertung der ganzen Person, falls das Essen nicht so gewürdigt wird, wie "man" es sollte. Aber auch das Ausleben des Kontrollzwanges gerade über das Essen! Wenn ich bei ihr zu Besuch bin, dann fühle ich mich wirklich in meine Kindheit zurückversetzt: "Nimm doch noch mehr, du hast doch sicher Hunger!! " "Das kann ruhig alle werden!" Ich stell'mich doch nicht hin und koche, und dann stochert ihr nur so im Essen rum!" "Bei uns früher...!"
Ich dachte immer, dieses Verhalten ergäbe sich insbesondere aus der Familienkonstellation (viele Geschwister, sie als Älteste musste schon früh Verantwortung übernehmen und für die jüngeren Geschwister da sein, Armut) aber die Brücke zu den Kriegserlebnissen habe ich noch nie auf diese Weise gesehen. Nun, "irgendwie" habe ich schon einen Zusammenhang gesehen, aber noch nie so klar wie gerade eben.
Und ich frage mich gerade, wie ich mit diesem Wissen umgehen soll. Es keimt Verständnis auf, für sie, für das kleine Mädchen, das sie damals war, inmitten des Krieges, die Bombennächte im Keller, das knappe Essen (wenn überhaupt).
Aber gerade tut sich auch bei mir einiges... (Deshalb habe ich heute auch über sie nachdenken müssen)
Ich bin auf einem Weg, diese "Symbiose" endlich einmal aufzulösen. Der Weg ist noch weit, aber Anfänge sind gemacht. Ich fühlte mich bis vor Kurzem immer extrem verantwortlich für ihr seelisches Wohlbefinden (dann ist das auch eine Kriegsspätfolge, sich als Kind so extrem um die Mutter (bzw. Eltern) Sorgen zu machen?), aber ich kapiere so langsam, dass sie selbst die Verantwortung hat. Ich kann nicht 24h / 7 Tage die Woche um sie herum sein und "alles Böse" von ihr abwenden. Sie muss selbst damit zurechtkommen, mit dem Alterungsprozess und mit dem Verlust der Arbeitskraft (bzw. überhaupt mit dem Verlust der Kraft. Sie ist wirklich sehr gebrechlich geworden) fertig werden. Ich kann nur Hilfestellungen geben, aber der innere Prozess, den sie jetzt durchmacht ist ihr.
Das soll mal reichen für heute!
Interessantes und schmerzhaftes Thema!
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31.05.2010, 08:48
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Wo siehst Du die Verbindung zu Kriegserlebnissen? Solche Menschen gibt es doch auch haufenweise, ohne dass sie einen Krieg mitgemacht haben.
Inwiefern ist "Verdrängen" und die Angst vor sich selbst denn eine Kriegsfolge?
Natürlich prägen uns unsere Eltern mit allerlei Merkwürdigkeiten, so wie wir unsere Kinder.
Aber was ist das Besondere an der Kriegsgeneration?Am Ende gilt doch nur, was wir getan und gelebt – und nicht, was wir ersehnt haben. Arthur Schnitzler
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31.05.2010, 09:38Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Das mit dem Essen habe ich auch so erlebt. Mein Stiefvater war ja selbst noch Kriegsfreiwilliger gewesen, und ich sehe deutlich vor Augen, wie er sich dicke Butterscheiben aufs Brot legte mit der Begründung, er wolle nie wieder Hunger haben
Die Mahlzeiten waren enorm wichtig, und durch meine Verweigerung zu essen war ich auch schnell die Außenseiterin. Das Gekochte nicht anzunehmen war kein Zeichen von "nicht hungrig sein", sondern eine Beleidigung für die Köchin 
Interessanter Thread, Babette
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31.05.2010, 09:39Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Hallo
ich bin zutiefst davon überzeugt und die Forschung heute ebenfalls, daß es gerade für die Generation der "Kriegs- und Nachkriegskinder" nicht die Hilfe gab, die nötig gewesen wäre, um die Schrecken des Krieges und der Zeit danach zu verarbeiten. Man dachte auch oft, die haben das nicht mitgekriegt oder "sei froh, daß Du lebst" oder "Kinder vergessen schnell".
Daraus resultierendes Verhalten hat wiederum die Erziehung deren Kinder geprägt und hat natürlich Einfluß auf uns.
Ich persönlich habe unsere Familie in vielen Beiträgen in den Büchern von Sabine Bode wiedergefunden. Sie haben mir auch geholfen, manche familiäre Strukturen zumindest zu akzeptieren und zu verstehen.
Ich habe auch selbst mit der Autorin Kontakt aufgenommen, mir mit ihr geschrieben und lange telefoniert und diese Gespräche haben mich auch sehr bestätigt und mir auch geholfen.
Aktuelle Bücher sind da z.B.
Die vergessene Generation Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen und
Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation
Sehr empfehlenswert!
Antje
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31.05.2010, 09:43Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Ich kann auch nicht so ganz folgen - aber meine Eltern waren zu Kriegszeiten noch Kinder. Da trifft es vielleicht eher die Generation meiner Großeltern?
Bei meiner Oma konnte ich dieses Verhalten aber nicht feststellen - sie war eine herzliche und warme Frau. Sie lebt seit 3 Jahren nicht mehr wurde aber 91. Sie fehlt mir.
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31.05.2010, 09:53Inaktiver User
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Kennt ihr sowas?
Ja. Absolut.
Gerade was das Thema "Essen" betrifft, wie von meinen Vorschreiberinnen schon beschrieben, ebenso wie elterliche Kontrolle, die viel zu weit geht, aber von ihnen als Fürsorge verstanden wird.
Ebenso die Überbetonung des "was Haben müssen/was Herzeigen können/nicht Wegwerfen können".
Und immer wieder. ja man kann fast Vorwürfe sagen, dass wir Kinder es ja sooo gut haben, und gar nicht wüssten WIE gut es uns denn geht, und wie verweichlicht wir doch seien...
Und dann dieses elende "unter Hitler war nicht alles schlecht..."
Die unterschwellige Fremdenfeinlichkeit...
Die unterschwellige Verachtung für Juden...
Die Unbelehrbarkeit.
Der Drang zum Gehorsam.
Das Einfordern von Gehorsamkeit.
Ein Krieg zieht wirklich weite Kreise in die Zukunft
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31.05.2010, 09:57
AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?
Spannendes Thema. Meine Eltern sind beide Vaterlos aufgewachsen mit sehr verschiedenen, aber doch auf ihre Weise sehr dominanten Müttern, die niemals in Frage gestellt oder kritisiert werden durften. Meine Eltern sind in gewisser Weise erst nach dem Tode der jeweiligen Mutter richtig erwachsen geworden.
Essen spielt in meiner Familie auch eine große Rolle. Als Kind habe ich dauernd vor halbvollen Tellern gesessen mit dem Zwang sie leer zu essen. Besonders gut kann man das heute bei meinen Neffen und Nichten beobachten. Sie sind alle gesund, munter, sportlich und intelligent. Aber, von meinen Eltern diagnostizierte, „schlechte Esser“. Jede gemeinsame Mahlzeit wird zur Qual weil die Kinder mit Argusaugen beobachtet werden und die Nahrungsaufnahme bewertet.
Meine ansonsten für psychologische Betrachtungsweise durchaus offenen Eltern lehnen es auch völlig ab, hinter dieser Thematik mehr zu suchen als eine reine und gute Sorge um die Gesundheit der Kinder. Es gab schon einige heftige Familienstreits, weil ich darauf beharrt habe, dass mehr dahinter steckt. Bin aber nicht durchgedrungen. Die objektiven Tatsachen (gesunde, muntere, schlanke Kinder) werden völlig ignoriert, weil "man" ja von so wenig Essen gar nicht leben könne.


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