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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Danke, dass dieses thema, welches viel mit mir zu tun hat
    hier aufgegriffen wird.

    Meinen eltern sind beide jahrgang 1920. ich bin 1967 geboren. beide eltern haben den krieg erlebt
    und überlebt. ich bin davon überzeugt, dass ihre erlebnisse mich geprägt haben.

    meine mutter war bei der machtergreifung hitlers 13 jahre alt. ein jahr später wurden ihre geschichtsbücher eingesammelt und ihr monate später zurückgegeben: mit überklebten seiten. geschichte wurde mal eben verändert. Und hier sagte meine mutter immer "da bin ich misstrauisch geworden, wer will denn den lauf der geschichte auf diese art ändern"?

    1939 machte mein vater urlaub in den bergen. bis das telegramm " sofort heimkommen und einrücken" ihn erreichte. von dem was dann kam weiß ich wenig.

    dann folgen fakten:1945 geheiratet, 1. kind 1945, rückkehr aus der gefangenschaft 1952.
    mein vater hat nie ein schlechtes wort über die gefangenschaft/russland/frankreich fallen lassen. im gegenteil: immer hat er positives zu erzählen gewusst.

    ich bin mir sicher, der krieg hat schaden an seiner seele verursacht (über das schlimme hat er ja geschwiegen) und ja, an den spätfolgen, auch des "nicht sprechen könnens" leide auch ich.

    p.s. habe immer mit meiner tochter über den 2. weltkrieg gesprochen.
    Geändert von amade_a (10.09.2011 um 23:26 Uhr)
    Aber glaubst Du nicht, Fräulein, daß man Seeräuber und Eine-Wirklich-Feine-Dame gleichzeitig werden kann?

    Astrid Lindgren / Pippi Langstrumpf

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    p.s. habe immer mit meiner tochter über den 2. weltkrieg gesprochen.
    Hm, warum machst du dazu das Heul-Zeichen?
    Wie alt ist denn deine Tochter? Hat sie von selber gefragt oder warum habt ihr "immer" darüber gesprochen?
    (Falls du das erzählen magst...)

    Ich finde das ganze Thema spannend, habe vor kurzem in schneller Folge alle 3 Bücher, die Sabine Bode dazu geschrieben hat, gelesen, und wenn sie noch eins über Kriegsnichten und -neffen geschrieben hätte, hätte ich bestimmt auch das verschlungen.
    "Die vergessene Generation" habe ich (Jg. 62) meiner Mutter (Jg. 39) geschenkt, die es mit großem Gewinn las und sich sehr warm bei mir dafür bedankte. Ist auch ein guter Gesprächs-Anknüpfungspunkt.

    Nachdenklich hat mich noch das Schlusswort in "Kriegsenkel" gemacht, wo Frau Bode meint, wir (die jetzt in den mittleren Jahren sind) überlassen der Kriegskindergeneration zuviel politisch-gesellschaftlichen Handlungs- und Entscheidungsspielraum (auch Ressourcen) und gestalten zuwenig die Gesellschaft mit. Wie seht ihr das? Mist, jetzt ist das Buch wieder in der Bücherei und ich kann nicht nochmal nachgucken, was sie genau geschrieben hat.

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Wildblume2008 Beitrag anzeigen
    Kenne ich sehr gut. Da ist sehr viel dran. Da geht es um Lieblosigkeit, schlechte Kinderstube, Misshandlung auf jeder Ebene, zu viel Essen (als Kriegskind bzw. Nachkriegskind fast verhungert), emotionales unreifes Verhalten der Eltern, weil diese durch den Krieg keinen Raum und Zeit und auch Unterstützung durch die eigenen Eltern hatten, eine gesunde Pupertät zu erleben, weil es letztendlich nur darum ging zu überleben.
    @Wildblume

    Ja - das kenne ich auch alles. Und kann vieles davon auch heute aus der Erwachsenen-Position verstehen und nachvollziehen. Auf der objektiven Ebene. Aber das Kind in mir ... dem geht es manchmal dennoch nicht so gut. Und ja ... die Erfahrungen meiner Mutter und meiner Oma (Vertriebene - mein Opa ist 1943 in Russland gefallen) haben mich geprägt. Bis heute. Und sie beeinflussen an ZU vielen Stellen nach wie vor mein Verhalten und meine Empfindungen.

    Wie gesagt ... objektiv kann ich vieles erklären (ich habe auch das Kriegsenkelbuch von Sabine Bode und habe auch viel recherchiert).

    Meine Mutter hat dann irgendwann für sich eine extreme Tierliebe entwickelt. Ich hätte mir nur den Bruchteil der Liebe gewünscht, den ihre Tiere erhalten. Sie (so scheint es mir) hat ihre Muttergefühle in eine Richtung gelenkt, die für sie "ungefährlich" war. Sie darauf angesprochen meinte sie nur: das ist ja lächerlich - schau dich an - du bist eifersüchtig auf eine Katze

    Sie hatte im Übrigen nie eine länger währende - erst recht nicht erfüllende Partnerschaft (ihre Ehe mit meinem Vater eingeschlossen).

    Meine gesamte Familie ist davon betroffen. Mein Kind wird die erste Generation sein, die nicht mehr so viel davon betroffen sein wird.
    Ja Wildblume, das hoffe ich für meine Kinder auch.

    Mein Mann hat übrigens einen ähnlichen familiären Hintergrund wie ich. Er kann an vielen Stellen meine Erfahrungen bestätigen. Aber letztlich ist ja eine ganze Generation betroffen ... und deren Kinder und Kindeskinder ebenfalls.
    Apprenti

  4. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Seelische Spaltung und innere Heilung: Traumatische Erfahrungen integrieren
    Franz Ruppert

    Aus einer Rezension Amazon:

    Das neue Buch von Prof. Dr. Franz Ruppert erklärt sehr deutlich und klar, zu was unser Überlebenswille nach traumatischen Erfahrungen fähig ist und welche Konsequenzen daraus entstehen. Ebenso beschreibt er, wie ein Trauma entsteht und generationsübergreifend weitergegeben wird. Der Schmerz des Traumas muss vom fühlenden Bewusstsein abgespalten werden um ein Überleben zu ermöglichen. Die Spaltung bleibt bestehen, auch wenn die Gefahr schon längst vorüber ist. So stehen z. B. kriegstraumatisierte Eltern nur noch mit ihrem Überlebens-Ich ihren Kindern zur Verfügung, wenn es zu keiner Integration der Erlebnisse gekommen ist. Das Überlebens-Ich ist größtenteils funktionierend und auch versorgend, darf aber nicht wirklich fühlen. Das Traumatisierte-Ich bleibt in seiner Welt eingeschlossen, einzig damit beschäftigt, die Erinnerung an das Trauma auszuhalten. Häufig erleben traumatisierte Eltern die Lebendigkeit und Gefühlsintensität ihrer Kinder als Bedrohung. Die Kinder traumatisierter Eltern dürfen somit auch nicht wirklich fühlen, sie müssen ihren fühlenden Teil abspalten und leben ebenfalls überwiegend in ihrem Überlebens-Ich. Die Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen werden erheblich eingschränkt, die seelischen Kraftressourcen werden aufgebraucht und es entstehen körperliche und seelische Symptome.

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Seelische Spaltung und innere Heilung: Traumatische Erfahrungen integrieren
    Franz Ruppert

    Aus einer Rezension Amazon:

    Das neue Buch von Prof. Dr. Franz Ruppert erklärt sehr deutlich und klar, zu was unser Überlebenswille nach traumatischen Erfahrungen fähig ist und welche Konsequenzen daraus entstehen. Ebenso beschreibt er, wie ein Trauma entsteht und generationsübergreifend weitergegeben wird. Der Schmerz des Traumas muss vom fühlenden Bewusstsein abgespalten werden um ein Überleben zu ermöglichen. Die Spaltung bleibt bestehen, auch wenn die Gefahr schon längst vorüber ist. So stehen z. B. kriegstraumatisierte Eltern nur noch mit ihrem Überlebens-Ich ihren Kindern zur Verfügung, wenn es zu keiner Integration der Erlebnisse gekommen ist. Das Überlebens-Ich ist größtenteils funktionierend und auch versorgend, darf aber nicht wirklich fühlen. Das Traumatisierte-Ich bleibt in seiner Welt eingeschlossen, einzig damit beschäftigt, die Erinnerung an das Trauma auszuhalten. Häufig erleben traumatisierte Eltern die Lebendigkeit und Gefühlsintensität ihrer Kinder als Bedrohung. Die Kinder traumatisierter Eltern dürfen somit auch nicht wirklich fühlen, sie müssen ihren fühlenden Teil abspalten und leben ebenfalls überwiegend in ihrem Überlebens-Ich. Die Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen werden erheblich eingschränkt, die seelischen Kraftressourcen werden aufgebraucht und es entstehen körperliche und seelische Symptome.
    Danke lalunanubia

    Diesen Text habe ich gerade etwa 4 Mal gelesen .... Ich erkenne darin sehr, sehr viele Dinge wieder. So war die Beziehung meiner Oma zu meiner Mutter. So war und ist die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir ....
    Apprenti

  6. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Ich finde das Thema sehr interessant!

    Und ich kann von mir sagen, dass ich - irgendwie, diffus, wenig greifbar - auch Kriegsopfer bin, ohne jemals einen Krieg miterlebt zu haben (bin Jahrgang 1963).

    Aber ich bin eben ein Kriegsenkel.

    Meine Mutter hat mir schon, seit ich mich erinnern kann, viel von ihrer Heimat Schlesien - dem Verlust, der Vertreibung usw. erzählt. Sicherlich hat sie vieles selbst nicht verarbeitet - in erster Linie erschien es mir aber so, dass sie die ganzen Erlebnisse und Erinnerungen (auch die schönen, vor dem Krieg - von ihren Eltern, dem Gut, den vielen Tieren), bei mir bewahrt wissen wollte ... sie sollten quasi in mir weiterleben. Deshalb wurden sie mir immer und immer und immer wieder erzählt.

    Mein Vater - dörflich aufgewachsen - ist in der Nazi-Zeit aufgewachsen und doch unbewusst davon gerpägt. Das geht ja auch nicht anders. Er ist kein Nazi oder so - er redet auch nie darüber, dass früher alles besser war oder so. Trotzdem belastet mich schon allein der Gedanke, dass er er geprägt ist.

    Wie sehr mich das belastet, ist mir erst vor kurzem bewusst geworden.

    Schon wenn ich das hier schreibe, bekomme ich Beklemmungen.

    Ich kann mir nie Kriegsfilme anschauen - niemals z.B. solche TV- Filme über Flucht o.ä. - wenn jemand über den Krieg, Vertreibung usw. spricht, dann verkrampfe ich total.

    Meine Eltern haben das glücklicherweise gemerkt und so reden sie nicht mehr oft darüber. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich denke, dass sie es so verarbeiten, wenn sie darüber reden ... aber ich kann es nicht ertragen. Es tut mir körperlich weh.

    Doch, auch ich bin irgendwie "kriegsgeschädigt" ... und es belastet mich auch, ob und wie ich das an meine Kinder weitergebe. Ganz frei werden sie davon auch nicht bleiben.

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Inaktiver User Beitrag anzeigen
    Doch, auch ich bin irgendwie "kriegsgeschädigt" ... und es belastet mich auch, ob und wie ich das an meine Kinder weitergebe. Ganz frei werden sie davon auch nicht bleiben.
    Ach Nase - du schreibst mir aus der Seele. Ich erkenne ja an mir Verhaltensweisen (gerade weil ich mich mit diesen Spätfolgen beschäftigt habe), die ich mir früher schlecht erklären konnte, die aber aus heutiger Sicht einen Sinn ergeben. Und es fällt mir nach wie vor schwer, da zu trennen. Zwischen der erwachsenen Apprenti - und Apprenti, dem Kind.

    Und auch ich fürchte mich davor, davon etwas an meine Kinder weiter zu geben. Ich frage meinen Mann oft danach: denkst du, dass sie frei von diesen Belastungen aufwachsen?

    Er bejaht das auch. Unsere Kinder sind glückliche, zufriedene (leider im Moment mehr oder weniger stark pubertierende) Menschen. So sehe ich das auch ganz objektiv. Aber die Angst bleibt .... irgendwie
    Apprenti

  8. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Hallo

    bist vor Kurzem habe ich mich nicht wirklich betroffen gefuehlt, obwohl natuerlich Opa Kriegsteilnehmer war, in Gefangenschaft. etc etc.

    Jetzt, im aufgeklaerten 21.Jahrhundert, nach meiner Mutter, '48 (nicht mehr wirklcih betroffen) und mir '70 hat nun mein Sohn (JG 2000) erfahren muessen, was es heisst, ein Deutscher zu sein.

    Wir leben seit Jahren im Ausland, momentan Asien und auf einer internationalen Schule wurde er nun von seinen Schulkameraden als Nazi betitelt.

    Meine REaktion zeigte mir auf, dass da lange noch nichts verarbeitet ist, selbst in meiner Generation. Ich bin ausgeflippt, habe den Schulleiter kontaktiert und um sofortige Stellungnahme gebeten. Die zwei Burschen wurden befragt und ihnen wurde erklaert warum und wieso soetwas nicht geht. Ausloeser waren wohl irgendwelche amerik. Kriegsspiele. Die Deutschen sind immer die Nazis.

    Schlimm, dass wir keinerlei Handhabe haben uns dagegen zu schuetzen, ncoh viel schlimmer, obwohl seit Generationen nichts mehr damit zu tun zu haben, fuehlen wir uns schlecht.

    Sogar mein Sohn , ganz verstoert - und ich fuehle mich hilflos - weil ich ihn vor soetwas nicht beschuetzen konnte und in Zukunft auch nicht kann.

    Klasse fand ich hingegen die Reaktion der Schulleitung, die sofort reagiert haben und das nicht einfach abgetan haben.

    Ich hoffe, das war nicht zu OT
    gruss
    chrissi

  9. User Info Menu

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Ich habe an dieser Stelle noch einen Buch Tipp: Seelische Trümmer: Geboren in den 50er- und 60er-Jahren: Die Nachkriegsgeneration im Schatten des Kriegstraumas. Von Bettina Alberti.

    Es ist ein Buch, das gut zu lesen ist und an verschiedenen Stellen (bei mir zumindest) "Aha-Effekte" auslöste.

    @Mods: ich hoffe, es ist ok, dass ich den Buchtitel genannt habe.
    Apprenti

  10. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Als Kind der Sechziger hatte ich ein enges Verhältnis zu meinen Großeltern und die wurden kurz vor dem I. Weltkrieg geboren, alle 4.

    Mein Urgroßvater fiel im I.WK, was eine Familienseite schon sehr geprägt hatte in ihrer Geschichte (bis heute) und meine beiden Opas waren Soldat im II.WK, einer auch in Kriegsgefangenschaft.

    Will sagen: Meine Eltern (kurz vor dem II. WK geboren) waren nicht nur unter den Eindrücken des II.WK kleine Kinder, sondern sie wurden von Eltern erzogen, die auch schon Kriegskinder waren.

    Was oben in der Rezension vom Ruppert-Buch steht, kenne ich in und auswendig und habe als sehr emotionaler Mensch erstmal gelernt, nicht emotional zu sein. Und das war natürlich gut gemeint von allen kriegsgeschädigten Erwachsenen um mich herum.

    Festhalten möchte ich, dass es zwei Weltkriege sind, die immer noch im Hintergrund rauschen.
    - Und zwar nicht nur massiv in Deutschland.

    Was ich später in meinen Erfahrungen mit Männern für mich festgestellt habe, ist, dass Männer, die in den 50erJahren geboren wurden, an diesen Kriegsgeschichten spürbar noch viel näher dran sind und zudem diese unsägliche 50er-Jahre-Prägung haben, in denen durch den Versuch, jetzt endlich "heile Familie" sein zu können, auch viel weggedrückt wurde.
    Männer Jg. ab ca. 1960 sind emotional durchlässiger.
    Ich will da keine Regel aufstellen, aber das ist das, was ich wahrnehme.


    Mit diesen Prägungen in meinem Hintergrund denke ich oft daran, was heute, morgen und übermorgen in den vielen intensiven und langjährigen Kriegs- und Krisengebieten und den dortigen Kindern- und Kindeskindern los ist .... Kosovo, Afghanistan, Irak, viele Teile Afrikas .....
    Und die haben dort weder heute noch morgen unsere Mögichkeiten, die unterstützend sein können.
    Da wird mir ganz anders.
    Geändert von Inaktiver User (11.09.2011 um 10:26 Uhr)

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