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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    hallo Pacifique,

    fast genauso geht es mir mit meinem Grossvater. Ich versuche grad, noch ein wenig zu erfahren, aber es ist wahrscheinlich zu spät.

    Hier Schwierige Mutter habe ich grade auf meine neueste Lektüre, Sigrid Chamberlain, hingewiesen.

    Ich denke, wir sollten fast niemanden für sein Handeln in dieser Zeit verurteilen. Wer weiss, was wir aus wirtschaftlichen Erwägungen in Folge der Weltwirtschaftskrise alles mitgemacht hätten.

    In dem Buch von Chamberlain finden sich sehr gute Gedanken, die vieles von dem noch immer weiter Fortwirkenden erklären.

    GLG

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    @fehlleben: ich möchte hier nicht deine langen Beiträge zitieren,
    aber in Vielem was du schreibst erkenne ich quasi eins zu eins meine Eltern,
    besonders meinen Vater, wieder.
    Mit meinen Eltern habe ich seit einigen Monaten (von meiner Seite aus)
    jeglichen Kontakt abgebrochen und es geht mir endlich besser,was das Verhältnis, besser
    "Nicht-Verhältnis" angeht-ich kann klarer denken und versuche einiges zu überdenken,
    neu einzuordnen.
    Mein Bruder 51- und ich,47, hatten eine gelinde gesagt,schwierige Kindheit.
    "Schwarze Pädagogik",also Schläge, Lieblosigkeit und absolute Unberechenbarkeit
    seitens des Erzeugers waren unser "täglich Brot". Mein Vater trank auch,dh.er war sogenannter
    "Wochenendalkoholiker"- das aber extrem.Meine Mutter war zwar nicht so brutal,aber extrem
    auf "Form und Ordnung und was sollen die Nachbarn denken..usw." gepolt,letztlich war sie eine
    Verräterin, die ihre Kinder nicht schützen konnte und /oder wollte.
    Anerkennung,mein Bruder war zB. im Abi bester nicht nur des Jahrgangs,sondern der
    ganzen Gymnasien in der Kreisstadt und im LK,später Stipendiat der renommiertesten Stipen-
    dien-Stiftung Deutschlands usw.- gab es NULL.Wir haben unsre Kindheit/Jugend "überlebt",
    mehr nicht.
    Mittlerweile bin ich sicher,dass mein Vater buchstäblich einen "Schaden" erlitten hat, auch
    organisch,in seiner Hirnstruktur,im Krieg.Er erlebte diese Zeit als Kind, früher Jugendlicher,
    in einer Marinestadt an der Nordsee,die permanent angegriffen und total zerbombt wurde.
    Sein älterer Bruder fiel als U-Boot-Soldat.2 Mal wurden sie "ausgebombt",verloren alles.
    Ganz, ganz selten hat er mal darüber erzählt, zB. das sie Tote aus zerstörten Häusern
    bergen mussten als "Hitlerjungs",usw.Über seinen Bruder kam nur ein knappes "Tja,Pech gehabt".
    Er redete total unbewegt und kalt darüber,so als sei das anderen passiert,als sei das alles
    nicht auch ihm passiert, so als habe man zB. einen Film darüber gesehen....
    Das Meiste weiß ich von meiner Tante,die 12 Jahre jünger ist und sich an Krieg usw.nicht
    mehr erinnern kann.Sie ist- bei doch gleichen Eltern- ein total anderer Mensch, wie vom
    anderen Stern;unglaublich.Ohne sie hätten mein Bruder und ich wohl nicht"überleben"
    können.Also wird es nicht nur an den Genen gelegen haben, bei unserem Erzeuger...
    Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurück-
    kehren, so daß wir einen Moment lang wieder sind, wer
    wir waren

    Aharon Appelfeld

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Fourthhandaccount Beitrag anzeigen
    Schrecklich. Als wenn es nicht reichen würde, das einmal erlebt zu haben.

    Hat jemand diese Erinnerung im Sterbestadium bei der Mutter erlebt? Oder ist dies auf die Männer beschränkt?
    Das erlebe ich öfters, in meinem Beruf, das in der allerletzten Lebensphase ganze "Gebirge" von Verdrängtem
    wieder hoch kommen, teilweise sogar bei Altersverwirrten und Dementen....
    Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurück-
    kehren, so daß wir einen Moment lang wieder sind, wer
    wir waren

    Aharon Appelfeld

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von gezeitenfrau Beitrag anzeigen
    Das erlebe ich öfters, in meinem Beruf, das in der allerletzten Lebensphase ganze "Gebirge" von Verdrängtem
    wieder hoch kommen, teilweise sogar bei Altersverwirrten und Dementen....
    Gerade bei Altersverwirrten erlebe ich es oft!


    @ gezeitenfrau

    Der kleine Auszug aus dem (Er-)Leben deines Erzeugers ist so grausam, das sich mir die Nackenhaare aufstellen.
    Irgendwie verwundert es nicht, das er derartig gefühllos geworden ist.

    Was lediglich eine Erklärung, aber niemals eine Entschuldigung sein kann.
    simplemind
    _____________________________________

    Freunde sind Gottes Entschuldigung für Verwandte
    George Bernhard Shaw
    4.6.18

  5. Inaktiver User

    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Simplemind66 Beitrag anzeigen

    Der kleine Auszug aus dem (Er-)Leben deines Erzeugers ist so grausam, das sich mir die Nackenhaare aufstellen.
    Irgendwie verwundert es nicht, das er derartig gefühllos geworden ist.
    nur ohne gefühle konnte er dieses grauen überleben.

    menschen, die schwerst traumatisiert sind- entwickeln oft zum überleben gespaltene persönlichkeiten. sich wieder und wieder und wieder mit dem grauen auseinander setzen- würde der körper durch den stress überhaupt nicht überleben.

    ein relativ einfaches beispiel dazu: schockpatienten erzählen manchmal was sie vorhin noch gegessen haben. es macht auch keinen sinn sie in dieser phase in die "realität" zurückholen zu wollen. es ist nicht so, dass sie den autounfall nicht erzählen wollen- ihr kopf schaltet es aus. um überleben zu können.

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Hier das Buch zum Thema:

    Sabind Bode
    Nachkriegskinder. Die 1950er Jahrgänge und ihre Soldatenväter.

    Bemerkenswerte Analyse an Hand nicht alltäglicher Beispiele.

    Bemerkenswert erscheint mir auch, dass die Psychotherapie das Thema so richtig erst vor einigen Jahren aufgegriffen hat, zu einer Zeit, als die Mehrzahl der Zeitzeugen nicht mehr lebte und ihre Nachkommen alt sind.

    Bemerkenswert zum Dritten, was dieser Krieg an Psychosen erzeugt haben muss im Vergleich zu dem, was heute an "Kinkerlitzchen" therapiert wird.

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    *schubs*

    Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen von Sabine Bode

    Ich habe es am Wochenende gelesen. Ich kann gar nicht alles schreiben, was diese Buch in mir ausgelöst hat. Das wichtigste, ich bin nicht schuld.


    Bestellt habe ich noch:

    Die geprügelte Generation: Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen von Ingrid Müller-Münch

    Ich bin gespannt. Überall wo ich hinkam wurde geschlagen zu Hause, meine Freundin, in der Schule. Ich will wissen, wo das herkommt.
    Ich bin eine Raupe und du ein Reh. Doch ich werd ein Schmetterling und du wirst Filet.

    Die Sache mit dem streiten ist die, wenn man etwas zurückhält, arbeitet es auf lange Sicht gegen euch (Dalai Lama)

    Wenn du jemand anderem vergibst, dann tust du dies deinetwegen, nicht weil der andere das verdient. (Doris Wolf, Psychotherapeutin)


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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Das Schlagen war irgendwie Hilflosigkeit. Meine Eltern sind Jahrgang 36 und 39, in unserem Tal wurde so ziemlich alles zerbombt, vorallem im Heimatort meines Vaters, weil hier eine Niederlassung von Daimler-Benz und somit Kriegsindustrie war.

    Meine Mutter war als ca. 5jährige mit ihren älteren Schwestern auf dem Feld, als ohne große Vorwarnung ein Fliegerangriff kam, der eine Kampflieger sah Leute auf dem Feld und flog direkt dorthin. Die älteren Schwestern stießen meine Mutter ins Gras und legten sich in Panik auf sie drauf.
    Meine Mutter erzählte mal, sie hätte den Piloten im Cokpit gesehen, so niedrig flog er über sie weg. Als er wohl erkannte, dass es nur Kinder waren, drehte er ab.
    So eine Todesangst muss man sich mal vorstellen!
    Im Spätsommer 1944 kamen 2 große Angriffe auf unsere Stadt, bzw. das vorgelagerte Dorf meines Vaters. Nach dem ersten Angriff schickte meine Oma meinen Vater, der damals 8 Jahre alt war, los, er sollte schauen, ob die Schwester meiner Oma ausgebomt sei, weil vorne bei der Kirche, wo sie wohnte, alles nur noch in Rauch und Flammen zu sehen war.

    Mein Vater wacht heute noch schreiend auf, weil er mal wieder geträumt hat, er laufe durch das brennende Dorf, überall war damals Rauch und Feuer, überall wurde Tote rausgetragen, Menschen schrien und heulten, da das Dorf klein war, kannte mein Vater so ziemlich alle.

    Trotzdem hat er immer versucht, uns ein liebevoller Vater zu sein, er hat übrigens genau wie meine Mutter seinen Vater im Krieg verloren, bzw. seiner ist bis heute vermisst.

    Diese Generation hatte ja nie Psychotherapie, Reflexion hat nicht stattgefunden, man hat weiter gelebt, musste funktionieren, überleben in der nachfolgenden schlechten Zeit.

    Wir wurden als Kinder geschlagen, von meiner Mutter sogar mit dem Kochlöffel, von meinem Vater wenig, wenn dann aber auf den nackten Po mit der flachen Hand.
    Ich bin den beiden nicht böse, viel schlimmer war die psychische Erpressung meiner Mutter, sie wollte immer hofiert werden, anerkannt, auch heute noch, sie kann sich selbst gar nicht reflektieren, an allem sind immer die anderen schuld, nie sie selbst. Sie sieht alles nur aus ihrem Blickwinkel, andere zieht sie gar nicht in Erwägung. Wenn irgendjemand an ihrem Verhalten was kritisiert, ist sie wochenlang beleidigt.

    Es ist und war sehr schwierig mit ihr, aber ich hätte das, was sie erlebt hat, auch nie erleben wollen und wir alle wissen nicht, was dieses kindliche Trauma in unseren Kriegseltern ausgelöst hat. Das Schlagen von uns Kindern war Hilflosigkeit, Überforderung und Überzeugung, dass Kinder gezüchtigt werden sollten.
    Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg (Mahatma Gandhi)

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Klecksfisch Beitrag anzeigen
    *schubs*
    danke fürs schubsen - ich werde mich hier mal durchlesen

    arabeske
    Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.

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    AW: Spätfolgen des Krieges - wie sehr sind wir selbst noch betroffen?

    Zitat Zitat von Fels
    Diese Generation hatte ja nie Psychotherapie, Reflexion hat nicht stattgefunden, man hat weiter gelebt, musste funktionieren, überleben in der nachfolgenden schlechten Zeit.
    Das halte ich für einen sehr wichtigen Aspekt. Ich sehe es als Aufgabe unserer Generation vieles davon aufarbeiten und lösen zu müssen, weil wir heute Wissen, Möglichkeiten und Geld (gesellschaftlich gesehen) haben, um dies zu tun.

    hab den Thread jetzt auch mal abonniert, weil mich das Thema immer wieder beschäftigt. Die vergessene Generation - das Buch hat bei mir auch einige ausgelöst.
    Grüße
    A.

    Wenn man bedenkt,wie oft ich in diesem Leben schon falsch abgebogen bin, ist es ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch auf diesem Planeten befinde.

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