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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Ich bin auch ein Kriegsenkel. Meine Eltern Jg. 34 und 35. Mutter ist mit ihren Eltern zweimal geflüchtet, einmal von Schlesien nach Sachsen, und von dort dann in den Westen. Da war ich erst drei Jahre alt.

    In unserer Familie wurde immer viel über "früher" gesprochen. Wer wann wohin, warum, was aus Tante Käthe wurde, wer in Dresden bei dem großen Angriff umkam, und ich erinnere mich, dass ich als Kind (vielleicht so 7, 8 Jahre alt) manchmal weinen mußte, wenn ich diese Dinge hörte. Heute kann meine Ma nur den Kopf schütteln über sich, dass sie mir diese Geschichten antat. Ich sehe es gar nicht so, sie hat mir über unsere Familie berichtet, daran finde ich nichts verwerfliches.

    In den Familien von mir und meinem Mann gibt es allerlei Krauses, der am meisten Betroffene scheint Schwiegervater zu sein, der wohl bis heute nicht verwand, was er erlebte. Auch nicht darüber reden möchte. Er ist ein emotionales Monster. Ambivalent, quälerisch, machtsüchtig. Die Schwiegermutter entsprechend genervt, und qua Generation nicht in der Lage, zu flüchten. Kinder traumatisiert.
    Meine Mutter sagte neulich erst wieder (anläßlich des Mauerfall-Jahrestages), als wir beide traurig waren (Sch*** Mauer, Sch***Krieg usw...kommt doch alles wieder hoch an so einem Tag!), sie verdränge viel, weil es sonst nicht auszuhalten wäre, und deshalb wolle sie auch keine Therapie (gegen Ängste z.B., die sie manchmal schon behindern). Genaueres Hinschauen würde sie nicht aushalten.

    Wir hatten bis nach der Wende einen Onkel in Bautzen einsitzen. Als Strafe, weil die Familie abgehauen war. So brutal war das früher. Kürzlich in Berlin, an der Mauer vorbeifahrend...mir laufen die Tränen, ich kann dagegen gar nichts machen. Soviel Leid, soviel Elend, soviele zerstörte Familien...

    Meine "alte" Heimat ist sehr schön, landschaftlich. Familiäre Reste gibt es natürlich auch noch. Ich traue mich nicht hinzufahren. Vielleicht gefällt es mir so gut, dass ich nicht wiederkomme.
    Ganz schön schräg, nicht wahr.

    So fühlt sich ein Kriegsenkel.

    Während ich dies schreibe, muss ich weinen.

    Es gäbe noch viel mehr zu berichten, auch über die Erfahrungen mit den Großeltern, das Verhältnis der Großeltern zu ihren Kindern mit schrägen Auswirkungen durch den Krieg auf deren Innenleben und Kindererziehung.

    Meine Ma sagt immer "Jede Generation hat ihr besonderes Päckchen zu tragen, so ist es nunmal".
    The original Karla
    est. 2006


  2. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Auf jeden Fall tut es gut zu lesen, dass es anderen genauso geht!

    Bis vor kurzem habe ich immer noch gedacht - "was beklagst du dich, wie gut hast du es, so etwas Schlimmes nicht erlebt zu haben!!"

    Ich habe lange gar nicht realisiert, wie mich das alles belastet - Gespräche von den Älteren über Nazi-Zeit, Krieg, Vertreibung usw. ... das war einerseits weit weg von mir, andererseits war ich aber auch irgendwie unmittelbar mit-betroffen.

    Denn nur, weil man etwas nicht erlebt hat, hört es ja nicht auf zu existieren. Nur weil man manche Erfahrungen glücklicherweise nicht am eigenen Leib erlebt hat, heißt das ja nicht, dass man sie nicht irgendwie erfühlen kann. Das Grauen ist immer noch irgendwie um uns herum ... in unseren Eltern, die es an uns weitergaben ....

    Schlimm genug - aber es sich bewusst zu machen, hilft schon mal einen Schritt weiter.
    Geändert von Inaktiver User (11.09.2011 um 10:46 Uhr)

  3. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Karla48 Beitrag anzeigen
    Meine Ma sagt immer "Jede Generation hat ihr besonderes Päckchen zu tragen, so ist es nunmal".
    Ein sehr weitblickender Mensch hat auf die Frage, welche Aufgabe unsere Generation heute in unserer 'so bequemen, so ungewöhnlich lange friedlichen Zeit, mitten in Europa' hat, gesagt:
    Die Zeiten davor zu verdauen, wofür die direkt betroffene Generation weder die Möglichkeiten, noch die Zeit hatte.

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Schlimm genug - aber es sich bewusst zu machen, hilft schon mal einen Schritt weiter.
    Das sehe ich ganz genau so ... und es ist in meinen Augen auch das Einzige, das hilft. Denn die Erfahrungen sind ja da ... es ist ja alles passiert. Die Vergangenheit zu ändern ... naja.

    Das Bewusstsein jedoch, Dinge zu verstehen und auch anzunehmen, dass unsere Generation eben auch betroffen ist, ist meines Erachtens der einzige Weg um diese Traumata zu verarbeiten und dann irgendwann tatsächlich zu sagen: das ist Geschichte - und ich kann loslassen.

    Gelingt mir leider nicht immer so, wie ich es hier schreibe
    Geändert von Apprenti (11.09.2011 um 12:28 Uhr)
    Apprenti

  5. gesperrt

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Apprenti Beitrag anzeigen
    Danke lalunanubia

    Diesen Text habe ich gerade etwa 4 Mal gelesen .... Ich erkenne darin sehr, sehr viele Dinge wieder. So war die Beziehung meiner Oma zu meiner Mutter. So war und ist die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir ....
    Auch ich sage Danke . Auch ich erkenne mich wieder, die Beziehung meiner Mutter zu mir, zu ihrer Familie usw.

    Was ich nicht verstehe ist, dass ich einige Frauen aus dieser Generation kennenlernen durfte, die ähnliches wie meine Mutter erlebt haben, aber wunderbare gefühlvolle Frauen, die genau das Gegenteil meiner Mutter, sind?

    Ich habe den Eindruck, dass der 1. Weltkrieg auch eine Rolle bei dem ganzen Thema spielt, weil meine Mutter (Jahrgang 1936), ja ihre ersten Lebensjahre sehr gut verbracht hat und das große Leid erst kurz vor dem Kriegsende 1945 begann.

    Meine Tanten sind übrigens auch solche "kalten" Frauen und meine Mutter wurde schon als Kind als sehr schwierig bezeichnet. Bei ihr denke ich auch, dass sie nur Aufmerksamkeit bekam, wenn sie Dummheiten gemacht hat oder durch aggressives und bösen Verhalten auf sich aufmerksam gemacht hat, damit man sie wahrnahm. So tickt sie heute noch.

    Zu DDR-Zeiten hat sie als gelernte Kinderkrankenschwester später die Kinderkrippen einer mittleren Großstadt geleitet.... Viele Jahre später habe ich erst verstanden, dass viele Frauen Erzieherberufe etc. ergreifen, um ihre eigene schreckliche Kindheit aufarbeiten zu wollen. Selbst ich kenne noch einige junge Frauen, die Erzieherinnen sind, wo ich denke, dass es besser wäre, wenn sie diesen Beruf nicht ergriffen hätten...

    Meine Mutter hat Therapie immer abgelehnt, obwohl sie miterlebte, dass alle ihre Kinder eine Therapie machen mussten.

    Jetzt ist sie 75, hatte mich im vergangenen August zu ihrem 75. Geburtstag, eine Wocher vorher!, eingeladen und hat zwei Tage vorher meine Nichte am Telefon erzählt, was ich doch für ein integrantes Arschloch wäre.... Seit Jahren habe ich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen....

    Wildblume

    Wildblume

  6. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Liebe Karla48,

    jetzt kommen mir auch die Tränen, wie ich Deinen Beitrag lese (meine Mutter und meine erste Schwiegermutter haben den Brand von Dresden überlebt).

    Ich finde es eigentlich gut, dass meine Mutter uns als Kindern (nicht mehr sehr kleine Kinder) ab und zu davon erzählte - keine Anekdoten, sondern schwere Sachen (damals war sie etwas über 10).

    Denn dadurch habe ich in Vielem ein grundlegendes Verständnis für meine Mutter, wenn ich an ihr zweifle. Grundlegend deswegen, weil es mir im Einzelnen manchmal sehr schwer fällt. So wie ihr auch vieles an mir sehr schwerfällt (dass ich z. B. zweimal geschieden bin und sehr schnell mit kleinen Kindern verlassen und alleinerziehend war - ihre Mum wurde nach dem Krieg von ihrem Mann und Vater meiner Mutter und ihrer Geschwister verlassen und hat sich das Leben genommen ...).

    Ich bin mir bewusst, dass ich Einiges, was kriegs- und altzeitbedingt an übernommenen Schäden (auch kriegsunabhängig waren früher die Erziehungsmethoden gesellschaftsakzeptiert meist rauer) durch mich gehend an meine jetzt erwachsenen Kinder übertragen habe oder noch tue bzw. eben selbst Schaden anrichte. Allerdings erspüre oder ergründe ich dies erst, seitdem ich ungefähr 45 bin. Da bin ich mal auf die Idee gekommen - wahrscheinlich geht es mancher auch hier so. Ich hatte nie zuvor darüber gelesen oder gehört.

    Insofern bin ich mir ziemlich sicher, dass die Generation nach mir (die jetzigen knapp über 20jährigen) ebenso noch kriegsbedingte seelische Folgeschäden haben bzw. selbst weitertragen.

    @ Leda,

    ich denke, zukünftige Menschen werden mal nicht verstehen können, dass wir in unserer Zeit z. B. im April 2011 fünfmillionenfünfhunderteintausend und paar zerquetschte erwerbsfähige Menschen in Deutschland haben, die sich nach SGB II und SGB III nicht selbst unterhalten konnten und menschenunwürdigen Maßnahmen unterzogen werden, während die Arbeitsministerin offiziell verkündet, es gäbe diesbezüglich keinen Anlass zur Sorge - und sie werden uns die Schuldfrage stellen.

    Insofern bauen wir als Gesellschaft schon wieder zusätzliche Last für die nach uns Kommenden auf.

    Und indem wir immer auf die Nazi- und Kriegszeit schauen und sie (zu Recht) verdammen, bzw. in schwacherer Form die DDR, lenken wir von unserer eigenen gesellschaftlichen Verantwortung ab.

    Genauso, wie es die Generationen vor uns in ihrer Zeit schon getan haben.
    .
    Geändert von Inaktiver User (11.09.2011 um 11:37 Uhr) Grund: Zeilen an Leda

  7. gesperrt

    User Info Menu

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    @ Leda,

    ich denke, zukünftige Menschen werden mal nicht verstehen können, dass wir in unserer Zeit z. B. im April 2011 fünfmillionenfünfhunderteintausend und paar zerquetschte erwerbsfähige Menschen in Deutschland haben, die sich nach SGB II und SGB III nicht selbst unterhalten konnten und menschenunwürdigen Maßnahmen unterzogen werden, während die Arbeitsministerin offiziell verkündet, es gäbe diesbezüglich keinen Anlass zur Sorge - und sie werden uns die Schuldfrage stellen.

    Insofern bauen wir als Gesellschaft schon wieder zusätzliche Last für die nach uns Kommenden auf.

    Und indem wir immer auf die Nazi- und Kriegszeit schauen und sie (zu Recht) verdammen, bzw. in schwacherer Form die DDR, lenken wir von unserer eigenen gesellschaftlichen Verantwortung ab.

    Genauso, wie es die Generationen vor uns in ihrer Zeit schon getan haben.
    .
    Da ist was dran, aber was meinst du genau mit den 5,5 Mio erwerbsfähigen Menschen in Deutschland?

    Wildblume

  8. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Wildblume2008 Beitrag anzeigen
    Auch ich sage Danke . Auch ich erkenne mich wieder, die Beziehung meiner Mutter zu mir, zu ihrer Familie usw.

    Ja das geht mir genauso. Ich beschäftige mich derzeit mit übernommenen Ängsten und stieß in dem Zusammenhang auf das Buch bzw. diese Rezension, die manches klarer macht.
    Mein Vater war in Rußland in Kriegsgefangenschaft , auf der Flucht wurde er angeschossen. Meine Mutter Flüchtling mit 14 Jahren. Mein Vater hat eher mal durchblicken lassen wie schlimm es war, während meine Mutter alles damit in Zusammenhang stehende negiert hat, ihre Überlebensstrategie.

    Was ich nicht verstehe ist, dass ich einige Frauen aus dieser Generation kennenlernen durfte, die ähnliches wie meine Mutter erlebt haben, aber wunderbare gefühlvolle Frauen, die genau das Gegenteil meiner Mutter, sind?

    In der Traumaforschung heißt es, dass ein gewisser Prozentsatz Erfahrungen leichter verarbeiten kann, während Andere ihr Leben lang damit zu tun haben.

    Wildblume
    Gruß Luna

  9. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    @ Wildblume,

    so habe ich es vor einiger Zeit auf der Website der AA in Nürnberg gelesen (habe damals für ein politisches Kunstwerk für eine Ausstellung recherchiert).

    Die Zahl setzt sich zusammen aus völlig Arbeitslosen und Billigstlohnbeschäftigten, die nicht von ihrem Lohn leben können.

  10. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    @ Leda,

    ich denke, zukünftige Menschen werden mal nicht verstehen können, dass wir in unserer Zeit z. B. im April 2011 fünfmillionenfünfhunderteintausend und paar zerquetschte erwerbsfähige Menschen in Deutschland haben, die sich nach SGB II und SGB III nicht selbst unterhalten konnten und menschenunwürdigen Maßnahmen unterzogen werden, während die Arbeitsministerin offiziell verkündet, es gäbe diesbezüglich keinen Anlass zur Sorge - und sie werden uns die Schuldfrage stellen.

    Insofern bauen wir als Gesellschaft schon wieder zusätzliche Last für die nach uns Kommenden auf.

    Und indem wir immer auf die Nazi- und Kriegszeit schauen und sie (zu Recht) verdammen, bzw. in schwacherer Form die DDR, lenken wir von unserer eigenen gesellschaftlichen Verantwortung ab.

    Genauso, wie es die Generationen vor uns in ihrer Zeit schon getan haben.
    .
    Ja, das ist wohl so, dass ständig etwas weitergeschoben wird bzw. dass an unterschiedlichen Stellen weitreichende Themen / Probleme originär oder auch als Spätfolgen von irgendwas entstehen und nicht mehr von denen bewältigt werden (können), die es direkt betrifft.
    Es gibt immer beides: Früher entstandener Schyce und aktuell entstehender.

    Dazu kommt, dass das Leben immer schneller wird und eine Lebensspanne des Menschen für das, was er auslöst bzw. auslösen kann zu kurz ist. Wir haben zwar Bewusstsein, das reicht aber nicht wirklich über 70 / 80 Jahre hinaus.
    Ein Hund / Katze / Maus kommt nicht in die Verlegenheit, so weitreichend wirksam zu werden wie ein Mensch. Das gilt für Positives wie für Negatives.

    Ich habe da leider keine Lösung für.

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